Filmpolitik:

„Ohne politische Unterstützung war nicht mehr zu erreichen“

von am 11.01.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Internet, Interviews, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Filmpolitik:</h4>„Ohne politische Unterstützung war nicht mehr zu erreichen“
Prof. Dr. Mathias Schwarz, Leiter der Produzentenallianz-Sektion Kino und Animation, und Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin

Produzenten sind mit neuer VoD-Regelung mit ARD und ZDF bei Kino-Koproduktionen unzufrieden, Eckpunktevereinbarung gilt nur für ein Jahr

11.01.16 Interview mit Prof. Dr. Mathias Schwarz, Leiter der Produzentenallianz-Sektion Kino und Animation, und Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin

Nach dreijährigen Verhandlungen haben jetzt ARD und ZDF auf der einen und die Produzentenallianz auf der anderen Seite eine „Eckpunktevereinbarung über die vertragliche Zusammenarbeit zu Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen und vergleichbare Kino-Koproduktionen“ abgeschlossen. Diese tritt an die Stelle der entsprechenden Vereinbarungen aus dem Jahr 2002/2003 und 2009 und regelt unter anderem die Aufteilung der kommerziellen Video-on-Demand-Rechte von Kinofilmen, an denen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten als Koproduzenten beteiligt sind. Pay-VoD-Rechte stehen künftig exklusiv dem Produzenten zu, wenn der Sender mit weniger als 50 Prozent an den Herstellungskosten beteiligt war. Weiter regeln die Eckpunkte unter anderem den Einsatz von Geolocation-Maßnahmen durch die Sender beim Streaming ihrer Programme, die Verwertung der S-VoD- und der Pay-TV-Rechte sowie eine Verkürzung der Entscheidungsprozesse und der Vertragsabwicklung. Jetzt steht noch eine neue Regelung für Auftragsproduktionen aus.

Prof. Dr. Mathias Schwarz, Leiter der Produzentenallianz-Sektion Kino und Animation

„Wir dürfen ARD und ZDF nicht aus ihrer Verantwortung entlassen“

Fragen an Prof. Dr. Mathias Schwarz, Leiter der Produzentenallianz-Sektion Kino und Animation

medienpolitik.net: Herr Schwarz, wo sehen Sie bei dem neuen Eckpunktepapier mit ARD und ZDF zu Kinokoproduktionen die wichtigsten Weiterentwicklungen im Vergleich zu den vorangegangenen Lösungen?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Leider bringt das neue Eckpunktepapier nur geringe Weiterentwicklungen, etwa beim eingeschränkten Erwerb kommerzieller VoD-Rechte durch ARD und ZDF sowie bei der grundsätzlich vereinbarten Anwendung von Geolocation-Maßnahmen. Mit unserer Hauptforderung, dass dem Produzenten grundsätzlich alle Verwertungsrechte außerhalb der an die Sender lizensierten Free-TV-Rechte verbleiben müssen und nicht durch Rechtesperren (wie bei Pay-TV und S-VoD) entwertet werden dürfen, konnten wir uns jedoch nicht durchsetzen. Auch nicht (mit wenigen Ausnahmen) mit unserer weiteren Forderung, dass der Umfang der von den Sendern zu erwerbenden Rechte von der Höhe ihrer finanziellen Beteiligung an der Produktion abhängen muss, und das Rechtepaket, wie es jetzt in den Eckpunkten festgelegt ist, allenfalls bei wirklich substantiellen Finanzierungsanteilen gerechtfertigt sein kann. Dennoch haben wir uns nach einer sehr kontroversen internen Diskussion zum Abschluss einer bis Ende 2016 gültigen Übergangsregelung entschlossen. Einmal um jedenfalls die (wenigen) Verbesserungen gegenüber den bislang geltenden Vereinbarungen aus den Jahren 2002 und 2009 abzusichern, zum anderen aber um in der Präambel deutlich zu machen, dass es sich hierbei aus Sicht der Produzenten nicht mehr um „angemessene Vertragsbedingungen“ handelt, wie dies noch die Regelungen der Jahre 2002 und 2009 in ihrem Vorspann behaupteten. Wir mussten nach einem dreijährigen Verhandlungsmarathon feststellen, dass ohne politische Unterstützung und ohne entsprechende Regelungen im FFG den öffentlich-rechtlichen Sendern, die bei verschiedenen von uns erhobenen Forderungen immer wieder in den Raum stellten, dann eben keine Co-Produktionen mehr eingehen zu werden, mehr nicht zu erreichen war. Jetzt geht es darum, im Rahmen der FFG Novelle möglichst viele Unterstützer zu mobilisieren, die mit uns zusammen auf eine Änderung des Regelwerks drängen.

