Rundfunk:

„Es ist falsch, alle Produktionen von Online aus zu denken“

von am 22.09.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Es ist falsch, alle Produktionen von Online aus zu denken“
Frank Beckmann, Fernsehdirektor des Norddeutschen Rundfunks (NDR) I © NDR/Christian Spielmann

NDR-Sendungen werden monatlich bis zu sieben Millionen Mal online abgerufen

22.09.15 Interview mit Frank Beckmann, Fernsehdirektor des Norddeutschen Rundfunks (NDR)

Mit „Tschiller a.D. – Der Kinotatort“, der gegenwärtig u.a. in Istanbul und Moskau gedreht wird, wollen Til Schweiger und Regisseur Christian Alvart im deutschen Kino ein Zeichen setzen. Mit dem NDR-„Tatort“ „Willkommen in Hamburg“ hatte man 2013 mehr als 12,7 Millionen Zuschauer vor die Fernsehbildschirme gelockt und nun hofft man, so einen Erfolg wiederholen zu können. „Tschiller a.D.“ wird am 25. Februar 2016 in den deutschen Kinos anlaufen. Kurze Zeit davor feiert noch mit „Tatort: Der große Schmerz“ der vierte Fall von Schweiger unter der Regie von Alvart seine Premiere im Fernsehen. „Nach rund 30 Jahren ist es schön, dass der ‚Tatort‘ für das Kino und seine Zuschauer wieder relevant wird. Fernsehen und Kino sind häufiger Partner, als vielleicht im Alltag wahrgenommen wird“, so der NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann in einem medienpolitik.net-Gespräch.

medienpolitik.net: Herr Beckmann, Sie gehen mit dem Til-Schweiger-„Tatort“ jetzt auch ins Kino. Im Februar 2016 soll der Film im Kino laufen. Warum machen sich die ARD und der NDR bei einem ihrer erfolgreichsten Produkte selbst Konkurrenz?

Frank Beckmann: Mit dem „Kino-Tatort“ machen wir uns keine Konkurrenz, sondern stärken eine unserer erfolgreichsten Marken.

medienpolitik.net: Der Film wird an Originalschauplätzen in Istanbul, Moskau, Berlin/Brandenburg und Hamburg gedreht. Wie groß ist für den NDR das Risiko, wenn der Film die Kosten nicht einspielt?

Frank Beckmann: Wir haben hier nicht mehr investiert als in einen üblichen „Tatort“ und tragen damit auch kein wirtschaftliches Risiko.

medienpolitik.net: Ist das eine Ausnahme oder sehen Sie für „Tatorte“ oder andere fiktionale Erfolge gute Chancen für eine „Verlängerung“ ins Kino?

Frank Beckmann: Nach rund 30 Jahren ist es schön, dass der „Tatort“ für das Kino und seine Zuschauer wieder relevant wird. Auch der WDR arbeitet ja mit dem Münster-Team an einem „Kino-Tatort“. Fernsehen und Kino sind häufiger Partner, als vielleicht im Alltag wahrgenommen wird. Denken Sie beispielsweise an Filme wie Fatih Akins „Gegen die Wand“ oder „Soul Kitchen“, die Eichinger-Produktionen „Die Päpstin“ oder den „Baader-Meinhof-Komplex“. Das sind Filme, die ein Leben im Kino und im Fernsehen haben. Oder auch „Einmal Hanns mit scharfer Soße“ – dieser Film war zunächst gar nicht fürs Kino vorgesehen. Aber aufgrund der hohen Qualität haben wir ihn in einigen Kinos gezeigt. Mit den Vorführungen hat der Film Zuschauer erreicht, die ihn ohne das Kino vielleicht nicht in unserem Programm gefunden hätten.

medienpolitik.net: Ko-Produzent ist Warner Bros. Film Productions Germany. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Frank Beckmann: Wir hatten die Idee gemeinsam mit Til Schweiger, mit Regisseur Christian Alvart und Drehbuchautor Thomas Darnstädt. Wir freuen uns, dass es geklappt hat.

medienpolitik.net: Im Herbst müsste der dritte NDR-Produzentenbericht veröffentlicht werden. Das Volumen der Auftrags- und Koproduktionen ist von 2010 – 2013 um 10 Mio. Euro gestiegen. Hat sich diese Tendenz auch 2014 fortgesetzt?

Frank Beckmann: Ich möchte den Zahlen, die wir im Herbst veröffentlichen, nicht vorgreifen.

medienpolitik.net: Welchen Anteil machen fiktionale Produktionen beim NDR aus? Das geht aus dem bisherigen Produzentenbericht nicht klar hervor…

Frank Beckmann: In unserem Bericht über die Auftrags- und Koproduktionen geben wir auch das Auftragsvolumen nach Programmkategorien an – also auch für fiktionale Produktionen. Der Anteil lag 2013 bei rund 20 Prozent des gesamten Auftragsvolumens.

medienpolitik.net: Seit Jahren gibt es Debatten um Aufträge an Töchterfirmen der ARD-Anstalten. Was sind nach ihrer Definition „abhängige“ und „unabhängige“ Produzenten?

Frank Beckmann: Der NDR zählt alle Produktionsfirmen, die zur Studio Hamburg Gruppe gehören, zu den abhängigen Produzenten.

medienpolitik.net: Von 2012 – 2013 ist das Auftragsvolumen für „abhängige Produzenten“ deutlich gestiegen, hält dieser Trend an?

Frank Beckmann: Das Verhältnis von unabhängigen und abhängigen Produzenten schwankt je nach Auftragsvergabe von Jahr zu Jahr. Einen generellen Trend kann ich hier nicht erkennen. Da müssen wir die aktuellen Zahlen abwarten.

medienpolitik.net: Wovon ist das abhängig, ob ein Produktionsauftrag Studio Hamburg erhält, oder ein „unabhängiger Produzent“?

