Rundfunk:

„Die Welt schaut nach Deutschland“

von am 01.10.2015 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Die Welt schaut nach Deutschland“
Gerda Meurer, Programmdirektorin der Deutschen Welle

Deutsche Welle: Informationen für Asylsuchende werden ausgebaut

01.10.15 Interview mit Gerda Meurer, Programmdirektorin der Deutschen Welle

„Die Flüchtlingsströme nach Europa sind bei uns in der Deutschen Welle seit mehreren Monaten das bestimmende Thema“, so Gerda Meurer, Programmdirektorin der Deutschen Welle gegenüber medienpolitik.net. Die Deutsche Welle will die Informationen für Flüchtlinge weiter verbessern. So erhalten auf einer Online-Sonderseite die Neuankömmlinge auf Arabisch und Englisch Tipps zur Landeskunde von A bis Z, von „Arztbesuch“ bis „Zwischenmiete“. Sie können sich über kulturelle Eigenheiten in Deutschland ebenso informieren wie über das politische System der Bundesrepublik. Sie erfahren alles Wissenswerte über ihre Rechte als Asylbewerber sowie über ihre Pflichten gegenüber der deutschen Gesellschaft. Auf einer weiteren Online-Sonderseite liefert die DW zudem sachliche Informationen für Flüchtlinge aus dem Balkan, z.B. wer Anrecht auf Asyl hat, wie die Anerkennungsverfahren laufen und wer sich auf eine Abschiebung einstellen muss. Diese Sonderseiten werden in den Sprachen Albanisch, Bulgarisch, Mazedonisch, Serbisch, Rumänisch und Bosnisch veröffentlicht.

medienpolitik.net: Frau Meurer, wie stark „beschäftigen“ die Flüchtlingsströme nach Europa die Deutsche Welle?

Gerda Meurer: Die Flüchtlingsströme nach Europa sind bei uns in der Deutschen Welle seit mehreren Monaten in das bestimmende Thema – in allen Sprachen, in allen Formaten und auf allen Ausspielwegen. Die DW war der erste deutsche Sender, der sich intensiv schon im April/Mai in einer Schwerpunktwoche dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer widmete. Im Sommer intensivierten wir dann unsere Berichterstattung weiter. Seither bilden wir täglich im Radio, online und im TV Flüchtlingsthemen in all ihren Facetten ab. So berichten unsere mehrsprachigen Reporter von den Hauptschauplätzen für unser Programm: auf griechischen Inseln, an der serbisch-ungarischen Grenze, aber auch aus Deutschland, z.B. aus Heidenau oder München.

medienpolitik.net: In welcher Rolle sieht sich hier die Deutsche Welle?

Gerda Meurer: In der Flüchtlingskrise schaut die Welt nach Deutschland. Deutschlands außenpolitische Rolle in der Welt ist eine andere geworden – die Menschen wollen wissen, welche Haltung Deutschland zu wichtigen Themen hat. Die Deutsche Welle bietet die Plattform für die weltweite Diskussion über die Rolle Deutschlands und das Verhalten der Bundesregierung, der Europäischen Union und der Bevölkerung in der Krise – und das in 30 Sprachen. Wir stehen in unseren Kommentarspalten und auf Facebook eng mit unseren Nutzern im Dialog und können so besonders effektiv Hintergrundinformationen liefern und gegebenenfalls Missverständnisse aufklären, z.B. was das deutsche Asylrecht betrifft. Wir berichten, was Flüchtlinge in Deutschland erwartet – aber auch was von ihnen erwartet wird. Dabei kommt uns eines besonders zugute: Wir sprechen die Sprachen der Flüchtlinge. Wir berichten nicht nur über sie – wir sprechen mit ihnen und erreichen sie vor Ort-– in ihren Herkunftsländern, auf der Route, und bei ihrer Ankunft in Europa und Deutschland. Die DW kennt die Länder und Regionen durch ihre Sprachabteilungen gut. Über und aus Ländern wie Mazedonien, Eritrea, Nigeria und der Türkei berichten wir auch dann, wenn sie nicht unbedingt in den Schlagzeilen anderer Medien sind.

medienpolitik.net: Wie spiegelt sich das konkret im Programm wieder? Gibt es im TV-Programm Sondersendungen?