medienpolitik.net: Warum ist die Laufzeit nur auf ein Jahr begrenzt?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Wir wollen den Prozess der Novellierung des FFG 2017 generell dazu nutzen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Verwertung von Kinofilmen für die Produzenten zu verbessern. Wir hoffen sehr, dass der Gesetzgeber diese Bemühungen unterstützen wird. Auf dieser neuen gesetzlichen Grundlage wollen wir dann erneut in die Verhandlungen mit ARD und ZDF eintreten. Dass hier aus Sicht der Produzenten ein Änderungsbedarf besteht, ist in der Präambel der Vereinbarung nun anders als in den vorausgehenden Vereinbarungen aus den Jahren 2002 und 2009 sehr deutlich gemacht worden.

medienpolitik.net: Das Eckpunktepapier bezieht sich nur auf Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen. Warum wurden Fragen der sogenannten Auftragsproduktionen nicht mit einbezogen?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Die Ausgangslage ist für diese beide Arten von Produktionen sehr unterschiedlich. Rein formell ergibt sich die Trennung aber schon aus der Tatsache, dass hier Regelungen für Produktionen nach dem Film-/Fernseh-Gemeinschaftsabkommen, die dem FFG unterliegen, getroffen wurden. Die FFA fördert aber nur Kino-Produktionen. Die Verhandlungen zu den Fernseh-Auftragsproduktionen laufen hiervon unabhängig und mit ARD und ZDF getrennt. Wann diese Verhandlungen zu einem Abschluss kommen werden, ist derzeit noch nicht absehbar.

medienpolitik.net: Ist damit das Lizenzmodell, das Sie ja bei Auftragsproduktionen fordern, noch nicht vom Tisch?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Nein, das Lizenzmodell ist noch nicht vom Tisch, auch wenn ARD und ZDF deutlich gemacht haben, dass sie sich einen solchen Paradigmenwechsel nicht vorstellen können. Um hier zu einem Abschluss zu kommen, wird man deshalb auch andere Modelle zum Gegenstand der Verhandlungen machen müssen. Hauptsache ist, dass Verbesserungen für die schwierige Position der Produzenten erreicht werden können.

medienpolitik.net: ARD und ZDF können jetzt Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen bis zu 4 Wochen in die Mediathek einstellen – wie wird das für die Produzenten vergütet?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Die Regelung ist nicht neu, sie war bereits in der Vereinbarung von 2009 enthalten. Eine gesonderte Vergütung ist hierfür nicht vorgesehen. Diese Rechte stellen vielmehr einen Teil der vom Sender erworbenen Rechte dar. So wünschenswert eine gesonderte Vergütung für diese Rechte gewesen wäre, so viel bedeutsamer wäre es, zu erreichen, dass sich die Sender überhaupt substantiell an der Finanzierung der Filme beteiligen. Oder um es anders auszudrücken: Die Höhe der finanziellen Beteiligung der Sender wird bei jeder einzelnen Produktion individuell festgelegt. Würde der Produzent künftig statt einer einheitlichen finanziellen Beteiligung des Senders von 30 Prozent nur 25 Prozent für die Free-TV-Rechte und 5 Prozent für die Mediathekrechte erhalten, so wäre ihm wenig geholfen. Wirklich wichtig wäre demgegenüber, wenn er künftig statt einer Beteiligung von 30 Prozent eine Beteiligung von 35 oder 40 Prozent erhielte. Und gerade hier beobachten wir in den letzten Jahren, dass in der Breite die Beteiligungen von ARD und ZDF tendenziell zurückgehen. Das lässt sich aber im Rahmen einer Eckpunktevereinbarung nicht wirklich lösen. Unser Versuch, den Umfang der zu erwerbenden Rechte von der Höhe der Beteiligung der Sender abhängig zu machen, war (mit wenigen Ausnahmen) in den Verhandlungen jedenfalls nicht durchzusetzen. Hier müssen wir deshalb zusammen mit den anderen Verbänden insb. der Filmschaffenden weiter darauf drängen, dass ARD und ZDF ihr finanzielles (und programmliches: Ausstrahlung in den Hauptsendezeiten!) Engagement für den Kinofilm erhöhen.

