Netzpolitik

„Wir haben uns von der ‚Computermesse‘ verabschiedet“

von am 14.03.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Netzpolitik, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Netzpolitik</h4>„Wir haben uns von der ‚Computermesse‘ verabschiedet“
Oliver Frese, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG in Hannover und Verantwortlicher der CeBIT

CeBIT richtet sich neu aus – Digitalisierung der Gesellschaft stärker im Fokus

14.03.16 Interview mit Oliver Frese, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG in Hannover und Verantwortlicher der CeBIT

Am 14. März startet in Hannover mit der CeBIT, die weltweit wichtigste Messe für die Digitalisierung von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Mit dem Topthema „d!conomy: join – create – succed“ steht die aktive Gestaltung der Digitalisierung – und damit der Mensch als Nutznießer und Treiber des Business der Zukunft – im Mittelpunkt der CeBIT 2016. Die CeBIT verlässt damit den Status einer Computermesse und fokussiert sich künftig auf drei Säulen: Digitalisierung von Wirtschaft und Märkten, Digitalisierung von öffentlicher Hand und Verwaltung, Digitalisierung der Gesellschaft. „Wir verstehen uns mit der CeBIT“ so CeBIT-Chef Oliver Frese, „als Plattformgeber, auf der die Themen aus ganz verschiedenen Positionen präsentiert und diskutiert werden. Und die Kontroverse gehört natürlich dazu. Unsere Rolle wird niemals dabei sein, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Wir schaffen vielmehr die Formate, in denen der Diskurs stattfinden kann.“

medienpolitik.net: Herr Frese, Sie haben auf der Pressekonferenz gesagt: „Wir schreiben die Geschichte der CeBIT neu“. Warum?

Oliver Frese: Weil ich als Messemacher absolut davon überzeugt bin, dass eine CeBIT ein klares Profil benötigt und im Kontext des globalen Wettbewerbs auch eine eindeutige Positionierung. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren zusammen mit unseren internationalen Kunden und dem Hightech-Verband Bitkom intensiv an dem Konzept der CeBIT gearbeitet. Vor drei Jahren haben wir entschieden, dass wir die CeBIT klar auf die Interessen des Fachpublikums ausrichten. Was unsere Aussteller sehr begrüßt haben, hat in der Öffentlichkeit selbstverständlich zu Diskussionen geführt. Mit einer hohen Ausstellerzufriedenheit und mit steigenden Werten in allen relevanten Items können wir jetzt aber sagen, dass diese Entscheidung die absolut richtige war. Als zweites haben wir uns intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sich die digitale Transformation entwickeln wird und wo die CeBIT in dieser Entwicklung steht. Denn natürlich wollten wir dem Markt mit einer eindeutigen Positionierung der Veranstaltung auch ein klares Leistungsversprechen geben. Das Ergebnis ist, dass die CeBIT jetzt die weltweit wichtigste Veranstaltung für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist. Das werden wir mit der CeBIT 2016 wie sie sich jetzt abzeichnet beeindruckend untermauern können. Keine andere Veranstaltung weltweit bildet die Chancen und auch die Herausforderungen der digitalen Transformation so umfassend ab wie es der CeBIT gelingt. So schreiben wir die Geschichte der CeBIT neu, weil wir uns damit von der sehr lange zurückliegenden „Computermesse“ und auch der „IT-Messe“ verabschiedet haben. Die Digitalisierung – die Bundeskanzlerin spricht in einem Grußwort zur CeBIT 2016 von einer digitalen Revolution – verändert alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft mit einer unglaublich rasanten Geschwindigkeit – und die CeBIT bildet dies mit der Messe und einer weltweit einmaligen Konferenz, den CeBIT Global Conferences, ab.

medienpolitik.net: Was bedeutet das für das Konzept der CeBIT?

Oliver Frese: Wir werden häufig nach Aussteller- und Besucherzahlen gefragt. Aber das sind für uns keine Steuerungsgrößen für die CeBIT. Wir setzen uns vielmehr sehr klare inhaltliche Ziele, die wir zunächst mit unseren internationalen Kunden und Partnern in verschiedenen Gremien – allen voran dem CeBIT-Messeausschuss – diskutieren. Wir machen dann tragfähige Messekonzepte oder Konferenzformate daraus und implementieren sie in die Veranstaltung. Ich will zwei Beispiele bringen: Die gesamte Wirtschaft spricht mehr denn je über Innovationen und damit in einem Atemzug über Startups. Wir werden in diesem Jahr über 350 Startups auf der gesamten CeBIT zu Gast haben und bringen alleine mehr als 250 junge Unternehmen aus mehr als 25 Ländern in eine Messehalle, auf unsere Plattform SCALE11. Das wird ein beeindruckendes Bild werden, ein Schmelztiegel der Innovation. Zweites Beispiel: Die Europäische Union hat in Sachen Digitalisierung ihre eigene digitale Agenda verabschiedet. Zusammen mit EU-Kommissar Günther Oettinger haben wir ein Format in die CeBIT Global Conferences implementiert, in dessen Rahmen in den kommenden drei Jahren jeweils der Status der digitalen Agenda Europas zwischen Wirtschaft und Politik auf der CeBIT diskutiert wird.

medienpolitik.net: Eine der drei Säulen ist die Digitalisierung der Gesellschaft. Warum diese Ausweitung, weg von Wirtschaft und Technik?

