Medienpolitik:

„Das Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit ändert sich“

von am 23.03.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Jugendmedienschutz, Medienkompetenz, Medienpolitik, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Medienpolitik: </h4>„Das Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit ändert sich“
Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt

Landesmedienanstalten veröffentlichen ersten Medienkompetenzbericht

23.3.16 Interview mit Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt

Die Landesmedienanstalten engagieren sich seit vielen Jahren für mehr Medienkompetenz und haben vielfältige Gemeinschafts- und Einzelprojekte auf den Weg gebracht. Diese Initiativen sind nun erstmals in dem neu erschienenen Medienkompetenzbericht der Landesmedienanstalten zusammengefasst. Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt, der als Koordinator des DLM-Fachausschusses „Bürgermedien, Medienkompetenz und Jugendschutz der Landesmedienanstalten“ den neuen Medienkompetenzbericht initiiert hat, betonte in einem medienpolitik.net-Gespräch: „Wir sind damit konfrontiert, dass sich das Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit ändert. Transparenz wird künftig etwas ganz anderes sein als heute – nämlich ein allgegenwärtiger Zustand. Um damit verantwortlich umzugehen, werden bestimmte Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. Das Pendel wird sich zunehmend vom Individualitätsgedanken hin zum Gesellschaftsaspekt bewegen.

medienpolitik.net: Herr Fasco, seit 20 Jahren initiieren die Medienanstalten Projekte zur Förderung der Medienkompetenz. Können Sie bitte einige wichtige Projekte nennen?

Jochen Fasco: Wir haben sehr viele Projekte von überregionaler oder herausgehobener Bedeutung. Lassen Sie mich exemplarisch auf zwei bundesweite Projekte eingehen, die die Landesmedienanstalten durch intensive Zusammenarbeit gemeinsam bestreiten. Fernsehen ist immer noch ein wichtiges Medium. Deswegen ist unser TV-Ratgeber „FLIMMO“, der sich an Eltern von Kindern im Alter zwischen 3 und 13 Jahren richtet, dauerhaft ein großer Erfolg. Diese „Fernsehzeitschrift“ geben wir seit nunmehr fast 20 Jahren heraus und sie hat nicht an Bedeutung verloren. Immerhin ist nach wie vor das Fernsehen das meistgenutzte Medium bei Kindern und die Eltern sind dankbar über die TV-Empfehlungen der Medienpädagogen. Der FLIMMO erscheint drei Mal im Jahr und ist kostenfrei über fast 20.000 Bezugsquellen in gedruckter Form erhältlich. Natürlich sind die Informationen auch im Internet unter http://www.flimmo.de, per Facebook, Google+ und per App abrufbar.
Schon bei den Jüngsten entfaltet das Internet seine Faszination. Mit Blick darauf ist unser gemeinschaftliches Projekt „Internet-ABC“ zu erwähnen. Auch dieses gehört zu unseren Angeboten mit langjähriger Kontinuität und Erfahrung. Vor 13 Jahren, in einer Zeit, in der die Online-Welt noch nicht selbstverständlich zum Alltag von Kindern gehörte, haben die Landesmedienanstalten früh dieses Projekt gestartet. Ziel des Projektes ist es, die Chancen sowie Risiken des Internets nicht nur für Erwachsene aufzuzeigen, sondern auch für Kinder aufzuarbeiten. Somit lassen sich unter www.internet-abc.de viele Infos, Tipps und Materialien für Kinder, Eltern und Lehrer finden. Wer die Fülle der Projektarbeit, die vor allem auch in den einzelnen Ländern stattfindet, nachvollziehen will, dem empfehle ich einen Blick in den nagelneuen Medienkompetenzbericht der Landesmedienanstalten unter www.die-medienanstalten.de.

medienpolitik.net: Wem wollen die Landesmedienanstalten vor allem Medienkompetenz vermitteln: Jugendlichen, Eltern, Lehrern?

