Rundfunk:

„Wir sind in einem intensiven Dialog mit den Hörern“

von am 09.03.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Hörfunk, Internet, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Wir sind in einem intensiven Dialog mit den Hörern“
Andreas-Peter Weber, Programmdirektor (Deutschlandradio, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, DRadio Wissen)

Deutschlandradio plant mehr Videos und eine Mediathek mit personalisierten Empfehlungen

09.03.16 Interview mit Andreas-Peter Weber, Programmdirektor des Deutschlandradios

Vor zwei Jahren hat das Deutschlandradio eine Programmreform gestartet die dem deutschlandweiten Angebot mit seinen drei Programmen mehr Hörer sichern soll. Dazu war es erforderlich, die Programme besser abzugrenzen, inhaltlich differenzierter zu gestalten, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen.
Vor allem Deutschlandradio Kultur und das nur Online verbreitete DRadio Wissen wurden einer Kur unterzogen, die bei Mitarbeitern und Hörer auf Skepsis stieß. Diese Änderungen waren auch aufgrund einer veränderten Mediennutzung und eingefrorener Beitragsmittel erforderlich. Sowohl bei Deutschlandradio Kultur als auch bei DRadio Wissen hat sich die Zahl der Nutzer spürbar erhöht. In einem nächsten Schritt sollen bei DR Wissen mehr Videos zum Einsatz kommen und die Mediathek, die alle bisherigen Programminhalte enthält, soll eine personalisierte Empfehlung vornehmen.

medienpolitik.net: Herr Weber, Sie sind seit fast fünf Jahren Programmdirektor des Deutschlandradios. Wie haben sich die Medienlandschaft und die medienpolitischen Rahmenbedingungen für Ihren Sender in diesen Jahren verändert?

Andreas-Peter Weber: Die Rahmenbedingungen haben sich sehr stark verändert. Zum einen hat die Debatte über den Rundfunkbeitrag für unsere Arbeit Konsequenzen, weil unsere Hörerinnen und Hörer zu Recht erwarten, dass wir mit ihren Gebühren sparsam und transparent umgehen. Zugleich gibt es gestiegene Qualitätsansprüche an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zum anderen zwingt uns die steigende Anzahl von Verbreitungswegen – wie zum Beispiel Streamingdienste oder auch Apps – zu Anpassungen bei unseren Programmen, aber auch zu neuen Ideen. Und ich denke, dieser Spagat gelingt uns immer besser.

medienpolitik.net: Sie haben auf diese Veränderungen mit Programmreformen reagiert, die im Haus und auch außerhalb stark diskutiert worden sind. Warum diese Reformen?

Andreas-Peter Weber: Wir waren uns alle im Haus darüber einig, dass wir Deutschlandradio zukunftsfest machen müssen. Wir haben in einer breitangelegten Studie bestätigt bekommen, dass das Zugpferd unserer Senderfamilie der Deutschlandfunk ist, Deutschlandradio Kultur leider nicht den Anklang gefunden hat, den wir uns erhofft hatten und DRadio Wissen nahezu unbekannt war. Deshalb mussten wir die drei Programme mehr aufeinander abstimmen und besser profilieren, um eine größere Resonanz und eine jeweils eigene Zielgruppe anzusprechen. Die Studie hat beispielweise ergeben, dass unsere Stammhörer vor allem den Deutschlandfunk gehört haben und – etwas vereinfacht gesagt – nur dann auf Deutschlandradio Kultur umgeschaltet haben, wenn ihnen im Kölner Programm etwas nicht gefallen hat.

medienpolitik.net: Hat sich das nach zwei Jahren geändert?

Andreas-Peter Weber: Ja, durch einige radikale Schritte: Die erste Reform fand ja bei DRadio Wissen statt. Bis dahin wurde das Programm in hohem Maße mit Beiträgen der beiden anderen Sender bestückt. Wir haben die Struktur verändert, bieten weiterhin anspruchsvolle Wortbeiträge, unterbrechen diese aber mit ausgewählter Popmusik, um auch ein jüngeres und damit anderes Publikum als beim Deutschlandfunk oder bei Deutschlandradio Kultur zu erreichen. Nicht ohne Erfolg: Als erstes rein digital verbreitetes Angebot seiner Art, hat es DRadio Wissen im letzten Sommer in die MA geschafft, konnte seine Bekanntheit in nur zwei Jahren verdoppeln.

medienpolitik.net: Und bei Deutschlandradio Kultur?

