Rundfunk:

„Wir erleben Wind und Wetter, aber keinen Sturm“

von am 07.10.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Internet, Interviews, Jugendkanal, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir erleben Wind und Wetter, aber keinen Sturm“
Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG)

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk der Schweiz will stärker mit privaten Medienunternehmen kooperieren

07.10.15 Interview mit Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG)

Die SRG, der Verlag Ringier und die Swisscom wollen im ersten Quartal 2016 eine Vermarktungsfirma gründen, an der jeder Partner zu einem Drittel beteiligt sein wird. Nach Schätzungen fließen über 50 Prozent der Umsätze mit digitaler Werbung in der Schweiz in die USA. Diese Abwanderung will die Allianz stoppen. In einem medienpolitik.net-Gespräch betont Roger de Weck, Generaldirektor der SRG, dass gerade in kleinen Ländern Kooperationen mit Privaten entscheidend sind. „Es ist abzusehen“, so de Weck, „dass neue Werbeformen aufkommen werden, die das Zusammenspiel von Inhaltsanbietern und Netzbetreibern erfordern.“ Trotz verstärkter Angriffe auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist der SRG-Generaldirektor optimistisch: „Das Paradox liegt darin, dass die Öffentlich-Rechtlichen zu einem Zeitpunkt angegriffen werden, da ihr Angebot gesellschaftlich nützlicher ist denn je. Ein Angebot, das sich nicht auf die klassischen Kanäle beschränken darf, sondern die Menschen auch online erreichen muss. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen dort sein, wo das Publikum ist.“

medienpolitik.net: Herr de Weck, hat es der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute, nach der Digitalisierung der Medien, schwerer oder leichter, seine Existenz zu rechtfertigen?

Roger de Weck: In halb Europa wird öffentlicher Rundfunk teils in Frage gestellt, teils abgebaut. Das ist eine neue Lage. Der britische Premierminister David Cameron will die BBC wenn nicht zerschlagen, so doch empfindlich schwächen. In den Niederlanden folgt ein Abbau auf den anderen. In vielen Ländern erfahren das öffentliche Radio und Fernsehen – oder der Service public, wie wir es in der Schweiz nennen – heftige Angriffe. Dabei kommt dreierlei zusammen: zum Ersten das ideologische Moment, jene Kräfte also, die alles Öffentliche bekämpfen; zum Zweiten der Umbruch der Medien, der sämtliche Anbieter – private wie öffentliche – vor neue Herausforderungen stellt und die Arbeitsteilung verändert; zum Dritten die Nöte vieler herkömmlicher Verlagshäuser, deren Geschäftsmodell nicht mehr stimmt und die deshalb umso argwöhnischer auf öffentlich finanzierte Medien blicken.

medienpolitik.net: Wie muss und wie kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk darauf reagieren?

Roger de Weck: Durch Leistung. Und dadurch, dass er sich der Debatte stellt: Dass er in seiner geistigen Tradition – der Tradition der Aufklärung – argumentiert und auf die sanfte Macht des besseren Arguments setzt. Ich finde es gut und an sich selbstverständlich, dass mitten im Umbruch der Medien über die Zukunft öffentlicher Medienhäuser debattiert wird. Die politische und gesellschaftliche Diskussion wird auf die Dauer hilfreich sein.

medienpolitik.net: Wäre eine engere Zusammenarbeit mit den „klassischen“ Privaten ein Rettungsanker für die Öffentlich-Rechtlichen?

Roger de Weck: Eines Rettungsankers bedürfen sie nicht. Wir erleben Wind und Wetter, aber keinen Sturm. Ich bin zuversichtlich. Im digitalen Zeitalter fragmentiert sich die Öffentlichkeit in viele Teilöffentlichkeiten. Wir aber bleiben als Einzige in der Lage, Gesamtöffentlichkeit zu schaffen, worauf Demokratien angewiesen sind. Und: Es ist zu beobachten, dass Zeitungen und Webseiten, die sich an die Elite wenden, über die vergangenen Jahre tendenziell besser geworden sind. Hingegen bieten viele Zeitungen und Webseiten, die sich ans breite Publikum wenden, tendenziell weniger Breite und Tiefe – weil ihr Geschäftsmodell nicht mehr aufgeht, weil sie unter Spardruck stehen und weil die Kommerzialisierung überhandgenommen hat. Umso wichtiger wird die Aufgabe öffentlicher Anbieter, das breite Publikum mit der zunehmenden Komplexität dieser Welt vertraut zu machen. Das Paradox liegt darin, dass die Öffentlich-Rechtlichen zu einem Zeitpunkt angegriffen werden, da ihr Angebot gesellschaftlich nützlicher ist denn je. Ein Angebot, das sich nicht auf die klassischen Kanäle beschränken darf, sondern die Menschen auch online erreichen muss. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen dort sein, wo das Publikum ist.

medienpolitik.net: Also sehen Sie die Zusammenarbeit mit privaten Medien eher skeptisch?