Jochen Fasco: Medienkompetenz erhält man nicht mit der Volljährigkeit. Es ist eine Alltagskompetenz, die wir alle benötigen. Das gerade erwähnte Projekt „Internet-ABC“ verdeutlicht sehr schön, dass sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch Eltern, Großeltern, Lehrer und professionell Erziehende erreicht werden sollen. Die Arbeit zur Förderung der Medienkompetenz der Landesmedienanstalten ist darüber hinaus generations- und milieuübergreifend.

medienpolitik.net: Wie haben sich die Schwerpunkte in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Jochen Fasco: Zu Beginn unserer Aktivitäten standen einzelne Mediengattungen, wie Radio und Fernsehen oder einzelne Inhalte, wie beispielsweise die Wirkung von Werbung im Vordergrund. Diese Ansätze existieren heute natürlich nach wie vor und haben ihre Berechtigung, jedoch ist die Arbeit vielschichtiger geworden. Multifunktionaler medialer Einsatz hat deutlich an Relevanz gewonnen, wo sich in der Projektarbeit Audio, Video, Text, Hypertext und Interaktivität miteinander verschränken. Auch treten oft zu berücksichtigende Phänomene verstärkt gleichzeitig auf, wie beispielsweise Fragen nach dem richtigen Umgang mit Datenschutz, Urheberrechten und Cybermobbing-Attacken in Social Media-Angeboten. Die Herausforderungen verändern sich zusätzlich in immer kürzer werdenden Zeitabständen. Eine echte Herausforderung für jeden Medienpädagogen.

medienpolitik.net: Welche Ergebnisse konnten damit unter anderem erreicht werden?

Jochen Fasco: Gesamtgesellschaftlich betrachtet konnte erreicht werden, dass über das Thema Medienbildung und zunehmend auch über das Thema Digitale Bildung gesprochen und teilweise auch heftig debattiert wird. Es gibt kaum noch ein Politikfeld, welches das Thema außer Acht lässt. Bei den Kindern und Jugendlichen beispielsweise lassen sich nach erfolgter Projektarbeit Phänomene beobachten, die auf einen Kompetenzzugewinn schließen lassen, vor allem auf den Gebieten Informieren, Recherchieren, Produzieren, Analysieren, Reflektieren und Kooperieren. Toll finde ich es in diesem Zusammenhang auch, dass wir mit den Methoden, die zur Förderung der Medienkompetenz in den Projekten Anwendung finden, gute Integrationsergebnisse bei den Migranten erzielen. Dies lässt sich gerade in letzter Zeit gut beobachten.

medienpolitik.net: Wo liegen gegenwärtig inhaltlich die Schwerpunkte zur Förderung der Medienkompetenz?

Jochen Fasco: Inhaltliche Herausforderung wird es zunehmend sein, die Breite und Komplexität der digitalen Gesellschaft zu erkennen, zu verstehen, zu vermitteln und sich in seinen Potentialen anzueignen. Derzeit ist ein Computer als solcher noch wahrnehmbar, sei es als PC, Spielkonsole, Tablet oder auch Smartphone. Zukünftig verschwindet er immer mehr im Unsichtbaren, in selbstfahrenden Autos, in vernetzten Häusern und Städten oder im/am Menschen selbst, der „always on“ ist. Inhaltlich werden wir beispielsweise damit konfrontiert sein, dass sich das Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit ändert. Transparenz wird künftig etwas ganz anderes sein, als heute – nämlich ein allgegenwärtiger Zustand. Um damit verantwortlich umzugehen, werden bestimmte Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. Das Pendel wird sich zunehmend vom Individualitätsgedanken hin zum Gesellschaftsaspekt bewegen.

medienpolitik.net: Eine immer größere Bedeutung hat für Jugendliche das Bewegtbild über Smartphones. Die Live-App Periscope ist hier der aktuelle Hit. Welche Herausforderungen bedeutet das für Sie?

