Filmpolitik:

„Die Eckpunkte sind eine wichtige Weichenstellung“

von am 02.03.2016 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Jugendkanal, Kreativwirtschaft, Leistungsschutzrecht, Medienordnung, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Urheberrecht

<h4>Filmpolitik: </h4>„Die Eckpunkte sind eine wichtige Weichenstellung“
Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR I © MDR/Marco Prosch, Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten
  • ARD und Produzentenallianz einigen sich auf realistischere Vergütungen bei Auftragsproduktionen

  • Produzenten erhalten mehr Möglichkeiten Rechte an Produktionen selbst zu verwerten

02.03.16 Interviews mit Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR, und Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten

Nach einem zweijährigen – oft kontrovers verlaufenden – Gesprächsprozess mit der Produzentenallianz hat die ARD eine Selbstverpflichtungserklärung für die zukünftige Ausgestaltung der Beauftragung von Fernseh-Auftragsproduktionen beschlossen. Damit besteht nun für die teil- und vollfinanzierten Auftragsproduktionen der Genres Fiktion, Unterhaltung und Dokumentation ARD-weit eine einheitliche Grundlage. Mit den neuen Eckpunkten 2.0 werden unter anderem die Themenkomplexe Kalkulation und Rechte umfassend neu geregelt. Erstmals in der Geschichte der Auftragsproduktion in Deutschland erhalten Produzenten bei Teilfinanzierung jetzt in größerem Umfang die Möglichkeit, Rechte an ihren Produktionen zu beanspruchen, um sie von Anfang an selbst zu verwerten. Ebenfalls erstmals wird darüber hinaus eine systematische Erfolgsprämierung für Produzenten geschaffen.

Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR I © MDR/Dabdoub

„Für eine Vielfalt der Finanzierungsmodelle“

Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und Intendantin des MDR

medienpolitik.net: Frau Wille, welche Reaktionen gab es aus der Film- und TV-Wirtschaft auf das Eckpunktepapier 2.0, das Sie als Selbstverpflichtung innerhalb der ARD beschlossen haben?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Reaktionen sind überwiegend positiv. Wir bekommen derzeit viele Nachfragen zu Details der Eckpunkte, aus denen deutlich wird, dass wir hier etwas Wichtiges auf den Weg gebracht haben und die Branche die Eckpunkte konstruktiv annimmt und begrüßt.

medienpolitik.net: „In der Fernsehauftragsproduktion in Deutschland wird ein neuer Abschnitt beginnen“, betonte Alexander Thies zu dieser Selbstverpflichtung. Sehen Sie die „Eckpunkte 2.0“ auch so „epochal“?

Prof. Dr. Karola Wille: Es handelt sich um eine Selbstverpflichtung der ARD für ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte, mit der wir übrigens auch eine Protokollnotiz der Länder aus dem Rundfunkstaatsvertrag umsetzen. Wir machen damit deutlich, dass es der ARD um eine vielfältige, leistungsstarke Produktionslandschaft geht. Uns steht aber kein Urteil darüber zu, wie die Eckpunkte in der Branche und bei den einschlägigen Verbänden bewertet werden. Dass die Resonanz ganz überwiegend positiv und so deutlich ausfällt, freut mich natürlich und zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg unterwegs sind. Genau aus diesem Grund haben wir auch so lange mit der Produzentenallianz und anderen Verbänden diskutiert. Aus unserer Sicht sind die Eckpunkte eine wichtige Weichenstellung, um auch unter digitalen Produktions- und Verwertungsbedingungen in Deutschland eine vielfältige und innovative Produzentenlandschaft zu fördern.

medienpolitik.net: Ist mit den „Eckpunkten 2.0“für Sie die Debatte über ein Lizenzmodell ein für alle Mal beendet?