Oliver Frese: Wir gehen keineswegs weg von der Wirtschaft, ganz im Gegenteil. Die Digitalisierung prägt Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen. Da die CeBIT aber die weltweit führende Plattform für alle Fragestellungen der digitalen Transformation ist, werden wir die Säule der Digitalisierung der Gesellschaft weiter stärken – das macht die CeBIT übrigens schon sehr lange. Ich kann mich an keine CeBIT erinnern, auf der nicht der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin präsent gewesen wäre und über den Einfluss der technologischen Entwicklung in alle Lebensbereiche hinein gesprochen hat.

medienpolitik.net: „Gesellschaft“ ist für eine Messe ein recht abstrakter Begriff. Welche Themenfelder wollen Sie hier abdecken?

Oliver Frese: Die Digitalisierung wird unser Leben verändern – die Art und Weise wie wir leben, wie wir arbeiten und wie wir kommunizieren. Deshalb geht es hierbei um die Umsetzung und Gestaltung der digitalen Agenda in Deutschland und Europa, um den notwendigen Infrastrukturausbau bis hin zum 5G-Netz sowie um alle Fragestellungen rund um das Themenfeld der Datensicherheit. Drei plakative Beispiele machen deutlich, wie solche Themenfelder auf die CeBIT gebracht werden: Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen durch den Investigativ-Journalisten Glenn Greenwald weltweit für eine sehr intensive Diskussion um Sicherheit und Privatheit in der digitalen Welt gesorgt. Im vergangenen Jahr war Glenn Greenwald bei uns auf der Bühne der CeBIT Global Conferences, Edward Snowden per Videochat aus seinem russischen Exil zugeschaltet. In diesem März werden wir den ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, begrüßen, der zu den Folgen der Digitalisierung für unsere Gesellschaft sprechen wird. Und schließlich haben wir einen Biohacker aus den USA, also jemanden, der sich Chips unter die Haut implantieren lässt, in Hannover. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das zugegeben umstritten ist – und auf der CeBIT wird es diskutiert.

medienpolitik.net: Nicht alle der technischen Visionen sind unumstritten, vor allem in Bezug auf die Konsequenzen für den Menschen und die Gesellschaft. Werden Sie auch mögliche negative Auswirkungen aufzeigen, z.B. mit Vorträgen oder Diskussionsveranstaltungen?

Oliver Frese: Wir verstehen uns mit der CeBIT ganz klar als Plattformgeber, auf der die Themen – und es sind in jedem Jahr neue und unterschiedliche – aus ganz verschiedenen Positionen präsentiert und diskutiert werden. Und die Kontroverse gehört natürlich dazu. Unsere Rolle wird niemals dabei sein, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Wir schaffen vielmehr die Formate, in denen der Diskurs stattfinden kann, denn nur der kann uns weiterbringen. Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal der CeBIT. Ich kenne keine andere Messe im internationalen Umfeld, bei der solche Diskurse möglich sind. Ganz konkret wird 2016 etwa das Thema Datensicherheit eine sehr große Rolle spielen. Und dabei nicht nur im Sinne, wie sich Daten besser schützen lassen und welche neuen Technologien dafür entwickelt worden sind, sondern auch vor dem Hintergrund einer stetig anwachsenden Vernetzung in allen Bereichen der Wirtschaft, beispielsweise der Machine-To-Machine-Kommunikation.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt der Mensch in Ihrem Konzept? Ist er nur noch Objekt?

Oliver Frese: Wir haben die CeBIT in diesem Jahr ganz bewusst – zusammen mit unseren großen Kunden – und das Leitthema „d!conomy: join – create – succeed“ gestellt. Damit rücken wir den Menschen in den Mittelpunkt der Digitalisierung. Denn er muss die Entscheidung treffen, mitzumachen, dann kann er die digitale Transformation gestalten und schließlich auch erfolgreich sein. Nehmen wir den Mittelstand. Viele Studien zeigen, dass es gerade bei mittelständischen Unternehmern Zurückhaltung mit Blick auf die Digitalisierung gibt. Aber genau diese Unternehmer müssen jetzt entscheiden, wie sie ihr Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung ausrichten wollen. Studien zeigen immer wieder, dass Deutschland hier dringenden Handlungsbedarf hat, um international Wettbewerbsfähig zu bleiben. Erst vor einigen Tagen hat ja eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission Alarm geschlagen.

medienpolitik.net: „Das Internet der Dinge“, wird – so die Prognosen – immer mehr den Alltag der Menschen beeinflussen Wie zeigt sich dieser Alltag auf der CeBIT?

