Rundfunk:

„Im Zweifel nicht die Schnellsten, sondern die Besten“

von am 01.02.2016 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Im Zweifel nicht die Schnellsten, sondern die Besten“
Michaela Kolster und Michael Hirz, phoenix-Geschäftsführer I © PHOENIX/Thomas Kierok

phoenix will an Wochenenden noch schneller und flexibler berichten

01.02.16 Interview mit Michaela Kolster und Michael Hirz, phoenix-Geschäftsführer

phoenix, der Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, hat seine Spitzenposition unter den Informationskanälen auch im Jahr 2015 behauptet. Täglich schalten rund vier Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer den Kanal ein. Die entspreche laut Senderangaben einem Marktanteil von 1,1 Prozent.
Damit ist phoenix im fünften Jahr in Folge Marktführer vor den kommerziellen Mitbewerbern. Mit der ausführlichen Berichterstattung zu den Terroranschlägen in Paris, der Griechenland-Krise, Syrien, dem IS-Terror, dem G7-Gipfel und dem Themenschwerpunkt „25 Jahre Deutsche Einheit“ hat der Bonner Sender 2015 starke Akzente gesetzt. Zu den Pariser Attentaten im November hat phoenix die Zuschauer allein in der ersten Woche mit einem 77-stündigem Sonderprogramm auf dem Laufenden gehalten.

medienpolitik.net: Sie haben 2015 einen Marktanteil von 1,1 Prozent erreicht. Was waren 2015 die meistgesehenen Sendungen?

Michael Hirz: Wir hatten im Jahr 2015 viele erfolgreiche Sendungen. Bei den Ereignissen gehörten unsere Berichterstattung zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau, über die Terroranschläge in Paris im November sowie die Pressekonferenz am Tag nach dem abgesagten Länderspiel in Hannover zu den am stärksten eingeschalteten Programmen. Im Presseclub hat die Sendung „Der böse Schäuble – Deutschland als Buhmann Europas?“ besonders viele Zuschauerinnen und Zuschauer angesprochen. Beim Internationalen Frühshoppen war im Zuge der Attentate in Paris das Thema „Wie verteidigen wir Freiheit und Rechtsstaat?“ am erfolgreichsten. Dabei ist interessant, dass die Zahlen bei den Anschlussformaten „Nachgefragt“ sowohl beim Presseclub als auch beim Frühschoppen jeweils nochmals in die Höhe schnellten. Das belegt das hohe Interesse unserer Zuschauerinnen und Zuschauer an Interaktion.

Michaela Kolster: Bei den Dokumentationen haben neben einzelnen Stücken unsere Schwerpunkte rund um historische Gedenkereignisse hervorragend funktioniert, zum Beispiel die Geschichtsreportage „Stunde Null“ und der Thementag zu 25 Jahren deutsche Wiedervereinigung, bei dem Live-Berichte vom Festakt und Festgottesdienst, mit der Gesprächssendung „History live“ und Dokumentationen verknüpft wurden. Große Beachtung finden auch unsere Reportage-Formate „Mein Ausland“, mit denen Korrespondenten von ZDF und ARD besondere Einblicke und Hintergründe aus ihren Berichtsländern liefern, z.B. „Im Fadenkreuz des Islamischen Staates“ und „Dubai – Das andere Arabien“.

medienpolitik.net: Wie hoch war 2015 im Vergleich zu 2014 der Anteil von Live-Übertragungen?

Michael Hirz: Beim Anteil der Vor-Ort-Berichterstattung rund um aktuelle Ereignisse haben wir nochmals deutlich gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Und wir werden dieses Feld künftig weiter ausbauen. Ab Ostern starten wir auch im Sonderprogramm bereits um neun Uhr mit den aktuellen Vor-Ort-Strecken. Ein weiteres Indiz dafür, dass wir unseren Zuschauern künftig noch mehr Aktualität bieten werden.

medienpolitik.net: Sie sind seit fünf Jahren Marktführer vor privaten Informationsangeboten, obwohl phoenix kein Nachrichtenkanal ist. Wo sehen Sie die Ursachen?