Prof. Dr. Karola Wille: Die ARD hatte schon Ende 2014 deutlich gemacht, dass sie aus grundsätzlichen Erwägungen das Lizenzmodell ablehnt. Wir sind nach intensiver Analyse des Vorbildes Großbritannien zu der Überzeugung gelangt, dass ein solches „Lizenzmodell“ einer wirklich vielfältigen Produzentenlandschaft in Deutschland nicht zuträglich ist. Insbesondere kleinere Produzenten haben uns signalisiert, dass sie weiterhin großes Interesse an einer vollfinanzierten Auftragsproduktion haben. Das gesamte Eckpunktepapier geht deshalb von einer Vielfalt auch bei den Finanzierungsmodellen aus.

medienpolitik.net: Ein wichtiger Punkt der „Eckpunkte 2.0“ ist die Erlösbeteiligung bei einer Drittverwertung. Im Gegensatz zu dem gesamten Eckpunktepapier ist diese Regelung nur für ein Jahr befristet. Warum?

Prof. Dr. Karola Wille: An diesem Punkt gab und gibt es unterschiedliche Auffassungen bei der ARD und der Produzentenallianz. Daher haben wir zugesagt, jetzt auf der Basis der geltenden Eckpunkte Erfahrungen zu sammeln und das Ergebnis zu evaluieren. Deshalb ist dieser Teil der Selbstverpflichtung zunächst auf ein Jahr befristet.

medienpolitik.net: Wie sicher können die Produzenten sein, dass das 45-seitige Papier bei jeder Produktion mit einer oder für eine ARD-Anstalt 100-prozentige Anwendung findet?

Prof. Dr. Karola Wille: Aktuell finden in allen Häusern der ARD Schulungen auf Redaktionsebene statt, um die Eckpunkte vorzustellen und in die tägliche Praxis zu überführen. Bei Schwierigkeiten kann zudem eine unabhängige Schiedsstelle angerufen werden, die vom früheren Cinecentrum-Geschäftsführer Ulrich Lenze geleitet wird.

medienpolitik.net: Sie und mehrere ARD-Kollegen haben rund zwei Jahre mit der Produzentenallianz intensive Gespräche geführt. Welcher zeitliche Aufwand verbirgt sich dahinter?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir haben in der Tat lang, zum Teil auch intensiv und kontrovers, aber immer konstruktiv miteinander diskutiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und war die Zeit wert – mit der Produzentenallianz, aber auch in den Häusern der ARD und bei der Degeto, wo ich allen Beteiligten nochmals herzlich für ihr Engagement danke.

Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer Allianz Deutscher Produzenten

Die „Eckpunkte 2.0“ sind die größte Reform in der Fernseh-Auftragsproduktion

Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten

medienpolitik.net: Herr Palmer, das Eckpunktepapier trägt den Titel: „Eckpunkte für ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte bei Produktionen für die Genres Fiktion, Unterhaltung und Dokumentation.“ Inwieweit ist die gesamte Regelung eine faire Lösung für die Produzenten?

Dr. Christoph Palmer: Die „Eckpunkte 2.0“ sind der größte Reform-Schritt in der Fernseh-Auftragsproduktion in Deutschland und bedeuten für die Produzenten eine signifikante Besserstellung. Sie regeln, dass die ARD künftig zahlreiche Kalkulationsposten anerkennt, die bislang von den Produzenten selbst finanziert werden mussten. Erstmals in der Geschichte der Auftragsproduktion in Deutschland kann der Produzent jetzt durchsetzen, durch Mitfinanzierung Rechte zu erwerben, die er selbst verwerten kann. Ebenfalls erstmals in der Geschichte der Auftragsproduktion in Deutschland können die Produzenten künftig am Erfolg ihrer Werke teilhaben. Dafür enthalten die neuen Eckpunkte ein systematisches Leistungsmodell, das einerseits herausragende und prestigeträchtige Auszeichnungen und Nominierungen honoriert und gleichzeitig die programmliche Nutzung – vulgo: Wiederholungen – auf den verschiedenen ARD-Plattformen einbezieht. Weiter regeln der neuen Eckpunkte u. a. die Erlösbeteiligung der Produzenten, die Verwertung nicht genutzter Rechte durch den Produzenten, die Einrichtung einer Schiedsstelle und verbindliche Regeln für Ausschreibungen und Pitches. Über die Frage, was wirklich fair ist, kann man lange philosophieren, fest steht, dass die „Eckpunkte 2.0“ die Geschäftsbedingungen der deutschen Fernsehproduzenten signifikant verbessern.

medienpolitik.net: Die Produzentenallianz hat innerhalb weniger Wochen mit der ARD zwei Abkommen über Fernsehproduktionen und Kinokoproduktionen vereinbart. Sind damit mit der ARD alle notwendigen Vereinbarungen über die Terms of Trade und die digitale Verwertung „unter Dach und Fach“?

