Rundfunk:

„Unsere Bedeutung für die Gesellschaft wächst“

von am 08.02.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Unsere Bedeutung für die Gesellschaft wächst“
Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR I © MDR/Dabdoub

Für die ARD-Vorsitzende sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen das Grundkapital der Medien

08.02.16 Interview mit Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR

In einem medienpolitik.net-Gespräch hat die neue ARD-Vorsitzende Karola Wille deutlich gemacht, dass die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wächst, sich daraus aber auch eine hohe Verantwortung für die Qualität aller Angebote ergibt. „Ich verstehe Qualität im Zusammenhang mit Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit“, so Wille. Dabei stellt sie aber auch Fragen an das Programm und die Mitarbeiter: „Repräsentieren wir noch die Grundhaltung der Mehrheit der Gesellschaft oder vertreten wir nur noch Teil- oder Gegenöffentlichkeiten? Spiegeln wir die Lebenswirklichkeit differenziert genug wider? Bewegen wir uns außerhalb von Mainstream-Korridoren?“ Hier die richtigen Antworten zu finden, sei entscheidend, ob man glaubwürdig sei oder nicht. Aber auch wenn Fehler gemacht würden, müsse man dazu stehen und sie korrigieren.

medienpolitik.net: Frau Wille, Sie haben die Vorstellung Ihrer kommenden Aufgaben als ARD-Vorsitzende sehr politisch definiert, mit Ausführungen, die man eher von einem Politiker als von der Intendantin einer im weitesten Sinne künstlerischen Einrichtung erwartet. Warum haben Sie so viel Wert auf die gesellschaftliche Bedeutung der ARD gelegt?

Prof. Dr. Karola Wille: Die ARD hat einen gesellschaftlichen Auftrag, und da in der Gesellschaft so viel in Bewegung geraten ist, ist es mir wichtig zu verdeutlichen, warum unsere Bedeutung für das Gemeinwesen wächst, und nicht, wie es manche behaupten, geringer wird. Deshalb wüssen wir gemäß dieses Auftrages, die gesellschaftliche Relevanz unseres Programms immer wieder neu justieren.

medienpolitik.net: Aber generell wird doch davon gesprochen, dass die Bedeutung der klassischen Massenmedien für die Gesellschaft geringer wird. Ihren Ausführungen habe ich entnommen, dass Sie das genau andersherum sehen. Können Sie das bitte erläutern?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Medienwelt befindet sich zwar im Umbruch, trotzdem gehört die lineare Welt unverändert dazu. Zwanzig Prozent der Menschen gewinnen ihre Nachrichten aus den sozialen Netzwerken. Aber für 80 Prozent sind die klassischen Medien über ihre verschiedenen Kanäle weiterhin die Hauptinforationsquelle. Mein Grundansatz ist, dass die ARD als föderaler, integrierter Medienverbund von Radio, Fernsehen und Online-Angeboten stärker die Möglichkeit hat, eine Gesamtöffentlichkeit herzustellen und einen gesellschaftlichen Diskurs zu befördern als andere Massenmedien. Die entscheidende Frage ist: Was hält uns zusammen? Repräsentieren wir noch die Grundhaltung der Mehrheit der Gesellschaft oder vertreten wir nur noch Teil-oder Gegenöffentlichkeiten? Wir haben eine Vielzahl von linearen Angeboten und viele Möglichkeiten im Netz Neues zu entwickeln. Mit diesen intrigierenden Leistungen und der zusätzlichen Chance ein Jugendangebot im Internet zu entwickeln, können wir sehr stark eine gesellschaftstabilisierende Funktion wahrnehmen.

medienpolitik.net: Sowohl Journalisten als auch Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks definieren gegenwärtig Qualität vor allem über fiktionale Angebote wie Serien. Sie haben Qualität über diese gesellschaftliche Rolle definiert. Wie sehen Sie Qualität?

