Medienpolitik:

„Die Grenzen zwischen TV und Online verschwinden“

von am 14.09.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienwirtschaft, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Medienpolitik:</h4>„Die Grenzen zwischen TV und Online verschwinden“
Dr. Georg Ramme, Geschäftsführer von Endemol beyond und Global Managing Director Endemol beyond

Bei Endemol beyond haben sich Umsätze und Views in einem Jahr verfünffacht

14.09.15 Interview mit Dr. Georg Ramme, Geschäftsführer von Endemol beyond und Global Managing Director Endemol beyond

Endemol beyond ist eine 100prozentige Tochterfirma von Endemol Shine Germany und entwickelt, produziert und distribuiert digitalen Content, digitale Channels, transmediale Formate und Branded Entertainment. Die enge Zusammenarbeit mit ausgewählten YouTube-Creators, die Redaktion und Produktion von professionellem Online-Content und die Entwicklung von Kampagnen für Werbekunden ist Kerngeschäft von Endemol beyond.
Drei Jahre nach der Gründung gehört Endemol beyond zu den Top 10 Playern von YouTube-Inhalten weltweit. „Wachstumspotentiale sehen wir insbesondere im Aufbau von digitalen Programmmarken“, so Dr. Georg Ramme, Global Managing Director Endemol beyond, „die wir auf unterschiedliche Plattformen vertreiben sowie international mit lokalen Versionen über unser internationales Netzwerk distribuieren.“

medienpolitik.net: Herr Ramme, vor drei Jahren wurde Endemol beyond gegründet. Heute gehören Sie zu den Top 10 der Multi-Channel-Networks in Deutschlands. Was hat Endemol Shine Germany – einer der erfolgreichsten TV-Entertainment-Produzenten zu YouTube getrieben?

Dr. Georg Ramme: Wir haben gesehen, dass eine zunehmende Zahl von insbesondere jungen Menschen vermehrt Inhalte auf YouTube und anderen digitalen Plattformen schaut, die nicht von uns stammen und wir nicht produzieren. Als Produzent wollen wir natürlich an diesem Markt teilnehmen und ihn aktiv mitgestalten. Jedoch verstehen wir uns nicht als klassisches MCN, sondern eher als Produzent für digitale Inhalte und Premium Content Network. Wir kümmern uns nur um ein paar Kanäle und bei uns steht die Produktion von eigenen Programmmarken im Vordergrund.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie das Wachstumspotenzial für Endemol beyond?

Dr. Georg Ramme: Wir sind im letzten Jahr enorm gewachsen. Umsätze und Views haben sich im letzten Jahr verfünffacht. Mittlerweile erreichen wir 1,8 Milliarden Views mit unseren Inhalten und gehören damit zu den Top 10 Playern von YouTube Inhalten weltweit. Wir wissen jedoch, dass wir bei den Views nicht unendlich wachsen können und Views sind offen gestanden gar nicht unsere wichtigste Messgröße für Erfolg bzw. Wachstum. Wir profitieren von der steigenden Nachfrage nach hochwertigen Inhalten für digitale Plattformen und digitalen Formaten. Wachstumspotentiale sehen wir insbesondere im Aufbau von digitalen Programmmarken, die wir auf unterschiedliche Plattformen vertreiben sowie international mit lokalen Versionen über unser internationales Netzwerk distribuieren.

medienpolitik.net: Welche Inhalte werden in Ihren Channels verbreitet?

Dr. Georg Ramme: Wie im klassischen Fernsehen sind wir in fast allen Genres aktiv. Jedoch konzentrieren wir uns auf die Inhalte, die auch auf YouTube gut funktionieren und wollen mit innovativen Formaten den Markt weiterentwickeln. Schauen sie z.B. den Gaming-Bereich an, der überwiegend von Let’s Play Videos dominiert wird. Das sind Videos bei denen Creators ihre eigenen Spiele lustig kommentieren und als Produzent kann man da nicht viel machen. Wir wollten jedoch in dem Genre mit neuen Formaten teilnehmen ohne die Zielgruppe zu verprellen, da es neue Formate auf YouTube manchmal schwer haben. Aus diesem Grund haben wir die Gaming-Formate Bergstürmer und Legends of Gaming entwickelt, die auf dem Phänomen Gaming und Let’s Plays basieren. Scheinbar ist es uns gelungen, hier einen Hit zu landen, da die Views und das positive Feedback der Community auch uns überrascht haben.

medienpolitik.net: Worin liegt das Erfolgsgeheimnis dieser YouTube-Kanäle und von Akteuren wie Herr Bergmann, Dr. Allwissend, Nilz Bockelberg und Mr. Trashpack?

Dr. Georg Ramme: Es gibt leider keine klassisches Erfolgsgeheimnis wie in allen kreativen Branchen. Natürlich sind die YouTube Stars authentisch und sie geben den Usern die Möglichkeit aktiv an ihren Formaten teilzunehmen. Dennoch glaube ich, dass sich auch hier kreative Inhalte und Köpfe durchsetzen. Sehen sie z.B. Herrn Bergmann, der innovative Kurzfilme in Minecraft produziert, Mr. Trashpack News für die Zielgruppe macht oder Kurzgesagt, die einen hochwertigen Wissenskanal geschaffen haben. Alle drei Beispiele sind Kanäle, die aus der Masse durch Kreativität herausfallen.

medienpolitik.net: Was leisten Sie für die YouTuber? Wie abhängig sind diese von Endemol beyond?

