Medienpolitik:

„Jüngere Bundesbürger sind mediendistanzierter“

von am 23.11.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Medienpolitik:</h4>„Jüngere Bundesbürger sind mediendistanzierter“
Reinhard Schlinkert, Generalbevollmächtigter infratest dimap

„Zwei Drittel der AfD-Anhänger halten die deutschen Medien für unglaubwürdig“

23.11.15 Fragen an Reinhard Schlinkert, Generalbevollmächtigter infratest dimap

  • Eine überragende Mehrheit der Deutschen lehnt den Begriff „Lügenpresse“ ab
  • Öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat die höchste Glaubwürdigkeit aller Medien

88 Prozent der Bundesbürger bewerten das Informationsangebot von Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internet in Deutschland als gut oder sehr gut. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap für das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ der Hörfunkwelle WDR 5. Nur jeder zehnte Deutsche hält die Qualität des Informationsangebots der Medien für schlecht.

So teilen auch 72 Prozent den Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht – ein Begriff, der vor allem bei den Pegida-Protesten verwendet wird. Nur 20 Prozent gaben an, dass sie persönlich von „Lügenpresse“ sprechen würden, wenn sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken. Von diesen 20 Prozent würden 53 Prozent AfD wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, 39 Prozent bezeichneten sich als Nichtwähler.

52 Prozent halten die Informationen in den deutschen Medien alles in allem für glaubwürdig. Etwa vier von zehn Befragten haben daran Zweifel und antworteten mit „nicht glaubwürdig“ (42 Prozent).

Deutliche Unterschiede zeigten sich dabei in der Studie von infratest dimap mit Blick auf einzelne Medien. Die höchste Glaubwürdigkeit bescheinigten die Deutschen demnach dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk: 77 Prozent halten das öffentlich-rechtliche Radio für glaubwürdig, beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind es 71 Prozent. Nur 31 Prozent halten das Privatfernsehen für glaubwürdig, etwas besser sind die Werte für private Radiosender mit 45 Prozent.

Auch Tageszeitungen genießen ein vergleichsweise großes Vertrauen, hier antworteten 68 Prozent mit „glaubwürdig“. Deutlich fiel dagegen das Urteil über die Boulevardpresse aus: Nur 6 Prozent der Befragten hält sie für „glaubwürdig“, 89 Prozent antworteten mit „weniger glaubwürdig“.

Das Internet ist für 31 Prozent der Befragten ein glaubwürdiges Medium, 53 Prozent der Deutschen bezweifeln dies.
Konkrete Vorbehalte gibt es, was den Einfluss der Politik auf die Berichterstattung der Medien betrifft: Der Studie zufolge gehen 42 Prozent der Deutschen davon aus, dass es politische Vorgaben für die Medien gibt, 54 Prozent glauben das nicht

medienpolitik.net: Herr Schlinkert, nur 52 Prozent der Deutschen halten die Medien für glaubwürdig. Ist das nicht ein katastrophales Ergebnis, wenn man an die Bedeutung der Medien für unsere Demokratie denkt?

Reinhard Schlinkert: Das Ergebnis ist zweifelsfrei kein überragendes. Wir müssen jedoch auf alle Fälle berücksichtigen: hinter dieser Prozentzahl stehen sehr unterschiedliche Ergebnisse für unterschiedliche Medientypen. Als glaubwürdige Medien gelten bei einer übergroßen Mehrheit öffentlich-rechtliches Fernsehen mit 71 Prozent bzw. öffentliches Radio mit 77 Prozent sowie die Tageszeitungen mit 65 Prozent. Demgegenüber werden insbesondere das Internet mit 30 Prozent sowie die Boulevardmedien mit nur sieben Prozent deutlich seltener als glaubwürdig betrachtet. Generell werden Institutionen heute vielfach kritischer wahrgenommen als in früheren Zeiten. Umso bemerkenswerter ist es aber, dass sich einzelne Medien im Vergleich zu anderen Institutionen und Einrichtungen im Bevölkerungsurteil eigentlich gut behaupten können. So genießen beispielsweise Tageszeitungen und auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein deutlich größeres Vertrauen als beispielsweise der Bundestag oder die beiden großen Kirchen.

medienpolitik.net: Wie unterscheidet sich dieses Bild nach Altersgruppen? Anscheinend sind die Jugendlichen zwischen 18 – 29 den Medien gegenüber besonders kritisch eingestellt?

Reinhard Schlinkert: Die Studie zeigt, jüngere Bundesbürger sind mediendistanzierter. Allerdings variiert auch ihr Urteil in Abhängigkeit der Medienformate oder Medienanbieter. So überwiegt beispielsweise auch bei ihnen die Ansicht, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Rundfunk glaubwürdig sind – allerdings auf niedrigerem Niveau als in anderen Altersgruppen.

medienpolitik.net: 88 Prozent sind mit der Qualität der Medien zufrieden. Weshalb entsteht dennoch ein so negatives Bild?

