Rundfunk:

„Radio nutzt weiterhin viele Wege“

von am 06.04.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Internet, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Radio nutzt weiterhin viele Wege“
Klaus Schunk, Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT und Geschäftsführer von „Radio Regenbogen“

Wachstum bei allen Radio-Empfangsgeräten

06.04.16 Interview mit Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT und Geschäftsführer von „Radio Regenbogen“

Radiohören über allen Verbreitungswegen gehört nach wie vor zur wichtigsten Mediennutzung. Das zeigen auch die aktuellen Verkaufszahlen von Radios und Audiogeräten. Die von der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK), eines der größten Marktforschungsunternehmen, vorgelegten Zahlen belegen ein kräftiges Wachstum bei allen Empfangsgeräten. Weiterhin liegen dabei UKW-Radios an der Spitze der Hörergunst: Im letzten Jahr wurden 2015 6,27 Millionen UKW-Geräte verkauft. Allerdings ist hier kaum noch Wachstumspotenzial vorhanden. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl um 0,2 Prozent an. Zum Teil handelte es sich dabei um Geräte, die neben einem UKW-Tuner auch für den Empfang von DAB Plus gerüstet sind. 1,02 Millionen Internetradios gingen 2015 über den Ladentisch und generierten damit im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 22 Prozent. Die Anzahl verkaufte Digitalradios konnte im Vergleich zum Vorjahr um 32 Prozent zulegen. Insgesamt wurden 950.000 Geräte verkauft. Der Verkauf von Bluetooth-Lautsprechern stieg auf 2,89 Millionen Geräte, was einem Plus von 66 Prozent entspricht. An Multiroom-Geräten wurden 530.000 Stück verkauft, ein Wachstum um 50 Prozent.
Klaus Schunk, Vorsitzender des Fachbereichs Radio und Audiodienste im VPRT: „Die Zahlen belegen eindeutig unseren Ansatz: Digitales Radio ist schon heute Multichannel und nutzt viele Wege. Die prozentual größte marktgetriebene Wachstumsrate liegt beim Verkauf von Audiosystemen wie vernetzten Lautsprecherboxen oder Multiroom-Geräten. Die meisten dieser Geräte werden auch für die IP-basierte Wiedergabe von Radio- und Audioinhalten aus unterschiedlichen digitalen Quellen genutzt. Die Zahlen zeigen eindrucksvoll, dass DAB+ nur ein Empfangsweg von vielen ist und unterstreichen zudem die nach wie vor ungebrochen hohe Bedeutung des UKW-Empfangs.“

medienpolitik.net: Herr Schunk, es werden weiterhin bei der Neuanschaffung von Radio-Geräten vor allem UKW-Radios gekauft, trotz DAB-Geräten und Radio-Geräten, über die man auch Web-Radios empfangen kann. Liegen die Ursachen dafür vor allem am falschen oder fehlenden Marketing für das digitale Radio (ob über DAB oder per Internet)?

Klaus Schunk: Die aktuellen GfK-Zahlen unterstreichen vor allem mit den hohen absoluten Verkaufszahlen, dass UKW ungebrochen und mit Abstand der wichtigste Weg ist, auf dem Radio gehört wird. Darüber hinaus konsumieren die Hörer die privaten Radioangebote schon längst über unterschiedliche digitalen Plattformen: online, mobil über Apps, über RadioDNS, als SmartRadio oder eben auch über DAB+. Im Ergebnis bestätigen die GfK-Zahlen den VPRT in seiner Einschätzung, dass Radio- und Audioangebote über viele Wege genutzt werden, die Frage, ob eine Technologie sich durchsetzt, ist dabei sicherlich keine Frage des Marketings, sondern des Mehrwertes, den die Hörer für sich sehen. Im Ergebnis werden Technologien, die unterschiedliche Verbreitungsmöglichkeiten hybrid zusammenführen, in besonderem Maße der tatsächlichen Nutzung der Hörer gerecht werden. Daher sprechen wir uns auch für einen technologieneutralen Multi-Chip in mobilen Empfangsgeräten aus, der UKW- und den Zugang zum Internet sowie DAB+-Empfang über ein Radiogerät möglich macht.

medienpolitik.net: Internetradios und Digitalradio wachsen nur sehr langsam. Wann rechnen Sie mit einer Trendwende?