Dr. Christoph Palmer: Die „Eckpunktevereinbarung über die vertragliche Zusammenarbeit zu Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen und vergleichbare Kino-Koproduktionen“ mit ARD und ZDF vom letzten Herbst gelten mit großer Absicht als Übergangsregelung nur für dieses Jahr, weil wir uns mit wichtigen Forderungen noch nicht durchsetzen konnten. Abgeschlossen haben wir, weil diese Vereinbarung den Produzenten wenigstens verschiedene Verbesserungen gegenüber den Bestimmungen aus den Jahren 2002 und 2009 bringen. Im Zuge der Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG) auf Bundesebene 2016 setzen wir uns dafür ein, bei geförderten Produktionen die Bedingungen für Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen sowie allgemein für die Lizensierung von TV-Rechten für die Filmhersteller weiter zu verbessern. Und auch in den ARD-Eckpunkten 2.0 gibt es einen Punkt, der nur für das laufende Jahr 2016 gilt: Die neue Regelung, nach der die Erlösbeteiligung künftig bei nur 16 % der Bruttoeinnahmen liegen soll, ist nicht sachgerecht. Da müssen wir auf einen höheren Wert kommen, weshalb eine Evaluationsklausel enthalten ist. Sie sehen, dass keine Rede davon sein kann, dass alles „unter Dach und Fach“ ist. Das Branchenumfeld ändert sich andauernd, also müssen auch die Rahmenbedingungen kontinuierlich angepasst werden. Das ist es, was wir von der Produzentenallianz tun: manchmal mit kleinen Schritten, und wie bei den ARD-Eckpunkten 2.0 auch mit sehr großen.

medienpolitik.net: Das heißt, mit diesen Vereinbarungen haben Sie sich vom sogenannten Lizenzmodell verabschiedet?

Dr. Christoph Palmer: Die ARD möchte grundsätzlich am Prinzip der vollfinanzierten Auftragsproduktion festhalten. Mit den Eckpunkten 2.0 aber kommt jetzt eine viel größere Flexibilität bei Beteiligung und Rechteteilung, als wir sie bisher gekannt haben, und eine viel größere Modellvielfalt. Unser Ziel ist die Entfesselung von Marktkräften. Mit der Umsetzung des „Schichtenmodells“ wird eine neue Verwertungsdynamik ihren Anfang nehmen. Das ist noch nicht das Lizenzmodell, aber der Quasi-Automatismus der vollfinanzierten Auftragsproduktion mit dem einhergehenden Total-buy-out ist jetzt weg.

medienpolitik.net: Mit dem ZDF wurde bisher nur über die Kinokoproduktionen eine Vereinbarung erzielt. Wie ist hier der Stand der Gespräche über voll- oder teilfinanzierte Fernsehproduktionen?

Dr. Christoph Palmer: Nachdem die Gespräche mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen zuletzt etwas ins Stocken geraten sind, haben wir uns erstmal auf die ARD-Eckpunkte konzentriert. Jetzt hoffen wir im zweiten Schritt, dass sich die entsprechenden Gespräche mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen ebenso fruchtbar entwickeln und wir auch hier zu Ergebnissen kommen, durch die das ZDF mit starken Produzenten auch in Zukunft das bestmögliche Programm beauftragen kann.

medienpolitik.net: Man hört und liest immer nur von Gesprächen mit ARD und ZDF. Warum streben Sie mit privaten Sendern keine Rahmenvereinbarungen an, die den mit den öffentlich-rechtlichen Sendern vergleichbar sind?

