Rundfunk:

„Wir dürfen und müssen neu denken“

von am 13.01.2016 in Allgemein, Archiv, Hörfunk, Internet, Interviews, Jugendkanal, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Wir dürfen und müssen neu denken“
Lutz Marmor, Intendant des Norddeutschen Rundfunks I © NDR/David Paprocki

ARD erwartet von neuen Online-Jugendangebot auch Impulse für ihre anderen Programme

13.01.16 Interview mit Lutz Marmor, Intendant des NDR

Drei Jahre war Lutz Marmor neben seinem Job als NDR-Intendant auch Vorsitzender der ARD, des Verbundes aus acht selbstbewussten Landesrundfunkanstalten. In dieser Zeit sind wichtige strategische Entscheidungen für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gefallen: So wurde ein neues Gebührenmodell eingeführt, der Rundfunkbeitrag gesenkt, ein Online-Jugendangebot auf den Weg gebracht und die Einnahmen der öffentlich-rechtlichen Sender wurden bis 2020 eingefroren. Dazu kamen gerichtliche Auseinandersetzungen mit den Zeitungsverlegern wegen der Tagesschau.de-App und der Streit über die Verwendung des Beitragsüberschusses. Nur am Rande seien die Verhandlungen mit den Produzenten über neue Rahmenverträge, mit der Bundeskulturministerin über die Abgaben zum FFG und mit dem Wirtschaftsministerium über die Versteigerung der Rundfunkfrequenzen vermerkt. Mit ruhiger Hand, ohne große öffentliche Aufregung hat Lutz Marmor in hanseatischer Manier das ARD-Schiff durch die Untiefen der Rundfunkpolitik gesteuert. Der Lotse verlässt sein Schiff in einem guten Zustand.

medienpolitik.net: Herr Marmor, in Ihrer Zeit als ARD-Vorsitzender wurden vier Rundfunkänderungsstaatsverträge unterzeichnet. Welcher ist für die ARD von diesen der wichtigste?

Lutz Marmor: Sämtliche Novellierungen des Rundfunkstaatsvertrages hatten und haben maßgebliche Bedeutung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Am wichtigsten war sicher der 15. Änderungsstaatsvertrag, der seit Januar 2013 gilt und zur Reform der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geführt hat. Dieses neue System ist einfacher und zugleich gerechter. Mit der 16. Änderung des Staatsvertrages wurde der Rundfunkbeitrag ab April 2015 auf monatlich 17,50 Euro reduziert.
Wichtig ist auch der 19. Rundfunkänderungsstaatsvertrag. Darin ist das junge Angebot von ARD und ZDF verankert und zugleich auch eine neue Art der Beauftragung von Telemedienangeboten. Die Ministerpräsidentenkonferenz hatte im Oktober 2014 ARD und ZDF mit der Planung für ein gemeinsames junges Angebot beauftragt. ARD und ZDF sollen 14- bis 29 Jährigen ein identitäts- und demokratiestiftendes, meinungsbildendes Angebot machen, das den gesellschaftlichen Diskurs befördert und Orientierung bietet.
Es wird nicht programmbegleitend sein, sondern ausschließlich fürs Netz entwickelt.

medienpolitik.net: Der 19. RÄStV beschließt das Online-Jugendangebot von ARD und ZDF, das ursprünglich als Jugendkanal konzipiert war. Können Sie in dieser Entscheidung inzwischen mehr Vorteile als Nachteile sehen?

Lutz Marmor: Bei der Entscheidung der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten überwiegen die Vorteile bei Weitem. Entscheidend ist, dass wir die Beauftragung für ein junges Angebot bekommen haben und damit künftig 14-29-Jährige gezielt ansprechen können. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass die Fokussierung auf die Online-Verbreitung eine Chance darstellt. Diese möchten wir nutzen, um möglichst viele junge Menschen mit unseren Inhalten zu erreichen.

medienpolitik.net: Im Oktober 2016 soll das Angebot on air gehen. Was ist bis dahin die größte Herausforderung für das Team um Florian Hager?

