Medienforschung:

„Es geht nicht um Glaubwürdigkeit“

von am 16.10.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienkompetenz, Medienwissenschaft, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

<h4>Medienforschung:</h4>„Es geht nicht um Glaubwürdigkeit“
Professor Dr. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn

Soziale Medien dienen weniger der politischen Information als der Schaffung sozialer Kontakte

16.10.15 Interview mit Professor Dr. Caja Thimm, Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn

Bundesjustizminister Heiko Maas, SPD, hat von Facebook und anderen sozialen Netzwerken gefordert, dass Hasskommentare innerhalb von 24 Stunden gelöscht werden. Maas hatte sich mit Facebook-Vertretern getroffen und Maßnahmen gegen Hasskommentare in dem sozialen Netzwerk vereinbart. Zu diesen gehört, dass eine Arbeitsgruppe zum Umgang mit Hassbotschaften im Netz gebildet und von Facebook finanziell unterstützt wird. In einem medienpolitik.net-Interview unterstrich die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Caja Thimm, dass sich auch weniger Menschen den Hasstiraden anschließen würden, wenn Facebook solche Kommentare löschte. Dennoch ist Facebook kein politisches Medium, so Thimm. „Jugendlichen nutzen die sozialen Netzwerke weniger um sich politisch zu informieren, sondern mehr für ihren persönlichen Plausch“.

medienpolitik.net: Frau Thimm, wir haben in Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle verschiedene negative Reaktionen über soziale Medien erlebt. Sind die sozialen Medien zu einem Ventil geworden, das früher die Leserbriefseiten der Zeitungen waren?

Professor Dr. Caja Thimm: Leserbriefe sind nicht mit dem vergleichbar, was wir über Facebook und Twitter erleben. Über einen Leserbrief muss man nachdenken. In den sozialen Netzwerken muss man das nicht. Man kann seinen Emotionen freien Lauf lassen, ohne gründlich zu formulieren und erreicht zudem schnell und unkontrollierbar eine große Öffentlichkeit. Das sieht man diesen teilweise hasserfüllten Postings auch an. Solche Leserbriefe wären sicher nie veröffentlicht worden.

medienpolitik.net: Das ist doch eine negative Entwicklung in der gesellschaftlichen Kommunikation…

Professor Dr. Caja Thimm: Es kommt darauf an, wie man es wertet. Die Option sich zu allen Themen zu äußern ist für eine Demokratie hilfreich. Was problematisch ist, ist der große Einfluss von privaten Medienunternehmen wie Facebook. Deren Leitlinien sind amerikanisch geprägt und nehmen Rücksicht auf die großen internationalen Märkte: Blanker Busen geht nicht, aber Rechtsradikalismus und Antisemitismus ist kein Problem. Das ist im Moment ein großes ethisches und zudem juristisches Thema, was auch entsprechend diskutiert wird.

medienpolitik.net: Wenn Facebook das Thema Rechtsradikalismus genauso stark ablehnen würde wie sexuelle Darstellungen, würde es die Diskussion versachlichen?

Professor Dr. Caja Thimm: Menschen zu bedrohen und herabzuwürdigen würde dann nicht mehr in dieser Form möglich sein. Diesbezüglich hat unser Rechtstaat klare Regeln. Es würden sich vielleicht auch weniger Menschen den Hasstiraden anschließen. Denn hier ist anscheinend eine Hemmschwelle gebrochen.

medienpolitik.net: Wie repräsentativ sind negative Äußerungen in sozialen Netzwerken für die Stimmung in der Bevölkerung?

Professor Dr. Caja Thimm: Ich glaube nicht, dass sie repräsentativ sind. Wir sehen ja die immense Bereitschaft sich zu engagieren und die beeindruckende Willkommenskultur: viele Menschen wollen sich als Freiwillige, als Helfer oder Spender für die Flüchtlinge einsetzen. Aber ich sehe natürlich, dass sich rechte Kräfte und rechte Parteien beispielsweise über Facebook zusammenfinden, Pegida Demonstrationen organisieren und ihre Mitglieder rekrutieren. Das bereitet uns Sorge. Aber das ist alles öffentlich, nichts Geheimnisvolles.

medienpolitik.net: Welche Bedeutung haben heute die sozialen Medien für die Meinungsbildung von Jugendlichen, auch unter dem Aspekt der sehr vielen negativen Kommentare?