Roger de Weck: Nein, im Gegenteil. Kooperationen mit Privaten, gerade in kleinen Ländern, sind entscheidend. Deshalb ist die SRG ein Joint Venture eingegangen mit Swisscom, der größten Schweizer Telekom-Anbieterin, und mit Ringier, dem großen Schweizer Verlagshaus. In der Schweiz leben acht Millionen Menschen, davon haben 3,4 Millionen ein Profil bei Facebook, fünf Millionen sind täglich bei Google. Alle Webseiten aller Schweizer Verleger zusammengenommen haben weniger Nutzer als Google. Nur durch Kooperationen haben wir die ausreichende Zahl Nutzer, um im Wettbewerb mit den Global Players zu bestehen und die kostspielige Technologie zu finanzieren, die für die digitale Vermarktung von Werberaum und Werbezeit vonnöten ist. Selbst große angelsächsische Medienhäuser wie Financial Times, The Guardian, The Economist, CNN und Reuters kooperieren in der Pangaea-Allianz, um auf dem Werbemarkt gegen Google und Co. eine Chance zu haben. Und jüngst haben auch fünf große amerikanische Verlagshäuser ihre Vermarktung zusammengelegt.

medienpolitik.net: Welchen Vorteil hat die SRG von der Kooperation mit Swisscom und Ringier?

Roger de Weck: In kleinen Ländern ist die Mitfinanzierung des öffentlichen Radios und Fernsehens durch Werbung wichtig, da die Zahl der Gebührenzahler klein ist. In der Schweiz ist die Mitfinanzierung durch Werbespots umso wichtiger, als wir in den vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch produzieren. Derzeit funktioniert diese Mitfinanzierung. Aber es ist abzusehen, dass neue Werbeformen aufkommen werden, die das Zusammenspiel von Inhaltsanbietern und Netzbetreibern erfordern. Murdoch ist in Großbritannien mit BSkyB beides, Inhaltsanbieter und Netzbetreiber. So kann er im Fernsehen gezielte Massenwerbung anbieten. Er speichert in den Set-Top-Boxes viele Werbespots, und im Werbeblock wird dann je nach Präferenz des Haushalts der zielgruppenspezifische Spot ausgestrahlt: in einem kinderreichen Haushalt der Spot für das Familienauto und in einem Single-Haushalt der Spot für den Sportwagen. Auch Real-Time-Werbung zählt zu den künftigen Werbeformen: Beschließt der Hersteller eines Getränks an einem sonnigen Tag, für sein Produkt Werbespots zu schalten, müssen sie in Echtzeit in den Werbeblock integriert werden. Solche Werbeformen kann kein Inhaltsanbieter allein bereitstellen, sondern nur in Zusammenarbeit mit Netzbetreibern. Wer sich auf neue Formen der Massenwerbung nicht einstellt, wird nach und nach den Großteil seiner Erträge verlieren.

medienpolitik.net: Das heißt, der öffentlich-rechtliche Rundfunk benötigt auch die Kooperation mit Netzbetreibern, um sich weiter auch über Werbung zu finanzieren?

Roger de Weck: Ja, neue Werbeformen können Fernsehkanäle – auch private Kanäle – nur in Zusammenarbeit mit Netzbetreibern entwickeln. Wir erleben drei Konvergenzen: erstens die zwischen Radio und Fernsehen; in der Schweiz ist sie weit fortgeschritten, Radio und Fernsehen haben fusioniert. Die zweite Konvergenz ist die zwischen Rundfunk/Broadcast und Breitband/Broadband. Die beiden Technologien wird man in zehn Jahren kaum noch unterscheiden. Ist IPTV immer noch Rundfunk oder bereits auch Breitband? Eine Mischform. Die dritte Konvergenz ist die zwischen Inhaltsanbietern und Netzbetreibern und sonstigen Distributoren. Letztere bieten immer mehr Inhalte an. Einer der erfolgreichsten Inhaltsanbieter ist der Distributor Netflix. Kraft seiner Daten weiß Netflix, welche Schauspielerin beim Publikum ankommt und dass Kevin Spacey als Antiheld einer Serie wie «House of Cards» ideal wäre. Ähnliches gilt für den Sport und andere Bereiche. Die Kooperation mit Swisscom und Ringier birgt kurzfristig Risiken, wie immer, wenn grundverschiedene Kulturen zusammenfinden müssen. Mittel- bis langfristig ist sie die Voraussetzung des Erfolgs.

