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„Eine Krise der Geschäftsmodelle“

von am 09.12.2015 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienwirtschaft, Verlage

<h4>Verlage:</h4>„Eine Krise der Geschäftsmodelle“
Dr. Christoph Bauer, Vorstandsvorsitzender der DuMont Mediengruppe

DuMont will die Digitalisierung der Regionalmedien konsequent fortsetzen

09.12.15 Interview mit Dr. Christoph Bauer, Vorstandsvorsitzender der DuMont Mediengruppe

Aus der Mediengruppe M. DuMont Schauberg wurde die DuMont Mediengruppe – das traditionsreiche Medienunternehmen mit Hauptsitz in Köln gab sich einen neuen Namen. Zur DuMont Mediengruppe mit ihren drei Geschäftsfeldern Regionalmedien, Business Information und Digital gehören unter anderem die Medienmarken Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, Berliner Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung, EXPRESS, Berliner Kurier, Hamburger Morgenpost und regionale Anzeigenblätter sowie lokale Radio- und TV-Sender wie Köln.tv, TV Halle und joiz Germany. In einem medienpolitik.net-Gespräch betont Dr. Christoph Bauer, Vorstandsvorsitzender der DuMont Mediengruppe: „Wir wollen den Wert von Inhalten deutlich machen, das ist eine Haltungsfrage. Dabei testen wir unterschiedliche Ansätze zum Verkauf digitaler Produkte.“ Es gäbe, so Bauer, eine Krise der Geschäftsmodelle, aber keine Krise des Journalismus. Es werde noch einige Zeit vergehen, bis es gelinge, relevante Lösungen zu entwickeln, die eine nachhaltige Finanzierung ermöglichen.

medienpolitik.net: Herr Bauer, aus M. DuMont Schauberg wurde im September die DuMont Mediengruppe. Ist das nur eine sprachliche Anpassung an den Zeitgeist?

Dr. Christoph Bauer: Die neue Dachmarke der DuMont Mediengruppe und das Selbstverständnis sind wichtige Elemente unseres strategischen Programms „Perspektive Wachstum“. Um die Neuausrichtung wirksam zu kommunizieren – vor allem intern – haben wir mit der neuen Marke ein sichtbares Zeichen gesetzt. Der Markenauftritt ist jetzt prägnanter und entsprechend der Innovationskraft von DuMont moderner und passend zum hohen Qualitätsanspruch wertiger als bisher.

medienpolitik.net: Sie sprechen in Ihrer Pressemeldung von einer unternehmerischen Vision. Welche ist das?

Dr. Christoph Bauer: Zu einer unternehmerischen Vision gehört es, Ideen zu haben und umzusetzen – eben zu unternehmen, zu machen. In unserem Selbstverständnis haben wir unsere Perspektive deutlich formuliert: Wir machen relevante Inhalte für eine vernetzte Gesellschaft. Wir wollen unseren Kunden sowohl journalistische Inhalte wie auch Services mit einem hohen Qualitätsanspruch anbieten. Hierzu gehört es auch, den Wandel anzunehmen und die stetigen Veränderungen als normal zu betrachten, sie als Chance zu sehen.

medienpolitik.net: DuMont Schauberg hat eine fast 400jährige Tradition. Was ist diese Tradition angesichts der schnelllebigen digitalen Zeit noch Wert?

Dr. Christoph Bauer: Die DuMont Mediengruppe ist ein traditionsreiches Medienunternehmen mit einer langen Geschichte, wobei wir bei den Zeitungen eher 1802 als Ausgangsdatum betrachten. Diese Tradition, die Erfahrung ist ein wertvoller Aspekt. Der Umgang mit relevanten Inhalten war schon immer Kern der Unternehmung. Die Geschichte unseres Hauses ist eng verbunden mit einer lebendigen und starken Herausgeberschaft.

medienpolitik.net: Zum Kern Ihres Hauses gehört der Qualitätsjournalismus mit sieben Tageszeitungen. Wird er das auch angesichts der medialen Transformation bleiben?

Dr. Christoph Bauer: Hochwertige Inhalte werden immer wichtig sein. Sicherlich tritt die reine Nachricht in den Hintergrund, weil sie überall kostenfrei zu erhalten ist. Was uns auszeichnet, ist hochwertiger Inhalt, das sind die Hintergründe der Nachricht, die ein Thema besonders gut erklären und es auch für den Leser und Nutzer unserer Angebote verständlich machen. Das sind auch Berichte und Informationen aus dem direkten Umfeld der Menschen, die unsere Angebote nutzen, die uns lesen, weil wir Inhalte anbieten, über die kein Google, kein Facebook in der Tiefe und mit einer solchen Kompetenz verfügt. Das ist ein wirklicher Mehrwert. In der zunehmend unübersichtlichen Nachrichtenflut aus immer mehr Angeboten ist es umso wichtiger, den Menschen eine Einordnung anzubieten. Eine Einordnung, der sie vertrauen können.

medienpolitik.net: Wie wird sich der Qualitätsjournalismus verändern müssen?

Dr. Christoph Bauer: Qualitätsjournalismus wird immer noch oft nur durch eine besonders gelungene schreiberische Leistung definiert. Heute sind es viele weitere Aspekte, die in den Vordergrund getreten sind. Hierzu gehört die Art der Recherche, die Transparenz beim Sammeln der Informationen, die Nachvollziehbarkeit für unsere Kunden. Es zählen auch die Präsentation, die Aktualität und die Art des Vertriebs hinzu, die Kanalaffinität und die Interaktivität. Wir haben die große Chance, mit unseren Lesern und Nutzern viel intensiver in Kontakt zu treten und noch viel konkreter zu verstehen, welche Themen und Aspekte relevant sind. Die Möglichkeiten für den Journalismus waren noch nie so gut wie heute. Durch die vielen verschiedenen Kanäle und die Rückkopplung wissen wir sehr genau, was die Menschen in unseren Regionen beschäftigt, wie sie denken. Und wir können uns mit Ihnen auseinandersetzen. Und noch viel besser: Sie mit uns.

medienpolitik.net: Und vor allem, wie wird man ihn weiterhin finanzieren können?

