Rundfunk:

„Die Redaktion ist an ihre Grenzen gegangen“

von am 26.01.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Interviews, Journalismus, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Die Redaktion ist an ihre Grenzen gegangen“
Dr. Torsten Rossmann, Geschäftsführer Welt/N24 GmbH

N24 erreicht überdurchschnittliche Akzeptanz bei den Zuschauern

26.01.16 Interview mit Dr. Torsten Rossmann, Geschäftsführer Welt/N24 GmbH

Über die aktuellen Ereignisse der letzten Wochen informierten sich viele Zuschauer auch beim Nachrichtenkanal N24. Bei der Verleihung des 17. Deutschen Fernsehpreises hat N24 den Preis in der Kategorie „Beste Information“ gewonnen. Die Auszeichnung gab es für die N24-Reportage „An der Grenze – 24 Stunden an den Brennpunkten der Flüchtlingskrise“. Im November erreichte N24 einen Marktanteil von 1,2 Prozent. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kam N24 sogar auf 1,7 Prozent der Zuschauer. Dem Nachrichtensender, der zur „Welt“-Gruppe des Axel Springer Verlages gehört, erzielte im November das beste Ergebnis seit März 2013 sowie den zweitbesten Wert in der Geschichte des Senders. Insgesamt kam der Sender 2015 auf einen Marktanteil von 1,1 Prozent.

medienpolitik.net: Herr Rossmann, 2015 war ein dramatisches Nachrichtenjahr: Griechenland-Krise, Terroranschläge, Eskalation des Syrienkrieges, Flüchtlingswelle nach Europa. Wie hat N24 das enorme Pensum verkraftet?

Dr. Torsten Rossmann: Es stimmt: 2015 war eines der nachrichtenstärksten Jahre der letzten Dekade – und das ohne die Vielzahl von “gesetzten” Großereignissen, wie sie 2016 mit der Fußball-EM, den Olympischen Spielen, den Präsidentschaftswahlen in den USA oder dem möglichen Deutschlandbesuch des Papstes anstehen. Terror, Griechenlandkrise, der Krieg in Syrien, das Flüchtlingsdrama – alle diese Themen werden uns auch 2016 beschäftigen. Und auch der G7-Gipfel auf Schloss Elmau im Juni war über Monate mit großem Aufwand vorzubereiten, um darüber so erfolgreich live berichten zu können, wie wir es getan haben. Unsere Redaktion ist in diesem Jahr also mehr als einmal an ihre Grenzen gegangen, sie hat Außergewöhnliches geleistet. Zweifellos spüren die Kollegen am Ende eines solchen Jahres die Belastung. Sie werden sich auf die Feiertage freuen. Aber wenn die Nachrichtenlage es erfordert, sind sie in der nächsten Breaking-News-Situation wieder zur Stelle, denn genau dafür machen wir Nachrichtenfernsehen.

medienpolitik.net: Welche Resonanz hat diese Berichterstattung bei Ihren Zuschauern gefunden?

Dr. Torsten Rossmann: Wir konnten unseren TV-Marktanteil in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr steigern und unsere Marktposition unter den Sendern der dritten Generation stärken. Von unserem direkten Wettbewerber n-tv haben wir uns weiter abgesetzt. Auch digital sind wir stark – sogar stärker als der Markt – gewachsen. Im November, der von den Terroranschlägen in Paris geprägt war, konnten wir besonders hohe Reichweiten und Marktanteile und außerdem die höchste Verweildauer unserer Sendergeschichte erzielen. Aber auch das viele direkte positive Feedback unserer Zuschauer, das uns täglich erreicht, bestätigt uns darin, dass wir auf einem guten Weg sind.

medienpolitik.net: Gibt es aus diesem Ereignisdruck Erfahrungen, die auch für ruhigere Zeiten genutzt werden können?

Dr. Torsten Rossmann: Eine gute Erfahrung ist ganz sicher, dass die gemeinsame große Nachrichtenredaktion von WELT und N24 auch in härtesten Breaking-News-Situationen inzwischen perfekt aufeinander eingespielt ist. Das gibt uns, egal was passiert, Sicherheit und es stärkt das Miteinander.

medienpolitik.net: Bei Zuschauern besteht bei wichtigen Ereignissen auch abends ein Interesse an Zusammenfassungen. N24 sendet nach den 20.00 Uhr Nachrichten aber weiterhin Dokumentationen. Warum berichten Sie nicht auch nach 20.00 Uhr aktueller?