Michael Hirz: Daran sieht man, wie der Zuschauer tickt und seine eigene Einordnung vornimmt. Unser Anspruch war und ist es, das ganze Bild rund um Ereignisse zu liefern. Das kommt an. Schnelle Nachrichten „to go“ gibt es viele, eine fundierte und umfassende Berichterstattung mit vertiefenden Hintergründen und profunder Einordnung der Lage ist dagegen nicht überall an der Tagesordnung. Auch unsere Dokumentationen leisten einen wichtigen Beitrag für ein umfassendes Informationspaket. Die Zahlen zeigen, dass wir mit unserem Gesamtangebot richtig liegen, und das ist für unser Team jeden Tag Ansporn, diesen Spitzenplatz im Relevant-Set der Zuschauer auch weiterhin zu verteidigen.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie in der aktuellen Berichterstattung Ihren Platz zwischen der „Tagesschau“ und „heute“-Ausgaben?

Michaela Kolster: Wir sehen uns nicht zwischen diesen beiden Formaten, sondern neben ihnen. Wir sind ein Additiv-Programm, bieten einen Zusatznutzen für Zuschauer, die in der Tiefe informiert werden möchten.

medienpolitik.net: Sie legen Wert darauf, eine „verlässliche Quelle“ zu sein. Warum betonen Sie „verlässlich“?

Michael Hirz: Weil Verlässlichkeit in einer immer schnelleren und aufgeregteren Informationswelt ein wichtiger Faktor ist und unserer Meinung nach noch bedeutender wird. Wir erleben bei allen Anlässen – speziell in den sozialen Netzwerken – eine Flut von Schnellschüssen, die oft auf Vermutungen und wenig gesicherten Grundlagen beruhen. Da setzen wir bewusst einen Gegenpol, in dem wir Informationen liefern, die stichhaltig sind. Und wenn wir Einschätzungen verbreiten, dann gibt es diese von qualifizierten Experten. Häufig bieten wir dem Publikum Teilhabe, Fernsehen in Echtzeit.

medienpolitik.net: Was bedeutet das für die Arbeit von Phoenix?

Michaela Kolster: Das bedeutet zum Beispiel, dass unsere Mitarbeiter ihr Handwerk beherrschen und dazu gehört eine saubere Recherche. Wir legen auch Wert darauf, dass bei uns weiterhin Kolleginnen und Kollegen mit viel Erfahrung im Einsatz sind. Gerade in Krisensituationen sind gestandene Profis auch ein Indikator für eine fundierte Berichterstattung im Interesse des Zuschauers.

medienpolitik.net: Wie schnell können und wollen Sie auf aktuelle Ereignisse reagieren?

Michael Hirz: Wir sind schon sehr schnell. Deswegen werden wir nicht nur in den Sonderprogrammen, sondern auch an Wochenenden und Feiertagen noch zulegen. Denn besondere Ereignisse nehmen keine Rücksicht auf den Kalender. Auch unsere Europa-Berichterstattung werden wir verstärken. Bei der Programmgestaltung sind wir sehr flexibel und können schnell reagieren. Zum Beispiel mit gut besetzten Gesprächsrunden für eine zeitnahe und vertiefende Information unserer Zuschauer rund um aktuelle Ereignisse wie beispielsweise die Silvester-Übergriffe in Köln und anderen Städten.

medienpolitik.net: Aber nach den Terroranschlägen in Paris im November wurde an der Reaktionsgeschwindigkeit der öffentlich-rechtlichen Angebote Kritik geübt und ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal gefordert. Ist die Kritik berechtigt, dass bei aktuellen Ereignissen die öffentlich-rechtlichen Programme zu langsam reagieren, da die entsprechenden Strukturen fehlen?

Michaela Kolster: Wir und auch ARD und ZDF arbeiten immer an Optimierungen, und wir nehmen Kritik ernst. Deshalb lernen auch wir ständig dazu, denn natürlich ist es unser Ziel, den anspruchsvollen Zuschauern ein möglichst optimales Informationsangebot zu liefern. Die Neuerung mit der vergrößerten Reporter-Crew für Brüssel und Straßburg ist da nur ein Beispiel.

medienpolitik.net: Dennoch: Mehrere Umfragen haben, bei aller Kritik an den Medien, die öffentlich-rechtlichen Angebote am Glaubwürdigsten eingeschätzt. Zwingt nicht der Verlust an Glaubwürdigkeit bei den Medien geradezu zu einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal?

