Medienpolitik:

„Meinungsvielfalt soll erhalten werden“

von am 19.11.2015 in Allgemein, Interviews, Journalismus, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienkompetenz, Verlage

<h4>Medienpolitik:</h4>„Meinungsvielfalt soll erhalten werden“
Prof. Dr. Michael Göring, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Deutscher Stiftungen und Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

Stiftungen wollen stärker den Qualitätsjournalismus unterstützen

19.11.15 Interview mit Prof. Dr. Michael Göring, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Deutscher Stiftungen und Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius

26 Stiftungen und Vereine haben einen Aufruf zum Engagement von Stiftungen für Qualitätsjournalismus verabschiedet. Damit wollen sie die Debatte um Qualitätsjournalismus und Meinungsvielfalt weiter voranbringen und andere Stiftungen motivieren, sich zu beteiligen. Vor allem auf vier Feldern sollen sich Stiftungen für Qualitätsjournalismus engagieren: Journalisten- und Journalismusförderung, journalistische Glaubwürdigkeit, Addressierung von Vertrauensmängeln und Erhöhung der Wertschätzung für journalistische Inhalte sowie Forschung und Bedarfsanalyse. Rund 21.000 Stiftungen gibt es laut Bundesverband Deutscher Stiftungen derzeit in Deutschland; der ganz überwiegende Teil ist gemeinnützig. Etwa 120 haben einen direkten oder indirekten Bezug zur Journalismusförderung.

medienpolitik.net: Herr Göring, 27 Stiftungen und Vereine haben einen Aufruf zum Engagement von Stiftungen für Qualitätsjournalismus verabschiedet. Was war der Anlass?

Prof. Dr. Michael Göring: Die unterzeichnenden Stiftungen haben die Umbrüche im Journalismus und die verschlechterten Arbeitsbedingungen vieler Journalistinnen und Journalisten bereits seit einiger Zeit mit Sorge betrachtet. Seit anderthalb Jahren tauschen sie sich regelmäßig im Bundesverband Deutscher dazu aus. Im Ergebnis konnten die Stiftungen in der letzten Sitzung zeigen: Wir, die Stiftungen, wollen dazu beitragen, Meinungsvielfalt zu erhalten.

medienpolitik.net: Warum erst jetzt? Über die Sicherung des Qualitätsjournalismus wird doch schon seit Jahren diskutiert?

Prof. Dr. Michael Göring: Die Diskussion braucht es auch. Erst recht, wenn man eine wirkungsvolle gemeinsame Handlungsplattform schaffen möchte. Wir sind sehr froh, dass die beteiligten Stiftungen intensiv kooperieren, indem sie ihre Aktivitäten gebündelt sichtbar machen und – ganz wichtig – aktiv den Dialog mit anderen Akteuren aus den Verlagen, Verbänden und der Wissenschaft suchen.

medienpolitik.net: Viele Verlage haben aufgrund der Transformation der Medien wirtschaftliche Probleme, den hohen Qualitätsstandart zu sichern. Was können hier unmittelbar Stiftungen leisten?

Prof. Dr. Michael Göring: Es geht uns nicht darum, erodierende Geschäftsmodelle der Verlage zu finanzieren. Die Lösung für wegbrechende Einnahmen und die damit verbundenen Probleme, den hohen Qualitätsstandard zu sichern, müssen die Verlage immer noch selbst finden.

medienpolitik.net: Etwa 120 Stiftungen haben einen direkten oder indirekten Bezug zur Journalismusförderung. Was wird hier vor allem gefördert?

Prof. Dr. Michael Göring: Die Spannbreite dieser 120 Stiftungen ist groß: Vom Journalistenpreis über die Versorgung von Journalisten in wirtschaftlich schwieriger Lage bis hin zur Förderung der digitalen Medienkompetenz. Es sind im Übrigen nicht nur fördernd tätige Stiftungen, sondern auch operativ tätige Stiftungen, d.h. Stiftungen, die zum Beispiel selbst Studien initiieren etc.

medienpolitik.net: Kann man Ihren Aufruf auch so verstehen, dass Sie sich wünschen, dass mehr Stiftungen – wie z.B. in NRW – gegründet werden, die den Journalismus fördern?

Prof. Dr. Michael Göring: Unser Ziel ist, mehr Stiftungen – bereits bestehende oder neu zu gründende – zum Engagement für Qualitätsjournalismus zu bewegen. Von der LfM-Stiftung Vielfalt und Partizipation, ihrem Gründungsprozess und den damit verbundenen Debatten lassen sich viele Dinge lernen und ableiten. Welche Förderungen – wie hier beispielsweise Aus- und Weiterbildung, Best Practice sichtbar machen, Innovationen initiieren – passen zu Stiftungen, sind also Ergänzung, aber nicht Substitut in der Medienlandschaft?

medienpolitik.net: Verschiedene Verleger haben auf die Gründung der LfM-Stiftung Vielfalt und Partizipation ablehnend reagiert. Wie kann bei einer Journalismus-Stiftung die staatliche und politische Unabhängigkeit sichergestellt werden?

Prof. Dr. Michael Göring: Politische Unabhängigkeit lässt sich vor allem durch neutrale Gremien herstellen. Auch Transparenz ist wichtig – auf Seiten der fördernden oder operativ tätigen Stiftung wie auch der geförderten Projekte und Initiativen: Wer gibt wie viel Geld wohin und wofür?

medienpolitik.net: In anderen Ländern, wie den USA, spielen Stiftungen für die Entwicklung des Journalismus eine größere Rolle als in Deutschland. Wo liegen die Ursachen?

Prof. Dr. Michael Göring: Zum Ersten: Die Summen, die nordamerikanische Stiftungen zur Verfügung stehen, sind in Deutschland nicht im Spiel. Zum Zweiten: In den USA gibt es eine viel stärkere Tradition, bestimmte Bereiche philanthropisch zu unterstützen, die in Deutschland ganz stark der öffentlichen bzw. auch der wirtschaftlichen Sphäre zuzuordnen sind.

medienpolitik.net: Würde sich in Deutschland etwas ändern, wenn die Förderung des Journalismus als eigenständiger gemeinnütziger Zweck anerkannt wird?

Prof. Dr. Michael Göring: Viele gemeinnützige journalistische Initiativen der jüngeren Zeit funktionieren bereits schon über die Abgabenordnungszwecke Bildung oder Völkerverständigung, da braucht es keinen eigenständigen Zweck für Journalismus. Hinzu kommt, dass die Gemeinnützigkeit nicht immer die beste Wahl ist. Die Gemeinnützigkeit bringt ja nicht nur Vorteile mit sich, sondern setzt den gemeinnützigen Organisationen auch enge Grenzen, weshalb es auch Organisationen gibt, die die Gemeinnützigkeit gerade nicht anstreben.

medienpolitik.net: Sie sind auch Vorstandsvorsitzender des der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Was leistet Ihre Stiftung für den Journalismus?

Prof. Dr. Michael Göring: Der Verleger Gerd Bucerius ist mit seinem Anspruch an unabhängigen Journalismus selbstverständlich noch heute in vielen Projekten und Programmen der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius präsent. Regional sind wir mit unseren Journalistenprogrammen vor allem in Osteuropa verankert. Hierzu zählen der seit 2000 jährlich vergebene Gerd Bucerius-Förderpreis Freie Presse Osteuropas, das Marion Dönhoff-Stipendium oder die Akademie Digital Journalism for Eastern Europe. Daneben engagieren wir uns in Presseforschung und fördern Journalismusstipendien und -programme anderer Stiftungen und Organisationen in Deutschland.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 11/2015 erstveröffentlicht.

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