medienpolitik.net: Die Schweiz hat sich kürzlich, wie auch Deutschland, für die nutzerunabhängige Rundfunkabgabe entschieden. Damit müsste es Ihnen doch in den nächsten Jahren finanziell besser gehen? In Deutschland beträgt der Überschuss innerhalb von vier Jahren 1,5 Milliarden Euro…

Roger de Weck: Die neue Gebühr wird von 2019 an über eine von der Schweizer Regierung beauftragte private Inkasso-Firma erhoben, anhand des Einwohnerregisters. Wie viel Geld fließen wird, hängt unter anderem von der Qualität des Einwohnerregisters ab. Sicher ist jedenfalls: Fließt mehr Geld, wird die Gebühr gesenkt. Die SRG wird nicht mehr Geld erhalten. Das war von Anfang an the name of the game, die eherne Spielregel.

medienpolitik.net: Das Referendum zu dieser Entscheidung ist mit 50,1 Prozent sehr knapp ausgefallen. Bedeutet das, dass die Hälfte der Schweizer die Berechtigung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht mehr sieht?

Roger de Weck: Nach Abstimmungen wird in der Schweiz eine Nachwahlbefragung vorgenommen, wer weshalb wie abgestimmt habe. Diese Analyse ist für die SRG erfreulich; sie zeigt, dass 73 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mit der SRG zufrieden sind. Selbst eine deutliche Mehrheit derer, die bei der Abstimmung «Nein» stimmten, ist zufrieden mit der SRG. Das war also keine Abstimmung über die Öffentlich-Rechtlichen, sondern über die Gebührenreform. Und Reformen haben es meist schwer an der Urne. Die Akzeptanz unserer Programme ist hoch. Trotzdem stimmten viele gegen die Gebührenreform, weil sie es ungerecht finden, dass jemand zahlen muss, der das Angebot wenig nutzt. Doch gerade bei Jüngeren ergab die Analyse einen sehr schönen Widerspruch. Die junge Generation, die angeblich unser Angebot weniger nutzt, hat überdurchschnittlich mit «Ja» gestimmt. Vielleicht weil die Gebühr günstiger wird: Sie sinkt von 451 auf unter 400 Franken.

medienpolitik.net: Dennoch war die Abstimmung knapp. Gibt es für Sie aus dem Referendum keine Schlussfolgerungen, da die Schweizer mit der SRG zufrieden sind?

Roger de Weck: In der Tat war es die knappste Mehrheit in der Geschichte der Schweizer Demokratie. Die SRG durfte selbstverständlich weder Gebührengeld einsetzen, noch eine Abstimmungskampagne organisieren. Wohingegen der Gegner der Gebührenreform, der geldmächtige und populistische Schweizerischen Gewerbeverband, Millionen Franken in die Abstimmungskampagne investierte. Da war eine krasse Asymmetrie. Und: Eine Gebührenreform zu erklären, appelliert an die Ratio, eine Gebührenreform zu bekämpfen an die Emotionen. So war es fast ein kleines Wunder, dass wir die Abstimmung gewonnen haben. Für die SRG ist der Volksentscheid selbstverständlich auch eine Einladung zur Introspektion, so selbstkritisch wie selbstbewusst. Wir sind offen, stellen uns der Debatte und sind veränderungsbereit. Wir suchen Kooperationen mit privaten Medienhäusern. Für mich ist das Projekt mit Ringier und Swisscom eine besonders wichtige Kooperation, aber ganz gewiss keine ausschließliche.
In der Schweiz wird die Debatte über das öffentliche Radio und Fernsehen bis zum Ende des Jahrzehnts währen: Im Dezember 2015 wird die Eidgenössische Medienkommission, ein von der Regierung eingesetztes beratendes Gremium guter Fachleute unter dem Vorsitz des Publizistik-Wissenschaftlers Otfried Jarren, einen umfassenden Bericht über den Service public veröffentlichen. Mitte 2016 wird die Regierung, der Bundesrat, seinen Bericht vorlegen. Im zweiten Halbjahr 2016 und im ersten Halbjahr 2017 wird das Parlament darüber debattieren. Ende 2017 endet unser zehnjähriger Leistungsauftrag, es dürfte über den neuen heftig debattiert werden. 2018 werden die letzten Einzelheiten des neuen Gebührensystems geregelt – zwecks Einführung 2019. Dann ist die genaue Höhe der Gebühr zu bestimmen. Und derzeit läuft die Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative, die dem Staat jegliche öffentliche Finanzierung von Radio und Fernsehen verbieten möchte. Kommen 100 000 Unterschriften zusammen, müssen die Bürgerinnen und Bürger 2019 über unsere Existenz abstimmen.