medienpolitik.net: Sie regeln im Abkommen auch die Nutzung im Pay-TV und Pay-VoD. Warum? ARD und ZDF dürfen doch kein Pay anbieten?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: ARD und ZDF erwerben nach der Eckpunktevereinbarung auch keine Pay-TV-Rechte. Allerdings sperren diese Rechte, bzw. machen sie deren Nutzung von ihrer Zustimmung abhängig, wenn der Pay-TV-Sender sich nicht von Anfang an der Finanzierung beteiligt. Auch diese Sperre halten wir für falsch, da sie eine bestmögliche Verwertung der Produktion und damit bestmögliche Rückflüsse für Produzenten, Förderer und Kreative verhindert. Aus Sicht der Sender stellt Pay-TV aber eine Konkurrenz dar, die nach ihren Aussagen den Wert der Free-TV-Rechte mindert. Gerade um diese Regelung haben wir intensiv gerungen. Die Sender waren jedoch nicht bereit, hier Verbesserungen gegenüber der Regelung aus dem Jahr 2002 zuzugestehen, andernfalls würden sie ganz von Co-Produktionen Abstand nehmen und nur noch Lizenzerwerbe von fertigen Filmen in Betracht ziehen. Pay-VoD dürften ARD und ZDF nach dem Rundfunkstaatsvertrag über kommerzielle Töchter veranstalten. Hier ist es uns immerhin gelungen, einen Rechteerwerb auf Produktionen zu beschränken, an denen sich ARD und ZDF mit mehr als 50 Prozent beteiligen.

medienpolitik.net: Dem Produzenten stehen also künftig weitgehend die kostenpflichtigen VoD-Rechte zu. Von welchem Zeitpunkt an darf er sie ausüben?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Das richtet sich nach den Sperrfristen des FFG, nach denen eine Verwertung im Regelfall sechs Monate nach Kinostart möglich ist.

medienpolitik.net: Gehen Sie dabei davon aus, dass ARD und ZDF sich um eine stärkere Online-Vermarktung der Gemeinschaftsproduktionen kümmert?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Nein, davon gehen wir nicht aus. Die Electronic-Sell-Through Rechte liegen ja ausschließlich beim Produzenten, die kommerziellen VoD-Rechte bei allen Produktionen, bei denen die Beteiligung des Senders weniger als 50 Prozent beträgt. Auch über die S-VoD-Rechte verfügt der Produzent. Hier mussten wir allerdings eine sehr schmerzhafte Sperre von 36 Monaten ab Free-TV-Verfügbarkeit akzeptieren, die die Sender kategorisch forderten, da sie die S-VoD Angebote offensichtlich als starke Konkurrenz fürchten. Auch sie führt aber nicht dazu, dass ARD und ZDF diese Rechte ausüben dürften. Und bei den Mediathekrechten hat es gegenüber der Vereinbarung von 2009 keine Veränderung gegeben. Dennoch bleibt es unser vorrangiges Ziel, die Online-Rechte künftig allein dem Produzenten vorzubehalten.

medienpolitik.net: Einer der Kernpunkte des Papiers ist Geolocation. In der EU-Kommission gibt es ja Bemühungen, das abzuschaffen. Wäre damit auch dieses Abkommen irrelevant?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Auch dieses Abkommen macht deutlich, dass es gute Gründe für den Einsatz von Geolocation Maßnahmen gibt. Dass dies mit dieser Eckpunktevereinbarung auch ARD und ZDF, die ansonsten eher für eine europaweite Verfügbarkeit ihrer Programme eintreten, anerkennen, kann durchaus als ein Pluspunkt der Vereinbarung gewertet werden. In der EU ist die Frage, ob Geolocation für audiovisuelle Werke abgeschafft werden soll, ja zudem noch keineswegs entschieden. Innerhalb der kurzen Laufzeit dieser Übergangsvereinbarung wird das sicher nicht geschehen.