Dr. Christoph Bauer: Wir sehen eine Krise der Geschäftsmodelle, keine Krise des Journalismus. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis es gelingt, relevante Lösungen zu entwickeln, die eine nachhaltige Finanzierung ermöglichen. Hierfür braucht es kreative Ideen, aber auch die notwendigen Rahmenbedingungen, um die durch global skalierende und agierende Wettbewerber getriebene Digitalisierung des Mediensystems auch für lokal agierende Anbieter kommerzialisierbar zu machen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt es dabei, auf allen Vertriebskanälen und Plattformen wie Blendle oder Google-Play-Kiosk präsent zu sein?

Dr. Christoph Bauer: Wir wollen den Wert von Inhalten deutlich machen, das ist eine Haltungsfrage. Dabei testen wir unterschiedliche Ansätze zum Verkauf digitaler Produkte, darunter die von Ihnen genannten Kanäle, aber auch Laterpay gehört dazu. Wir stellen fest, dass ein E-Paper mit einem definierten Leistungsspektrum und interaktiven oder individualisierbaren Elementen wider Erwartung aller Digitalexperten auf großes Interesse stößt.

medienpolitik.net: Wie sieht generell die Digitalstrategie für die Mediengruppe aus?

Dr. Christoph Bauer: Wir setzen die Digitalisierung des Kerngeschäfts der Regionalmedien konsequent fort, das betrifft nicht nur die Tageszeitungen, sondern auch die TV- und Radioaktivitäten, das gesamte Portfolio unserer Regionalmedienhäuser. Im Bereich der Business Information wollen wir unser bisheriges Portfolio erweitern, sehen dabei die Entwicklung digitaler Datenservices im professionellen Kontext im Vordergrund. Über unsere beiden Venture Fonds DuMont Venture und Capnamic sind wir an über 20 schnell wachsenden, jungen Unternehmen beteiligt. Von denen lernen wir im Übrigen sehr viel über Marktentwicklung und digitale Geschäftsmodelle und deren konsequenter Steuerung. Wir schauen aber auch, ob es verlagsnahe Entwicklungen auf dem Markt gibt, an denen wir uns beteiligen

medienpolitik.net: Sie sind bei Bezahlschranken für Online-Angebote bisher sehr zurückhaltend. Warum?

Dr. Christoph Bauer: Wir haben uns von Anfang an klar zu kostenpflichtigen Digitalangeboten bekannt. Im Wesentlichen ist es eine Frage der Positionierung, sinnvoll daher auch, im digitalen Kontext Mehrwert kostenpflichtig zu machen. Darüber hinaus engagieren wir uns im Rahmen der VG Media seit Beginn der Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes, auch wenn die Branchenöffentlichkeit die Aktivitäten der VG Media teils mit Unverständnis betrachtet. Hier müssen wir noch deutlicher machen, dass es im Grundsatz um gleiche Rahmenbedingungen im digitalen Wettbewerb geht, auch wenn die digitale Medienrealität für Zeitungen von der zuständigen Verfügungsbehörde ausgeblendet wird. Jeder Journalist, der die Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes nicht unterstützt, gibt meines Erachtens indirekt sein Einverständnis, seine Leistung auch ohne finanzielle Abgeltung zu entrichten.

medienpolitik.net: Wann kommt das weitgehend vollständige kostenpflichtige Online-Angebot?

Dr. Christoph Bauer: Die Leser sind hierfür derzeit nicht bereit. Die Auswahl an kostenfreien Angeboten ist sehr groß, noch hat niemand die Lösung für ein rein nachrichtliches attraktives breit angelegtes General-Interest-Angebot gefunden. Wir experimentieren und entwickeln ständig weiter, sind uns aber auch bewusst, dass ein einzelner, regional ausgerichteter Anbieter wie wir, kein generell in der Gesellschaft akzeptiertes Modell herbeiführen kann.

medienpolitik.net: Wie entwickelt sich die Monetarisierung der Online-Angebote? Viel Werbung kann ich – im Gegensatz zu den gedruckten Titeln – hier nicht entdecken…

Dr. Christoph Bauer: Ihre Wahrnehmung freut mich sehr, denn gerade bei Digitalangeboten wird Werbung oft als störend empfunden. Die Realität entspricht leider dem Gegenteil. Bei den gedruckten Titeln hätten wir wesentlich mehr Anzeigenfläche zur Verfügung, als derzeit nachgefragt wird. Auf unseren digitalen Newsportalen haben wir trotz immenser Reichweiten meistens zu wenig Werbefläche zur Verfügung. Die Kommerzialisierung ist dennoch unzureichend, um relevante Redaktionsgrößen rein mit digitalen Werbeerlösen finanzieren zu können, da die Werbepreise pro Tausend im Vergleich zur den analogen Medienformaten um ein Vielfaches tiefer sind. Das liegt daran, dass die digitalen Tausenderkontaktpreise von den global agierenden und skalierenden Anbietern für den Werbekunden relevant sind. Uns ist es bisher nicht gelungen ausreichend gut zu vermitteln, dass es auch im digitalen Kontext sehr relevant ist, ob ich einen Werbetreibenden beispielsweise auf einem Online-Shop oder im inhaltlichen Kontext seines Informationsinteresses erreiche. Hier haben wir noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 12/2015 erstveröffentlicht.

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