Dr. Christoph Palmer: Die Privatsender sind schlicht der Auffassung, dass sie es nicht nötig haben. Vielleicht glauben sie wegen ihrer derzeit noch anhaltenden Profitabilität, dass ihnen zeitgemäße Geschäftsbedingungen mit den Produzenten nichts nutzen. Ich halte das für falsch. Nur Cash abzuholen, ist zu wenig – gerade die Privaten werden auf die Abwanderung der Werbe-Etats ins Netz reagieren müssen, indem sie in Qualität und den besten Content investieren. Der Markt wird sich ändern, es wird immer stärker ein Wettbewerb um die beste Produzenten entstehen, die pfiffigsten Ideen, die Akzeptanz beim Zuschauer. Die Privaten wären gut beraten, viel stärker in die Programmqualität zu investieren. Insofern stimmen die Äußerungen von RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann beim Deutschen Produzententag 2016 optimistisch. Wir jedenfalls stehen für Gespräche über Terms of Trade immer bereit und haben sie auch in der Vergangenheit fortlaufend angeboten.

medienpolitik.net: Warum ist es so schwierig mit privaten Sendern zu „Eckpunkten“ zu kommen?

Dr. Christoph Palmer: Weil die öffentlich-rechtlichen Sender wegen ihres Status Verpflichtungen haben, die über das Programm hinausgehen und auch die Rahmenbedingungen betreffen. Mit der ganz aktuellen Protokollerklärung zum 19. Rundfunkänderungsstaatsvertrag haben die Länder „Fortschritte hinsichtlich ausgewogener Vertragsbedingungen zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Film- und Fernsehproduktionsunternehmen sowie den Urhebern und Urheberinnen und Leistungsschutzberechtigten“ anerkannt und erklärt, sie „gehen davon aus, dass dieser Prozess fortgesetzt und in diesem Rahmen unter anderem die Verwertungsrechte angesichts der erweiterten Verbreitungsmöglichkeiten angemessen zwischen den Vertragspartnern aufgeteilt und angemessene Lizenzvergütungen vereinbart werden.“ Diese Ansage ist für die öffentlich-rechtlichen Sender nicht trivial, auf die Privaten hingegen nicht einfach übertragbar. Wir prüfen Möglichkeiten, auch die Privatsender stärker in die Verantwortung zu führen.

medienpolitik.net: Die ARD hat – um die zusätzlichen Kosten für diese Vereinbarung tragen zu können – 200 Mio. Euro für die vier Jahre bei der KEF angemeldet. Was ist, wenn die KEF dem nicht zustimmt?

Dr. Christoph Palmer: Wir sind sehr zuversichtlich und vernehmen Signale, dass die Programm-Mehraufwendungen akzeptiert werden.

medienpolitik.net: Inwieweit deckt die Vereinbarung auch die Einstellung in der Mediathek oder die Verwertung für das Jugendangebot mit ab, für das es ja keine zeitliche Begrenzung gibt?

Dr. Christoph Palmer: Die ARD-Eckpunkte 2.0 beziehen sich auf alle voll- und teilfinanzierten Auftragsproduktionen der ARD-Landesrundfunkanstalten einschließlich der Degeto. Auch der Jugendkanal wird Auftragsproduktionen der ARD-Landesrundfunkanstalten sowie der Degeto nutzen. Die Situation ist hier vergleichbar mit den Gemeinschaftsprogrammen wie Phoenix, 3sat oder KiKA, da es sich auch bei dem Jugendangebot um ein gemeinsames Programmangebot von ARD und ZDF handelt. Soweit speziell für das Jugendangebot von einzelnen Landesrundfunkanstalten Aufträge an Produzenten erteilt werden, gilt das ARD-Eckpunkte-Papier 2.0. Anders als die Mediatheken, bei denen bestimmte Regelungen zur Verfügbarkeit der Angebote im Netz gelten, liegt die Programmierung des Jugendangebotes bei der Redaktion dieses Kanals. Es handelt sich dabei entweder um Streaming-Angebote, die dem Senderechtsbegriff unterfallen, oder um Angebote on Demand, hier werden die Free Video on Demand Rechte benötigt. Wenn und soweit bei teilfinanzierten Auftragsproduktionen die Free Video on Demand Rechte bei den Produzenten verblieben sind oder er sie nur für einen bestimmten, klar begrenzten Zeitraum den ARD-Landesrundfunkanstalten eingeräumt hat und dieser Zeitraum abgelaufen ist, muss ein entsprechender Nacherwerb dieser Rechte erfolgen.