Prof. Dr. Karola Wille: Ich verstehe Qualität im Zusammenhang mit Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit. Qualität ist natürlich immer konkret und bezieht sich auf alle Bereiche, Nachrichten, Dokumentationen, Talk-Shows ebenso, wie Comedies oder auch Serien. Im fiktionalen Bereich gehört dazu, differenzierte, vielfältige, moderne, anspruchsvolle Produkte anzubieten. Und darum bemühen wir uns auch mit unseren Serien wie „Weissensee“, die mit dem „Deutschen Fernsehpreis“ ausgezeichnet worden ist, oder auch die „Stadt und die Macht“.

medienpolitik.net: Welche Anforderungen stellen Sie an Qualität bei den Informationsformaten der ARD?

Prof. Dr. Karola Wille: Für den Informationsbereich ist Qualität sicher anders zu definieren als für den Unterhaltungsbereich und den fiktionalen Bereich. Qualitätskriterien sind für uns eine saubere Recherche, Ausgewogenheit, Objektivität, Unabhängigkeit, Meinungsvielfalt und alle Themen die dazu gehören, um ein seriöser verlässlicher Nachrichtenanbieter zu sein. Und sicherlich ist heutzutage besonders wichtig, so aktuell wie möglich zu sein. Doch Zuverlässigkeit und Wahrheit einer Information dürfen nicht der Schnelligkeit geopfert werden.

medienpolitik.net: Es gab in den letzten Monaten Kritik an der „Wahrhaftigkeit“ der Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Glaubwürdigkeitswerte des öffentlich rechtlichen Rundfunks und der Medien insgesamt sind gesunken. Nehmen Sie das ernst, oder halten Sie das für aufgebauschtes Gerede aus den sozialen Netzwerken?

Prof. Dr. Karola Wille: Ich muss es ernst nehmen, denn Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind das Grundkapital der Medien. Wir müssen natürlich analysieren, wo wir hier stehen und warum unsere Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wird. Ich bin aber gegen eine pauschale Bewertung, weil dazu auch keine Veranlassung besteht. Im Moment sehe ich noch hohe Glaubwürdigkeitswerte bei der ARD. Aber diese müssen wir immer wieder neu untermauern und festigen.

medienpolitik.net: Und wo sehen Sie Defizite?

Prof. Dr. Karola Wille: Zur Glaubwürdigkeit gehört ein Bündel von Facetten, sodass man das Thema Glaubwürdigkeit nur im Ganzen beurteilen kann. Spiegeln wir die Lebenswirklichkeit differenziert genug wider? Bewegen wir uns außerhalb von Mainstream-Korridoren? Refektieren wir nur politische Agenden? Sind wir aufklärend journalistisch unterwegs? All das wird von den Zuschauern wahrgenommen. Das bildet ab, ob man glaubwürdig ist oder nicht. Aber auch wenn Fehler gemacht werden, muss man dazu stehen und sie korrigieren. Das muss normal sein.

medienpolitik.net: Nach Ihrer Prämisse nimmt angesichts der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung die Bedeutung der öffentlich-rechtlichen Information zu. Heißt das, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Nachrichtenkanal braucht?

Prof. Dr. Karola Wille: Die ARD hat die „Tagesschau 24“.

medienpolitik.net: Nach den Anschlägen in Paris gab es doch aber Kritik, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu langsam reagiert hat, da die Strukturen wie bei einem Nachrichtenkanal nicht vorhanden sind. Wäre es nicht an der Zeit, die Forderung nach einem Nachrichtenkanal an die Politik zu richten?