Reinhard Schlinkert: Die Qualitätsbewertung des Mediangebots umfasst einfach verschiedene Facetten. Neben der Glaubwürdigkeit, die im Vordergrund der Studie stand, zählen hierzu beispielsweise Aspekte wie Aktualität, technische Standards, Bandbreite oder Vielfalt. Eine positive Gesamtbewertung schließt kritischere Bilder auf einzelnen Dimensionen also keineswegs aus.

medienpolitik.net: 42 Prozent sagen sogar, dass die Medien von Staat und Regierung gelenkt seien. Woher kommt dieser Eindruck? Gibt es hier markante Unterschiede bei den verschiedenen Gruppen?

Reinhard Schlinkert: Auffälligkeiten zeigen sich bei den AfD-Anhängern. Den von Pegida genutzten Lügenpresse-Begriff trägt mehr als die Hälfte der AfD-Anhänger mit. Etwa zwei Drittel von ihnen halten die deutschen Medien insgesamt für unglaubwürdig, ebenso viele vermelden ein gesunkenes Medienvertrauen. Ähnlich groß ist die Zahl der AfD-Anhänger, die von Medienvorgaben seitens der Politik ausgehen sowie von häufigen oder durchgängigen Unwahrheiten in der medialen Berichterstattung. Sichtbar wird zudem eine Mediendistanz im Nichtwählerlager. Auch hier gehen jeweils sechs von zehn von politischen Vorgaben und häufigen Unwahrheiten in der Medienberichterstattung aus. Vier von zehn Nichtwählern haben zudem kein Problem mit dem verallgemeinernden Begriff der Lügenpresse.

medienpolitik.net: 37 Prozent sagen, dass das Vertrauen in die Medien gesunken ist. Gibt es Indizien, worauf das zurückzuführen ist?

Reinhard Schlinkert: Die Studie liefert zunächst „nur“ eine Bestandsaufnahme zum Meinungsbild der Bürger. Anhaltspunkte für weitergehende Überlegungen zu den möglichen Gründen eines abnehmenden Medienvertrauens in der Bevölkerung aber liefern die Gruppen, die vergleichsweise häufig ein gesunkenes Vertrauen berichten: jüngere sowie formal besser gebildete Bundesbürger. Das Ausscheren der AfD-Anhänger in dieser Frage verweist zudem auf politische Veränderungen.

medienpolitik.net: Das Internet wird im Allgemeinen eine geringe Glaubwürdigkeit attestiert. Wer nutzt aber das Internet dennoch vor allem zur Information und Meinungsbildung?

Reinhard Schlinkert: Auffällig ist bei der Nutzung des Internet als politische Informationsquelle zunächst ein Altersgefälle und – wenn auch nicht ganz so deutlich – auch ein Bildungsgefälle. Je jünger die Bundesbürger sind, desto eher gilt das Internet als vornehmlich genutzte Informationsquelle. Aber auch bei den jungen Bundesbürgern setzt mehr als jeder Zweite nicht in erster Linie auf das Internet.
Auch geben bei den Bundesbürgern mit Abitur mehr als doppelt so viele an, sich hauptsächlich über das Internet zu informieren als beispielsweise bei den Bürgern mit Hauptschulabschluss. Ein weiterer Befund zeigt sich mit Blick auf die Parteianhängerschaften. So hat das Internet als politische Informationsquelle für die AfD-Anhänger einen wesentlich höheren Stellenwert als für die Anhänger anderer Parteien.

medienpolitik.net: Sie haben ermittelt, dass 20 Prozent der Deutschen von „Lügenpresse“ sprechen würden. Dagegen titelte der „Stern“ vor einigen Tagen: „44 Prozent halten „Lügenpresse“-Vorwurf für legitim“. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären?

Reinhard Schlinkert: In der Stern-Befragung wurde erhoben, inwiefern Wahlberechtigte der Aussage zustimmen, „Die von oben gesteuerten Medien verbreiten nur geschönte und unzutreffende Meldungen“. 44 Prozent stimmen dieser Aussage zu. Inwiefern der Begriff der Lügenpresse von der Bevölkerung als gerechtfertigt angesehen wird oder nicht, war nicht Bestandteil der Stern-Befragung, auch wenn der Titel des Magazins dies suggeriert. Wir haben in unserer Befragung einerseits erhoben, inwiefern die Bevölkerung von Unwahrheiten in den Medien ausgeht, andererseits, ob sie glaubt, dass es politische Vorgaben für die Medienberichterstattung gibt. Jeweils vier von zehn gehen von häufigen Unwahrheiten aus bzw. von politischen Vorgaben. Damit sind die Ergebnisse beider Studien eigentlich vergleichbar. Anders als in der Stern-Befragung haben wir allerdings auch die Unterstützung für den Lügenpresse-Begriff selbst gemessen. Hier zeigt sich, dass sich nur 20 Prozent der Deutschen den Begriff der Pegida-Bewegung zu eigen machen würden. Dies wohl auch deshalb, weil sie eine differenziertere Sichtweise gegenüber den Medienanbietern einnehmen. Noch einmal gilt es zudem herauszustellen, dass mit 53 Prozent allein AfD-Anhänger den Lügenpresse-Begriff als legitim erachten. In den Reihen der Bundestagsparteien wird dagegen der Begriff jeweils von mehr als drei Viertel der Anhänger zurückgewiesen. Mit anderen Worten: eine überragende Mehrheit der Deutschen lehnt eine solche pauschale Verurteilung der Medien ab.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe Nr. 12/2015.

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