Frank Beckmann: Um es deutlich zu sagen: Bei der Vergabe entscheiden wir nach inhaltlichen Kriterien, nicht danach, ob eine Tochterfirma des NDR der Produzent ist. Schließlich werde ich als Fernsehdirektor am qualitativen und quantitativen Erfolg des Produkts gemessen und nicht daran, wer das Produkt hergestellt hat.

medienpolitik.net: Seit Jahren beklagen die Produzenten, für Produktionen die in die Mediathek gestellt werden, zu wenig Vergütung zu erhalten und warnen vor der Aufhebung der 7-Tage-Frist. Wie sehen Sie aus NDR-Sicht dieses Problem?

Frank Beckmann: Wir reden auf vielen Ebenen mit den Produzenten über eine gerechte Verteilung von Risiko, Aufwand und Rechten. Dabei haben wir auch die Interessen der Beitragszahler zu wahren. Ich habe den Eindruck, dass in vielen Feldern Annäherungen erkennbar sind und zum Teil auch Lösungen gefunden werden. Internet-Rechte sind nur ein Teil dieser Verhandlungen. Wir stellen die Sendungen nach den Richtlinien ein, die im Verweildauerkonzept festgelegt werden. Ob diese Richtlinien zeitgemäß sind – darüber wird derzeit in der Öffentlichkeit wieder stärker debattiert – mit Recht finde ich.

medienpolitik.net: Der SWR hat jetzt „online first“ gestartet und stellt TV-Sendungen schon ein Tag vorher ins Netz. Wann wird der NDR diesem Beispiel folgen?

Frank Beckmann: Der NDR hat bereits 2012 eine „online first“-Leitlinie verabschiedet, nach der wir viele Inhalte auch vorab online veröffentlichen. So haben beispielsweise Folgen der Reihe „Der Tatortreiniger“ oder „Neues aus Büttenwarder“ ihre Premieren im Netz gefeiert. Wir werden das in Zukunft weiter ausbauen.

medienpolitik.net: Wie stark ist inzwischen die Mediathek-Nutzung beim NDR und wie viele Zuschauer erreichen Sie über die non-lineare Verbreitung zusätzlich?

Frank Beckmann: Auf NDR.de in der Mediathek und mit den Sendungen des NDR in der ARD Mediathek erreichen wir derzeit vier bis sieben Millionen Video-Abrufe im Monat. Dazu kommen Zugriffe auf den YouTube-Kanälen von NDR und ARD, die ebenfalls in dieser Größenordnung liegen. Wir erreichen damit sowohl Zuschauer, die uns gut kennen und unsere Programme lieber zu einem anderen Zeitpunkt schauen wollen, als auch Menschen, die uns vielleicht noch nicht gut genug kennen.

medienpolitik.net: Gibt es inzwischen Sendungen, die über die Mediathek stärker gesehen werden als über den klassischen TV-Weg?

Frank Beckmann: Ein Beispiel für Sendungen, die online sehr stark abgerufen werden, ist „extra 3“. Da kann ein einzelnes Video allein im YouTube-Kanal von „extra 3“ schon mal 300.000 Aufrufe haben oder sogar mehr als eine halbe Million.

medienpolitik.net: Sie haben im Juli eine multimediale Dokumentation zum Hamburger Frauenmörder „Fritz Honka“ ins Netz gestellt. Ich habe zur gleichen Zeit aber keine Ausstrahlung in Ihrem TV-Programm dazu gefunden. Wo bleibt hier der Sendungsbezug bei einem Online-Angebot?

Frank Beckmann: Über den Fall Honka hat das „Hamburg Journal“ im NDR Fernsehen im Juli berichtet. Richtig ist, dass es in fast allen Fällen zu Online-Angeboten auch entsprechende Radio- oder Fernsehsendungen gibt. Es ist aber auch zulässig, Online-Inhalte ohne einen konkreten Sendungsbezug einzustellen.

medienpolitik.net: Wie groß ist inzwischen der Anteil von multimedialen oder crossmedialen Produktionen beim NDR und wie wird sich das entwickeln?

Frank Beckmann: Ich halte es für einen falschen Ansatz, alle Produktionen von Online aus zu denken. Richtig ist: Wir müssen Online stets mitdenken, genauso übrigens wie Radio Fernsehen mitdenken muss und umgekehrt. Multimedialität ist sicher ein Trend, der auch strukturell wirkt. Am Ende behalten aber Ausspielwege ihre eigenen Gesetze, die zu ignorieren töricht wäre. Ich finde es richtig, vom Inhalt her zu denken. Im Alltag arbeiten bei uns Radio-, Online- und Fernsehen-Fachleute gemeinsam an Themenschwerpunkten wie dem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz oder der Flüchtlingsthematik. Wir produzieren gemeinsam Comedy-Sendungen, Gesundheitsformate, Kochsendungen, Geschichtsreihen, Konzerte, Kulturtipps und Verbraucherinformationen. Wir entwickeln aus einer Radiosatire – der „Intensivstation“ – eine Fernsehshow. Wir bringen eine Online-App beim „Quizduell“ ins Fernsehen. Wir spielen regionale Informationen auf allen Plattformen koordiniert aus. Der Sport arbeitet beim NDR seit Jahren strukturell bi- und mittlerweile auch trimedial. Und der NDR hat als einer der Ersten einen gemeinsamen medienübergreifenden Pool für investigative Recherche gegründet. Zumindest können wir sagen: Bislang waren wir mit dieser Strategie erfolgreich – ohne uns darauf ausruhen zu wollen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 9/2015 erstveröffentlicht.

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