Lutz Marmor: Die größte Herausforderung ist, möglichst viele Menschen in der sehr heterogenen Zielgruppe zu erreichen. Das funktioniert natürlich nicht, indem wir Inhalte, die wir bislang für Fernsehen oder Radio produzieren, einfach online stellen. Die Kolleginnen und Kollegen müssen ganz konsequent zielgruppenrelevante Formen entwickeln und so umsetzen, dass sie online funktionieren – insbesondere auch mit Hilfe von Drittplattformen. Man darf nicht vergessen, dass „Online-Formate“ für die junge Zielgruppe nicht weniger Aufwand, Investition und Recherche bedeuten als andere Inhalte. ARD und ZDF produzieren zwar schon länger Inhalte für das Netz – aber qua Auftrag eben bislang „nur“ programmbegleitend. Mit Online-„only“ bewegen wir uns also auf neuem Terrain. Ich bin sicher, dass das Team um Florian Hager mit viel Kreativität, Ehrgeiz und Elan an die Sache herangeht. Das gilt aber auch für alle Sender der ARD und des ZDF, die ja in den Prozess eingebunden sind und maßgeblich Inhalte zuliefern werden.

medienpolitik.net: Den Erfolg des Jugendangebotes kann man nicht mit klassischen Reichweitenzahlen messen. Wann wäre es für Sie erfolgreich?

Lutz Marmor: Wenn es uns gelingt, dass junge Menschen darüber sprechen, gern auch kontrovers, hätten wir viel erreicht. Konkrete Zielvorgaben gibt es bislang noch nicht, aber auch daran arbeiten die Kollegen.

medienpolitik.net: Welche Impulse erwarten sie von dem Jugendangebot auch für andere Angebote der ARD?

Lutz Marmor: Es ist das erste Mal, dass wir ein Angebot in dieser Form ausschließlich fürs Netz entwickeln – das bedeutet: Wir dürfen und müssen neu denken. Von diesem Relaunch in den Köpfen können wiederum andere Redaktionen lernen und das ein oder andere auch für die eigenen redaktionellen Prozesse nutzen. Ich hoffe auf einen gegenseitigen Lernprozess für alle.

medienpolitik.net: Am 1. Januar 2013 trat der Beitragsstaatsvertrag mit Ihrem Amtsantritt in Kraft und es gab gleich eine mediale Welle kritischer Kommentare. Wie sehr hat das dem Image des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschadet?

Lutz Marmor: Ich glaube, dass unser Image keinen Schaden genommen hat. Unsere Umfragewerte sind über Jahre relativ stabil, mehr als zwei Drittel der Menschen halten Das Erste beispielsweise für glaubwürdig, das Ergebnis ist seit 15 Jahren in etwa gleich. Im Sendegebiet des NDR sagen zum Beispiel rund 70 Prozent der Befragten, dass der NDR sein Geld wert ist. Auch dieser Wert ist seit 5 Jahren nahezu gleich geblieben. Ich denke, wir haben heute mehr denn je die Aufgabe, den Menschen zu vermitteln, warum wir etwas tun. Das versuchen wir auch mit mehr Transparenz. Hier sind wir vorangekommen: Viele Informationen sind gebündelt im Netz einsehbar. Denken Sie auch an den ARD-Produzentenbericht, der unter der Federführung des MDR entstanden ist und von uns veröffentlicht wurde, oder an die KEF-Anmeldung der ARD, die wir ebenfalls im Detail auf unseren Seiten veröffentlicht haben.

medienpolitik.net: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben von dem Überschuss keinen Cent mehr erhalten. Wozu war dann die ganze Aufregung gut?