Jochen Fasco: Dies ist ein gutes Beispiel für das eben beschriebene. Die Möglichkeiten des Smartphones mit beispielsweise der Applikation Periscope verändert das Verständnis von Privatheit, nach dem Motto „Ich bin, wenn ich öffentlich bin und andere an meinem Leben teilhaben können“. Ein Stückweit bleibt abzuwarten, ob ein derartiges Verständnis eher dem „jugendlich sein“ zuzuschreiben ist und ob sich diese Lebensweise im weiteren biographischen Verlauf bestätigt. Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle, dass Periscope auch juristische Aspekte berührt, die lebhaft diskutiert werden. Hier sind beispielweise Fragen des Urheberrechts, der Persönlichkeitsrechte, des Rundfunkrechts und des Eigentums betroffen.

medienpolitik.net: Trotz aller Initiativen wird seit Jahren kontinuierlich beklagt, dass Jugendliche nicht über ausreichend Kompetenz verfügen. Wer trägt daran schuld?

Jochen Fasco: Diese Aussagen der Kritiker kenne ich zu genüge und sie sind mir zu unpräzise. Fragen Sie diese Kritiker mal zurück, welche Kompetenzen diese denn konkret meinen und wo ihrer Meinung die Defizite liegen. Sie werden feststellen, plötzlich zeigt sich ein riesiger bunter Blumenstrauß mit gesamtgesellschaftlichem Bezug. Vielmehr ziehe ich gerade vor den Jugendlichen den Hut. Sie müssen sich in einer stark ausdifferenzierten hochkomplexen durch Digitalisierung geprägten Welt immer schneller zurechtfinden, in der sich Kompetenzanforderungen stetig ändern. Ein Beispiel: Über Jahrhunderte hinweg haben wir viel Kraft in das Erlernen von Fremdsprachen gesteckt. Generationen von Schülern haben sich mit dem Pauken von Vokabeln teilweise gequält. Ich bin sicher, dass in wenigen Jahren der Computer verlässlich simultan übersetzen wird und wir ihn als solchen gar nicht wahrnehmen. In kurzer Zeit hat sich dann eine vorher wichtige Kompetenzanforderung in seiner Bedeutung nahezu umgekehrt. Die Kunst besteht darin, frühzeitig Veränderungen zu erkennen und Kräfte gezielt zu bündeln.

medienpolitik.net: Wie kann die Medienkompetenz Jugendlicher weiter verbessert werden?

Jochen Fasco: Wir müssen Kinder und Jugendliche in ihrem durch Medien geprägten Alltag sicher begleiten und auch Interesse an ihrer Lebensumwelt haben und dieses auch zeigen. Uns muss klar sein, dies kostet Zeit und oft auch Geld. Uns muss ebenfalls bewusst sein, dass der Kompetenzbereich, der hinter dem Begriff des medienvermittelten Handels steckt, Basis für sämtliche Lebensbereiche ist. Es lohnt sich folglich, für uns als Gesellschaft beim Thema Medienkompetenz am Ball zu bleiben.

medienpolitik.net: Es wird immer wieder gefordert, in den Schulen ein spezielles Fach „Medienkompetenz“ einzurichten, so wie Mathematik oder Deutsch. Wären Sie dann „arbeitslos“ für dieses Gebiet?

Jochen Fasco: Es ist unbestritten, dass die Förderung von Medienkompetenz Alltag in der Schule sein muss. Alle an diesem Lehr-Lern-Prozess beteiligten Pädagogen werden ihr Bestes geben müssen. Aufgrund der Interdisziplinarität des Themas Medien favorisiere ich den fächerübergreifenden Ansatz mehr als das Fach. Dieser Ansatz gelingt jedoch nur dann, wenn alle Lehrkräfte dahinterstehen. Die damit verbundene Sorge, dass die Landesmedienanstalten auf diesem Gebiet „arbeitslos“ werden, habe ich nicht. Vielmehr zeigt uns der in Thüringen seit 15 Jahren existierende verbindliche, integrative Kurs Medienkunde, dass es viel zu tun gibt. Ca. 70 Prozent der Aktivitäten unserer Medienpädagogen finden im Kontext der Schule statt, sei es im Rahmen von Projekten der aktiven Medienarbeit, Lehrerfortbildungen oder Elternabenden. Die Nachfrage ist deutlich höher als Ressourcen!

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 3/2016 erstveröffentlicht.

Den Bericht können Sie hier herunterladen.

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