medienpolitik.net: Sie sprachen die Kooperationen an, dass Sie sich weitere vorstellen können…

Roger de Weck: Wir haben eine Reihe pendenter Angebote an die Regionalsender, die meist in Verlegerhand sind: Sie können unsere Radionachrichten gegen ein vernünftiges Entgelt übernehmen, damit sie sich mit ihren knappen Mitteln auf den regionalen Journalismus konzentrieren können. Auch gab oder gibt es Pilotprojekte in der Deutschschweiz wie der französischen Schweiz, bei denen wir aktuelle Videos zur Verfügung stellen – gegen eine Beteiligung an den mit diesen Videos erzielten Werbeerlösen. Das Pilotprojekt mit Ringier hat gut funktioniert. Ein Pilotprojekt mit Tamedia, in der französischen Schweiz, scheint sich ebenfalls zu bewähren. Das ist eine zweite Kooperationsmöglichkeit. Eine dritte bietet sich in der Uhrenstadt Biel. Unsere Technologietochter SwissTXT ist bei Smart TV und anderen digitalen Dienstleistungen stark. Wir haben den Verlegern offeriert, sich am Kapital dieser Technologiefirma zu beteiligen: Wenn wir gemeinsame digitale Infrastrukturen betreiben, sparen wir Kosten.

medienpolitik.net: Sie sagten, dass junge Leute mit großer Zahl für das Referendum gestimmt haben. Kann ich daraus schlussfolgern, dass Sie, im Gegensatz zu Deutschland, keine Probleme mit dem sogenannten Generationenabriss haben?

Roger de Weck: Selbstverständlich haben wir in den Kanälen ein älteres Publikum. Aber in absoluten Zahlen immer noch mehr Jugendliche als die drei nächsten Wettbewerber zusammengenommen. Mit Sendungen, die speziell das jugendliche Publikum ansprechen, haben wir in der Zielgruppe viel Erfolg. Allerdings mit einer kleineren Quote, da es bei einer alternden Bevölkerung mehr Alte zu verlieren als Junge zu gewinnen gibt. Das ist eine heikle Balance. Aber es wäre selbstmörderisch, sich nicht auch auf die Jungen auszurichten. Wir würden den Anschluss an die nächste Generation verlieren. Einen Teil der Jugendlichen wollen wir über «Web only»-Angebote erreichen. So produzieren wir Serien nur für das Internet und strahlen diese nicht in den Kanälen aus. Unsere Krimi- und Kultserie «Der Bestatter», die der WDR übernommen hat, zeigen wir zunächst im Netz und erst danach im Kanal.

medienpolitik.net: Deutschland geht den Weg mit einem eigenen ARD/ZDF-Online-Jugendangebot…

Roger de Weck: Ich bin mir sicher, die deutschen Kollegen werden mit dem Onlineangebot für Jugendliche Erfolg haben. In einer Zeit, in der sich das Publikum fragmentiert, ist es unerlässlich, Spartenangebote zu stärken. Was uns von Google und Co. unterscheidet: Wir können wenigstens für die nächsten fünf Jahre Rundfunk und Internet anbieten. Google hat nur das Internet. Wir können unser Onlineangebot mit den Kanälen und unser Kanalangebot mit unserem Onlineangebot stärken. Die Interaktion zwischen beiden Vertriebswegen ist bis auf Weiteres ein Kernpunkt unserer Strategie.

medienpolitik.net: In vier Sprachen der Rundfunk – in vier Sprachen auch Online?