Dr. Torsten Rossmann: Bei großen Nachrichtenereignissen senden wir auch nach 20 Uhr live. Prinzipiell ist unsere Prime Time allerdings die Schiene zwischen 6 und 13 Uhr. Hier entwickelt sich der Tag, und das bilden wir ab. In Breaking-News-Situationen ist das beliebig ausdehnbar. Dass wir auch nach 20 Uhr jederzeit Breaking-News-fähig sind, haben wir zuletzt bei den Ereignissen in Paris und Hannover bewiesen. Gerade wenn es auf Schnelligkeit und Flexibilität ankommt, können wir unsere Stärken auch am Abend und in der Nacht ausspielen. Und auch an “normalen” Abenden informieren wir unsere Zuschauer verlässlich und kontinuierlich über alles Wichtige, über unser Nachrichtenlaufband und unsere digitalen Angebote. Das Feedback unserer Zuschauer zeigt, dass das Verständnis für einen Nachrichtensender genau dem entspricht.

medienpolitik.net: Da die öffentlich-rechtlichen Sender am Wochenende nach den Terroranschlägen in Paris erst sehr langsam aktuell reagierten, gab es Forderungen nach einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal. Sie sehen sicher keine Notwendigkeit, aber könnten Sie sich in solchen Krisensituationen eine Zusammenarbeit, z.B. mit dem Korrespondentennetz vorstellen?

Dr. Torsten Rossmann: Ganz ehrlich: Was hätte eine solche Zusammenarbeit gebracht? Wir waren sehr schnell, absolut professionell und mit einem guten Überblick über die Nachrichtenlage on air. Zunächst haben wir telefonisch geschaltet. Am nächsten Morgen standen unsere Reporter in Paris, und zwar genau diejenigen, die unsere Zuschauer kennen und schätzen, weil sie sie schon in vielen schwierigen Situationen begleitet und informiert haben. Was sollte ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender besser machen? Und warum sollten wir mit öffentlich-rechtlichen Korrespondenten zusammenarbeiten, die weder zu unserer Marke noch zu unserem Sender passten? Unsere Berichterstattung würde dadurch auch nicht besser, sondern nur verwechselbarer.

medienpolitik.net: 42 Prozent der erwachsenen Deutschen halten die Medien nicht mehr für glaubwürdig und 37 Prozent (infratest-dimap) sagen, dass das Vertrauen in Medien gesunken sei. Wo sehen Sie dafür die Ursachen?

Dr. Torsten Rossmann: Das sind keine guten Zahlen, auch wenn sie umgekehrt bedeuten, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Medien nach wie vor vertraut. Eine kritische Öffentlichkeit ist wichtig, nicht nur als Kontrollinstanz der Medien. Sie gehört unverzichtbar zu einer pluralistischen Gesellschaft. Dennoch lässt sich nicht übersehen, dass sich die Haltung vieler Menschen zu den Medien verändert. Das Mediennutzungsverhalten ändert sich. Heute informieren sich deutlich mehr Menschen als noch vor ein paar Jahren über soziale Medien wie Twitter, Facebook und YouTube. Diese neuen Kanäle bieten fantastische Möglichkeiten, aber über sie verbreiten sich auch Gerüchte, Falschmeldungen und gezielte Fehlinformationen rasend schnell. Auf der anderen Seite ist das aber auch eine echte Chance für klassische Medien, die als Marken für Qualitätsjournalismus stehen – mit Journalisten, die ihr Handwerk verstehen, die wirklich informieren und einordnen können.

medienpolitik.net: Was müssen die klassischen Medien verändern, damit das Vertrauen wieder wächst?

Dr. Torsten Rossmann: Sie sollten das Vertrauen nicht verlieren – in ihre Zuschauer, Leser und Nutzer, aber auch in ihre originären Stärken. Sie sollten bereit sein, sich konstruktiver Kritik ehrlich zu stellen, aber ungerechtfertigte Kritik ebenso selbstbewusst widerlegen. Sie sollten sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen und gründliche Recherche nicht dem wachsenden Zeitdruck opfern. Und nicht zuletzt sollten sie ihre Präsenz auf den neuen digitalen Plattformen noch stärker, intelligenter und innovativer nutzen, um auch dort ihre Unverzichtbarkeit unter Beweis zu stellen. Ein wirklicher Journalismus, der jeden Tag aufs Neue relevant ist, verdient und hat ganz sicher auch das Vertrauen der Menschen.

medienpolitik.net: 2015 war für N24 nicht nur geprägt von aktuellen Ereignissen, sondern auch von der Integration mit „Welt“. Wie ist dieser Prozess seit Januar 2015 gelaufen?

Dr. Torsten Rossmann: Nachdem wir im vergangenen Jahr mit der Gründung der WeltN24 GmbH zunächst sehr viel arbeits- und gesellschaftsrechtliche Vorarbeit leisten mussten, ist in diesem Jahr richtig viel passiert. Aktuell sind wir dabei, alle unsere journalistischen Angebote und Produkte unter dem neuen Markendach „Welt“ zusammenzuführen. Dabei werden die Erscheinungsbilder unserer Marken „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ und N24 einander angeglichen, um die Zusammengehörigkeit auch nach außen klarer zu demonstrieren. Unsere digitale Zeitung „Welt“ Edition sowie die Printtitel „Welt“ und „Welt am Sonntag“ erscheinen bereits im neuen Design. Im Frühjahr folgt N24 zunächst im angepassten TV-Design. Natürlich arbeiten die Teams und insbesondere die Redaktion immer enger zusammen. Selbst über zwei Standorte entwickeln sich zunehmend Gemeinsamkeiten.

medienpolitik.net: Auf der Online-Seite von „Welt“ findet sich immer mehr Bewegtbild von N24. Wie viel N24 steckt inzwischen in der „Welt“ und wie viel „Welt“ in N24?

Dr. Torsten Rossmann: Jeden Tag mehr. Wir arbeiten daran, dass sich diese Frage bald gar nicht mehr stellt. Wir haben eine Nachrichtenredaktion, die gemeinsam an den journalistischen Inhalten für alle unsere Plattformen arbeitet. Die Grenzen zwischen TV, Digital und Print spielen keine so große Rolle mehr. Genau darin liegt unsere Stärke. Es gibt derzeit wohl keine andere Redaktion in Deutschland, die das mit der gleichen Überzeugung von sich sagen kann.

medienpolitik.net: Wie profitiert die TV-Berichterstattung von N24 von der journalistischen Kompetenz der Welt?

Dr. Torsten Rossmann: Insbesondere bei großen Ereignissen verfügen wir über eine ganz andere Schlagkraft. Das reicht von der Live-Berichterstattung über den Zugriff auf mehr Experten bis hin zu Hintergrundberichten. Wir können jedes Ereignis genau richtig erzählen und haben eine Redaktion, die auf jedem Gebiet, egal ob das geschriebene Wort, Video, Live oder Foto, über Exzellenz und Expertise verfügt.

medienpolitik.net: 2016 ist für Welt24 ein wichtiges Jahr: Die Marke N24 soll nach 16 Jahren verschwinden. Aus N24 wird „Welt“…

Dr. Torsten Rossmann: 2016 ändern wir den Namen des Senders noch nicht. Wir wollen unsere Zuschauer ja auf dem Weg mitnehmen, und dazu ist es wichtig, dass wir sie von diesem Weg überzeugen. Grundsätzlich verabschiedet man sich nach so langer Zeit nicht leichtfertig von einer so bekannten, beliebten und erfolgreichen Marke, wie N24 es ist. Diesen Schritt geht man nur, wenn man wirklich davon überzeugt ist, dass in dem gemeinsamen neuen Markendach WELT eine einmalige Chance liegt: moderner und intelligenter Journalismus mit einem klaren Markenversprechen über alle Kanäle hinweg. Das kann derzeit in ganz Europa niemand sonst. Dafür lohnt es sich sogar, unseren Nachrichtensender umzubenennen. Das wird voraussichtlich 2017 der Fall sein.

medienpolitik.net: Ist das nicht problematisch, sich in dem umkämpften TV-Bereich von einer „gelernten“ und erfolgreichen Marke zu trennen, während alle ihre Marke stärken?

Dr. Torsten Rossmann: Wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass wir unsere Marke damit auch stärken, würden wir es nicht tun. Wir werden den Übergang behutsam vorbereiten und den Schritt der Umbenennung erst dann gehen, wenn wir wirklich sicher sein können, dass unsere Zuschauer und User ihn mitgehen.

medienpolitik.net: Es soll 2016 eine gemeinsame Online-Seite von N24 und „Welt“ geben. Wird hier das Bewegtbild bereits dominieren?

Dr. Torsten Rossmann: Die Online-Auftritte von N24.de und Welt.de werden in der zweiten Jahreshälfte unter dem Namen WELT zusammengeführt. Das ist dann wirklich eine ganz neue Seite. Hier werden sich Nutzer beider Communities gleichermaßen wiederfinden und zu Hause fühlen. Wir wollen ihnen aber noch mehr bieten. Ein Team arbeitet schon seit einigen Monaten an diesem Projekt. Ich kann Ihnen versprechen, dass das neue Angebot mehr sein wird als die Summe seiner Teile. Bewegtbild wird in jedem Fall eine ganz große Rolle spielen.

medienpolitik.net: Was wünschen Sie sich für 2016?

Dr. Torsten Rossmann: Auch wenn es vielleicht naiv klingt: ein Nachrichtenjahr mit weniger katastrophalen Meldungen und mehr positiven Entwicklungen als 2015. Als Realist befürchte ich aber, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllt.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 1/2016 erstveröffentlicht.

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