Filmpolitik:

„Die Kinobetreiber haben die Chancen genutzt“

von am 16.11.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Filmpolitik:</h4>„Die Kinobetreiber haben die Chancen genutzt“
Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin

Arthouse- und Kleinkunstkinos gehören zu den Gewinnern der Kino-Digitalisierung

16.11.15 Interview mit Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin

„Das Kinosterben wurde gestoppt, eine irreversible Reduzierung von Kino- und Filmvielfalt wurde verhindert. Gewinner der Digitalisierung sind damit zuvorderst auch die Produzenten und Verleiher, die eine Auswertungschance im Kino für ihre Werke haben“, zieht Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzener der AG Kino seine Bilanz der Kinodigitalisierung in medienpolitik.net. Mit Blick auf die zweite Digitalisierungswelle fordert Bräuer hierfür erneut eine spezielle Förderung: „Natürlich erwirtschaften die Kinos, die die erste Generation nicht alleine hätte anschaffen können, nicht plötzlich einen hinreichenden Netto-Cashflow, um den nächsten Projektor zu kaufen. Im Sinne der Filmwirtschaft und der Kino- und Programmvielfalt werden daher neue Förderprogramme erforderlich sein.“

medienpolitik.net: Die Arthouse- und Programmkinos scheinen die eigentlichen Gewinner der Digitalisierung zu sein: Mehr Besucher, mehr Umsatz, mehr Abgabe an die FFA. Wovon haben „Ihre“ Kinos bei der Digitalisierung am meisten profitiert?

Dr. Christian Bräuer: Die Filmkunstkinobetreiber haben tatsächlich mit einer erstaunlichen Kreativität die Chancen der Digitalisierung genutzt. Es ist häufig einfacher, an Filme zu kommen, zudem gibt es eine breite Vielfalt an digitalem Content, der nunmehr gezeigt werden kann. Dies spielt unserer Stärke zu, als Intendanten ein maßgeschneidertes Programm für das jeweiliges Publikum zusammenzustellen – bei der Kreierung von Events, Filmfestivals oder -reihen ebenso wie im Schulkino und für zielgruppenspezifische Sonderveranstaltungen. Mit noch vielfältigeren Film- und Begleitprogrammen, oft verbunden mit einer Ausweitung von Spielzeiten zahlen sie die Förderung, ohne die diese Kinos die Digitalisierung nicht hätten stemmen können, jetzt im besten Sinne zurück. Am wichtigsten ist sicher: das Kinosterben wurde gestoppt, eine irreversible Reduzierung von Kino- und Filmvielfalt wurde verhindert. Gewinner der Digitalisierung sind damit zuvorderst auch die Produzenten und Verleiher, die eine Auswertungschance im Kino für ihre Werke haben.

medienpolitik.net: Spielen die Verleiher auch entsprechend mit? Bekommen die Programmkinos auch die Filme, die sie zeigen möchten?

Dr. Christian Bräuer: Generell hat sich die Belieferung sicherlich verbessert. Allerdings besteht kein Automatismus, es liegt immer noch an der spezifischen Wettbewerbssituation eines Kinos und der Vermarktungsstrategie des Verleihers, ob bzw. wann ein gewünschter Film eingesetzt werden kann. Wünschenswert wäre es daher, dass an die Produktions- und Verleihförderung eine angemessene Belieferung an zusatzkopienberechtigte Kinos in der Fläche zum Starttermin gebunden wird.

medienpolitik.net: Anscheinend ist es gelungen nahezu alle kleinen Kinos in die digitale Welt mitzunehmen. Im Vorfeld war aber oft von großen finanziellen Belastungen beim laufenden Betrieb durch höhere Strom- und Servicekosten die Rede und sogar von möglichen Insolvenzen? Wie meistern die kleineren Kinos die neuen wirtschaftlichen Belastungen?

