Rundfunk:

„Ich sehe keinen Ausnahmezustand für Journalisten“

von am 23.11.2015 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Ich sehe keinen Ausnahmezustand für Journalisten“
Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, Hamburg I © NDR/Thorsten Jander

Mehr als jeder zehnte Bundesbürger informiert sich allabendlich bei der „Tagesschau“

23.11.15 Interview mit Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, Hamburg

Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den „Stern“ stimmen 44 Prozent der Deutschen mehr oder weniger der Einschätzung der „Lügenpresse“ zu, nach der die Medien in Deutschland „von ganz oben gesteuert“ würden und deshalb „geschönte und unzutreffende Meldungen“ verbreiteten. In einem medienpolitik.net-Interview setzt sich der Chefredakteur der „Tagesschau“ Dr. Kai, Gniffke mit dieser Meinung auseinander. Nach seiner Auffassung müsse man „das kritische Feedback sehr ernst nehmen“ und die „Arbeit ordentlich“ machen. „Angesichts der Flut von Informationen ungeklärter Herkunft in der digitalen Welt braucht es mehr denn je so etwas wie einen Kompass, einen Nachrichtenanbieter, dem man vertrauen kann“, betont Gniffke.

medienpolitik.net: Herr Gniffke, nach einer aktuellen Umfrage des „Stern“ stimmen 44 Prozent der Deutschen „mehr oder weniger der kritischen Einschätzung zu, nach der die Medien in Deutschland „von ganz oben gesteuert“ würden und deshalb „geschönte und unzutreffende Meldungen“ verbreiteten. Macht Sie das betroffen?

Dr. Kai Gniffke: Ich tue mich schwer, wenn es heißt „die Medien“. Das erscheint mir zu global, denn sicher unterscheiden die Menschen zwischen verschiedenen Medien, denen sie vertrauen oder nicht. Ungeachtet dessen müssen wir das kritische Feedback sehr ernst nehmen. Dabei können wir Hinweisen eher nachgehen, wenn sie sich auf konkrete Berichte beziehen und nicht nur globale Befunde enthalten. Aber eines kann ich mit Bestimmtheit sagen: Es redet uns niemand in unsere Berichterstattung hinein.

medienpolitik.net: Vergleicht man das mit ähnlichen früheren Umfragen, nimmt dieses Meinungsbild zu. Woher kommt das?

Dr. Kai Gniffke: Ich glaube, das hat sehr viel mit den Möglichkeiten der Meinungsbildung im Netz zu tun. Das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten sich zu informieren und dabei die Quellen herauszufiltern, die eigene Urteile oder Vorurteile bestätigen. Daraus können dann Gruppen von Gleichgesinnten entstehen, die sich in der Ablehnung bestimmter Medien immer weiter bestärken.

medienpolitik.net: Was können und müssen Medien wie die „Tagesschau“ leisten, um diesen Vorwurf zu entkräften?

Dr. Kai Gniffke: Wir müssen unsere Arbeit ordentlich machen. Das bedeutet vor allem solide Recherche und eine unvoreingenommene Berichterstattung, bei der wir stets unsere Quellen deutlich machen. Wir müssen sagen, was wir wissen, aber auch deutlich machen, was wir nicht wissen.

medienpolitik.net: Befinden sich nicht nur zahlreiche Kommunen im Ausnahmezustand, sondern auch der Journalismus angesichts der hunderttausende Flüchtlinge und der damit verbundenen Herausforderungen für die Gesellschaft?

Dr. Kai Gniffke: Ich sehe keinen Ausnahmezustand für Journalisten. Es bleibt unser Job, sorgfältig zu berichten. Das ist nicht einfach, wenn man so eine große Zahl von Menschen in einer bemitleidenswerten Lage sieht. Aber wir müssen unparteiisch bleiben. Wir sind ebenso wenig für oder gegen Flüchtlinge, wie diese Menschen per se gut oder schlecht sind. Natürlich bedeutet die derzeitige Flüchtlingsbewegung eine riesige Herausforderung. Aber nüchtern betrachtet, waren die Gefahren für Politik, Ökonomie und Gesellschaft während der Finanzkrise 2008 deutlich größer.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie angesichts der Flüchtlingswelle die Aufgabe der „Tagesschau“?