medienpolitik.net: Gleich zu Beginn der Vereinbarung heißt es: „Die ARD-Landesrundfunkanstalten nehmen zur Kenntnis, dass die Allianz Deutscher Produzenten zur Rechtefrage eine unterschiedliche Auffassung vertritt.“ Also ist die Vergütung der digitalen Verwertung noch nicht einvernehmlich geklärt, wie ja auch unter 3. hingewiesen wird?

Dr. Christoph Palmer: Die Produzentenallianz ist der Auffassung, dass ein Film einen höheren Wert darstellt, als die Summe seiner Kosten abbildet. Der Wert eines Gemäldes bemisst sich ja auch nicht an den Kosten für Farbe und Leinwand. Daher finden wir es nach wie vor unangemessen, dass dem Auftraggeber alle Rechte für alle Zeiten zustehen sollen, nur weil er die Herstellungskosten übernommen hat. Die Erlösbeteiligung der Produzenten aus Eckpunkt 3 hat damit gar nichts zu tun, sie betrifft nicht nur die digitale Verwertung und ist keine Grundsatz-, sondern eine Anwendungsfrage.

medienpolitik.net: Wie sind hier Ihre Vorstellungen?

Dr. Christoph Palmer: Die Brutto-Erlösbeteiligung sollte deutlich höher sein. Die Gespräche mit der ARD hierzu werden 2016 intensiv geführt.

medienpolitik.net: Die digitalen Verwertungsmöglichkeiten durch Produzenten bei teilfinanzierten Produktionen erfolgt über ein „Schichtenmodell“, das auf den ersten Blick recht kompliziert scheint. Worin besteht der Unterschied zu den bisherigen Regelungen?

Dr. Christoph Palmer: Es stimmt: Das Schichtenmodell ist komplex. Aber es ist auch eindeutig: Bestimmte Rechte haben einen bestimmten Wert. Mit dem Schichtenmodell kann jetzt klar identifiziert werden, welche Rechte für welche Beteiligung beim Produzenten bleiben können und was er davon hat. Anhand eines einheitlichen Rechtekatalogs können Sender und Produzenten Korridore für eine faire Aufteilung von Verwertungsrechten an der konkreten Produktion bestimmen. Während der Auftraggeber „Put-Rechten“ wie zum Beispiel für Pay-TV im deutschsprachigen Raum nach der TV-Erstausstrahlung oder Nebenrechten wie Druck, Phono oder Merchandising usw. explizit zustimmen muss, gibt es eine Reihe von „Call-Rechten“, die der Produzent gegen Finanzierungsbeteiligung für sich beanspruchen kann. Dazu gehört zum Beispiel die Auswertung im deutschsprachigen und sonstigen Ausland, VoD-Rechte oder auch Wiederverfilmungs- und Formatrechte. Das Vorgehen: Beide Seiten verständigen sich projektindividuell auf eine Bemessung der einzelnen Rechte, die einzeln oder kombiniert sein können. Am Ende ergibt sich daraus der Mitfinanzierungsanteil des Produzenten, für den übrigens nicht relevant ist, aus welchen Quellen er stammt. So kann die Mitfinanzierung auch aus Vertriebsgarantien oder Eigenmitteln gespeist werden. Dieser Beteiligungs-„Maßanzug“ entsteht in Einzelverhandlungen, die Basis bei Teilfinanzierungen ist immer wenigstens eine 2/3 Finanzierung des ARD-Senders, dazuhin kommen individuelle Finanzierungsbeiträge, das können aber auch nur Ergänzungen von 5 % oder 10 % sein. Wichtig ist jedoch: Kein Produzent darf in die Teilfinanzierung hineingezwungen werden – die in Zukunft wesentlich besser ausgestattete Vollfinanzierung bleibt der Regelfall in der Fernseh-Auftragsproduktion. Das Schichtenmodell wird dem seit langem gesättigten und damit stagnierenden deutschen Auftragsproduktionsmarkt endlich eine Wachstumsperspektive eröffnen, neue Marktkräfte entfalten, Verwertungsdynamik entfesseln, unternehmerisches Denken belohnen und eine Partizipation an neuen Märkten national und international ermöglichen.