Dr. Christian Bräuer: Dass es gelungen ist, in so kurzer Zeit nahezu den gesamten deutschen Kinopark zu digitalisieren, ist tatsächlich ein kleines Wunder, dass wir dem klugen konzertierten Förderprogramm von BKM, FFA und Ländern zu verdanken haben. Diese bot geraden den kleinen Betrieben sehr gute Startbedingungen. Gleichwohl mussten auch diese ihre Kostenstruktur überprüfen. Dazu haben wir zum Beispiel Rahmendeals mit Energielieferanten. Im Kontrast zu größeren Einheiten ist hingegen eine Reduzierung der Personalkosten in kleinen Kinos nicht möglich gewesen, da ein Grundstock an Mitarbeitern für die gewachsenen Servicebedürfnisse des Publikums erforderlich ist. Zuvorderst steht daher im Fokus, die Chancen der neuen Technik zu nutzen, um mehr Publikum zu erreichen. Überdies war es natürlich erforderlich, auch die Eintrittspreise anzupassen. In Anbetracht der höheren Qualität von Bild und Ton wurde dies vom Publikum auch akzeptiert.

medienpolitik.net: Wo besteht weiterhin Investitionsbedarf?

Dr. Christian Bräuer: Eine hervorragende Projektion reicht natürlich nicht, wenn das Drumherum nicht stimmt. Um die Digitalisierung finanzieren können, mussten viele Kinos erforderliche Investitionen zurückstellen. Diesen Modernisierungsstau gilt es nun abzubauen. Zugleich sind die Erwartungen des Publikums an die Ausstattung und Atmosphäre gestiegen, dies zeigt die große Beliebtheit, die ebenso gut gepflegte traditionelle Kinodenkmäler wie die beeindruckende Vielfalt der stilvoll gestalteten neuen Luxuskinos und Salonsäle beim Publikum genießen. Hier muss ebenso investiert werden wie in die Ausweitung des lokalen Marketings – denn wenn es gelingt, Qualität und Wahrnehmung des Kinos zu steigern, ist das Fundament für die Zukunft des Kinos gelegt.

medienpolitik.net: Nun ist von einer zweiten Digitalisierungswelle mit Laser-Projektoren die Rede. Betrifft diese Vision nur die sogenannten Marktkinos, die größeren Ketten? Oder sind Laser-Projektoren auch der Traum der Programmkino-Betreiber?

Dr. Christian Bräuer: Im Moment sind wir froh, dass die Digitalisierung gestemmt wurde. Auch wenn die Lasertechnik niedrigere Betriebskosten und eine höhere Betriebseffizienz verspricht, ließe sich eine Erneuerung nicht finanzieren. Allerdings ist uns bewusst, dass der Druck der Industrie zur nächsten Generation nicht lange auf sich warten lassen wird. Zudem wissen wir noch immer nicht, wie lange die erste Generation der Digitalprojektoren einsetzbar sind. Schon jetzt haben wir immer wieder technische Ausfälle und Reparaturen.

medienpolitik.net: Bedeuten neue Technikinvestitionen auch ein neues Förderprogramm von FFA, Bund und Ländern?

Dr. Christian Bräuer: Wir dürfen uns doch nichts vormachen: Natürlich erwirtschaften die Kinos, die die erste Generation nicht alleine hätte anschaffen können, nicht plötzlich einen hinreichenden Netto-Cashflow, um den nächsten Projektor zu kaufen. Im Sinne der Filmwirtschaft und der Kino- und Programmvielfalt werden daher neue Förderprogramme erforderlich sein. Es wird sicher nicht einfach, dies zu organisieren, hilfreich und nachhaltig wäre es von daher, wenn auf Bundes- wie Länderebene Modernisierungsmaßnahmen verstetigt würden. Der FFF Bayern ist diesbezüglich ja schon Vorreiter.

medienpolitik.net: Die EU zieht einen Förderbonus für Partnerschaften von Kinos und VoD – Plattformen in Erwägung. Ausgangspunkt ist der Versuch, so mehr Zuschauer für geförderte europäische Filme zu erreichen. Sie kritisieren das. Warum?