Dr. Georg Ramme: Wir verstehen uns als Partner der YouTuber und wollen langfristig mit unseren Künstlern zusammenarbeiten und sie entwickeln, ihnen ein klares Profil verschaffen, so dass sie auch möglichst in den nächsten Jahrzehnten das machen können, was sie lieben: Kreative Inhalte schaffen. Wir wollen sie nicht mit x-beliebigen Placements versorgen, die nichts miteinander zu tun haben, ihre Glaubwürdigkeit schwächen und sie in den nächsten zwei Jahren verheizen. Neben redaktionellem und Produktions-Support, helfen wir ihnen bei der Vermarktung und Vernetzung. Mr. Trashpack hat z.B. sein Studio bei uns. DarkVictory helfen wir bei der Vermarktung seines Formates TubeClash. Das ist z.B. ein DVD-Deal oder eine Kino-Tour mit dem Format durch alle großen Städte in Deutschland.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielen die hunderte von YouTube-Kanäle für die Information und Unterhaltung für Jugendliche, die das Fernsehen ja anscheinend verloren hat?

Dr. Georg Ramme: Ich bin gegen eine Schwarz-Weiß-Malerei in Bezug auf das TV, da klassische Fernsehinhalte immer noch eine hohe Relevanz haben. Online-Videos oder Shortform-Videos auf YouTube haben eine andere Funktion für die Jugendlichen. Hier geht es um Engagement, Interaktion und Identifikation mit der eigenen Lebenswelt. TV und Digital betrachten wir eher komplementär und YouTube als weiteres Medium, das jedoch in der Lebenswelt der Jugendlichen eine extrem große Bedeutung hat.

medienpolitik.net: Die Angebote in den Kanälen werden immer professioneller. Sind sie vielleicht schon wieder zu professionell für die Nutzer? Wohin geht der Trend?

Dr. Georg Ramme: Auf jeden Fall werden die Inhalte professioneller und formatierter. Wir werden in Zukunft viel mehr formatierte Inhalte sehen, weitere Genres wie z.B. , Scripted-Reality oder Factual. Das sehen wir in anderen Märkten wie USA und UK, wo ich sehr viel Zeit verbringe. Daneben wird es aber immer die klassischer YouTuber-Inhalte / Vlogs geben mit denen die Stars Nutzer an sich binden und interagieren.

medienpolitik.net: Wie refinanziert Endemol beyond den erheblichen Aufwand mit den Künstlern? Womit verdienen Sie ihr Geld?

Dr. Georg Ramme: Wir haben drei verschiedene Finanzierungssäulen. Erfreulicherweise kommen wir langsam in eine Phase in der wir die Investments in unser Programm wie Legends of Gaming, Bergstürmer, Survival Guide oder ICON zurückverdienen. Das sind neben den AdSense-Erlösen z.B. Sponsoring- oder Distributions-Erlösen. Darüber hinaus arbeiten wir mit anderen Plattformen und Playern zusammen, mit denen wir gemeinsam Inhalte produzieren. Ein sehr großer Baustein der Finanzierung ist die Produktion von Inhalten für Marken. Als Beispiel kann man z.B. hier die von uns entwickelte und produzierte Kampagne für Techniker Krankenkasse #wireinander nennen.

medienpolitik.net: Eine Werbekampange von Ihnen, das „Hasenrennen“, wurde unlängst in Cannes mit der höchsten Auszeichnung der Werbebranche geehrt. Welche Bedeutung hat Branded Entertainment künftig für Endemol beyond und welche Rolle spielen hier „Ihre“ YouTuber?

Dr. Georg Ramme: „Branded Entertainment ist eine zentrale Wachstumssäule innerhalb der beyond. Die Nachfrage wächst weiter und Marken nehmen uns erfreulicherweise zunehmend als Partner war, der Inhalte und Kampagnen konzipiert und produziert. Wir haben uns hier komplett neu aufgestellt und Mitarbeiter an Bord geholt, die sowohl die Marken verstehen als auch Inhalte. Wir machen viele Kampagnen mit YouTubern. Sie sind nicht nur glaubwürde Testimonials, sondern helfen auch, die Reichweite zu steigern. Grundsätzlich arbeiten wir mit allen YouTubern aus allen Netzwerken zusammen. Wir sind da eher ein netzwerkneutraler Player und bringen die YouTuber zur Kampagne oder dem Format, die passen. Bei der #wireinander-Kampagne waren YouTuber aus allen Netzwerken beteiligt. Wir machen aber auch Kampagnen ohne YouTuber wie z.B. das Hasenrasen.

medienpolitik.net: Wie kann die „klassische“ Entertainment-Produktion von Endemol beyond von den YouTube-Entwicklungen profitieren? Gibt es ein Zusammenwachsen?

Dr. Georg Ramme: Definitiv, unsere DNA ist die Entwicklung und Produktion von Inhalten. TV und Online Inhalte unterscheiden sich in Bezug auf Inhalt, Funktion und Produktion zwar sehr, jedoch können beide „Seite“ sehr voneinander lernen. Daher haben wir gemeinsame Entwicklungsrunden und enge Zusammenarbeit im Bereich Vermarktung oder Social Media. Da die Grenzen zwischen TV und Online zunehmend verschwinden, ist vielleicht in der Zukunft alles irgendwie beyond….

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 9/2015 erstveröffentlicht.

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