medienpolitik.net: Die Debatte über das FFG kommt in die Endphase. Es gab verschiedene Positionen, wie künftig das Geld „verteilt“ werden soll. Wie ist die aktuelle Position der Produzentenallianz? Wer soll ab 2017 mehr oder weniger erhalten?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Hauptzweck der Förderung durch das FFG muss die Förderung der Produktion von Kinofilmen sein. Hierfür sollten mindestens die im Diskussionsentwurf vorgesehenen 60 Prozent der Mittel vorgesehen werden. Einer Stärkung der Drehbuchförderung durch Anhebung der für sie vorgesehenen Mittel von 2 auf 4 Prozent haben wir zugestimmt.

medienpolitik.net: Von der Expertenkommission war ja vorgeschlagen worden, bei der Förderung vor allem auf die Referenzfilmförderung zu setzen und eine Relation zwischen Referenz- und Projektfilmförderung von 85:15 Prozent empfohlen. Wäre das für eine wirtschaftlich- und erfolgsorientierte Förderung günstig?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Dieser Vorschlag hat in der Produzentenallianz nach intensiver Diskussion keine Mehrheit gefunden. Wir unterstützen vielmehr eine je hälftige Aufteilung der Mittel zwischen Projekt- und Referenzfilmförderung, wie sie auch der Diskussionsentwurf vorsieht. Wie die Evaluation der Förderungen der FFA gezeigt hat, ist auch die Projektfilmförderung durchaus wirtschaftlich- und erfolgsorientiert. Außerdem werden auch durch eine nur mit 50 Prozent der Mittel dotierte Referenzfilmförderung und durch die Erfolgsdarlehen, für deren Beibehaltung wir uns einsetzen, ausreichende Anreize gesetzt, Filme mit Blick auf den Markt zu realisieren.

medienpolitik.net: Der „Evaluierungsbericht zur Entwicklung des Abgabeaufkommens“ hat bis 2021 einen Rückgang der Einzahlungen unter 50 Millionen Euro prognostiziert. Als Ausgleich sollen Plattformen und Telcos mehr oder überhaupt etwas bezahlen. Die drei größten Digitalverbände haben das jetzt abgelehnt. Was nun?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Wir halten es für richtig, dass alle die, die durch die Nutzung von Kinofilmen wirtschaftliche Vorteile erzielen, auch ihren Beitrag zur Finanzierung der FFA leisten. Und einen solchen Nutzen ziehen auch die Telcos, die ihre Netze damit bewerben, dass man über sie Filme herunterladen oder Streams empfangen kann. Das sollte sich dann auch in einer entsprechenden Abgabepflicht niederschlagen.

medienpolitik.net: Im Gespräch sind auch höhere Zahlungen der TV-Sender inkl. des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Würde das den Produzenten nicht schaden, weil dann möglicherweise weniger Geld für Kinokoproduktionen bleibt?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Wir sehen es als Teil der kulturellen Verantwortung von ARD und ZDF an, dass sie einerseits durch angemessene Beiträge helfen, die Finanzierung der FFA zu sichern, und sich andererseits auch mit relevanten Beträgen unmittelbar an der Finanzierung von Kinofilmen beteiligen. Aus dieser Verantwortung dürfen wir ARD und ZDF nicht entlassen. Die Höhe der finanziellen Beteiligung der Sender an den einzelnen Produktionen ist – wie schon eingangs erwähnt – in vielen Einzelfällen ein Problem. Eine unmittelbare Korrelation zur Höhe ihrer Einzahlungen in die FFA besteht jedoch nicht. Zudem würde jedenfalls die ARD auch bei einer erhöhten gesetzlichen Abgabepflicht wohl keine erhöhten Beiträge zahlen müssen, da sie schon bisher freiwillig mehr als gesetzlich verpflichtet geleistet hat.

medienpolitik.net: Das BKM hat 15 Millionen für die kulturelle Filmförderrung zugesagt, das 2015er Defizit beim DFFF wird ausgeglichen, das BMWi gibt auch 10 Millionen, außerdem erhöhen einige Länder ihre Filmförderung. Was steht dem entgegen, dass 2016 das Rekordjahr von 2015 (so wie es jetzt aussieht) übertreffen kann?

