Rundfunk:

„Das ist ein ständiger kreativer Prozess“

von am 30.11.2015 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Das ist ein ständiger kreativer Prozess“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF will in Deutschland kreative Standards im TV setzen

30.11.15 Interview mit Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Thomas Bellut ist kürzlich mit großer Mehrheit vom ZDF-Fernsehrat für fünf weitere Jahre zum ZDF-Intendanten gewählt worden. In einem medienpolitik.net-Gespräch erläutert der ZDF-Intendant die Herausforderungen an seinen Sender. Das ZDF will in zwei Bereichen führend sein: Bei der Information und dem Unterhaltungsprogramm. „In der Flut von oftmals fragwürdigen Informationsquellen im Netz braucht es verlässliche öffentlich-rechtliche Angebote, die Orientierung und Einordnung liefern. Wenn die Glaubwürdigkeit der Medien zunehmend in Frage gestellt wird, ist das für uns eine Herausforderung.“ Zugleich will das ZDF mit den Programminhalten „kreative Standards im TV setzen.“ Bellut informierte darüber, dass die ZDF- Mediathek im nächsten Jahr gründlich überholt und noch stärker an den Nutzergewohnheiten ausgerichtet werde.

medienpolitik.net: Herr Bellut, Sie sind als Intendant für eine zweite Amtszeit bis 2022 bestätigt worden. Was sind für Sie die wichtigsten Ziele für die nächsten Jahre?

Thomas Bellut: An erster Stelle steht für mich immer das Programm. Da sind wir ganz gut aufgestellt, das ZDF ist schon seit vier Jahren Marktführer im deutschen Fernsehen. Wir kommen beim Publikum also gut an mit unseren Angeboten. Gleichzeitig wissen wir, dass die Medienwelt sich verändert. Viele Menschen nutzen Medien anders. Bei den ganz Jungen ist das radikal, aber auch viele ältere Zuschauer ändern ihr Verhalten. Darauf stellen wir uns ein. Wichtig ist mir dabei, dass wir zugleich die publizistische Rolle des ZDF stärken. Wir bieten in großem Umfang unabhängige und zuverlässige Information. In der Flut von oftmals fragwürdigen Informationsquellen im Netz braucht es verlässliche öffentlich-rechtliche Angebote, die Orientierung und Einordnung liefern. Wenn die Glaubwürdigkeit der Medien zunehmend in Frage gestellt wird, ist das für uns eine Herausforderung.

medienpolitik.net: Sie hatten unmittelbar nach Ihrer Wahl gesagt, das ZDF soll „die prägende nationale Anstalt in Deutschland“ werden. Was soll das ZDF prägen?

Thomas Bellut: Habe ich wirklich Anstalt gesagt?

medienpolitik.net:…so wurden Sie zitiert…

Thomas Bellut: Nein, im Ernst: Ich will, dass wir vor allem in zwei Bereichen führend sind: Der eine ist die journalistische und publizistische Kernkompetenz von der ich gerade sprach. Es wird – weltweit – immer schwerer, Qualitätsjournalismus am Markt zu finanzieren. Die Presse ist in einer Krise – die sie hoffentlich übersteht. Da wird unsere gesellschaftliche Verantwortung wichtiger. Freie Meinungsbildung und glaubwürdige Information sind tragende Säulen unserer demokratischen Kultur. Die zweite Dimension betrifft das Programm. Ich will, dass wir in Deutschland kreative Standards im TV setzen.

medienpolitik.net: Was bedeutet das für das Programm des ZDF?

Thomas Bellut: Das betrifft die Qualität im Fiktionalen, in der Unterhaltung, der Sportberichterstattung, den großen Dokumentationen bis hin zur Aktualität. Wir werden nicht aufhören, weiter an der Qualität zu arbeiten. Was ich damit meine, kann ich Ihnen am Beispiel des Genres Comedy erläutern. In dem Feld hatten wir Jahrzehnte lang nichts zu bieten. Wir haben das in den letzten sechs, sieben Jahren Schritt für Schritt gedreht. Nach langer Entwicklungsarbeit haben wir an der „heute Show“ – auf einem damals noch sehr schwierigen Sendeplatz und obwohl die Quoten lange sehr mau waren – festgehalten. Die Redaktion hatte mein Vertrauen und genügend Zeit, das Format zu testen und weiter zu entwickeln. Wir haben auch an anderen Stellen viel Neues ausprobiert, eine ganze Menge Flops waren auch dabei. Aber insgesamt haben wir heute reichlich Humor im Angebot – ich nenne mal die „Anstalt“, das „Neo Magazin Royale“, „Sketch-History“ oder auch die Sitcom „Lerchenberg“. Ich könnte Ihnen diese Entwicklungsarbeit auch an den Genres Fernsehfilm, Serie, Nachrichten, Wissenschaft oder anderen beschreiben. Das ist ein ständiger kreativer Prozess. Er braucht gute Redaktionen und gute Produzenten, die gefordert und gepflegt werden müssen. Das tun wir.

medienpolitik.net: Woraus ergibt sich die Notwendigkeit, auch 2022 noch über zwei öffentlich-rechtliche Systeme zu verfügen?

Thomas Bellut: Dass wir hier in Deutschland die reichhaltigste Medien-Landschaft weltweit haben, liegt in großem Maß an den öffentlich-rechtlichen Sendern. Das zwingt alle Anbieter in einen ständigen Qualitätswettbewerb, von dem am Ende das Publikum profitiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland gute Gründe hat und weiter gut daran tut, bundesweit und in den Ländern, vielfältige und unabhängige öffentlich-rechtliche Medienangebote zu ermöglichen.

medienpolitik.net: Ab 2016 wird die ZDF-Gruppe mit insgesamt acht Angeboten neu formiert. Kann man weiterhin davon sprechen, dass das klassische ZDF-Programm, das Hauptprogramm ist oder setzen Sie stärker auf Synergien?

Thomas Bellut: Im Kern sind es vier: Hauptprogramm, ZDFneo, ZDFinfo und die Mediathek. Unverändert gibt es die Partnerprogramme 3sat, Arte, KiKA, Phoenix. ZDFkultur fällt weg, dafür kommt das Jugendangebot mit der ARD. Letzteres ist die einzige Neuformierung, wenn Sie so wollen. Im Zentrum – und darauf zielt ja Ihre Frage – steht weiterhin das Hauptprogramm. Allen Unkenrufen zum Trotz: Das klassische lineare Fernsehen lebt und ist stark. Der TV-Konsum erreicht Spitzenwerte. Der TV-Werbemarkt boomt – zur Freude der privaten Veranstalter. Klar ist aber auch, unsere Digitalkanäle ZDFneo und ZDFinfo kommen beim Publikum sehr gut an. Durch sie haben wir wieder mehr jüngere Zuschauer. Und, ganz klar, Video on Demand, mobile Nutzung, Social Media werden für die Verbreitung unsere Inhalte immer wichtiger.

medienpolitik.net: Die Mediennutzung ändert sich weiter, Sie deuteten es eben an, VoD-Plattformen spielen bei der Bewegtbildnutzung eine immer größere Rolle. Wie wollen Sie sich gegen die Konkurrenz dieser Plattformen behaupten?

Thomas Bellut: Indem wir unsere Inhalte auch dort verfügbar machen. Unsere linearen Programmangebote kann man auch über Angebote wie Zattoo und Magine im Netz sehen. Die ZDF-Mediathek ist auch auf Drittplattformen wie T-Entertain oder auf aktuellen Endgeräten wie der Apple-TV-Box abrufbar. Unsere Mediathek wird im nächsten Jahr gründlich überholt, noch stärker an den Nutzergewohnheiten ausgerichtet. Das gilt auch für die Einbindung in die sozialen Netzwerke.

medienpolitik.net: Sie haben in diesem Jahr mit heute+ und heutexpress zwei neue Sendungen gestartet um mehr Jugendliche mit ZDF-News zu erreichen. Wie sieht hier Ihre Strategie für die nächsten Jahre aus, unabhängig vom neuen Jugendangebot, damit mehr Jugendliche Ihre Angebote nutzen?