Andreas-Peter Weber: Auch hier erreichen wir nach der Reform mehr Hörer. Die Hörer wissen mittlerweile, dass gerade für aktuelle Informationen der Deutschlandfunk das Einschaltprogramm erster Wahl ist, während Deutschlandradio Kultur der anspruchsvolle Tagesbegleiter mit einem kulturellen Schwerpunkt ist. Beide Programme unterscheiden und ergänzen sich so und bieten zwei hochkarätige Alternativen in der Radiolandschaft.

medienpolitik.net: DRadio Wissen ist ein Online-Programm. Inzwischen hat sich die Mediennutzung weiter in Richtung Online verändert. Davon müssen Sie doch profitieren?

Andreas-Peter Weber: Kurz vorab: DRadio Wissen ist kein reines Online-Programm, sondern wird auch über DAB+ ausgestrahlt. Und: Eindeutig, ja. Wir haben ein Großteil unseres Publikums in den Universitätsstädten gefunden, sind also bei vielen Studenten, aber auch jungen Wissenschaftlern präsent. Um für diese Zielgruppe weiter attraktiv zu sein, wollen wir den audiovisuellen Anteil bei DRadio Wissen ausbauen. Das heißt, wir wollen unsere Interviews oder Beiträge mit Videos untersetzen. Wir bebildern sozusagen Radio, aber gehen damit inhaltlich nicht über das hinaus, was wir on Air verbreiten. Es handelt sich also nicht um ein Fernsehangebot, sondern um eine Bewegtbild-Ergänzung.

medienpolitik.net: Wer produziert diese bewegten Bilder?

Andreas-Peter Weber: Wir bilden seit einigen Jahren selbst Mediengestalter aus zu deren Handwerk Bild und Video selbstverständlich dazugehören. Und die können das sehr gut. Unsere Mediengestalter haben in den vergangenen Jahren immer wieder Auszeichnungen von der IHK für besonders erfolgreiche Abschlüsse bekommen.

medienpolitik.net: Um für junge Hörer relevant zu sein und zu bleiben, setzen Sie also sehr stark auf Videos?

Andreas-Peter Weber: Das ist aufgrund der technischen Entwicklung ein zwangsläufiger Trend. Die Smartphones leisten heute mehr, als professionelle Kameras vor zehn Jahren konnten und mit LTE lassen sich Videos schnell übertragen. So wie für viele unserer Hörer im privaten Bereich Bilder und Videos zur Kommunikation immer wichtiger werden, erwarten sie das auch von uns.

medienpolitik.net: Wie sind die Angebote von DRadio Wissen mit sozialen Medien verknüpft?

Andreas-Peter Weber: Das läuft sehr gut, weil sich auch hier das Nutzerverhalten geändert hat. So erfolgt zunehmend der Online-Zugriff auf alle drei Programme nicht mehr über die „offizielle“ Startseite sondern immer stärker über die sozialen Medien. Gerade über Facebook kommen mehr und mehr Nutzer zu uns und unseren Angeboten.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie die Chancen, die Hörer von DRadio Wissen auch auf Ihre beiden anderen Programme „zu lenken“?

Andreas-Peter Weber: Die Grundorientierung ist bei den Hörern aller drei Programme ähnlich. Sie wollen informiert werden. Aber es bestehen natürlich trotzdem Unterschiede: Bei DRadio Wissen sind es zunehmend Studierende oder gerade ins Berufsleben Eintretende, die absolut online-affin sind und deshalb schon anders informiert werden möchten, als das klassische Deutschlandfunk- oder auch Deutschlandradio Kultur-Publikum. Zudem sind die Hörer, die unsere Programme auf traditionelle Weise nutzen, nicht deckungsgleich mit denen, die über soziale Medien zu uns finden. Hier gehen Menschen zielgerichtet auf bestimmte Themen zu und wollen sich über das informieren, was wir produzieren. Das heißt, wir müssen vor allem über die Themen auf das jeweils andere Programme aufmerksam machen. Mir ist es vor allem wichtig, möglichst viele Menschen an unsere Senderfamilie zu binden, ob den Podcast-Liebhaber, den Webseiten-Studierer oder den klassischen Linear-Hörer.

medienpolitik.net: Deutschlandradio gehört zu den Radioanbietern, die am stärksten für DAB+ werben. Wie intensiv ist hier gegenwärtig die Nutzung ihrer Programme?