Professor Dr. Caja Thimm: Unsere Forschungsergebnisse sagen, dass die Jugendlichen die sozialen Netzwerke weniger nutzen um sich politisch zu informieren, sondern mehr für ihren persönlichen Plausch. Facebook ist und wird kein politisches Medium. Es dient maßgeblich dem privaten Austausch. Man muss klare Suchkriterien haben, um die Hass-Postings zu finden. Ich habe Zweifel, dass viele Jugendliche das wirklich tun. Ich glaube, die Jugendlichen interessiert weder das eine noch das andere.

medienpolitik.net: Über welche Medien bilden sich Jugendliche ihre politische Meinung. Es werden doch auch von ihnen Stellungnahmen und Entscheidungen erwartet?

Professor Dr. Caja Thimm: Man verlangt das schon, aber die Jugendlichen wählen dazu nicht Facebook, denn hier müssten sie auf die Seiten der Politiker oder der Zeitungen gehen. Viele Jugendliche lesen Online-Zeitungen, aber nur acht Prozent der Jugendlichen nutzen beispielweise Twitter. Twitter hat eine sehr viel politischere Funktion als Facebook und wird von Politikern, Journalisten und politisch Aktiven genutzt. In Italien haben 80 Prozent der Politiker einen Twitter-Account. Deutschland ist da noch weit zurück, holt aber zusehends auf. Für mich persönlich ist Twitter das politischste der sozialen Medien. Instagram beginnt politischer zu werden. Es ist als reines Fotomedium noch etwas anders organisiert, aber da sehen wir ganz interessante neue Entwicklungen.

medienpolitik.net: Wir haben somit eine Zweiteilung, die sozialen Medien überwiegend für die private Kommunikation und die Information über Online-Seiten der Zeitungen und Zeitschriften zu dem, was in der Welt passiert?

Professor Dr. Caja Thimm: Ja, denn Jugendliche lesen immer seltener Print-Tageszeitungen, das ist leider Tatsache. Aber Spiegel-Online ist zum Beispiel bei den jungen Leuten sehr beliebt.

medienpolitik.net: In den letzten Jahren hat YouTube mit den unzähligen Kanälen eine große Rolle gespielt. Ist YouTube auch politisch meinungsbildend oder nur ein allgemeiner Lebensratgeber?

Professor Dr. Caja Thimm: YouTube ist vor allem Unterhaltung. Zwar haben alle Parteien auf YouTube ihre Kanäle, sozusagen Parteifernsehen, aber das findet nicht sehr viel Beachtung. Hier geht es vor allem um Musik, witzige Privatvideos oder kommerzielles „hauling“ bzw. Marketing. Das wird sehr aktiv bespielt. Aber dass Jugendliche auf die Video-Seiten der Parteien gehen, sehe ich kaum. Man kann sehr viel lustige Sachen bei YouTube machen, die amüsanter sind als Politik. Wenn sich Jugendliche über Politik informieren wollen, geschieht das vor allem über die klassischen Web-Seiten oder über die persönliche Vernetzung.

medienpolitik.net: Jugendliche bescheinigen den sozialen Medien die geringste Glaubwürdigkeit. Woher kommt dennoch der große Einfluss?

Professor Dr. Caja Thimm: Beim wichtigsten sozialen Medium, bei Facebook, geht es nicht um Glaubwürdigkeit. Da geht es um soziale Kontakte, sich gegenseitig neue Dinge, wie Kleidung, zu zeigen und um Klatsch und Tratsch. Und es geht natürlich um Werbung. Facebook ist für bestimmte Zielgruppen ein riesiger Werbemarkt. Für Jugendliche ist die Tageszeitung bei politischen Informationen interessanterweise nach wie vor das glaubwürdigste Medium. Danach kommt mit großem Abstand das Fernsehen. YouTube, Facebook und Twitter spielen in puncto Glaubwürdigkeit keine große Rolle.

medienpolitik.net: Nun versuchen ARD und ZDF mit ihrem Online-Angebot Jugendliche wieder stärker an politische und gesellschaftliche Themen heranzuführen. Kann das funktionieren?

Professor Dr. Caja Thimm: Das kann dann funktionieren, wenn man die Jugendlichen richtig abholt und die Netzkultur versteht. Wir werden sehen, wie die neue Jugendplattform der Öffentlich-Rechtlichen angenommen wird. Es kommt natürlich immer darauf an, ob man die richtigen Personen, die richtige Ansprache und die richtigen Themen findet. Da bin ich persönlich gespannt. Das klassische öffentlich-rechtliche Fernsehen ist für junge Leute inzwischen völlig uninteressant. Sie haben auch keinen Fernseher mehr, zudem wird meist online geschaut. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen in dieser Zielgruppe überhaupt noch jemanden erreichen wollen, dann müssen sie ein extrem gutes Angebot machen.

medienpolitik.net: Darf der Absender öffentlich-rechtlicher Rundfunk erkennbar sein oder schreckt es die Jugendlichen von vornherein ab?

Professor Dr. Caja Thimm: Das ist vollständig egal. Es kommt nur auf die Inhalte an. Bei vielen Jugendlichen sind zur Zeit Videos, auf denen man Profispielern beim Computerspielen zuschauen kann, die Let‘s Play Videos, der Renner. Sie können denen stundenlang beim Spielen zugucken. Man hätte doch nie vor drei, vier, fünf Jahren gedacht, dass man Millionen von Zuschauern hat, nur weil jemand ein Computerspiel spielt. Es ist vollständig egal, welche Marke darunter steht. Es wird erwogen, solche Formate mit ins Jugendprogramm zu nehmen.

medienpolitik.net: Soziale Medien haben eine mobilisierende Wirkung. Sie sagten, dass rechte und antidemokratische Kräfte das intensiver nutzen. Liegt hierin nicht eine Gefahr für unsere Demokratie?

Professor Dr. Caja Thimm: Die Rechten erhalten derzeit große mediale Aufmerksamkeit. In den Traditionsmedien wird darüber ständig berichtet und es wurde im Netz gefragt, warum die Netzgemeinde nicht dagegen vorgeht. Ich glaube, da werden wir in den nächsten Wochen mehr Gegenargumente und Contra-Statements sehen.

medienpolitik.net: Würden diese Gegenargumente denn von den rechten Kräfte überhaupt wahrgenommen werden? Sie suchen sich doch auch ihre Kanäle und Partner so aus, von denen sie wissen, sie sind ihrer Meinung.

Professor Dr. Caja Thimm: Aber wenn in ihrer Freundesgruppe jemand Hasspostings und rechtes Gedankengut veröffentlicht, dann sollte man das nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Es käme darauf an, wie man diesen Diskurs führt. Ich finde es ungeheuerlich, dass die Aggressionen sogar dazu führen, dass kritische Blogger auf der Straße zusammengeschlagen werden. Da muss wirklich eingegriffen werden. Facebook hat immer echte Personen hinter den Texten, das sind reale Menschen mit realen Namen und mit realer Identität, die keinerlei Hemmungen haben. Gegen diese Leute, die vor physischer Gewalt als Einschüchterung nicht zurückschrecken, muss man mit allen rechtstaatlichen Mitteln vorgehen.

medienpolitik.net: Wer sollte da eingreifen?

Professor Dr. Caja Thimm: Die Polizei, dafür haben wir sie doch.

medienpolitik.net: Dann müsste die Polizei die Kontrolle des Netzes vergrößern.

Professor Dr. Caja Thimm: Nein, es geht darum, dass ein Blogger, der schon Drohungen im Netz bekommen hat, bei der Polizei Gehör findet. Ich denke, wir waren lange auf dem rechten Auge blind. Bis zum NSU-Skandal ist vieles untergegangen und ich hoffe, dass das so nicht mehr passiert. Es gibt im Netz durchaus eine kritische Öffentlichkeit, die immer wachsamer wird und diese Dinge im Netz findet und öffentlich macht.

medienpolitik.net: Wie stark beeinflussen soziale Medien mit diesen negativen Tendenzen auch die klassischen Medien?

Professor Dr. Caja Thimm: Ich glaube, die meisten professionellen Journalisten wissen, dass tausende Menschen sich ganz aktiv im Bereich der Flüchtlinge engagieren, das ist zutiefst beeindruckend. Das ist auch die hauptsächliche Tendenz der Berichterstattung. Wenn man die Zeitungen aufmacht, sieht man sehr häufig Gesichter von Menschen, die auf die Flüchtlinge an Bahnhöfen warten. Das ist meiner Ansicht nach der Haupttenor der Berichterstattung. Die Medien berichten sehr positiv über das, was derzeit in Deutschland an Willkommenskultur passiert.

medienpolitik.net: Liegt es an unseren nach wie vor sehr guten Zeitungen, dass die Blogs einen geringeren Einfluss haben als in Amerika oder worauf führen Sie das zurück?

Professor Dr. Caja Thimm: Ja, ich glaube das liegt daran. Wir sind, ähnlich wie Frankreich, ein Zeitungsleserland, dies ist eine erstaunlich stabile Tradition. Wir haben in Bonn selbst eine Studie unter Studierenden zu den glaubwürdigsten Medien erstellt und da rangiert die Tageszeitung oder die digitale Version der Tageszeitung ganz weit vorn. Zudem gibt es inzwischen Journalisten, die noch zusätzlich einen eigenen Blog haben.

medienpolitik.net: Ist die Wirkung moderner Medien tendenziell eher schädlich oder förderlich für unsere Demokratie?

Professor Dr. Caja Thimm: Schädlich kann Beteiligung nie sein. Es ist eine Form der Äußerung. Aber man muss genau unterscheiden, wofür sie genutzt werden. Facebook ist die große Tratsch- und Klatschbörse für das Private oder für Marketing und PR von vielen Unternehmen, die dort ihre entsprechenden Profile pflegen. Aber Facebook ist in Deutschland kein politisches Medium. Ich bin gespannt, ob sich Twitter ähnlich wie in den USA oder Italien zu einem Informations- und Politikmedium weiter entwickelt – unsere aktuellen Studien deuten darauf hin, dass dies der Fall sein könnte.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2015 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Martin Fuchs - 19.10.2015 Antworten

    Liebe Frau Prof. Caja Thimm,

    habe Ihr Interview mit großem Interesse gelesen, schon allein weil ich ihre bisherige Arbeit sehr schätze. Zu vielen Aussagen hier habe ich allerdings komplett andere Ansichten, Erfahrungen und Studienergebnisse. Nur kurz 2 Punkte:

    1. Facebook in der Politik

    Alle Studien die ich kenne zeigen klar welchen großen Einfluß und welche Wirkung Facebook für die politische Bildung & Information hat. Auch in Zukunft wird Facebook das Netzwerk in Deutschland sein das (nicht nur in der jungen Zielgruppe) am meisten für die politische Willensbildung genutzt werden wird. Twitter ist und bleibt ein Multiplikatoren-Nischenmedium und wo genau sehen sie spannende Ansätze bei Instagram für die politische Kommunkation?
    Ich empfehle Ihnen hierzu mal meinen Artikel zu Instagram in der dt. Politik: http://bit.ly/InstagramPolitik

    Bisher ist hier viel Hype, wenig wirklich Handfestes für politische Kommunikation. Eher noch bei Snapshat oder Tinder – aber nicht bei Instagram.

    Zudem scheinen sie die Funktionalitäten von Facebook nicht 100% verstanden zu haben. Durch die Pushlogik erhalten gerade Nutzer, die sich eben nicht für Politik interessieren, politische Inhalte in ihren Newsfeed gespielt. Das bietet kein News-Online-Medium und kein klassisches Medienangebot.

    Zum Thema Wert von Facebook in der politischen Kommunikation in D empfehle ich zudem aktuell dieses Best Practice von der SPD: http://bit.ly/NutzenschaffenFB
    Beitrag der Grünen hierzu: http://bit.ly/FacebookGruene
    Beitrag der LINKE hierzu: http://bit.ly/DieLINKEFacebook

    2. Rechte in Social Media

    Gerade durch die sehr professionelle Nutzung von Social Media sind die Rechten über diese Kanäle in die klasischen Medien gekommen, nicht umgedreht, wie sie es versuchen darzustellen. Hierfür empfhele ich Ihnen ab und zu mal einen Blick auf Pluragraph.de wo die Entwicklung z.B. der Pegida-Aktivitäten in Social Media oder die von NPD., AfD und Co seit über 5 Jahren tagesaktuell quantitativ analysiert werden, siehe u.a. Übersicht der Facebookseiten deutscher Parteien: https://pluragraph.de/categories/parteien/combined_with/deutschland?only=facebook

    PEGIDA: https://pluragraph.de/organisations/pegida

    Mit fuchsigen Grüßen
    Martin Fuchs aka Hamburger Wahlbeobachter

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