Gerda Meurer: Im Juni haben wir unsere Nachrichtenflächen in allen vier TV-Sprachen ausgeweitet. So können wir intensiver und hintergründiger über die Krise berichten als wir es im vergangenen Sommer konnten- mit Korrespondentenschalten und –stücken sowie Expertengesprächen im Studio. Zudem greifen wir in allen anderen TV-Formaten das Thema regelmäßig auf: In unserem 12minütigen wöchentlichen Reportageformat „Reporter“ beleuchten unsere VJs unterschiedliche Aspekte der Krise– den „Dschungel in Calais“ genau wie private Hilfsinitiativen in Deutschland. Zum Zeitpunkt der größten Kontroverse um seinen Ort war der Bürgermeister von Heidenau, Jürgen Opitz, Gast bei uns im 12minütigen „Interview“, das auf Deutsch, Englisch und Spanisch ausgestrahlt wird. Großes Medienecho – in Deutschland und der arabischen Welt – löste eine Sondersendung unserer arabischsprachigen Jugendtalkshow „Shababtalk“ aus, die wir in einem Berliner Flüchtlingsheim produziert haben. Unter anderem über die Verantwortung afrikanischer Eliten für die Massenflucht diskutierten unsere Gäste in unserer Talksendung „Quadriga“, die wir in allen vier TV-Sprachen aufzeichnen, um nur einige Beispiele zu nennen.

medienpolitik.net: Die Deutsche Welle sendet 24 Stunden ein TV-Programm auf Arabisch. Haben Sie die Redaktion in den letzten Wochen verstärkt und die aktuelle Berichterstattung zur „Flüchtlingswelle“ vor allem aus Syrien intensiviert?

Gerda Meurer: Grundsätzlich spielt unsere arabische Redaktion natürlich eine besondere Rolle in der Berichterstattung rund um die Flüchtlingskrise. Die arabische Redaktion stellt ihre Expertise gerade mit Hinblick auf Syrien momentan verstärkt anderen Sprachabteilungen zur Verfügung. Im Frühjahr dieses Jahres gelang es bspw. einer arabischen Kollegin, über Facebook mit einem Schlepper in Kontakt zu treten und so dessen Arbeitsweise aufzudecken. Diese Erkenntnisse bereiteten dann unsere SocialMedia-Kollegen in der englischen Hauptnachrichtensendung anschaulich auf. Die Deutsche Welle arbeitet außerdem zurzeit an einer Online-Sonderseite für Flüchtlinge mit dem Arbeitstitel „Meine ersten Schritte in Deutschland“. Auf Arabisch und Englisch (später mehr Sprachen) werden nützliche Informationen für Asylsuchende gegeben. Die Neuankömmlinge erhalten Tipps zur Landeskunde von A bis Z, von „Arztbesuch“ bis „Zwischenmiete“. Sie können sich über kulturelle Eigenheiten in Deutschland ebenso informieren wie über das politische System der Bundesrepublik. Sie erfahren alles Wissenswerte über ihre Rechte als Asylbewerber sowie über ihre Pflichten gegenüber der deutschen Gesellschaft.

medienpolitik.net: Welche Botschaft vermitteln Sie den Hörern in der arabischen Welt über das „gelobte Land“ Deutschland?

Gerda Meurer: Wir zeigen arabischen Nutzern das ganze Bild: von der derzeitigen großen Willkommenskultur in Deutschland und ihrer historischen Begründung über Angriffe auf Flüchtlingsheime und rechtsextreme Aufmärsche bis hin zur Herausforderung und den Chancen der Integration. Auch interreligiöse Konflikte in den Flüchtlingsheimen und antisemitische Meinungsmache seitens muslimischer Einwanderer in Deutschland sind Thema – auch auf Arabisch. Wir betonen die Notwendigkeit der Achtung des Grundgesetzes und der in ihm aufgeführten Werte, auf denen unsere Gesellschaft basiert und die unsere Freiheit möglich machen. Gleichzeitig bilden wir auch die Ratlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft hinsichtlich der Bekämpfung der Fluchtursachen ab und arbeiten Deutschlands Rolle in diesem diplomatischen Geflecht heraus.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt Ihr Online-Angebot?

Gerda Meurer: Oft organisieren Flüchtende ihre Route mit Hilfe ihres Smartphones. In unserer Berichterstattung zur Flüchtlingskrise und in der Ansprache an die Betroffenen kommt es der Deutschen Welle zugute, dass wir gemäß unserer Strategie schon länger verstärkt auf mobile Ausspielwege unserer Inhalte sowie auf Interaktion mit unseren Nutzern setzen. Viele unserer Redaktionsressourcen verwenden wir mittlerweile auf die Moderation von Diskussionen in den sozialen Netzwerken (wie Facebook/ Twitter) und auf unseren eigenen Seiten. Parallel zur Ausweitung unserer Nachrichtenflächen im Juni haben wir unsere neue (kostenlose) App auf den Markt gebracht, die Inhalte in allen 30 Sprachen liefert und über einen Offline-Modus sowie über einen Text only-Modus verfügt. Das ermöglicht ein Abrufen unserer Inhalte auch mit nur sporadischem Internetzugang.

medienpolitik.net: Gibt die Deutsche Welle auch praktischen Service für die hier inzwischen eintreffenden Asylsuchenden?