Andreas-Peter Weber: Es gibt gegenwärtig nicht nur bei uns eine intensive Diskussion darüber, ob DAB-Geräte bei den Reichweitenerhebungen ausreichend berücksichtigt werden. Wir glauben, dass das nur unzureichend geschieht und deshalb keine realistischen Nutzerzahlen vorliegen. Für uns ist DAB weiterhin die Zukunftstechnologie für das Radio, zumal wir keine vergleichbare Alternative sehen. In immer mehr Autos werden inzwischen DAB-Geräte eingebaut und in immer mehr Haushalten finden sich DAB-fähige Radios. Für Deutschlandradio ist DAB die einzige Möglichkeit, deutschlandweit alle Programme flächendeckend zu verbreiten und damit auch allen Bürgern die Chance zu geben, das auch nutzen zu können, was sie mit ihrem Rundfunkbeitrag bezahlen.

medienpolitik.net: Gleichzeitig fordert die KEF einen Abschalttermin für UKW…

Andreas-Peter Weber: Das kommt uns natürlich entgegen, aber wir sind nicht die einzigen Radioanbieter. DAB kann sich nur durchsetzen, wenn sich alle beteiligen. Wir haben immer einen festen Abschalttermin – beispielsweise 2025 – gefordert. Hier existieren aber unterschiedliche Interessen, da sowohl die ARD-Anstalten als auch die meisten privaten Anbieter mit UKW-Frequenzen sehr gut ausgestattet sind. Aber wenn man das Potenzial von DAB – dazu gehört auch, dass unsere Verbreitungskosten um mindestens 1/3 sinken würden – voll ausnutzen will, muss man diese digitale Verbreitung weiter forcieren. Aber auch hier sind wir von der Politik abhängig, denn die Länder müssen ein Abschaltdatum festlegen. Ich habe die Hoffnung, dass wir hier bald gemeinsam zu einer sinnvollen Lösung kommen.

medienpolitik.net: Die Erfahrungen mit DRadio Wissen zeigen doch aber, dass Jugendliche Ihre Angebote zunehmend Online nutzen. Überholt Online nicht DAB und macht es überflüssig?

Andreas-Peter Weber: Beide Verbreitungsarten ergänzen sich perfekt. Unsere Nutzer müssen uns dort finden können, wo sie gerade unterwegs sind. Im Auto wird es künftig eher das DAB-Gerät sein, unterwegs in der Bahn vermutlich das mobile-Angebot auf dem Handy, zuhause ein Mix aus Online und DAB – je nach Bedarf.

medienpolitik.net: Ihre Online-Seiten sind „spartanischer“ als die der anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten. Warum findet man z.B. keine aktuellen Informationen und Ergänzungen zum laufenden Programm?

Andreas-Peter Weber: Ich möchte nicht von „spartanisch“ sprechen, wenn überhaupt von wohl sortiert und gut gebündelt, zumal wir unsere Webseiten auch optisch gerade erst aufgefrischt haben. Wir bedienen natürlich ein Interesse an aktuellen Informationen – gerade auf deutschlandfunk.de – liefern auf unseren Webseiten aber vor allem Hintergründe. Deswegen entwickeln wir gerade eine App DLF24, die aktuelle Informationen aufbereitet und Nachrichten als Push-Funktion anbieten wird. Unsere Nutzer-Zahlen steigen deutlich und kontinuierlich an, weswegen wir auch die Handhabung unserer Mediathek weiter verbessern wollen.

medienpolitik.net: Was bietet diese Mediathek über das Bestehende hinaus?

Andreas-Peter Weber: Die Mediathek wird alle bisherigen Programminhalte erhalten, soll aber eine personalisierte Empfehlung vornehmen. Die Algorithmen analysieren die Abrufe und unterbreiten auf dieser Basis weitere Angebote. Wenn ein Nutzer z.B. mehrfach innenpolitische Beiträge hört oder liest, sollen ihm weitere vergleichbare Vorschläge angezeigt werden. Oder wenn man sich mit bestimmten außenpolitischen Fragen beschäftigt, werden zusätzliche Inhalte zu diesem Thema aus jüngster Zeit aufgelistet. Technisch ist das eine Herausforderung. Wir glauben aber, dass es lohnenswert ist, hier Energie hineinzustecken, um einzelne Funktionen dann schrittweise auszuprobieren und einzuführen.

medienpolitik.net: Damit wären Sie Vorreiter bei der ARD.