Dr. Christian Bräuer: Ausgangspunkt unserer Kritik ist nicht der VoD-Bonus an sich, sondern die Verknüpfung von VoD mit Day-and-Date. Kinos sind teuer im Unterhalt, sie brauchen die Exklusivität, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Die diesbezüglichen Initiativen der Kommission der vergangenen Jahre sind doch Unsinn, die Auftragsgutachten pure Geldverschwendung. Niemand käme auf die Idee, die Förderung einer Video-on-Demand-Plattform daran zu knüpfen, dass diese auch Kinotickets vertreibt. Der europäische Film braucht das Kino – mehr denn je. Denn ein Start im Kino ist für jeden gutgemachten Film noch immer das beste, um diesen zur Sichtbarkeit und Erfolg auch in den weiteren Auswertungsstufen zu verhelfen. Im Internet dominieren doch Mainstream und US-Content noch viel stärker als im Kino. Von daher brauchen wir viele Kinos, die dem kontinentalen Film eine breite Fläche geben. Und dafür sowie für dessen Bewerbung brauchen die Kinos Förderung. Ich denke, dies ist angekommen und ich bin zuversichtlich, dass der Bonus bald der Vergangenheit angehört.

medienpolitik.net: Was ist angesichts der zunehmenden Bedeutung der VoD-Plattformen – auch für die Produzenten – falsch am „Day-and-Date- Release“?

Dr. Christian Bräuer: Day-and-Date-Releases gefährden die Kinos, würde sich dies durchsetzen oder das Kinofenster beschnitten, wären rasch viele Kinos, die mit hohen staatlichen Mitteln digitalisiert wurden, in ihrer Existenz bedroht. Das wäre nicht nur ein Verlust für die kulturelle Vielfalt, sondern auch für die Filmwirtschaft insgesamt, da Leinwände wegfielen. Ganz abgesehen davon, dass bezahlte Online-Angebote erheblich niedrigere Margen abwerfen, ist es doch naiv davon auszugehen, dass das bisherige Kinopublikum auf diese ausweichen würde. Ganz hart würde dies all diese Filme treffen, die nicht zu den Besuchermillionären zielen. Güter knapp zu halten und Verwertungskaskaden zu bilden, sind zudem ganz klassisches ökonomische Prinzipien, die relevante Preise und eine Mehrfachauswertung ermöglichen.

medienpolitik.net: Aber wie lange können die Kinos den Wandel in der Mediennutzung vor allem bei Jüngeren ignorieren?

Dr. Christian Bräuer: Niemand kann und will den Wandel der Mediennutzung ignorieren. Die Frage ist vielmehr, welchen Stellenwert das Kino kulturell wie filmwirtschaftlich auch im digitalen Zeitalter hat und haben soll. Beim Kinofenster sprechen wir von einer sehr kurzen Periode, danach sind die Filme ja online verfügbar. Die eigentliche Herausforderung der webbasierten Videoangebote ist doch nicht das Kinofenster, es ist der illegale Filmkonsum, der einen größeren Erfolg verhindert.
Zugleich dürfen wir – gesellschaftlich wie wirtschaftlich – den Fokus nicht allein auf die Online-Welt richten. Auch die jüngere Generation ist nicht permanent vor dem Smartphone, geht aus, schätzt das Kino, wie die GfK-Studie über diese Zielgruppe, aber auch der große Erfolg von Filmen in diesem Jahr zeigt. „Victoria“ zum Beispiel bei uns im Arthouse. Es ist also auch eine Frage des Contents. Wir brauchen mehr Filme, die dieses Publikum auch anspricht.

medienpolitik.net: Die aktuelle Markt-Studie der FFA geht von rückläufigen Ausgaben der Bevölkerung für Kinobesuche bis 2021 von 10 Prozent aus. Worauf ist dieser Rückgang vor allem zurückzuführen? Nur auf VoD?

Dr. Christian Bräuer: Noch ist dies nur eine Prognose. Diese berücksichtigt den demographischen Wandel und die Bevölkerungsentwicklung ebenso wie die antizipierte Änderung in der Mediennutzung.

medienpolitik.net: Aber angenommen, es käme so, welche Konsequenzen hätte das für die kleineren Kinos?