Lutz Marmor: Die Umstellung auf den Beitrag war eine Reform, die sehr viele Menschen betroffen hat. Wie bei jeder Reform gibt es dabei auch Aufregung. Die Umstellung war aber notwendig und sinnvoll. Der neue Beitrag sichert unsere Zukunft. Zudem ist er einfacher und gerechter. Das lohnt jede Diskussion.

medienpolitik.net: Sie haben für die neue Beitragsperiode im Gegensatz zum ZDF mehr angemeldet als der Überschuss hergibt. Nehmen Sie damit nicht die Anhebung des Beitrages und damit eine erneute Debatte über den Rundfunkbeitrag in Kauf?

Lutz Marmor: Wir haben unsere Anmeldung für den Zeitraum 2017 – 2020 unter Berücksichtigung der aktuellen Gegebenheiten vorgenommen: Vieles im Leben ist seit 2009 teurer geworden. Zum Beispiel sind die Gehälter und Honorare der Mitarbeiter gestiegen, genau wie die Programm- und Stromkosten. Die für 2017 – 2020 angemeldete Aufwandssteigerung liegt mit durchschnittlich rund 2,2 Prozent pro Jahr geringfügig über dem Niveau der zu erwartenden Teuerungsraten. In den vergangenen beiden Beitragsperioden (2009 – 2012 und 2013 – 2016) hatte die ARD eine Aufwandssteigerung von jeweils unter 1 Prozent, also deutlich unter der allgemeinen Inflationsrate. Dadurch mussten die Sender bereits erheblich sparen, um die allgemeinen Preissteigerungen der vergangenen sechs Jahre auszugleichen. Die jetzige Anmeldung entspricht also einer normalen Anmeldung und die KEF wird diese genau prüfen.

medienpolitik.net: Die Anmeldung des Mehrbedarfs wurde wiederholt mit zusätzlichen Programmleistungen und einer besseren Vergütung von Produzenten bei der Online-Nutzung begründet. Nun wurde ein neues Eckpunktepapier mit der Produzentenallianz für Kinokoproduktionen abgeschlossen. Mit welcher Mehrbelastung rechnen Sie?

Lutz Marmor: Mit dem angemeldeten Mehrbedarf sollen im Wesentlichen die zu erwartenden Preissteigerungen ausgeglichen werden. Zudem geht es darum die Produktionsqualität im Programm zu stärken und die Standards in der Programmverbreitung weiterzuentwickeln, z. B. DAB+ und DVB-T2.
Bei den Programmaufwendungen gehen wir von einer Steigerungsrate in Höhe von jährlich durchschnittlich 2,2 % aus. Dieser Wert liegt geringfügig über der mit 2,05 % erwarteten rundfunkspezifischen Teuerungsrate. Die ARD hält einen höheren Programmaufwand im Sinne der Qualität der Programme und des fairen Umgangs mit den kreativen Programmschaffenden für gerechtfertigt.

medienpolitik.net: Sie stellen die „Tatorte“ jetzt 30 Tage in die Mediathek. Ist das der erste Schritt zur Aufweichung des 12. RÄStV und die schleichende Aufhebung der Einstellungsfristen bei den ARD-Mediatheken?

Lutz Marmor: Von einer schleichenden Aufhebung kann nicht die Rede sein. Im Telemedienkonzept der ARD gibt es genrespezifische Verweildauern, die eine 30-Tage-Frist für den „Tatort“ erlauben. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für dieses erweiterte Angebot sind erfüllt und die längere Verweildauer ist ein attraktiver Service für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer, die den „Tatort“ im Ersten verpasst haben.

medienpolitik.net: Aber wie lange ist das durchzuhalten, dass bei den Online-Angeboten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit zweierlei Maß gemessen wird: Weniger reguliert beim Jugendangebot und stärker reguliert bei den anderen Angeboten?