Klaus Schunk: Im Gegenteil: Während der Verkauf von UKW-Radios auf einer sehr hohen Basis stabil ist, wachsen die Verkäufe im Digitalen auf noch niedrigem Niveau respektabel. Dabei spiegeln diese Zahlen zum Beispiel gar nicht die erhebliche originäre digitale Nutzung von Internetradio über Smartphones wieder, die im Übrigen gar kein Marketing brauchen. Die Nutzung im Radio wächst über alle Plattformen linear und non-linear, daneben haben wir den Trend in Richtung hybrider Angebote. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen. All das belegt eindeutig unsere These: Digitales Radio ist Multichannel und nutzt viele Wege. Die prozentual größte marktgetriebene Wachstumsrate liegt laut der GfK-Zahlen beim Verkauf von Audiosystemen wie vernetzten Lautsprecherboxen oder Multiroom-Geräten. Die meisten dieser Geräte werden auch für die IP-basierte Wiedergabe von Radio- und Audioinhalten aus unterschiedlichen digitalen Quellen genutzt. Da IP-basierte Audionutzung nicht an bestimmte Ausgabegeräte gebunden ist, kann man zusätzlich zu den reinen Verkaufszahlen auch einen Blick auf die tatsächliche Nutzung werfen und sieht die aus den Verkaufszahlen abgeleitete Vermutung bestätigt: Radio ist mit einer stabilen täglichen Nutzungsdauer von über drei Stunden und einer über die Jahre annähernd gleichen Reichweite von fast 80 Prozent der Bevölkerung ein absolutes Leitmedium, das nicht an Relevanz einbüßt. Zusätzlich steigt – noch auf niedrigen Niveau – die Online-Audionutzung kontinuierlich – in den letzten 5 Jahren hat sich die Zahl der Online-Audio-Nutzer fast verfünffacht.

medienpolitik.net: Warum „klebt“ das Radio dennoch so hartnäckig an der analogen Technologie UKW?

Klaus Schunk: Die Frage verkennt die Tatsachen. Die privaten Radioanbieter sind immer da, wo die Hörer sind und wo sie nachgefragt werden und damit ihr Publikum erreichen. Das ist mit großem Abstand zunächst einmal UKW, aber auch digitale Plattformen mit einem hohen Anteil an Smartphonenutzung von Audioangeboten. Die GfK-Zahlen und auch die tatsächlichen Nutzungszahlen zeigen eindrucksvoll die ungebrochen hohe Bedeutung von UKW. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Es ist eine ausgereifte Technik und sie funktioniert hervorragend. Solange UKW die Empfangssituation so bestimmt wie heute, ist UKW auch die maßgebliche Einnahmequelle der Privaten. Mit den hier erzielten Erlösen finanzieren wir den Ausbau unserer unterschiedlichen digitalen Radioangebote und ihrer Verbreitung mit, die UKW-Verbreitung ist damit für uns heute noch und auch absehbar existenziell.

medienpolitik.net: Verliert das Radio nicht mittelfristig als Medium an Relevanz, wenn es den Übergang zur digitalen Verbreitung nicht vollzieht?

Klaus Schunk: Das sehen wir so nicht: Zum einen relativiert die breite und hohe Nutzung von Radio über UKW ja nicht seine Relevanz – im Gegenteil. Zum anderen ist Radio heute ja bereits auf unterschiedlichen Wegen digital, online beispielsweise sind deutlich mehr Radioangebote nutzbar als über UKW. Aber die GFK-Daten zeigen aus Sicht des VPRT ein anderes sehr wichtiges Thema auf, das wir auf dem Weg auf die digitalen Plattformen sehr schnell lösen müssen: Mit der hohen mobilen Nutzung kommt der Verfügbarkeit und Auffindbarkeit von Radioprogrammen auf allen mobilen Endgeräten, auf denen Audionutzung stattfindet, eine entscheidende Bedeutung zu. Die zentrale Listung der verschiedenen Webradioangebote auf den jeweiligen Geräten erfolgt durch internationale Aggregatoren. Sie können vollkommen frei über das „Ob“ und „Wie“ der Abbildung entscheiden. Die GfK-Zahlen zeigen deshalb, dass dieses Thema bei der Weiterentwicklung der Plattform- und Intermediär-Regulierung durch die Bund-Länder-Kommission höchste Priorität haben muss.

medienpolitik.net: Es gibt die Forderung nach einem konkreten Abschalttermin für UKW. Wie realistisch ist das angesichts der Marktentwicklung?

Klaus Schunk: Eine konkrete Abschaltung ist derzeit weder politisch noch im Markt auf der Agenda. Sie würde bedeuten, grob fahrlässig in den in den Markt einzugreifen und nicht funktionieren, ohne das private Radio existenziell zu gefährden. Die privaten Radios müssen ihren Weg in die Digitalisierung aus eigenen Mitteln und ohne die entsprechende zweckgebundene Finanzausstattung der ARD-Kollegen finanzieren. Bis heute tun sie das im ganz wesentlichen Teil aus ihrem UKW Geschäft. Schon aus diesem Grund müssen sie bei der Frage, auf welche Übertragungsstandards sie setzen, kaufmännische Vernunft walten lassen. Insofern ist auch die viel diskutierte Frage, welche Rolle DAB+ dabei spielen wird, für uns keine Glaubensfrage, sondern eine, die wir abhängig von der Akzeptanz dieser Technologie bei den Hörern bewerten müssen. Und bei dieser Betrachtung gilt es, ein leider weit verbreitetes Missverständnis zu vermeiden: Es geht in diesem Zusammenhang bei der Betrachtung der DAB+-Verbreitung nicht um technische Reichweite, sondern ausschließlich um die tatsächliche Nutzung, denn nur auf Grundlage der tatsächlichen Nutzungszahlen wird Radio vermarktet.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 4/2016 erstveröffentlicht.

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