Dr. Christian Bräuer: Einen Umsatzeinbruch von 10 % steckt keine Branche so einfach weg. Realisiert sich diese Prognose, würde dies natürlich viele Kinos existenziell bedrohen – gerade auch außerhalb der wenigen Wachstumszentren, wo die Bevölkerungsmigration zusätzlich Spuren hinterlässt. Der demographische Wandel sowie die mit der neuen Generation der Smart TVs prognostizierte Stärkung ist eine riesige Herausforderung für die gesamte Branche. Von daher gilt es umso mehr alles daranzusetzen, mit guten Filmen, zusätzlichen Angeboten und attraktiven Spielstätten die Lust aufs Kino zu stärken. Den Filmkunstkinos kommt dabei der demographische Wandel mit einer älter werdenden, aber agilen Bevölkerung entgegen.

medienpolitik.net: Ließe sich dieser Rückgang durch andere Einnahmen, z.B. für Speisen und Getränke, ausgleichen? Wie können die Programmkinos ansonsten gegensteuern?

Dr. Christian Bräuer: Natürlich zählen gastronomische Angebote, zum wichtigen Ertragspfeiler. Hier erweitern und verbessern viele Kinos ihr Angebot. Allerdings haben nur wenige Kinos die Lage und die Fläche, losgelöst vom Kinobesuch Publikum anzuziehen. Von daher geht es darum, passende Programmangebote für die jeweilig vorhandenen Publikumsgruppen zu entwickeln. Sonderveranstaltungen werden dabei im Kontext der zunehmenden Eventorientierung in der Gesellschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Es ist eine große Herausforderung, dies in einem „Alltagskulturbetrieb“ wirtschaftlich darzustellen. Darüber hinaus muss das Marketing noch stärker darauf hin ausgerichtet werden, dass die Menschen, die an sich gern, aber nicht permanent ins Kino gehen, unsere Programmangebote auch mitbekommen und so einfach wie möglich den Weg zu uns finden.

medienpolitik.net: 47 Prozent der Einnahmen der FFA stammten 2014 von den Kinos. 11 % der Fördermittel werden nur für die Filmabspielförderung vergeben. Ist diese Relation für Sie so o.k.?

Dr. Christian Bräuer: Ganz eindeutig haben wir hier eine Schieflage. In Deutschland und Europa werden von Jahr zu Jahr mehr Filme produziert ohne die Infrastruktur im Kino in gleicherweise mitzuentwickeln. Kinoförderung ist die zweite Säule einer nachhaltigen Filmförderung. Hierauf weist auch die Europäische Kommission in ihrem Bericht zum Kino im digitalen Zeitalter zurecht hin. Ebenso wie das Kinonetzwerk Europa Cinemas auf europäischer Ebene ist die Referenzkinoförderung der FFA ein elementarer Anreiz und eine wichtige Unterstützung, dass die hier produzierten Filme auch in schönen Kinos eingesetzt und beworben werden können. Diese Förderung sollte ebenso ausgebaut werden wie die Projektkinoförderung, die den Kinos hilft, die erforderlichen Modernisierungen zu finanzieren.

medienpolitik.net: Wie sollten bei der Novellierung des FFG die Abgaben künftig „verteilt“ werden?

Dr. Christian Bräuer: Angesichts der bestehenden Herausforderungen wäre ein Fördermittelanteil von mindestens 18 % für die Kinos angemessen. Nicht übersehen werden sollte dabei die Nachhaltigkeit der Kinoförderung: je attraktiver die Kinos, desto höher der Kinobesuch damit das künftige Förderbudget der FFA.
Gestärkt werden muss zudem die Stoffentwicklung. Denn wir haben zu viele Filme gehen, die am Publikum vorbeigehen und auch kulturell dem Film nichts Neues hinzufügen. Ziel muss es sein diejenigen, die Wagemut und wirkliches Talent haben, vernünftig zu fördern. Wir müssen uns auch in qualitativer Hinsicht ambitionierte Ziele setzen, damit der deutsche Film auch international regelmäßig in der Spitze mitspielt und wir brauchen überraschende Filme, die auch jenseits und gegen den Mainstream Publikum finden und begeistern. Hierfür brauchen wir sicher unverändert eine starke, aus meiner Sicht sogar gestärkt Projektfilmförderung.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 11/2015 erstveröffentlicht.

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