Prof. Dr. Mathias Schwarz: Durch die in der Mitte des Jahres entstandene große Unsicherheit in Bezug auf die Beständigkeit des DFFF in 2016 sind leider einige interessante internationale Projekte, die in Deutschland produziert werden sollten, abgewandert. Jetzt hat sich in der Tat die Situation für 2016 entspannt, worüber wir uns sehr freuen. Wenn diese neuen Förderinstrumentarien nun auch noch verstetigt werden, ist in der Tat die Basis für ein längerfristig erfolgreiches Produzieren in Deutschland geschaffen. Die Filme, die nach den neuen Regularien realisiert werden, werden allerdings erst 2017 oder 2018 in die Kinos kommen. Die Filme des Kinojahres 2016 wurden hingegen schon 2013 oder gar noch früher geplant und 2014 oder 2015 gedreht. All diesen Filmen drücken wir die Daumen, dass es ihnen gelingt an die Ergebnisse des sehr erfolgreichen Jahres 2015 anzuknüpfen und sie hoffentlich sogar noch zu übertreffen.

Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin und Filmintendantin der ARD I © MDR/Dabdoub

„Beide Seiten sind Kompromisse eingegangen“

Fragen an Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des MDR

medienpolitik.net: Frau Wille, wo haben ARD und ZDF zu Kinokoproduktionen im Vergleich zu den vorangegangenen Vereinbarungen Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen die größten Zugeständnisse gemacht?

Prof. Dr. Karola Wille: Zunächst möchte ich betonen, dass ARD und ZDF in der Fortschreibung der Vereinbarungen aus den Jahren 2002/2003 (Allgemeine Bedingungen zu Film-/Fernsehgemeinschaftsproduktionen) und 2009 (VoD-Vereinbarung) in Form der „Eckpunktevereinbarung über die vertragliche Zusammenarbeit zu Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen und vergleichbare Kino-Co-Produktionen“ einen wichtigen Schritt zur Fortführung der langjährigen, guten Zusammenarbeit zwischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und Produzenten von Kinogemeinschaftsproduktionen sehen. Auch die Produzentenallianz bewertet die Fortsetzung positiv. Das gemeinsame Papier wurde nur möglich, indem beide Seiten – Sender und Produzentenallianz – Kompromisse eingegangen sind. Für die Produzenten stand das Erschließen der wirtschaftlichen Potentiale der Produktionen im Mittelpunkt und damit die Forderung nach frei lizenzierbaren Pay-TV-Rechten und kommerziellen VoD-Rechten einschließlich einer Verwertung der Produktion über S-VoD.
ARD und ZDF gingen davon aus, dass ihre finanzielle Beteiligung bei der Aufteilung der Rechte an der Produktion adäquat Berücksichtigung finden muss. Insbesondere eine frühe Free-TV-Verfügbarkeit der Produktion war uns wichtig wie auch angesichts der technischen Konvergenz die Wahrung der Exklusivität unserer Senderechte – auch gegenüber marktstarken VoD-Plattformen.
ARD und ZDF sind der Allianz insbesondere bei der Zuordnung kommerzieller VoD-Rechte entgegen gekommen. Die kommerziellen VoD-Rechte stehen, wenn sich der Sender mit weniger als 50 Prozent an den Herstellungskosten beteiligt, nunmehr exklusiv dem Produzenten zu.
Produzenten können zudem nach Ablauf einer Frist von 36 Monaten ab Free-TV-Verfügbarkeit auch während der exklusiven Nutzungszeit des Senders schon mit einer S-VoD-Auswertung – einer Nutzung, die wir in Konkurrenz zu unseren exklusiven Senderechten an der Produktion in dieser Nutzungsphase sehen – beginnen.
Bei niedriger finanzieller Beteiligung der Anstalten an den Herstellungskosten haben ARD und ZDF Rechtebegrenzungen – entweder eine Verkürzung der Lizenzzeit oder eine Begrenzung der Ausstrahlungshäufigkeit – akzeptiert.

medienpolitik.net: Welche finanzielle Mehrbelastung bedeutet diese Vereinbarung für ARD und ZDF? Ist das bei der aktuellen KEF-Anmeldung schon berücksichtigt?

Prof. Dr. Karola Wille: Im Mittelpunkt der Gespräche zu Kino-Gemeinschaftsproduktionen stand zunächst die Rechteaufteilung, die sich nicht unmittelbar finanziell auf die Anstalten auswirkt.

medienpolitik.net: Drei Jahre wurde an der Novellierung des ersten Eckpunktepapiers gearbeitet. Nun hat es nur eine Laufzeit von einem Jahr. Warum?

