Medienpolitik:

„Es gibt zu wenig erfolgreiche Filme“

von am 16.03.2016 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Urheberrecht

<h4>Medienpolitik: </h4>„Es gibt zu wenig erfolgreiche Filme“
Thomas Schmuckert, Mitglied des Vorstands des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS)

Viele deutsche Kinofilme sind unterfinanziert – das geht auch zulasten der Schauspieler

16.03.16 Interview mit Thomas Schmuckert, Mitglied des Vorstands des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS)

Der Referentenentwurf des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz zum Urhebervertragsrecht wurde umfänglich diskutiert und kritisiert. Viele Urheber und ausübenden Künstler unterstützen den Entwurf des Justizministers und haben auf der Plattform „Initiative Urheberrecht“ eine Erklärung zum Thema veröffentlicht, die innerhalb von nicht einmal zwei Wochen von über 6.000 Unterstützern unterzeichnet wurde. Darunter finden sich international bekannte Künstler aber auch viele unbekanntere Kreative, die das vielfältige kulturelle Leben in Deutschland erst möglich machen. Zu den Unterzeichnern gehören auch viele Schauspieler.

medienpolitik.net: Herr Schmuckert, inwieweit profitieren Sie als Schauspieler vom Erfolg eines Kino- oder Fernsehfilms?

Thomas Schmuckert: Mit dem noch recht jungen Ergänzungstarifvertrag Erlösbeteiligung Kinofilm, abgeschlossen zwischen der Produzentenallianz, BFFS und ver.di und in Kraft getreten am 01.01.2014, ist es erstmals gelungen, Schauspielerinnen und Schauspieler und alle Kreativen am Erfolg eines Filmwerks zu beteiligen. Dies war ein wichtiger Schritt hin zu einer angemessenen Vergütung und Beteiligung der Kreativen, auch wenn die Höhe der Beteiligung angesichts der Kräfteverhältnisse zwischen Verwertern auf der einen und Urhebern und ausübenden Künstlern auf der anderen Seite eher bescheiden ist. Aber die Richtung stimmt.
Beim Fernsehen dagegen ist eine Total Buyout-Vergütung die gängige Praxis. Selbst das ZDF hat in den letzten Jahren die früher üblichen Wiederholungsgagen radikal zurückgefahren und eingeschränkt. Eine Erfolgsbeteiligung findet nur in wenigen Fällen statt. Eine Ausnahme bildet hier ProSiebenSat.1, mit denen der Bundesverband Schauspiel, BFFS für die Schauspielerinnen und Schauspieler gemeinsame Vergütungsregeln abschließen konnte und bereits Folgeverhandlungen führt.

medienpolitik.net: Hat das jetzige System der Buyout-Verträge nicht auch Vorteile, weil das Risiko der TV-Sender oder der Produzent tragen und Sie keine Nachteile von einem Misserfolg haben?

Thomas Schmuckert: Den Löwenanteil der fiktionalen Werke bilden Auftragsproduktionen der öffentlich-rechtlichen Sender, die über die Haushaltsabgabe gebührenfinanziert sind und damit frei vom unternehmerischen Risiko des Marktes. Gerade hier sollten faire gemeinsame Vergütungsregeln und eine faire Teilhabe der Urheber und ausübenden Künstler eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Leider haben sich die mächtigen Sender jahrelang dem Abschluss solcher Vergütungsregeln verweigert, diese verschleppt oder sich erst nach jahrelangen Gerichtsprozessen an den Verhandlungstisch gesetzt. Sie saßen am längeren Hebel und die Druckmittel, sie an den Verhandlungstisch zu zwingen, waren äußerst begrenzt. Dieses Defizit hat die Große Koalition erkannt und – wie im Koalitionsvertrag versprochen – einen konsequenten Entwurf zur Novellierung des Urhebervertragsrechts vorgelegt.

medienpolitik.net: Martin Moszkowicz, Geschäftsführer der Constantin-Film, sagt beispielsweise, dass es für beinahe alle Tätigkeitsbereiche an einem Filmset tarifliche oder auf sogenannten gemeinsamen Vergütungsregeln beruhende (Mindest-) Regelungen zur Vergütung gebe, die auch eingehalten würden. Bezweifeln Sie diese Darstellung?