Roger de Weck: Ja, denn die Art und Weise, Radio, Fernsehen und Online in den vier Sprachregionen zu machen, ist grundverschieden. Eine Radiosendung in der französischen Schweiz oder in Frankreich hat rein gar nichts damit zu tun, wie man Radio in der Deutschschweiz oder in Deutschland macht, abgesehen von Deutschlandfunk. Von 6 bis 9 Uhr morgens wird durchwegs nur geredet, das ist die französische Tradition. Beim TV haben die einzelnen Sprachregionen eine ganz andere Ästhetik der Studios und Sets, ein anderes Storytelling und ganz andere Fernsehstars – den Superstar unseres französischsprachigen Fernsehens, Darius Rochebin, kennt praktisch kein Deutschschweizer.

medienpolitik.net: Wenn das deutsche Jugendangebot im nächsten Jahr startet, wird man es auch problemlos in der Schweiz empfangen können. Haben Sie Sorge, dass Ihnen über dieses öffentlich-rechtliche Angebot, das aus Deutschland kommt, Jugendliche verloren gehen? Es sehen ja auch viele Schweizer ARD und ZDF.

Roger de Weck: In Westeuropa gibt es vier Länder, die in ähnlicher Lage sind: Irland, Belgien, Österreich und die Schweiz. Das sind kleine Länder mit gleichsprachigen großen Nachbarn mit potenten Fernsehkanälen. Wir erfahren seit Jahrzehnten eine massive internationale Konkurrenz, die in der Schweiz knapp zwei Drittel Marktanteil hat. Bis jetzt haben wir uns gegen diese Konkurrenz ganz gut behauptet. Sie ist ein Stimulus. Größere Länder haben natürlich mehr Mittel. Das zwingt uns zu hoher Effizienz. Solche Konkurrenz belebt die Kreativität wie die Betriebswirtschaft.

medienpolitik.net: Wir haben in Deutschland gegenwärtig eine Diskussion über die Notwendigkeit von Werbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Aufgrund des höheren Rundfunkbeitrags könnte die Werbung reduziert werden, mit dem Argument der Qualitätsverbesserung. Nun haben Sie die Bedeutung der Werbung für die SRG betont. Eine Überlegung, Werbung abzuschaffen, existiert für Sie sicher nicht?

Roger de Weck: Sämtliche Radios und Onlineangebote der SRG sind werbefrei, abgesehen vom Sponsoring. Rund ein Viertel unseres Etats verdanken wir der TV-Werbung und sonstigen kommerziellen Einnahmen. Trotzdem sind wir knapp dran: Wir schaffen mit den vorhandenen Mitteln, verteilt über vier Sprachregionen, zu wenig originäre Produktionen – nur knapp 20 Prozent des Programms. Ohne Werbung würde sich der Anteil Eigenproduktionen noch verschlechtern. Große Kanäle unserer Nachbarländer haben einen höheren Anteil originäre Produktion. Bei einem Abbau der Werbeeinnahmen würde es noch schwerer, gegen die ausländische Konkurrenz mitzuhalten.

medienpolitik.net: Wenn die neue Haushaltsabgabe ab 2019 kommt, dann sind es höchstens 400 Franken (ca. 360 Euro) in der Schweiz und in Deutschland rund 210 Euro, die jährlich zu bezahlen sind. Gibt es bei diesen hohen Gebühren nicht auch von den Zuschauern die Forderung, auf Werbung zu verzichten?

Roger de Weck: In dieser Gebühr ist ein Teil eidgenössischer Solidarität enthalten. Wäre die Schweiz einsprachig, würde die Gebühr weniger als 250 Franken betragen. Die Differenz ist ein Beitrag zum Zusammenhalt der viersprachigen Eidgenossenschaft. 70 Prozent der Einnahmen kommen aus der Deutschschweiz, für das deutschsprachige Angebot werden aber bloß 45 Prozent verwendet. Die Differenz dient der Mitfinanzierung von gutem Radio und Fernsehen für die französische, italienische und rätoromanische Schweiz. Das ist das kostspielige Geheimnis der schweizerischen Stabilität, nämlich dass die Minderheiten nie zu kurz kommen. Und das ist breit akzeptiert. Würden wir die lateinischen Minderheiten unfair behandeln, hätten wir Verhältnisse wie in Belgien oder Spanien.