Thomas Bellut: Das Jugendangebot ist auch deshalb für uns wichtig, weil wir dort unabhängig vom linearen Fernsehen agieren können. Wir können direkt mit der ganz jungen Zielgruppe und ihren Protagonisten interagieren. Daneben werden wir unser reguläres Programm weiter kontinuierlich modernisieren. Die Betonung liegt auf kontinuierlich. So wichtig die ganz Jungen für die Zukunft sind – wir machen ein Programm für alle, und das übrigens in einer älter werdenden Gesellschaft.

medienpolitik.net: In diesem Jahr haben sich die Länder über einen neuen ZDF-Staatsvertrag verständigt, der eine größere Staatsferne sichern soll. Sie hatten 2013 gesagt: „Ich kann aus meiner bisherigen Amtszeit sagen, dass die Unabhängigkeit der Programmverantwortung gewahrt ist“. Welche Bedeutung hat dann der novellierte Staatsvertrag für das ZDF?

Thomas Bellut: Er reduziert die Zahl der Mitglieder im Verwaltungsrat und Fernsehrat des ZDF. Außerdem verändert er die Zusammensetzung und stärkt das Gewicht von Vertretern nicht staatsnaher Gruppen im Fernsehrat. Es bleibt aber dabei, dass die Kontrolle durch Menschen erfolgt, die für die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft stehen.

medienpolitik.net: Das Verfassungsgericht hat 2014 die große gesellschaftliche Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks betont, die Länder haben in diesem Jahr die Reform des Rundfunkbeitrages und damit eine verfassungsmäßige Finanzierung bestätigt. Bedeutet das für die nächsten Jahre die notwenige Sicherheit, um sich voll auf das Programm konzentrieren zu können?

Thomas Bellut: Die gesicherte Finanzierung ist ein großes Privileg. Mit dem Rundfunkbeitrag ist gleichzeitig auch eine größere Beitragsgerechtigkeit erreicht worden. Dadurch erst gab es den Spielraum für eine Senkung des Rundfunkbeitrages. Auch wenn wir in großem Umfang Personal abbauen müssen und hin und wieder klagen, dass es schon lange keine Anpassungen mehr gegeben hat – ich sehe, wie schwer es heute Zeitungen und Zeitschriften auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen haben. Deshalb haben wir wie schon beim Ausbau der Digitalkanäle vor einigen Jahren angeboten, das junge Angebot durch Einsparungen zu finanzieren.

medienpolitik.net: Haben Sie sich inzwischen mit dem Vorschlag der Länder über ein reines Online-Angebot angefreundet?

Thomas Bellut: Damit habe ich nicht gehadert. Das ist eine absolut richtige Entscheidung. Das ZDF muss aber auf Vorgabe der KEF bis 2020 rund 10 Prozent der Beschäftigten abbauen. Ich musste deshalb darauf hinweisen, dass wir zwar kein zusätzliches Geld, aber die Zustimmung der KEF für die Beschäftigung des nötigen Personals brauchen.

medienpolitik.net: Der Staatsvertrag räumt dem neuen Angebot online viele Möglichkeiten ein, die die anderen ZDF-Kanäle nicht haben. Welche positiven Effekte hätte es für das ZDF, wenn das das Modell für die Online-Angebote insgesamt wäre? Fordern Sie eine Novellierung des 12. RÄStV?

Thomas Bellut: Es geht allein um das neue Angebot für Jugendliche und junge Zuschauer. Es ist eine kluge Entscheidung der Länder, dem Jugendangebot einen großen Spielraum im Netz zu belassen. Wenn wir dort junge Menschen erreichen wollen, müssen wir mit unseren Inhalten dorthin gehen, wo sie sich medial bewegen. Dazu braucht es große Flexibilität und sehr viel Spielraum.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe Nr. 12/2015.

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