Thomas Schmuckert: Nein. Dies gilt zumindest für alle Produzenten, die tarifgebunden sind und für Produktionen, die durchfinanziert oder kommerziell erfolgreich sind. Ein Problem ist vielmehr, dass der größte Teil deutscher Kinoproduktionen chronisch unterfinanziert ist und nur durch den teilweisen oder kompletten Verzicht der beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler auf ihre Gage ermöglicht wird. Die zu lösende Aufgabe besteht darin, hierfür in der Branche gemeinsam neue Vertrags- und Beteiligungsmodelle zu entwickeln, die widerspiegeln, dass alle, Produzenten, Urheber und Künstler in einem Boot sitzen, um gemeinsam ein künstlerisches Werk zu schaffen, dass unter rein wirtschaftlichen Aspekten nie das Licht der Welt erblicken könnte. Im Übrigen zeigt sich gerade im Bereich Kinofilm, dass das im Referentenentwurf verankerte Auskunftsrecht keine unzumutbare Belastung für die Produzenten darstellt. Es wird bereits jetzt gelebt. Zudem muss jeder Produzent eines Kinofilms den Förderanstalten und den dahinter stehenden Landesbanken bereits heute minutiös Auskunft geben und abrechnen.

medienpolitik.net: Ist es vielleicht nicht eher ein Problem, dass es für die vielen Kreativen in Deutschland zu wenige Filme gibt?

Thomas Schmuckert: Das Problem ist eher, dass es zu wenige kommerziell erfolgreiche Filme in Deutschland gibt, auch wenn das Kinojahr 2015 Anlass zu Mut und Hoffnung gibt. Wenn wir es nicht endlich schaffen, faire Vergütungs- und Beteiligungsmodelle zu entwickeln, die großen Lücken in der sozialen Absicherung der Urheber und Künstler zu schließen und ihnen eine wirtschaftlich auskömmliche Perspektive zu bieten, besteht eher die Gefahr, dass sich begabte junge Kreative aus den Kreativbranchen verabschieden, weil sie eine Lebens- und Familienplanung ohne Selbstausbeutung und teilweise prekären Arbeitsverhältnisse in anderen Berufen attraktiver finden. Dies wäre für eine Kulturnation, die von der Entwicklung von Ideen lebt, eine Katastrophe und ein immenser wirtschaftlicher Schaden.

medienpolitik.net: Was würden Sie gewinnen, wenn sich der Referentenentwurf unverändert durchsetzt?

Thomas Schmuckert: Der Sinn des Urhebervertragsrechts ist es, Urheber und ausübende Künstler, die den mächtigen Werknutzern chronisch unterlegen sind, in eine bessere Ausgangsposition zu versetzen, um angemessene Vergütungen erringen zu können. Der Entwurf des Justizministeriums sieht hierfür verschiedene Instrumente vor, wie Mehrfachvergütung, Auskunftsrecht und Verbandsklagerecht. Ziel ist es, die Motivation der Verhandlungspartner zu steigern, sich miteinander an einen Tisch zu setzen und gemeinsame Vergütungsregeln auszuhandeln. Ausdrücklich sieht der Entwurf vor, dass viele der Instrumente am Verhandlungstisch modifiziert und sogar wegverhandelt werden können. Der Entwurf stärkt also die vernünftigen und verträglichen Kräfte auf allen Seiten und gibt ihnen viel Gestaltungsfreiheit. Wir begrüßen diesen Entwurf, weil wir die Instrumente für richtig, angemessen und zielführend halten.

medienpolitik.net: Es gibt in Deutschland sehr viele gute Schauspieler, ist der Produzent oder Sender damit nicht in der Lage, eine neue rechtliche Regelung zu unterlaufen?

Thomas Schmuckert: Diese Argumentation würde der Logik folgen: Es gibt sehr viele Ladendiebe und sehr wenige Kaufhausdetektive. Damit können die Ladendiebe also das Sicherheitssystem eines Kaufhauses unterlaufen. Aber mal im Ernst: Unsere Sender und Produzenten sind keine Ladendiebe, sondern unsere engen Partner und halten sich in der Regel sehr wohl an die gesetzlichen Regelungen. Sie haben ebenso wie wir ein Interesse an Regeln, die Planungssicherheit, Rechtssicherheit und damit auch Erfolg versprechende Ertragssicherheit schaffen.

medienpolitik.net: Schon das geltende Urheberrecht sieht vor, dass Werknutzer und Kreative eine faire Teilhabe am Werk regeln. Warum hat das nicht funktioniert?