medienpolitik.net: Unter welchen Bedingungen kann ein Produzent bei teilfinanzierten Produktionen der ARD künftig eine digitale Verwertung untersagen?

Dr. Christoph Palmer: Eine entscheidende Neuerung der ARD-Eckpunkte 2.0 ist, dass bei teilfinanzierten Auftragsproduktionen Sender und Produzent über den Umfang der zu übertragenden Rechte verhandeln. Mit dem Schichtenmodell ist ein Instrumentarium geschaffen worden, das dem Produzenten ermöglicht, gegen einen zu verhandelnden Finanzierungsanteil Rechte zu erhalten. Dabei sieht das Schichtenmodell bestimmte Bandbreiten für die Rechtebewertung vor, die dann individuell auszuhandeln sind. So kann der Produzent im Schichtenmodell sowohl die T-VoD Rechte wie auch die S-VoD Rechte und A-VoD Rechte erwerben. Die Mediathekenrechte, die von den Sendern rundfunkrechtlich als Teil ihres Sendungsauftrages verstanden werden, unterfallen der Minimalbeteiligung der auftraggebenden Rundfunkanstalt, d. h. sie sind mit dem Senderecht abgedeckt. Wie lange die Onlinerechte durch die Sender genutzt werden, ergibt sich wiederum aus den Telemedienangeboten der Sender, die dem 3-Stufen-Test der Gremien unterliegen. Insofern geht es bei der Frage der digitalen Verwertung nicht um Untersagungsregelungen, sondern im Zeitpunkt der Vertragsverhandlungen um eine sinnvolle Bewertung der Rechte und einer Einigung über die Frage, wer bestimmte Verwertungsmöglichkeiten wahrnimmt. Das Schichtenmodell ermöglicht dem Produzenten hier eine größere Flexibilität als in der Vergangenheit.

medienpolitik.net: Inwieweit profitieren auch kleinere Produktionsfirmen von den Eckpunkten? Denn z.B. bei den teilfinanzierten Produktionen und damit auch der digitalen Verwertungsmöglichkeit werden doch vor allem größere Produzenten nützen?

Dr. Christoph Palmer: Irrtum! Gerade die kleineren Produktionsfirmen profitieren. Die vollfinanzierte Auftragsproduktion bleibt eine Regel-Form – aber sie ist zum Beispiel durch die Regelungen zur Kalkulationsrealität viel auskömmlicher als in der Vergangenheit. Durch das Schichtenmodell werden neue Erlöse möglich, und mit dem Leistungsmodell können die Produzenten auch am künstlerischen und programmlichen Erfolg ihrer Filme teilhaben. Eintagsfliegen ohne Anschlussaufträge werden seltener, Pitching-Regeln stärken die Newcomer. Eine treibende Kraft hinter den Gesprächen waren zum Beispiel die Dokumentarfilm-Produzenten der Produzentenallianz, weil sie seit Langem faktisch Finanzierungsbeiträge beisteuern, davon aber in der Regel nichts haben. Und weil die Eckpunkte 2.0 allen Produzenten – also nicht nur den Mitgliedern der Produzentenallianz – offen stehen, unabhängig von ihrer Größe und Marktmacht, und in allen Genres für alle ARD-Sender und die Degeto gelten, werden sie besonders den kleineren Produzenten nützlich sein.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 3/2016 erstveröffentlicht.

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