Gerda Meurer: Wie gesagt, planen wir eine Spezialseite in mehreren Sprachen mit dem Arbeitstitel „Meine ersten Schritte in Deutschland“, auf die im Übrigen auch die ARD verlinken will. Insbesondere auf Arabisch können wir viele Nutzer ansprechen. Gerade mit unserem arabischen Angebot kooperieren wir mit anderen ARD-Anstalten, die auch Schwerpunktsendungen und Servicepakete für Flüchtlinge in einigen Sprachen anbieten. Auf einer weiteren Online-Sonderseite liefert die DW zudem sachliche Informationen für Flüchtlinge aus dem Balkan. Hier sind Erklärstücke zu finden, wer Anrecht auf Asyl hat, wie die Anerkennungsverfahren laufen und wer sich auf eine Abschiebung einstellen muss. Es sind TV Reportagen eingestellt, Zahlen, Daten Fakten werden geliefert und Antworten auf die meist gestellten Fragen. Es gibt die Möglichkeit zum Dialog über das DW Social Media Angebot. Diese Sonderseiten werden in den Sprachen Albanisch, Bulgarisch, Mazedonisch, Serbisch, Rumänisch und Bosnisch veröffentlicht.
Die DW bietet außerdem ein vereinfachtes Einstiegsportal zu den DW- Sprachkursen in zehn Sprachen (Arabisch, Dari, Paschtu, Farsi, etc.). Hier können die Flüchtlinge leicht und in ihrer Sprache zu den kostenlosen Deutschkursen kommen. Die DW wird bei der Verteilung der Informations-Flyer mit den Hinweisen zu diesen Sprachkursen in vielen Flüchtlingseinrichtungen in Deutschland von Hilfsdiensten und Behörden unterstützt. Auch ARD-Landesrundfunkanstalten wollen auf dieses DW Angebot hinweisen und damit vor allem den Flüchtlingshelfern Informationen an die Hand geben.
Und nicht zuletzt engagieren sich zahlreiche DW-Kolleginnen und –kollegen privat für Flüchtlinge und sind ehrenamtlich im. Aktuell läuft eine Spendenaktion für eine im ICC Berlin geplante Unterkunft. Bei der Übergabe der Spenden wird die DW auch Flyer mit Hinweis auf unsere Sprachkurse verteilen.

medienpolitik.net: Wie erfahren die Flüchtlinge von den Angeboten der Deutschen Welle?

Gerda Meurer: In einigen Regionen ist die DW seit Jahrzehnten eine starke verlässliche Marke mit einer treuen Nutzergemeinschaft. Nutzer aus diesen Regionen greifen auch dann auf die DW als Informationsquelle zurück, wenn sie sich auf den Weg gemacht haben. Über unsere Partnersender und unsere eigenen Korrespondenten in den verschiedenen Regionen werben wir außerdem in den Herkunftsländern für unsere Inhalte. In Deutschland angekommene Flüchtlinge erreichen wir zusätzlich u.a. über die oben angesprochene Verlinkung unserer Spezialseiten durch die ARD und die Verteilung von Flyern – zum Beispiel an Hilfsorganisationen.

medienpolitik.net: Wie sind die weltweiten Reaktionen über den Umgang mit den Flüchtlingen in Deutschland?

Gerda Meurer: Aus den Kommentaren auf unseren Seiten sowie in den sozialen Netzwerken ergibt sich ein gemischtes Bild: Gerade auf unseren eigenen Seiten überwiegen die Stimmen, die der uneingeschränkten Willkommenskultur in Deutschland kritisch gegenüber stehen. Die Bundesregierung erhält dort viel Häme und den Vorwurf, sich im Umgang mit der Flüchtlingswelle naiv zu verhalten. Die Botschaften dort bewegen sich oft im Bereich von Beschimpfungen und Hassäußerungen. Auf Facebook und Twitter hingegen, wo Nutzer sich nicht so gut hinter Pseudonymen verstecken können sondern mit ihren eigenen Accounts Kommentare posten müssen, überwiegen ausgewogenere Diskussionen. Dort wird Deutschland oft als Vorbild für andere Länder genannt, das aber vernünftiges Selbstbewusstsein anwenden müsse beim Versuch der Integration der vielen Neuankömmlinge mit ihrem jeweiligen Kultur- und Religionshintergrund. Grundsätzlich erzielen aber vor allem Beiträge, in denen wir die Frage nach der Verantwortung der Eliten in den Herkunfts- und Nachbarländern stellen, eine große Reichweite und rufen intensive Diskussionen hervor. In unserem englischen Twitter-Angebot beispielsweise erzielten wir mit dem Aufgreifen des Hashtags #ShameonArabRulers das mit Abstand größte Echo. Unser Liveblog zu diesem Hashtag war der meistgeklickte im Zeitraum August/September. In dem beigestellten Artikel thematisierte unser Autor die Kritik an arabischen Eliten für ihre Passivität in der Flüchtlingskrise.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2015 erstveröffentlicht.

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