Thomas Schmuckert: Weil dem Gesetz von 2002 die Mittel zur Durchsetzung der geregelten Rechte fehlen. Was gut gedacht war, hat in der Praxis in weiten Bereichen nicht funktioniert, nämlich eine faire, angemessene Teilhabe der Kreativen am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Werke auch umzusetzen. In vielen Kreativbranchen existieren immer noch keine gemeinsamen Vergütungsregeln, man denke an Autoren, Übersetzer und Illustratoren oder den gesamten Bereich der Zeitschriften, wo seit 2003 ein Verhandlungsmarathon ohne Abschluss stattfindet. Auch im Bereich Film und Fernsehen sind bisher nur wenige Vereinbarungen zustande gekommen und diese oft erst nach jahrelangem Druck und Klagen. In vielen Branchen werden den Kreativen mit allgemeinen Geschäftsbedingungen alle Rechte gegen pauschale Niedrighonorare abgefordert. Die Beteiligung an der zunehmenden Online-Verwertung, z.B. auch die Frage einer Vergütung der Filmkreativen bei einer längeren Nutzung ihrer Werke in Mediatheken, ist vollkommen ungeklärt.

medienpolitik.net: Organisationen von Kreativen und Werknutzern sollen mit dem neuen Gesetz ermuntert werden, Tarifverträge bzw. sogenannte „Gemeinsame Vergütungsregeln“ untereinander auszuhandeln. Ich stelle mir das sehr schwer vor: Jeder Film hat andere Bedingungen…

Thomas Schmuckert: Ein Tarifvertrag für die Metallindustrie mit seinen verschiedenen Berufsgruppen und Beschäftigungsverhältnissen dürfte deutlich komplizierter und vielschichtiger sein als ein Regelwerk für Film- und Fernsehschaffende. Im Übrigen hat der bereits zuvor erwähnte Erlösbeteiligungstarifvertrag Kinofilm gezeigt, dass vernünftige Regelungen in unserer Branche durchaus möglich und durchführbar sind. Ein weiteres erfolgreiches Beispiel sind die Vergütungsregeln mit ProSiebenSat.1.

medienpolitik.net: Angenommen an einem Kinofilm sind ca. 30 Schauspieler mit relevanten Rollen, aber unterschiedlichem Anteil am Erfolg beteiligt. Wie soll hier eine erfolgsabhängige Vergütung erfolgen?

Thomas Schmuckert: Diese anspruchsvolle Aufgabe stellte sich bereits beim Erlösbeteiligungsvertrag Kinofilm. Hier haben es die beteiligten Kreativgewerke geschafft, ein Binnenverteilungsmodell zu entwickeln, was genau diese komplizierte Verteilung der Erlöse an die unterschiedlichen Gewerke, sowie die Weiterverteilung innerhalb der Gewerke nach einer Kreativgruppenformel ermöglicht. Die Aufgabe war kompliziert, ist aber gelöst worden. Auch was die Verteilung an die beteiligten Schauspieler betrifft.

medienpolitik.net: Im Referentenentwurf steht unter anderem die Forderung, die Urheber für jede gesonderte Nutzung des Films gesondert zu vergüten. Ist das praktisch überhaupt durchzusetzen, da auch die z.T. Pauschalvereinbarungen abschließen müssen?

Thomas Schmuckert: Der Entwurf des neuen Urhebervertragsgesetzes betont das Prinzip der fairen Beteiligung an jeder Nutzung. Mehrfachnutzungen, auch bei den sich rasant entwickelnden Online-Nutzungsarten sollen den Urhebern und Kreativen zu Gute kommen, weil jede Nutzung Wertschöpfung bedeutet. Die vorherrschende Praxis, Kreative mit Buyout-Vergütungen abzuspeisen, ist nicht im Sinne des Urheberrechts. Wie dies aber im Einzelnen von den Verhandlungspartnern ausgestaltet wird, lässt der Gesetzentwurf bewusst offen. Pauschalierte Lösungen, je nach Branche und Anforderung, schließt der Entwurf bei einer angemessenen Vergütung ausdrücklich nicht aus.

medienpolitik.net: Die Verwerter kritisieren das Gesetz als zu undifferenziert und die Umsetzung zu schwierig. Haben Sie für diese Kritik ein wenig Verständnis?

Thomas Schmuckert: Um ehrlich zu sein, verstehe ich die Ängste nicht wirklich. Die Urheberechtsnovelle baut auf ein ausgewogenes, eigenverantwortliches Miteinander zwischen Verwertern, Urhebern und Künstlern. Zwischen ihnen sollen „verträgliche“ Verhältnisse einkehren. Dafür gibt ihnen der Gesetzgeber viel Gestaltungsfreiheit. Nur diejenigen, die sich den Verhandlungen über faire Vereinbarungen entziehen, werden mit unbequemen Auflagen belastet. Auf der anderen Seite wären Urheber und Künstler schlecht beraten, denen, die ihre Werke nutzen, Steine in den Weg zu legen. Im Gegenteil ist es doch ihr grundlegendes Interesse, dass ihre Werke so umfassend und wirtschaftlich erfolgreich verwertet werden wie möglich und sie dadurch eine Chance auf faire Teilhabe bekommen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 3/2016 erstveröffentlicht.

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