medienpolitik.net: Dennoch haben Sie die höchsten Gebühren in Europa…

Roger de Weck: Wir haben nur deshalb 7 Fernsehkanäle und 17 Radiosender, weil wir ein viersprachiges Land sind. Wäre die Schweiz nur deutschsprachig, gäbe es rund ein Drittel der Kanäle. Natürlich wünscht sich mancher ein werbefreies Fernsehen. Die Wirtschaft aber ist dagegen, weil wir die wichtigste nationale Werbeplattform bieten. Selbst unser kleiner kommerzieller Wettbewerber, der Fernsehkanal 3+, ist strikt gegen ein Werbeverbot für die SRG, weil die Gattung Fernsehwerbung massiv leiden würde. Ohnehin, gut die Hälfte der Gelder für Fernsehwerbung fließen zu den Schweizer Werbefenstern der deutschen und französischen privaten Kanäle: zu ProSieben, Sat.1, RTL & Co. Die würden sich die Hände reiben, wenn es ein Werbeverbot für die SRG gäbe. Es würde noch mehr Geld in ausländische Werbefenster fließen, die nicht in den Schweizer Journalismus und die Schweizer audiovisuelle Produktion investieren, sondern einen Großteil des Gelds nach Deutschland oder Frankreich abführen.

medienpolitik.net: Die SRG produziert mit ZDF und ORF einen Film über den Bau des Gotthardtunnels. Wie haben Sie das ZDF davon überzeugt, ein so rein schweizerisches Thema mitzufinanzieren?

Roger de Weck: Der Gotthard ist die Verbindung zwischen Nord und Süd. Der Bau war ein Signal für den Ausbau der Eisenbahnen in Europa. Er hat eine schweizerische und eine europäische Dimension. Mit dem Gotthardtunnel ging die Industrialisierung der Schweiz einher. Und die Schweizer Wirtschafts- und Erfolgsgeschichte ist ohne die Zuwanderer aus Deutschland nicht zu denken. Die berühmte Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, ETH, hatte zu ihrer Gründung 99 Prozent deutsche Professoren. Eine liberale Elite, die nach 1848 in die Schweiz flüchtete. Das Hautgebäude wurde von Gottfried Semper errichtet. Nestlé, der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern und unser größter Schweizer Konzern, gründete der Frankfurter Apotheker Heinrich Nestle. Die Gründer des Technologiekonzerns ABB waren der Brite Charles Brown und der Deutsche Walter Boveri. Den Grundstein für Tamedia, das größte private Medienhaus der Schweiz, legte der hugenottische Essener Zeitungsverleger Wilhelm Girardet. Hinter alledem steht sinnbildlich auch der Gotthard. Mit der Zuwanderung und dem Bau der Alpentunnel verwandelte sich die Schweiz von einem Auswanderungs- in ein Einwanderungsland. Norditaliener kamen in die Schweiz, um die Tunnel zu bauen. Und welcher Deutsche ist nicht schon einmal auf dem Weg nach Süden durch den Gotthardtunnel oder über den Gotthard gefahren?

medienpolitik.net: Können Sie sich trotz allgemeinen Sparzwangs vorstellen, weitere gemeinsame Projekte mit deutschen Sendern zu verwirklichen?

Roger de Weck: Wir machen vieles gemeinsam, und ich freue mich über die konstruktive und erfolgreiche Zusammenarbeit mit ARD und ZDF. Ich weiß die insgesamt generöse Haltung unserer viel größeren Partner zu schätzen. Wir haben zum Beispiel beim «Tatort» eine aus unserer Sicht wichtige Zusammenarbeit. Auch treffen wir uns regelmäßig auf verschiedenen Ebenen. ZDF, ARD, ORF und SRG betreiben 3Sat, das Gemeinschaftsprogramm des deutschen Sprachraums mit kulturellem Schwerpunkt. Wir haben mit dem Bayerischen Rundfunk, dem Südwest Rundfunk und dem Mitteldeutschen Rundfunk eine gemeinsame Tochtergesellschaft, die Telepool. Es gibt ein jährliches informelles Treffen von ARD, ZDF, ORF und SRG. Ich schätze dieses Zusammenspiel. Es ist freundschaftlich-kollegial und jedes Mal stimulierend. Mit Ihrer Frage gehe ich einig: Die finanziell härter werdenden Zeiten laden uns dazu ein, öfter noch das eine oder andere gemeinsam zu produzieren.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 10/2015 erstveröffentlicht.

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