Prof. Dr. Karola Wille: Da wir „Tagesschau 24“ haben, wird die Politik dem nicht zustimmen. Wir müssen immer wieder darüber nachdenken, wie wir unsere Kanäle ausrichten. Wie ist das Profil, wie sind die Ressourcenbestückungen, wie sind zum Beispiel „Tageschau“ und „Tagesthemen“ miteinander integriert? Mit der „Tagesschau“-App hat meiner Ansicht nach eine gute Verlängerung ins Netz begonnen. Die „Tagesschau-App“ wird sehr stark genutzt. Es geht um ein besseres Vernetzen und Ausdifferenzieren unserer Informationsangebote und nicht um mehr.

medienpolitik.net: In wenigen Wochen will die KEF ihren neuen Bericht veröffentlichen, in dem es darum geht, wie viel mehr an Gebühren ARD und ZDF ab 2017 zur Verfügung haben. Haben Sie einen Plan B, falls die KEF Ihre Anmeldung vom Umfang nicht akzeptiert?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir werden uns die Bewertung der KEF ansehen. Schauen, wo sie gekürzt oder Dinge nicht anerkannt hat. Danach findet im Februar noch eine Anhörung statt. Diesen Termin werden ARD, ZDF und Deutschlandradio gemeinsam wahrnehmen. Danach müssen wir sehen, wo wir wirklich stehen.

medienpolitik.net: Rechnen Sie damit, dass die Anmeldung so durchgeht? Die Politik wird nicht müde zu wiederholen, dass es bis 2020 keine Gebührenerhöhungen geben wird. Aber Sie haben mehr angemeldet als Reserven da sind. Da besteht doch ein Missverhältnis.

Prof. Dr. Karola Wille: Wir haben aus unserer Sicht bedarfsgerecht angemeldet, so wie es auch das Bundesverfassungsgericht von uns verlangt. Wenn die KEF dennoch Wirtschaftlichkeitspotenziale sieht oder bestimmte Vorhaben nicht anerkennt, werden wir damit umgehen müssen. Dann müssen wir auch entscheiden, was es für jede einzelne Anstalt heißt. Wenn z.B. Personalkostensteigerungen, die tatsächlich eintreten, nicht anerkannt werden, dann hat das auch in diesem Bereich Konsequenzen.

medienpolitik.net: Einer Ihrer Vorgänger, Herr Boudgoust, hat 2010 gesagt, dass die ARD bis 2020 15 Prozent ihrer Mittel sparen muss. Das sind eine Milliarde Euro. Die Hälfte der Zeit ist vergangen. Wie angespannt ist die finanzielle Situation der ARD?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Situation der ARD ist angespannt. Selbst in so großen Häusern wie dem WDR und dem BR. Wenn selbst die Anstalten Personalplanungen mit Einsparungen von 500 Mitarbeitern vorlegen, dann ist es ein Zeichen dafür, dass man massiv sparen muss. Die Diskussionen um finanzielle Dinge sind deshalb in der ARD nicht einfacher geworden. Denn die vielen Jahre der Beitragsstabilität in denen jeder Kostensteigerungen abfangen musste, sind bis im Programm spürbar. Wenn wir über Qualitätsanbieter sprechen, dann hat auch die Qualität ihren Preis. In Recherchearbeit und aufklärenden Journalismus muss man investieren, in Personal und Zeit. Und wenn man moderne fiktionale Produktionen haben möchte, dann muss man sich auch nach den zum Teil aufwendigen internationalen Standards richten. Die finanzielle Abwärtsspirale ist für uns nicht einfach zu bewältigen. Deshalb sind Kooperation, enge Zusammenarbeit und Ausnutzen von Synergien für die ARD–Anstalten lebenswichtig.

medienpolitik.net: Gibt es bezüglich der Zusammenarbeit noch Potenzial, denn sie wird doch bereits von Jahr zu Jahr forciert?