Michael Hirz: Erst einmal ist es eine sehr gute Nachricht, dass öffentlich-rechtliche Sender so positiv gesehen werden. Aus unserer Sicht bieten ARD und ZDF ein sehr umfassendes Informationsangebot, sowohl in den Hauptprogrammen als auch bei phoenix, tagesschau24 und ZDF Info.

medienpolitik.net: Angenommen phoenix würde zu einem Informationskanal „umgebaut“, welche Konsequenzen hätte das finanziell und personell?

Michael Hirz: Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen, sondern kümmern uns lieber darum, unser Angebot weiter zu pflegen und zu optimieren.

medienpolitik.net: Warum sind Sie online so passiv? Auf der Online-Seite von „Tagesschau“ und „heute“ finden sich aktuelle Nachrichten, auf Ihrer Online-Seite eine Programmübersicht. Ist das nicht sehr asketisch?

Michaela Kolster: Zum einen ist phoenix kein Nachrichtensender, das wurde bei der Gründung staatsvertraglich ausgeschlossen. Auch online dokumentieren wir Ereignisse zeitnah, zeigen Hintergründe auf und erklären komplizierte Sachverhalte. Und genau so ist die Homepage aufgebaut: Neben den vielen, von den Zuschauern gut genutzten Programminformationen erklären wir auch sehr viele Sachzusammenhänge: Der Sozialstaat, die Weltreligionen, UNO, NATO, EU, Faszination Afrika, die Bundeswehr, der Bundestag und der Euro – das sind nur einige Beispiele, zu denen wir sogenannte Module anbieten, angelehnt an aktuelle oder vergangene Programmvorhaben.

medienpolitik.net: Wie werden die phoenix-Sendungen – YouTube, Archiv und Streaming – Online genutzt?

Michaela Kolster: Die Nutzung ist für uns mehr als zufriedenstellend. Wir bieten unsere Sendungen in unserem eigenen Archiv an, die phoenix-Talk-Sendungen zudem in der ZDF-Mediathek, demnächst auch in der ARD-Mediathek. Beide Mediatheken senden auch den 24-Stunden-phoenix-Livestream und ARD und ZDF weisen bei wichtigen Vorhaben via Internet darauf hin. Natürlich haben wir deutlich mehr Zuschauer, wenn wir durch die „Mutterhäuser“ bei wichtigen Programmvorhaben verlinkt werden. Und mit unserem YouTube-Kanal liegen wir mit mehr als 19 Millionen Klicks auf Platz eins der YouTube-Kanäle der deutschsprachigen, informationsgetriebenen Fernsehsender, was vor allem an unserem originären Content und der Vielzahl an produzierten Videos liegt.

medienpolitik.net: Man kann Beiträge von Ihnen auf Facebook kommentieren. Wie sind hier die Reaktionen auf Ihre Berichterstattung? Auch so teilweise unsachlich und hasserfüllt, wie in den Kommentaren anderer Medien?

Michaela Kolster: Unsere Zuschauer sind sehr interessiert und diskutieren gerne. Daher erhalten wir sehr viel Resonanz zu unseren Sendungen. Aktuell haben alle Social-Media-Betreiber mit sogenannten Hasskommentaren zu kämpfen, da ist phoenix keine Ausnahme. Allerdings merken wir in der Diskussion mit anderen Kolleginnen und Kollegen, dass wir doch erkennbar weniger unsachliche Kommentierungen haben, als das bei anderen Plattformen der Fall ist.

medienpolitik.net: Was können und müssen die Medien leisten, um wieder mehr Vertrauen zu gewinnen?

Michael Hirz: Zunächst müssen sie natürlich handwerklich sauber arbeiten, das ist die Grundlage. Es gibt ja nicht zu Unrecht eine Debatte über Qualitätsjournalismus und den Gegenpol der Gratiskultur. Wir sind und bleiben ganz klar Verfechter von Qualität – im Zweifel sind wir lieber nicht die schnellsten, sondern die Besten. Und ich bin sicher, dass es für Seriosität und Qualität auch künftig ein Bedürfnis gibt – vielleicht sogar ein wachsendes.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2016 erstveröffentlicht.

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