Dr. Kai Gniffke: Wir müssen jeden Tag zeigen, wie die Situation in Europa und speziell in Deutschland ist. Dazu müssen wir recherchieren, wie viele Menschen aus welchem Land aus welchen Gründen zu uns kommen. Zugleich ist es unsere Aufgabe zu zeigen, wie Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit dieser Herausforderung umgehen. Das Entscheidende dabei: Es darf  nichts beschönigt und nichts dramatisiert werden – und verschwiegen sowieso nicht.

medienpolitik.net: Wie neutral kann ein Nachrichtenmedium wie die „Tagesschau“ darüber berichten?

Dr. Kai Gniffke: So neutral wie es irgend geht. Unvoreingenommenheit ist und bleibt für uns ein absolutes „Muss“. Es gibt keinen Anlass, wegen der Flüchtlingskrise unsere Standards über Bord zu werfen.

medienpolitik.net: Man hört in Ihren Berichten oft den Satz: Die Helfer sind ausgepowert, nichts geht mehr. Wie ist das bei der „Tagesschau“? Ukraine, Griechenland, Flüchtlingswelle- von einer Krise zur nächsten. Wie bewältigt Ihre Redaktion das?

Dr. Kai Gniffke: Das ist nun mal unser Job. Gerade in Situationen wie der derzeitigen Herausforderung durch die Flüchtlinge suchen die Menschen nach verlässlichen Informationen, denen sie vertrauen können. Kein Beitragszahler würde es verstehen, wenn wir gerade jetzt an unser Angebote schreiben: „Wegen Erschöpfung geschlossen“.

medienpolitik.net: Erhalten Sie zusätzlich Unterstützung durch andere Redaktionen oder ARD-Anstalten?

Dr. Kai Gniffke: Die Landesrundfunkanstalten bilden mit den Korrespondentinnen und Korrespondenten das Rückgrat unserer Berichterstattung. Diese Kolleginnen und Kollegen haben einen sehr belastenden Job und machen meiner Ansicht nach sowohl auf den internationalen Flüchtlingsrouten als auch bei den Berichten über das Flüchtlingsthema im Inland exzellente Arbeit.

medienpolitik.net: Sie sind seit 12 Jahren Chefredakteur der „Tagesschau“. Wie hat sich die Berichterstattung in dieser Zeit verändert – abgesehen vom neuen Studio?

Dr. Kai Gniffke: Ich sehe vor allem zwei Trends: Zum einen haben wir viel mehr Quellen als früher. Menschen können mit Hilfe ihres Smartphones jederzeit Bilder im Internet hochladen. Dadurch sind Bilder von fast jedem Winkel der Erde in kürzester Zeit verfügbar. Dies bedeutet eine enorme Menge an Material, die wir verarbeiten müssen. Zum anderen hat der Dialog mit dem Publikum und das Feedback durch Zuschauer und Nutzer in den letzten Jahren enorm an Intensität gewonnen – sowohl qualitativ als auch quantitativ. Als ich vor zwölf Jahren Chefredakteur wurde, kannte ich den Ausdruck „Social Media“ nicht.

medienpolitik.net: Wie haben sich die Anforderungen an die Mitarbeiter verändert?

Dr. Kai Gniffke: Die Menschen, die von uns informiert werden möchten, erwarten von uns Nachrichten nicht nur im Fernsehen und auf dem PC. Das bedeutet, dass wir unsere Nachrichten für eine große Zahl von Plattformen aufbereiten müssen. Dementsprechend brauchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ARD-aktuell zusätzlich zu ihrem journalistischen Know-how auch die Kompetenz, unsere Inhalte für die verschiedenen Plattformen adäquat aufzubereiten. Das müssen wir bei der Personalentwicklung berücksichtigen.

medienpolitik.net: Inwieweit ist die „Tagesschau“ bei den elektronischen News noch das Leitmedium?

Dr. Kai Gniffke: Es ist schwer zu beurteilen, ob die „Tagesschau“ „das Leitmedium“ ist. Fakt ist, dass wir täglich allein mit einer Sendung rund 9 Millionen Menschen erreichen, d.h. mehr als jeder zehnte Bundesbürger informiert sich allabendlich bei der „Tagesschau“. Diese Spitzenstellung bedeutet für uns Ansporn und Verantwortung zugleich.

medienpolitik.net: Sie informieren über mehrere TV-Ausgaben am Tag um 20.00 Uhr in den „Tagesthemen“, über tagesschau.de, auf tagesschau 24 und „Tagesschau“ in 100 Sekunden. Ist die Ausgabe um 20.00 Uhr noch immer die wichtigste „Tagesschau“?