Oliver Frese: In der Tat entwickelt sich dieses Thema mit einem rasanten Tempo. Studien gehen davon aus, dass in den kommenden vier Jahren zusätzlich zu Smartphones und Tablets rund 50 Milliarden Dinge mit dem Internet verbunden sein werden. Es wird sich da eine gigantische Wertschöpfung ergeben, die sich zu 90 Prozent zwischen den Unternehmen abspielen wird, was noch einmal deutlich die Business-Ausrichtung der CeBIT unterstreicht. Wir spüren das schon in diesem Jahr sehr deutlich, dass die Unternehmen an konkreten Geschäftsmodellen zum Internet der Dinge arbeiten. Wir erwarten rund 500 konkrete Anwendungen in diesem Jahr auf dem Messegelände, von denen wir die besten in einem virtuellen Guide zusammenfassen werden. So wird die Digitalisierung erlebbar und sprichwörtlich anfassbar.

medienpolitik.net: Eines der diskutierten Themen im Zusammenhang mit „Industrie 4.0“ ist die Verwendung von Daten, auch von Humandaten, und der Schutz vor Datenmissbrauch. Welche Rolle spielt das auf der CeBIT 2016?

Oliver Frese: Seit Jahren gehören der sichere Umgang mit Daten – von Unternehmen, aber auch von Menschen – zu den zentralen Themen der CeBIT. Schon vor vier Jahren – also weit vor Snowden – hatten wir das Leitthema „Managing Trust“ auf der CeBIT. In diesem Jahr werden mehr als 500 Unternehmen Lösungen rund um das Thema Datensicherheit mit auf ihren Messeständen präsentieren. Gebündelt werden wir im Bereich „Business Security“ in Halle 6 Unternehmen aus dem Bereich Datensicherheit auf der CeBIT haben, etwa Kaspersky oder G Data. Wir werden dort zu dem Thema zusammen mit Partnern gleich zwei Foren ausrichten, bei denen in Vorträgen und Diskussionen dem Thema sehr breiten Raum eingeräumt wird. Da wird es dann auch Live-Hacks geben. Diese Vorführungen auf der Bühne öffnen vielen Besuchern auf der Veranstaltung dann erfahrungsgemäß die Augen.

medienpolitik.net: Inwieweit sind Konzerne wie Google, Amazon oder Facebook, die immer mehr alle Bereich der Wirtschaft und Gesellschaft beeinflussen, auf der Cebit vertreten?

Oliver Frese: Da die CeBIT in der Zwischenzeit ja auch die wichtigste Cloud-Veranstaltung in der Welt ist, wird beispielsweise Amazon Webservice als einer der wichtigsten Spieler in dieser Technologie mit einem eigenen Pavillon auf dem Gelände vertreten sein. Unternehmen, wie Google oder Facebook, denken nicht unmittelbar in dem Marketingformat Messe, was sicher auch in der Tatsache begründet ist, dass es amerikanische Unternehmen sind, die gemeinhin eine geringere Messeaffinität haben. Dennoch sind auch diese Unternehmen bei der CeBIT dabei und vertreten in verschiedenen Konferenz- und Beteiligungsformaten ihre Positionen und teilen mit den Besuchern ihre Überlegungen zur digitalen Zukunft. Das ist eben auch ein Erfolg der Neuausrichtung der CeBIT, denn solche Beteiligungsformate gab es früher nicht. Da konnte man einen Stand buchen, das war alles. Das haben wir lange hinter uns gelassen. Auch da haben wir die Geschichte der CeBIT neu geschrieben.

medienpolitik.net: Die Medien und die Telekommunikation gehören zu den größten Datensammlern. Welche Rolle spielen Medien und Telekom noch auf der CeBIT oder überlassen Sie diesen Bereich jetzt der IFA vollständig?

Oliver Frese: Telekommunikationsunternehmen wie Deutsche Telekom oder Vodafone zählen zu den wichtigsten Ausstellern der Veranstaltung und treiben gemeinsam mit uns die Weiterentwicklung der CeBIT aktiv voran. Zudem bauen Netzwerkausrüster wie Huawei oder ZTE ihre Beteiligung an der CeBIT massiv aus. Somit ist auf der CeBIT die Telekommunikation viel breiter vertreten als auf anderen Veranstaltungen in Deutschland. Auf der CeBIT geht es aber weniger um die neuesten Handys, sondern eben um das Geschäft, das die Unternehmen mit der Digitalisierung im geschäftlichen Umfeld generieren. Während bei anderen Veranstaltungen die große Inszenierung von kleinen Produkten sehr stark in den Mittelpunkt gerückt wird, stehen bei uns konkrete Anwendungsbeispiele aus ganz unterschiedlichen Branchen, das unmittelbare Geschäft, die politische Diskussion und die gesellschaftliche Dimension im Vordergrund. Das mag der ein oder andere für weniger attraktiv finden, ich halte es sogar für viel mehr sexy.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 3/2016 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen