Medienpolitik:

„Offenheit gehört zu den Grundfesten von Zeit Online“

von am 16.10.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienethik, Medienkompetenz, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren, Social Media, Verlage

<h4>Medienpolitik: </h4>„Offenheit gehört zu den Grundfesten von Zeit Online“
Jochen Wegner, Chefredakteur Zeit Online I © Jakob Börner

Zeit Online optimiert seine Website und will Dialog mit Usern nicht einschränken

16.10.15 Interview mit Jochen Wegner, Chefredakteur Zeit Online

Zeit Online hat ein neues Gesicht. Das neue Design passt sich beliebigen Geräten automatisch an und ist vor allem für Smartphones optimiert. Neue mobile Erzählformen begleiten den Relaunch: Multimediale „Karten“ etwa lassen sich auf dem Handy bequem durchblättern, „Live-Dossiers“ geben auf wenigen Smartphone-Seiten einen stets aktuellen Überblick über komplexe Nachrichtenlagen. Zeit Online gehört zu den meistgenutzten Nachrichten-Online-Seiten und verzeichnet derzeit 9.2 Millionen Unique User pro Monat. Eine wichtige Rolle soll auch weiterhin der Dialog mit den Usern spielen, wie Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner gegenüber medienpolitik.net betonte.

medienpolitik.net: Herr Wegner, zahlreiche Zeitungen verzeichnen in den letzten Tagen in den Kommentaren zu Asylsuchenden in Deutschland und auch auf sozialen Medien Schmäh- und Hetzbeiträgen gegen Journalisten und Politiker, die sich für eine Aufnahme weiterer Flüchtlinge aussprechen. Welche Erfahrungen macht hier Zeit Online?

Jochen Wegner: Wir sehen auch, dass die Kommentare zu diesem Thema stark zugenommen haben und darunter überdurchschnittlich viele sind, die wir löschen müssen, weil sie gegen unsere Netiquette verstoßen.

medienpolitik.net: Wo gibt es für Sie Grenzen? Wie steuern Sie diese Debatte?

Jochen Wegner: Mit viel Liebesmüh. Unsere Community hat transparente Regeln, die umschreiben, wie wir uns einen zivilisierten Diskurs vorstellen. Diese Regeln setzten sehr klare Grenzen. Unter anderem heißt es dort: „Diskriminierung und Diffamierung anderer Nutzer und sozialer Gruppen aufgrund ihrer Religion, Herkunft, Nationalität, Behinderung, Einkommensverhältnisse, sexuellen Orientierung, ihres Alters oder ihres Geschlechts sind ausdrücklich nicht gestattet.“ Wenn ein Kommentar dagegen verstößt, wird er gelöscht. Bei sehr auffälligem Verhalten sperren wir auch Accounts.

medienpolitik.net: Einige Zeitungen schalten die Kommentarfunktion bei „sensiblen“ Themen ab, andere überlegen, generell auf diese Funktion zu verzichten. Würde das nicht manche politische Debatte wieder sachlicher gestalten?

Jochen Wegner: Sie meinen, die Debatte würde sachlicher, wenn sie bei sensiblen Themen ausgeknipst wird? Wir glauben daran, dass auch bei Themen, die traditionell Trolle anziehen, ein zivilisierter Diskurs möglich ist. Wir geben uns Mühe, diesen Diskurs zu erhalten, gelegentlich scheitern wir daran. Aber diese Offenheit gehört zu den Grundfesten von Zeit Online.

medienpolitik.net: Wie stark beeinflussen soziale Medien mit ihren Meinungen und auch mit Hashtags z.B. die Berichterstattung von Zeit Online?

Jochen Wegner: Wir leben im Netz und nehmen seine Strömungen wahr. Social Media beeinflussen uns wie viele andere Quellen, die wir nutzen.

medienpolitik.net: Aber soziale Medien verbreiten Informationen oft ungeprüft, stark spekulativ und teilweise ohne Quellenangabe. Auch professionelle journalistische Medien nutzen diese Informationen teilweise ungeprüft, auch um nicht langsamer zu erscheinen. Schadet das dem klassischen Journalismus mehr als es ihm nützt?

Jochen Wegner: Das ungeprüfte Übernehmen von Informationen schadet immer, gleich, aus welcher Quelle sie stammen.

medienpolitik.net: Setzen soziale Medien heute die Themen für die klassischen Medien?

Jochen Wegner: Es kommt immer öfter vor, dass sie Themen anstoßen.

medienpolitik.net: Bei abweichenden Meinungen oder auch fehlerhaften Äußerungen, wie jüngst bei einer Live-TV-Talkshow durch den Bayerischen Innenminister gab es eine Empörungswelle über soziale Medien. Führen soziale Medien heute eher zu Konfrontationen und zur Polarisierung, als zu einer sachlichen, faktenorientierten Debatte?

Jochen Wegner: Social Media verschaffen vielen Menschen Gehör, die bisher nicht gehört wurden. Das ist eine gute Sache. Es ist für Unternehmen, Medien und Politiker schwerer geworden, sich durchzuwursteln. Auch das ist gut. Dass nun auch manche Menschen Gehör finden, deren Meinung wir lieber nicht gehört hätten, ist eine zwingende Folge dieses offenen Systems.

medienpolitik.net: Würde eine Aufhebung der Anonymität bei sozialen Medien – auch Zeitungen drucken ja keine Leserbriefe ohne, dass Namen und Adressen angegeben werden – zu mehr Sachlichkeit und einem angemessen Ton führen?

Jochen Wegner: Die Grunderfahrung der vergangenen Jahre ist doch, dass auf Facebook mit seiner Klarnamen-Pflicht die erstaunlichsten Dinge gepostet werden. Wir halten die Möglichkeit, ein Pseudonym nutzen zu können, unabhängig davon für wichtig – viele Debatten wären sonst nicht möglich. Wenn wir mit unseren Lesern offen über private Dinge wie ihr Arbeitsleben oder ihre Sexualität diskutieren wollen, müssen sie sich schützen können. Die Identität eines Menschen wirklich zu verifizieren, ist außerdem nicht so einfach, wie viele tun – wir müssten das etwa über Kreditkarten-Zahlungen oder ein Postident-Verfahren tun. Das finde ich übertrieben.

medienpolitik.net: Die gedruckte „Zeit“ erscheint wöchentlich, Zeit Online permanent. Wie sehr beeinflusst Zeit Online die gedruckte „Zeit“.

Jochen Wegner: Da wir eng zusammenarbeiten, inspirieren sich beide Redaktionen gegenseitig.

medienpolitik.net: Sie haben im Juli ze.tt gestartet, eine Online-Seite für Jugendliche. Weshalb glauben Sie, dass Jugendliche diese Seite nutzen werden?

Jochen Wegner: Der Glauben ist mittlerweile durch Wissen ersetzt worden. Die ersten Zahlen sind ausgesprochen vielversprechend. ze.tt hat offensichtlich einen Nerv getroffen.

medienpolitik.net: Wie weit ist es überhaupt realistisch – ARD und ZDF versuchen es ja mit einem Online-Jugendangebot – Jugendliche durch klassische Medien wieder „einzufangen“?

Jochen Wegner: Wir haben nicht vor, Jugendliche einzufangen. Wir würden gerne über Themen berichten, die für junge Menschen relevant sind – auf eine Weise, die junge Menschen interessiert. Wie das gehen könnte, lernt das Team von ze.tt gerade.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2015 erstveröffentlicht.

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