Prof. Dr. Karola Wille: Ein Projekt hat die KEF angeregt. Es geht um die Zusammenarbeit bezüglich der IT-Struktur, von der Beschaffung bis zur Infrastruktur. Die ARD wird hierfür ein großes IT-Projekt aufsetzen. In einem so riesigen Verbund gibt es immer Möglichkeiten noch stärker zusammen zu rücken.

medienpolitik.net: Sie sagten, die ARD ist ohne Olympische Spiele undenkbar. Wir wissen, wie es momentan mit den Verwertunsrechten dafür aussieht. Warum kann man aufgrund der finanziellen Situation nicht doch einmal „heilige Kühe“ schlachten. Warum ist die ARD nicht auch ohne Olympia denkbar?

Prof. Dr. Karola Wille: Es gibt heute bereits Sportereignisse, wie Fußball-Europa- oder Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiele, die man immer bei der ARD gesehen hat, die wir auch nicht mehr übertragen. Der Sportrechtemarkt verändert sich weiter und wir sind finanziell zunehmend weniger in der Lage, mit globalen Medienunternehmen mitzuhalten. Aber Olympische Spiele sind ein gesellschaftliches Ereignis, das zum Profil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört. Wir bemühen uns die Übertragungsrechte zu erhalten, aber nicht um jeden Preis.

medienpolitik.net: Der MDR arbeitet im digitalen Bereich mit privaten Radiosendern zusammen. Kann man das nicht weiter ausbauen, denn es gibt mit Sicherheit gemeinsame Interessen?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir freuen uns sehr, dass diese Kooperation zustande gekommen ist. Wir werden mit R.SA unseren Multiplex gemeinsam nutzen. Damit befördern wir auch noch gemeinsam das Digitalradio. Gerade im Infrastrukturbereich ist eine Zusammenarbeit möglich. Ich glaube aber nicht, dass eine Zusammenarbeit wie in der Schweiz möglich ist, wo mein Kollege des SRG Roger de Week selbst bei der Werbevermarktung eine Kooperation anstrebt. Dafür sind die Marktverhältnisse zwischen Deutschland und der Schweiz doch zu unterschiedlich.

medienpolitik.net: Es gibt auch den Radioplayer, wo öffentlich-rechtlicher Rundfunk und privater Rundfunk ihre Programme auf einer gemeinsamen Plattform anbieten.

Prof. Dr. Karola Wille: Das war eine strategische Partnerschaft, die wir im letzten Jahr eingegangen sind. Aber auch hier geht es in erster Linie um eine technische Kooperation mit dem Ziel, globalen Playern eine Online-Plattform entgegenzusetzen, auf der die Nutzer alle deutschen Radioangebote finden. Diesen Weg möchte ich gerne weiter beschreiten. Etwas anderes sind inhaltliche Kooperationen, wie sie mit dem Rechercheverbund der „Süddeutschen Zeitung“, dem WDR und dem NDR besteht. Auch hier sehe ich weitere Möglichkeiten.

medienpolitik.net: Thema Zeitungsverleger: Nun klagen die Bayerischen Zeitungsverleger gegen den BR und die Klage gegen Tagesschau.de läuft weiter. Wie kann es gelingen diese Auseinandersetzung zu beenden?

Prof. Dr. Karola Wille: Es ist Zeit wieder miteinander zu reden. Man muss im Gespräch herausarbeiten, was die Probleme auf Seiten der Verleger sind und worin unsere Interessenlage besteht. Wir sollten versuchen, diesen Konflikt gemeinsam zu bewältigen. Ich sehe zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichem Rundfunk viel mehr Gemeinsames als Trennendes. Deswegen werde ich das Gespräch suchen und nicht den Gerichtssaal.

medienpolitik.net: Gibt es ein Projekt, eine Aufgabe, die Sie in zwei Jahren unbedingt geschafft haben wollen?

Prof. Dr. Karola Wille: Ich kann als ARD-Vorsitzende nur einen Impuls setzen, Entwicklungen moderieren. Mir liegt aber eine qualitative Verbesserung der Online-Präsenz sehr am Herzen. Dazu sollte eine moderne, stärker individualisierte Mediathekenwelt 2.0 der ARD gehören.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 2/2016 erstveröffentlicht.

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