Dr. Kai Gniffke: Ja, das ist zweifellos so, denn diese Sendung hat über Jahrzehnte hinweg den Ruf der „Tagesschau“ als verlässliche, seriöse und unbestechliche Instanz aufgebaut. Dieses Vertrauen müssen wir hüten wie unseren Augapfel. Wenn die Qualität der „Tagesschau“ nachließe, wäre die gesamte Marke beschädigt, selbst wenn wir die tollsten digitalen Kopfstände veranstalteten.

medienpolitik.net: Bei aktuellen Meldungen: Bei welcher „Tagesschau“-Ausgabe erfährt man es zuerst? Welche ist die „schnellste“?

Dr. Kai Gniffke: Wenn etwas Wichtiges auf der Welt passiert, geben wir diese Information raus, egal wann. Wir handeln nach dem bewährten Grundsatz: Be first, but first be right! Natürlich haben wir den Anspruch, die schnellsten zu sein, aber noch wichtiger ist es uns dabei, keine Falschmeldungen zu produzieren. Das gilt für das Flaggschiff um 20 Uhr wie für alle unseren „Beiboote“, zum Beispiel die „Tagesschau“ in 100 Sekunden.

medienpolitik.net: Das ZDF versucht bei verschiedenen „heute“-Ausgaben wie heute Xpress oder heute+ durch inhaltliche oder gestalterisch-formale Änderungen mehr Jugendliche anzusprechen. Betrachtet man sich Ihre verschiedenen Ausgaben, scheinen Sie dieses Ziel nicht explizit zu verfolgen. Hat die „Tagesschau“ das nicht nötig?

Dr. Kai Gniffke: Unser Auftrag ist es, alle Generationen mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Im Fernsehen haben wir es also mit der wohl schwierigsten Zielgruppe zu tun, die man sich denken kann: alle! Mit dem neuen „Tagesschau“-Studio ist es uns, denke ich, gelungen zu zeigen, dass seriöse Nachrichten nicht altbacken oder technisch antiquiert sein müssen. Unsere Strategie bleibt klar: Bei uns wird das relevante Weltgeschehen verständlich aufbereitet und eingeordnet ohne Effekthascherei. Weder junge noch ältere Zuschauer erwarten, dass wir über Miley Cyrus berichten oder dass Jan Hofer in zerrissenen Jeans auftritt.

medienpolitik.net: Ihr Vertrag wurde bis 2020 verlängert. Was wird sich in den nächsten fünf Jahren an der „Tagesschau“-Familie verändern?

Dr. Kai Gniffke: „Tagesschau“ bleibt „Tagesschau“! Unabhängiger Journalismus und eine Nachrichtenauswahl nach dem Kriterium der Relevanz werden nicht aus der Mode kommen. Insofern werden wir bei unseren TV-Angeboten wie „Tagesschau“, „Tagesthemen“ und tagesschau24 nicht nachlassen. Aber die Wege, auf denen die Menschen Nachrichten suchen, werden immer vielfältiger. Und die Menschen haben einen Anspruch darauf, dass wir sie als öffentlich-rechtlicher Anbieter auf allen Plattformen im Netz oder in sozialen Medien mit Nachrichten versorgen. Angesichts der Flut von Informationen ungeklärter Herkunft in der digitalen Welt braucht es mehr denn je so etwas wie einen Kompass, einen Nachrichtenanbieter, dem man vertrauen kann. Es reicht aber nicht, fertige Fernsehbeiträge bei Facebook einzustellen. Wir brauchen maßgeschneiderte Produkte, die zu der jeweiligen Plattform und zugleich zu unserer Marke passen. Um das alles zu schaffen, müssen wir unsere Arbeitsabläufe wahrscheinlich noch einmal umkrempeln. Das wird viel Arbeit, aber schließlich hat uns niemand versprochen, dass die Zukunft einfacher wird. Unser Motto heißt: Wir müssen uns verändern, wenn wir bleiben wollen, was wir sind.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe Nr. 12/2015.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen