Medienpolitik:

„Wir erweitern unseren Blick“

von am 20.10.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Internet, Interviews, Journalismus, Medienförderung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Medienpolitik:</h4>„Wir erweitern unseren Blick“
Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts

Grimme-Institut ändert Statut und stärkt die Unterhaltungsformate

20.10.15 Interview mit Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts

Das Grimme-Institut hat seine Kategorien und die Statuten des Grimme-Preises – des renommiertesten deutschen Fernsehpreises – überarbeitet. Der Wandel des Fernsehens soll sich auch bei der Vergabe der Preise niederschlagen, so die Direktorin des Grimme-Instituts, Dr. Frauke Gerlach gegenüber medienpolitik.net. Bezugspunkt für die Nominierungen wird nicht länger das klassische Fernsehen sein, sondern es soll Qualität prämiert werden, die „der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“ worden ist – also auch Bewegtbild-Angebote aus dem Netz. Zudem wird der Stellenwert der Unterhaltung gestärkt, es gibt einen Preis für Kinder- und Jugendangebote und ein Teil der Jurys wird verkleinert.

medienpolitik.net: Frau Gerlach, warum hat das Grimme-Institut die Kategorien und die Statuten des Grimme-Preises überarbeitet?

Dr. Frauke Gerlach: Das Fernsehen und die Technik, Fernsehinhalte zu verbreiten haben sich weiterentwickelt. Das Nutzungsverhalten hat sich verändert. Deshalb sahen wir die Notwendigkeit, die Arbeitsgrundlagen für die Nominierungskommissionen und die Jurys anzupassen, damit sich dieser Wandel auch bei der Vergabe der Preise niederschlägt.

medienpolitik.net: Hat das Grimme-Institut in den letzten Jahren das Falsche ausgezeichnet?

Dr. Frauke Gerlach: Nein, die unabhängigen Jurys und die Kommissionen haben Qualität ausgezeichnet. Dafür steht die Marke „Grimme“. Aber wenn der Preis seine hohe Relevanz behalten will, muss er sich verändern.

medienpolitik.net: Für was wird der Grimme-Preis künftig stehen?

Dr. Frauke Gerlach: Nach wie vor für Qualität. Deshalb haben wir diese Reform behutsam vorgenommen. Wir wollen die DNA des Grimme-Preises natürlich nicht verletzten. Die Ausstrahlung im Fernsehen ist nicht mehr der einzige Verbreitungsweg für Bewegtbildinhalte, deshalb sollen auch Sendungen ausgezeichnet werden können, die zuerst im Netz oder ausschließlich im Netz zu sehen sind.

medienpolitik.net: Was hat sich am Statut geändert?

Dr. Frauke Gerlach: Die wesentliche Veränderung im Statut, die alle Kategorien umfasst, ist die Aussage zum Verbreitungsweg. Vormals hieß es: „im Fernsehen ausgestrahlt“ und jetzt heißt die Formulierung im Statut: „der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“.

medienpolitik.net: Sie haben zu Beginn des Jahres angekündigt, dass Sie die Kategorie Unterhaltung durch die Anzahl der Preise stärken wollen. Wird es dazu kommen?

Dr. Frauke Gerlach: Es wird für besondere Innovationen einen zusätzlichen Preis in der Kategorie Unterhaltung geben. Innovationen wollen wir aber auch in den anderen Kategorien stärken.

medienpolitik.net: Warum mehr Preise für die Unterhaltung?

Dr. Frauke Gerlach: Die Unterhaltung ist ein starkes Fernseh-Segment und mit nur zwei Preisen sind wir dem, was im Unterhaltungsbereich angeboten wird, nicht ausreichend gerecht geworden. Wir sind darüber hinaus der Meinung, dass Unterhaltung eine wesentliche Funktion im Fernsehen hat.

medienpolitik.net: In den Anfängen hatte der Grimme-Preis das Ziel, die Wissen vermittelnde Bedeutung des Fernsehens hervorzuheben. Wenn Sie die Unterhaltung stärker gewichten, dann wird doch der ursprüngliche Auftrag verwässert?

Dr. Frauke Gerlach: Nein, unsere weiteren Disziplinen verändern wir nicht. Die Kategorie Fiktion, in der Fernsehfilme ausgezeichnet werden, verändern wir nicht. Auch die andere große Grimme-Kategorie Kultur & Information bleibt erhalten, sie wird durch die Einführung eines fakultativen Preises für eine besondere journalistische Leistung auch noch zusätzlich geschärft. Ein Grimme-Maßstab ist dabei auch, ob der Bildungsauftrag berücksichtigt wird. Aber wir erweitern unseren Blick. Ich glaube, dass hat die Unterhaltung auch verdient.

medienpolitik.net: Sie kündigten an, dass auch digitale, experimentelle, crossmediale Projekte, also dass, was sich im Web wiederspiegelt, gewürdigt werden soll…

Dr. Frauke Gerlach: Mit unserer neuen Formulierung im Statut, dass Sendungen nicht mehr ausschließlich im Fernsehen verbreitet werden müssen, öffnen wir uns auch experimentellen Formaten. Übrigens kann jeder Fernsehzuschauer Vorschläge für eine Auszeichnung machen, das ist das Besondere und neben der komplexen Preisträgerfindung ein wesentlicher Unterschied zum Deutschen Fernsehpreis.

medienpolitik.net: Gibt es auch neue Kategorien?

Dr. Frauke Gerlach: Eine neue Kategorie widmet sich ab sofort Kinder- und Jugendangeboten. Es geht um klassische Kinderfernsehproduktionen, aber auch im Vorgriff um das zukünftige Jugendangebot von ARD und ZDF, das ja nur Online verbreitet werden darf. In den letzten Jahren hatten wir immer mehr Einreichungen, die in den anderen Kategorien keinen Platz gefunden haben. Wir freuen uns besonders diesen Raum geben zu können: In der ersten Runde mit zwei Preisen und einem fakultativen Innovationspreis.

medienpolitik.net: Wie viel Preise gibt es bei der nächsten Verleihung insgesamt?

Dr. Frauke Gerlach: Es können maximal 16 Preise vergeben werden. Jede Kategorie hat einen Innovationspreis, der nicht vergeben werden muss. Bei den Kategorien „Information & Kultur“ sowie „Fiktion“ gibt es künftig vier Preise plus Innovationspreis. Entscheidet die Jury, dass nichts Innovatives dabei ist, bleibt es bei vier Preisen. Mit der Reform wollen wir innovative, fernsehgemäße Inhalte besonders stärken.

medienpolitik.net: Wird die Jury, wie von Ihnen angeregt, verkleinert?

Dr. Frauke Gerlach: Die Jurys werden verkleinert. Die Jurys „Information & Kultur“ und „Fiktion“ werden von jeweils elf auf neun Mitglieder verkleinert. Die Jury „Kinder & Jugend“ und die Jury „Unterhaltung“ werden jeweils sieben Mitglieder haben..

medienpolitik.net: Werden die Preise undotiert bleiben?

Dr. Frauke Gerlach: Wir zeichnen Qualität aus und das geht sehr gut undotiert. Das passt auch zum Geist des Grimme-Preises.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2015 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen