Rundfunk:

Wir sind auf dem deutschen Markt die erste Adresse für Kreative

von am 29.03.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>Wir sind auf dem deutschen Markt die erste Adresse für Kreative
Dr. Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF

ZDF will mindestens zweimal im Jahr „ambitionierte Serien“ zeigen

29.03.16 Interview mit Dr. Norbert Himmler, Programmdirektor des ZDF

Der ZDF-Dreiteiler „Ku’damm 56“, der jüngst das Leben im Westberlin der 50er Jahre reflektierte, war sehr erfolgreich. 5,78 Millionen Zuschauer schalteten die zweite Folge ein und damit über 200.000 mehr als am Abend zuvor. Der Marktanteil lag bei sehr guten 17,3 Prozent. Das reichte zugleich für den ZDF-Tagessieg.
Für Norbert Himmler, den Programmdirektor des ZDF, ist die Fiktion ein wichtiger Spiegel der Realität. In fiktionalen Programmen lasse sich die Bandbreite deutscher Lebenswirklichkeit viel eindringlicher und nachdrücklicher darstellen als in mancher Dokumentation oder Reportage. Deshalb verfilme das ZDF zentrale Momente unserer Geschichte, wie zum Beispiel mit „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Tannbach“ und „Ku‘damm 56“. Wir werden“, so Norbert Himmler, ambitionierte Serien nach den guten Erfahrungen des letzten Jahres künftig mindestens zweimal im Jahr im Programm haben und auch für ZDFneo und das „Junge Angebot“ besondere serielle Formen entwickeln“.

medienpolitik.net: Herr Himmler, wenn man an die hochwertigen fiktionalen Produktionen der letzten Monate und auch an Krimireihen wie „Helen Dorn“, „Schuld“ oder „München Mord“ denkt, hat man den Eindruck, dass Sie die Losung ausgegeben haben: Lieber etwas weniger, dass aber besser. Stimmt der Eindruck?

Norbert Himmler: Der Eindruck freut mich, weil er für die Qualität unserer Filme spricht. Qualität steht für uns tatsächlich an erster Stelle und das wissen auch alle, die mit uns an den ZDF-Programen arbeiten. Wir glauben fest daran, dass Qualität sich durchsetzt und arbeiten in jedem Genre mit den jeweils besten Kreativen und Produktionshäusern zusammen. Ein kleiner Widerspruch allerdings an dieser Stelle: wir machen in den letzten Jahren eher mehr Filme und Serien deutscher oder europäischer Herkunft als weniger und geben dafür weniger Geld für amerikanische Lizenzware aus.

medienpolitik.net: Wie würden Sie Ihre fiktionale Strategie für das ZDF beschreiben?

Norbert Himmler: Die Fiktion ist ein wichtiger Spiegel der Realität. In fiktionalen Programmen lässt sich die Bandbreite deutscher Lebenswirklichkeit viel eindringlicher und nachdrücklicher darstellen, als in mancher Dokumentation oder Reportage. Fiktion ist dabei identitätsstiftend, sei es in der Identifikation mit den Figuren oder in ihrer Ablehnung. Gleiches gilt für Fragen der Moral oder Ethik. Deshalb verfilmen wir zentrale Momente unserer Geschichte, wie wir es mit „Unsere Mütter, unsere Väter“ und „Tannbach“ getan haben, oder in „Ku‘damm 56“ gerade zeigen. Daneben greifen wir aktuelle gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Themen auf und ermöglichen so andere Zugänge, z.B. mit Filmen wie „Der Bankraub“ über einen bodenständigen Deutschen, der zu einem Opfer der Bankenkrise wurde. Wir haben in „Ein großer Aufbruch “ von Matti Geschonneck tiefgreifende Fragen nach selbstbestimmtem Leben und Sterben thematisiert oder werden die Ursachen von Burnouts in einem Film aufarbeiten. Außerdem mögen wir besondere, abseitige Charaktere. Das schließt Hajo Eichwald, den fluchenden Hinterbänkler aus dem Bundestag, ebenso ein wie den Gelegenheitsrapper Eco Fresh aus seinem Kölner Kiez oder Saga Norén, unsere liebenswürdig, sonderbare Kommissarin aus Kopenhagen. Vielfalt ist unser Anspruch – auch und gerade in unseren fiktionalen Programmen.

medienpolitik.net: Wie hoch ist 2016/2017 die Erneuerungsquote. Wie viele Innovationen verträgt der ZDF-Zuschauer?

Norbert Himmler: Innovation und Erneuerung spielen eine immer größere Rolle. Der Markt ist zurzeit sehr in Bewegung, es kommen neue Akteure wie Amazon und Netflix dazu. Das sorgt auch im linearen Fernsehen für Bewegung. Nicht umsonst hat das ZDF  mit „Schuld“, „Blochin“ und „Morgen hör‘ ich auf“ eine ganze Reihe viel beachteter und auch erfolgreicher Miniserien aufgelegt. Und wir werden hier nicht nachlassen. Andererseits ist der deutsche Fernsehzuschauer auch – und das sei ihm vergönnt –ein Gewohnheitsmensch und liebt seinen „Bergdoktor“ und die „Rosenheim-Cops“. Diese Erfolgsformate modernisieren wir und entwickeln wir konsequent weiter. . Beim Samstagskrimi haben wir in den letzten zwei Jahren sechs neuen Reihen entwickelt und gestartet. Für unsere Vorabend-Serien gilt das Gleiche: wir streben einen ausgewogenen Mix aus populären, langlaufenden Programmen an und neuen wie neuartigen Serien, die den Zuschauer überraschen. „Die Spezialisten“ ist ein Bespiel hierfür – eine modern erzählte neue Vorabend-Serie über ungelöste Mordfälle der Vergangenheit, die stark mit der Geschichte der Stadt Berlin verbunden sind. Darüber hinaus werden von ZDFneo und dem „Jungen Angebot“ zukünftig Innovationsimpulse in Sachen fiktionaler Serie ausgehen. Die erste eigenproduzierte Serie wird ZDFneo noch in diesem Jahr an den Start bringen.

medienpolitik.net: Kürzlich haben die ARD, Sky und X-Filme einen 40-Millionen-Euro Deal für eine 16-folgige Serie bekannt gegeben. Hätten Sie diesen Deal auch gerne abgeschlossen?

Norbert Himmler: Das Projekt klingt inhaltlich spannend und ich wünsche allen Beteiligten viel Erfolg. Es wäre ein beachtlicher Schritt für den deutschen Markt, wenn eine so groß angelegte Produktion international erfolgreich sein könnte. Die Rahmenbedingungen des Projekts stimmen aber für das ZDF nicht. Exklusivität ist in einer diversifizierten Medienwelt entscheidend. Wenn wir Koproduktionen eingehen, dann nur, wenn wir das Programm in Deutschland auch zuerst bei uns zeigen können.

medienpolitik.net: Ist der Erfolgsdruck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk inzwischen so groß, dass man solche Bündnisse auch mit privaten Veranstaltern eingehen muss?

Norbert Himmler: Wir sind immer offen für Partnerschaften. Oft finden wir diese in anderen europäischen Märkten. Wir verfügen beispielsweise über sehr gute Beziehungen zu skandinavischen Partnern, die zur Realisierung von „Die Brücke“ oder „The Team“ geführt haben. Gerade entwickeln wir gemeinsam mit belgischen Partnern eine erste Koproduktion für ZDFneo. Beim Kinderprogramm sind wir seit langem ein international gefragter Koproduktionspartner – aber auch hier haben wir das Programm in Deutschland zunächst immer exklusiv bei uns.

medienpolitik.net: Amazon und Netflix haben jetzt bei deutschen Produzenten Serien in Auftrag gegeben. Landen künftig die besten deutschen fiktionalen Produktionen bei internationalen Plattformen und Sie müssen sich mit der 2. Wahl begnügen?

Norbert Himmler: Dagegen spricht schon der reine Umfang: Zwei Serien mit wenigen Folgen sind bei weitem nicht alles, was die deutsche Produzentenlandschaft an exzellenten Programmen hervorbringen kann! Außerdem müssen VoD-Anbieter Stoffe so universell erzählen, dass sie für ein eher junges, männliches Publikum weltweit funktionieren. Das ZDF hat einen anderen Anspruch. Wir senden für ein breites Publikum und wollen für unsere Programme eine deutsche oder europäische Handschrift und Perspektive. Daher sind wir auf dem deutschen Markt die erste Adresse für Kreative und werden das auch bleiben.

medienpolitik.net: Wie stark beeinflussen Sie die Aktivitäten der VoD-Plattformen bei den Entscheidungen über künftige Produktionen?

Norbert Himmler: Ich kenne die Angebote der VoD-Plattformen, schon aus professionellem Interesse. Wir beobachten das, wie wir auch das Kino und andere Märkte beobachten. Sind gute Ideen oder neue Erzählformen dabei, ignorieren wir das nicht. Am Ende treffen wir  unsere eigenen Entscheidungen.

medienpolitik.net: Das ZDF scheint von dem Serien-Hype relativ unberührt. Sie zeigen weiterhin klassische Zwei- oder Dreiteiler in der Primetime oder in sich abgeschlossene Folgen wie bei „Schuld“. Warum? Scheuen Sie das Risiko solcher Serien?

Norbert Himmler: Ganz im Gegenteil! Seit vielen Jahren zeigen wir durcherzählte, unkonventionelle Serien wie „Kommissarin Lund“, „Die Brücke“, „The Fall“, und viele andere am Sonntagabend. Im Herbst haben wir in einer besonderen Programmierung an einem einzigen Wochenende alle Folgen von „Blochin“ gezeigt. Im Januar folgten dann die fünf Folgen von „Morgen hör ich auf“ mit Bastian Pastewka, eine ungewöhnliche Mischung aus Familien-, Drama- und Krimiserie. Derzeit entwickeln wir neue Serienprojekte, die mit herkömmlichen Erzählweisen und Sujets brechen. Für die Primetime arbeiten wir mit der Autorin Natalie Scharf an einer horizontal erzählten Serie, die am ungarischen Plattensee spielt – ein besonderer Ort, an dem vor dem Fall der Mauer Menschen aus beiden Seiten Deutschlands Urlaub gemacht haben.

medienpolitik.net: Den Äußerungen namhafter deutscher Produzenten zufolge arbeiten alle an der Entwicklung von „Hochglanz“-Serien. Sie müssten doch mit Ideen und Angeboten überschüttet werden?

Norbert Himmler: Oh ja, die Tische sind voll, da ist viel Spannendes dabei. Wir haben die Qual der Wahl. Aber diese Auswahl brauchen wir auch, um am Ende den Zuschauern das Beste davon präsentieren zu können. Was wir suchen, haben wir beim ersten Produzententag des ZDF im letzten Herbst vermittelt, den wir künftig jährlich fortsetzen. Und natürlich sind wir mit allen Produktionshäusern im regelmäßigen Austausch. Wir werden ambitionierte Serien nach den guten Erfahrungen des letzten Jahres künftig mindestens zweimal im Jahr im Programm haben und auch für ZDFneo und das „Junge Angebot“ besondere serielle Formen entwickeln.

medienpolitik.net: Die Reihe „Schuld“ war sehr modern gedreht und geschnitten, schnell und packend erzählt und damit erfolgreich. Sehen so die ZDF-Krimis der Zukunft aus?

Norbert Himmler: Unsere Krimis zeigen die große Breite des Genres in Figuren, Themen, Erzählweisen und Bildsprache. Diese reicht von Krimis mit stark komödiantischem Anteil wie „Wilsberg“ über den eher ambitioniert erzählten „Spreewaldkrimi“, den politisch brisanten und actionreichen „Dengler“ bis hin zu Reihen, die auf innovative Weise mit den Möglichkeiten des Genres spielen. Von daher wird es auch nicht „den“ ZDF-Krimi der Zukunft geben. Wir gehen immer wieder neue Wege, ob bei „Schuld“ oder bei den Samstagskrimis, wie „Kommissarin Heller“ oder „Schwarzach 23″, die alle neu, frisch, anders sind, und den Zuschauer immer wieder überraschen.

medienpolitik.net: Diese Reihe und auch „Pfeiler der Macht“ standen stand bereits vorab in der Mediathek. Wird Online First zum generellen Prinzip bei fiktionalen Angeboten?

Norbert Himmler: Wenn es nach uns ginge, wären sehr viele Programme vorab in der Mediathek verfügbar! Das Problem waren bislang die Musikrechte. Die Verwertungsgesellschaft GVL verfügte bislang nicht über die notwendigen Rechte. Dies hat sich geändert, sodass wir zukünftig Programme verstärkt vorab in die Mediathek einstellen können.

medienpolitik.net: Anfang des Jahres wurde die „Pfeiler der Macht“ gesendet. Jetzt drehen Sie wieder einen aufwendigen historische 3-Teiler „Das Leben des Kaisers Maximilian“. Warum so viele historische Stoffe? Was ist für die Auswahl dieses Stoffes entscheidend?“

Norbert Himmler: Wir verstehen die Gegenwart nur, wenn wir die Geschichte kennen. Das Reservoir ist schier unerschöpflich, und wir werden immer wieder in die Geschichte schauen, ohne die Gegenwartsstoffe zu vernachlässigen – nach „Maximilian“, den Andreas Prochaska übrigens ganz hervorragend umsetzt, haben wir weitere Stoffe in Entwicklung. Zusammen mit dem Schweizer Fernsehen realisieren wir einen aufwendigen Zweiteiler über den Bau des Gotthardtunnels Ende des 19. Jahrhunderts. Er erzählt die packende Geschichte von Menschen unter widrigen Arbeitsbedingungen und im Kampf mit den Naturgewalten. „Berlin 74 – The Same Sky“ erzählt mit spannenden Charakteren, die von den Schauspielerinnen und Schauspielern toll verkörpert werden, von der geteilten Stadt Berlin der 1970er Jahre. Es geht um Romeo-Agenten und Spione, Doping im DDR-Leistungssport, politische Überzeugungen und Freiheitswillen. Außerdem arbeiten wir gerade an der Verfilmung von „Landgericht“ nach dem Roman von Ursula Krechel. Eine bislang unbeleuchtete Perspektive auf jüdische Emigranten, die den zweiten Weltkrieg überlebt haben, in ihre Heimat Deutschland zurückkehren, denen aber das Ankommen unmöglich gemacht wird. Darüber hinaus gibt es natürlich viele weitere Stoffe und Ideen. Die Auswahl treffen wir immer nach Interessantheit des Projekts, dem Erzählansatz und dem Kreativteam hinter dem Projekt.

medienpolitik.net: Hätte aus „Das Leben des Kaisers Maximilian“ nicht auch eine spannende sechsteilige Serie entstehen können, die an drei Abenden hintereinander läuft?

Norbert Himmler: Wir produzieren „Maximilian“ mit den Kollegen vom ORF, und beide Sender zeigen dieses Programm als großen Dreiteiler. Sie könnten aber auch sagen, wir strahlen an drei Abenden jeweils zwei Folgen aus. Hiervon versprechen wir uns insgesamt mehr Zuschauer als von einer Serienprogrammierung mit sechs Folgen, auf die wir jederzeit umstellen könnten: „Maximilian“ wird international als sechsteilige Serie vermarktet, weil dieses Format in vielen Ländern das eingeführte und gelernte ist.

medienpolitik.net: Welche Gegenwartsstoffe sind aktuell in Arbeit?

Norbert Himmler: Das reicht vom ambitionierten Film zum Thema Migration, einer Spionage-Geschichte, einem Mafia-Stoff bis hin zu einem Film über Präimplantationsdiagnostik, also über die ethisch schwierige Frage der Untersuchung von Eizellen vor einer künstlichen Befruchtung, den wir im Mai im Programm haben werden. Zusammen mit Feo Aladag machen wir einen Film über unbegleitete Flüchtlingskinder, wie sie im vergangenen Jahr in größerer Zahl in Deutschland angekommen sind. Im Herbst hatten wir bereits mit „Die Neue“ einen Film mit Iris Berben als Lehrerin, die mit den Schwierigkeiten der Integration konfrontiert wird. Nach den vielbeachteten Dokudramen zum NSU-Prozess oder dem Fall Uni Hoeneß arbeiten wir auch hier an neuen Ideen. Wir sind immer am Puls der Zeit. Das erklärt vielleicht die hohe Akzeptanz, die unsere Fernsehfilme haben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 4/2016 erstveröffentlicht.

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