Andreas-Peter Weber: Nicht das erste Mal…Wir haben mit den Inhalten unserer Programme, die wir in den vergangenen Jahrzehnten präsentiert haben, die Messlatte immer sehr hoch gelegt und damit natürlich auch Erwartungen geweckt. Das betrifft auch den Online-Bereich. Deshalb wollen wir unsere hochwertigen Inhalte auch mit modernen Technologien verknüpfen, um den Nutzungsgewohnheiten unserer Hörer noch besser zu entsprechen. Das bedarf einer sorgfältigen Prüfung, aber dann auch einer möglichst raschen Umsetzung. Deshalb spielen wir schon jetzt viele Beiträge auch auf Spotify aus, da wir wissen, dass Spotify-Nutzer auch eine Affinität zu hochwertigen Medienangeboten haben.

medienpolitik.net: Woher wissen Sie das?

Andreas-Peter Weber: Wir sind heute in einem viel stärkeren Dialogprozess mit unseren Hörern als noch vor zwei oder drei Jahren. So erfahren wir viel über deren Mediennutzung insgesamt und stellen uns darauf ein. Spotify wird zwar überwiegend zum Musikhören genutzt, aber inzwischen stoßen auch weitere Inhalte, die sich auf dieser Plattform finden, auf immer größeres Interesse. Und diese Erfahrung nutzen wir.

medienpolitik.net: Wie nutzen Sie Facebook für Ihre Programme konkret?

Andreas-Peter Weber: Alle drei Programme von Deutschlandradio verfügen bei Facebook über einen sehr großen Freundeskreis. Damit nutzen wir Facebook vor allem dazu um auf Informationen, Radiobeiträge und Texte, die aktuell und im Gespräch sind, zu verweisen. Die Resonanz darauf zeigt, dass das gewünscht wird.

medienpolitik.net: Bleiben diese User dann auch in der Deutschlandradio-Welt oder gehen sie wieder zurück in die Facebook-Welt?

Andreas-Peter Weber: Ich glaube, wer hauptsächlich seine Informationen über Facebook bezieht, informiert und unterhält sich kaum mehr in der klassischen Radio-Welt oder über andere traditionelle Medien, sondern bewegt sich überwiegend innerhalb der sozialen Medien. Deshalb können wir auch diese Menschen nur erreichen, wenn wir sie dort mit unseren Inhalten versorgen, wo sie überwiegend Medienangebote konsumieren. Natürlich müssen wir aber kenntlich machen, woher diese Inhalte kommen und somit rechtfertigen wir auch, wofür wir den Rundfunkbeitrag erhalten. Denn wir stellen unsere Angebote auch für die bereit, die zwar bezahlen, aber nicht mehr der klassische Rundfunkhörer sind. Auf der anderen Seite kommen die Nutzer via Facebook mit einem Klick auf unsere Seiten und lernen unsere Angebote dann kennen. Nicht wenige kommen dann wieder.

medienpolitik.net: Was liefern Sie dem neuen ARD-ZDF-Jugendangebot zu?

Andreas-Peter Weber: Nichts. Wir haben zwar unser Interesse bekundet und auch auf unsere Kompetenz und Erfahrung verwiesen, über die wir mit DRadio Wissen verfügen, aber man sah sowohl bei ARD und ZDF als auch in der Politik keinen Bedarf. Aber vielleicht ändert sich das noch…

medienpolitik.net: Was ist das Deutschlandradio Lab?

Andreas-Peter Weber: Das ist so eine Art kleiner Think Tank, zu dem Kollegen aus den Redaktionen und der Technik gehören. Wir versuchen Lösungen zu finden, wie wir das, was wir produzieren, auf den unterschiedlichsten Wegen nach draußen transportieren können. Dazu gehört, dass wir weltweite Entwicklungen beobachten, Erfahrungen anderer analysieren und einiges davon selbst ausprobieren. So wollen wir relativ früh neue Ausspielwege für Deutschlandradio erkennen und testen. Aber in dem Labor werden auch neue inhaltliche Formate entwickelt, ganz vorn dabei das Storytelling. Über solche konkreten Projekte können wir Redaktionen auch auf unserem multimedialen Weg schneller mitnehmen. Auch bei uns verfolgen es manche Mitarbeiter mit Skepsis, dass wir den erprobten linearen Ausspielweg verlassen, da das Veränderungen im Denken, im Arbeitsablauf, aber auch in der Finanzierung unseres Programmes mit sich bringt. Deshalb ist es wichtig, mit den Kollegen gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, um zu erleben, dass hier eine Perspektive für das Radio existiert.

medienpolitik.net: Sie wollten im Zusammenhang mit der Programmreform bei Deutschlandradio Kultur auch strukturell etwas ändern und die Hauptabteilungen Politik und Kultur durch eine Programmleitung zu ersetzen. Wie ist der Stand?

Andreas-Peter Weber: Seit 1. Januar 2016 existieren die beiden Hauptabteilungen nicht mehr, dafür gibt es jetzt in Berlin für Deutschlandradio Kultur eine Wellen-Struktur, mit einem Wellenchef. Seine Stellvertreterin ist als Wortchefin für Kultur und Politik zuständig. Die Trennung zwischen beiden Bereichen, die in der Vergangenheit sowohl in der Zusammenarbeit der Kollegen als auch im Programm spürbar war, entfällt dadurch. Wir hoffen, dass wir so ein anspruchsvolles, kulturbasiertes Programm entwickeln können, in dem auch weiterhin Politik eine Rolle spielt, aber nicht mehr nach Genres getrennt, sondern politische und kulturelle Fakten und Argumente so eingebracht und erörtert werden, wie es für ein Thema erforderlich ist.

medienpolitik.net: Nach der Reform ist oft vor der Reform. Was sind Ihre nächsten Ziele?

Andreas-Peter Weber: Radioprogramme sind wie ein menschlicher Organismus und befinden sich in einer permanenten Veränderung. Um das aber mit dem sinnvollen Tempo und der richtigen Richtung voranzutreiben, muss man selbstkritisch sein und seine Ergebnisse immer wieder in Frage stellen.
Zu unseren nächsten Herausforderungen gehört der Umgang mit Bewegtbild, weil davon unsere Akzeptanz in den nächsten fünf bis zehn Jahren wesentlich abhängt. Ein anderes Thema, das uns in letzter Zeit stark bewegt, ist Glaubwürdigkeit. Ich finde es gut, dass viele Dinge, die Journalisten und Medien publizieren, kritisch hinterfragt werden, weil uns das zwingt, sowohl mit unseren Stärken als auch mit unseren Fehlern souveräner umzugehen – nach außen aber auch nach innen.

medienpolitik.net: Deutschlandradio hat einen Namen für hochwertigen, gut recherchierten, sachlichen Journalismus. Warum ziehen Sie sich diese Jacke einer „Lügenpresse“ an?

Andreas-Peter Weber: Sicher sind wir von Anfeindungen, Schmähungen und Beschimpfungen weniger betroffen als andere Redaktionen, aber auch uns erreichen – fast kampagnenartig – E-Mails mit Vorwürfen und Unterstellungen. Aber das zielt ja auf einen ganzen Berufsstand und soll einen wichtigen Pfeiler unserer Demokratie erschüttern, die freie, unabhängige Presse. Deshalb müssen wir zwar zur Kenntnis nehmen, dass sich über die sozialen Medien Kritik, Enttäuschungen, Wut viel schneller als früher artikulieren, bündeln und kanalisieren lassen, aber wir müssen natürlich darauf auch angemessen reagieren. Wir müssen lernen, damit souveräner umzugehen. Viele Reaktionen, die auch uns erreichen, schockieren mich in der Heftigkeit, aber auch in ihrem hohen Frustrationsgrad, der sich da zeigt. Dieser Umgang mit Konflikten und Krisen angesichts sozialer Medien und globaler Echtzeitkommunikation ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft, also auch für uns als Journalisten.

medienpolitik.net: Einige Zeitungen haben bereits Kommentarfunktionen abgeschaltet oder reduziert. Ist das der richtige Weg, um Kritik auszublenden?

Andreas-Peter Weber: Nein, das ist nicht der richtige Weg oder anders: Man sollte sich ihn sehr gut überlegen, bevor man ihn geht. Man kommt sicher nicht umhin, manchmal auch die Grenzen von Meinungsfreiheit deutlich zu markieren, schließlich gibt es auch einen Schutz der Menschenwürde. Aber so extrem ist die Situation bei uns noch nicht. Selbstverständlich muss ein solcher Dialog mit dem Nutzer auch intensiv begleitet, müssen die Spielregeln dargelegt und es müssen diejenigen, die sich daran nicht halten auch mit rechtlichen Mitteln zur Einhaltung gezwungen werden. Es gab auch bei uns verbale Angriffe auf einige Kolleginnen und Kollegen. In einzelnen Fällen haben wir deshalb Strafanzeige gestellt, denen in zwei Fällen auch stattgegeben worden ist. Beide Täter wurden zu Geldstrafen verurteilt. Das sollen Ausnahmen bleiben, aber Journalisten sind kein Freiwild und wir haben auch eine Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeitern.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 3/2016 erstveröffentlicht.

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