Lutz Marmor: Wir machen die Gesetze nicht selbst. Aber wir begrüßen, dass es für das junge Angebot andere Maßstäbe gibt. Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten haben diese Entscheidung aus gutem Grund getroffen, denn sonst hätte das Junge Angebot bei dem Nutzungsverhalten der Zielgruppe kaum eine Chance.

medienpolitik.net: Eines Ihrer Ziele war es ein besseres Verhältnis zu den Verlegern herzustellen. Die Klage der Zeitungsverleger gegen die tagesschau.de-App läuft aber immer noch. Warum bewegt sich die ARD hier nicht auf die Verlage zu?

Lutz Marmor: Wir haben uns auf die Verlage zu bewegt, denn das seinerzeit beklagte Angebot von Tagesschau.de ist längst überholt. Wir sind den Verlegern entgegen gekommen, in dem wir Videos und Audios ins Zentrum unseres Angebotes gerückt haben, was allerdings auch in unserem eigenen Interesse liegt, denn das ist unsere Stärke. Von einer Presseähnlichkeit kann aus meiner Sicht längst keine Rede sein. Für ein besseres Verhältnis bleibt es aber wichtig, dass sich beide Seiten aufeinander zu bewegen. Wir haben viele gemeinsame Interessen. Sowohl mit den Verbänden als auch mit den Qualitätsmedien arbeiten wir auf verschiedenen Ebenen gut zusammen, sei es mit SZ, Spiegel, FAZ, Stern oder regional der NDR mit dem Hamburger Abendblatt. Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg und wir sollten dies weiter ausbauen. Wir sind gern bereit dazu.

medienpolitik.net: Aber auch beim Jugendangebot droht der BDZV mit einer Klage. Was halten Sie davon, sich mit den Verlegern über Grundfragen einer Arbeitsteilung in der digitalen Welt zu verständigen?

Lutz Marmor: Die Versuche gibt es ja: Es gibt auf verschiedenen Ebenen zahlreiche Gespräche mit den Verlegerverbänden wie BDZD und VDZ. Digitale Veränderungsprozesse sind regelmäßig Themen in diesen Gesprächen, zum Beispiel was die Marktveränderung durch Google angeht. Diese Gespräche sollten wir unbedingt fortführen. Dennoch können wir nur so weit gehen, wie es unser öffentlich-rechtlicher Auftrag auch zulässt. Insofern sind uns in manchen Themen auch Grenzen gesetzt.

medienpolitik.net: Das Vertrauen der Bürger in die Medien sinkt. Von allen Medien genießt der öffentlich-rechtliche Rundfunk das höchste Vertrauen. Welchen Beitrag kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk leisten, das Vertrauen wieder zu vergrößern?

Lutz Marmor: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk genießt tatsächlich ein verglichen mit anderen Medien hohes Vertrauen bei den Menschen. Wir arbeiten jeden Tag daran, dass das auch so bleibt. Am liebsten wäre mir, wenn wir auch die Skeptiker erreichen und von uns überzeugen könnten. Es gibt aus meiner Sicht drei Dinge, die zu mehr Vertrauen beitragen: Da ist an erster Stelle guter Journalismus. Die Menschen können sehr wohl unterscheiden, was serös und glaubwürdig ist und was nicht. Der zweite wichtige Punkt ist Offenheit. Vor allem bei neuen Entwicklungen, Themen oder Umsetzungen müssen wir immer offen sein, um vertrauensvoll wahrgenommen zu werden und konkurrenzfähig zu bleiben. Und Drittens halte ich die Bereitschaft zum Dialog für sehr wichtig. Nie zuvor war der Wunsch nach Partizipation und Austausch so präsent wie heute. Durch die neuen Medien wollen sich Hörerinnen und Hörer, Zuschauerinnen und Zuschauer sowie Nutzerinnen und Nutzer an unseren Programmen beteiligen, sich mitteilen und sagen was ihnen gefällt oder auch nicht. Das müssen wir ernst nehmen und abbilden. Wenn wir diese drei Punkte gewissenhaft umsetzen, mache ich mir um unsere Glaubwürdigkeit und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine Sorgen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 1/2016 erstveröffentlicht.

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