Prof. Dr. Karola Wille: So ganz neu sind Absprachen zu Kino-Gemeinschaftsproduktionen nicht, auch wenn sie bislang nicht als Eckpunkte bezeichnet wurden. Dennoch hat es vergleichsweise lange gedauert, um sie fortzuschreiben.
Ursächlich waren die schon beschriebenen unterschiedlichen Ausgangspositionen von Produzentenallianz und den Rundfunkanstalten zur Aufteilung und insbesondere Verfügbarkeit kommerzieller Verwertungsrechte im VoD- und Pay-TV-Bereich. Auf dem Tisch liegt nunmehr ein Papier, welches schon in der Präambel die unterschiedlichen Positionen der Parteien ausdrücklich benennt. Die Produzentenallianz war deshalb nur bereit, die Eckpunkte in der vorliegenden Form als Übergangsregelungen und mit einer an die Restlaufzeit des FFG angepassten Geltungsdauer, also bis zum 31.12.2016, zu akzeptieren.

medienpolitik.net: Bei Film/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen stehen dem Produzenten also künftig weitgehend die kostenpflichtigen VoD-Rechte zu?

Prof. Dr. Karola Wille: Ja, die exklusiven Pay-VoD-Rechte stehen innerhalb und außerhalb der Nutzungsgebiete von ARD/ZDF grundsätzlich dem Produzenten zu. Für die Auswertung der VoD-Rechte sieht das FFG in § 20 den regulären Auswertungsbeginn 6 Monate nach der Kinoerstaufführung vor. Die Eckpunkte bestimmen zudem für die S-VoD-Auswertung innerhalb der exklusiven Lizenzzeit von ARD/ZDF, dass der Produzent diese spezielle Pay-VoD-Auswertung erst 36 Monate nach Beginn der Nutzungsphase der Rundfunkanstalten beginnen bzw. fortsetzen darf. Lediglich bei einer ARD/ZDF-Beteiligung an den Herstellungskosten von mehr als 50 %, was nach unseren Erfahrungen eher eine Ausnahme darstellt, erfolgt eine individuelle Aufteilung der Pay-VoD-Rechte im Produktionsvertrag, wobei davon ausgegangen wird, dass diese Rechte in einem solchen Fall dann ARD bzw. ZDF zustehen. An den aus einer Verwertung dieser Rechte von den Anstalten erzielten Nettovertriebserlösen wird der Produzent  jedoch hälftig beteiligt.

medienpolitik.net: Werden sich ARD und ZDF künftig auch um eine stärkere Online-Vermarktung der Gemeinschaftsproduktionen kümmert?

Prof. Dr. Karola Wille: Uns verbleiben im Regelfall ja nur TV- und Mediathekenrechte. Die ARD entwickelt aber natürlich ihre Vermarktungsstrategie kontinuierlich fort. Soweit uns an Kino-Koproduktionen Rechte zur Online-Vermarktung verbleiben, werden auch diese sicher mit einbezogen. Vor dem Hintergrund der Auswertungskaskaden bei Kino-Koproduktionen bedarf die praktische Umsetzung und Auswertung dann wiederum der engen Abstimmung mit dem Produzenten der Gemeinschaftsproduktion.

medienpolitik.net: Einer der Kernpunkte des Papiers ist Geolocation. In der EU-Kommission gibt es ja Bemühungen, das abzuschaffen. Inwieweit tangiert das das Abkommen?

Prof. Dr. Karola Wille: Es tangiert das Abkommen nicht. – Zum einen ist in der Kommission dazu noch keine abschließende Verständigung erfolgt und eine mögliche EU-Regelung kann keine Auswirkungen auf die laufende Eckpunkte-Vereinbarung haben. Zum anderen haben wir uns mit der Produzentenallianz für die Kino-Gemeinschaftsproduktionen über viele andere wichtige Fragen verständigen können, die unabhängig von Geolocation für unsere Zusammenarbeit bedeutsam sind und bleiben.
Die Regelung in § 9 Abs. 2 lit. c) der Eckpunkte für Kino-Gemeinschaftsproduktionen, wonach die Anstalten die Kino-Gemeinschaftsproduktionen nur in VoD-Angeboten begrenzt auf das deutschsprachige Europa (Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz und Lichtenstein) und gegebenenfalls für das Programm arte, öffentlich zugänglich machen dürfen, ist zudem nicht neu und war gleichlautend in A.II. lit. c) der VoD-Vereinbarung aus 2009 enthalten. ARD/ZDF und Produzenten konnten mit dieser Aufteilung letztlich leben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 1/2016 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen