Rundfunk:

„Für uns hat Neutralität absolute Priorität“

von am 11.05.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Für uns hat Neutralität absolute Priorität“
Jim Egan, CEO, BBC Global News Ltd.

BBC World News nutzt verstärkt Chat-Anwendungen, um weltweit Menschen zu erreichen

11.05.13 Interview mit Jim Egan, CEO, BBC Global News Ltd.

Die internationalen Nachrichtenangebote der BBC nutzen erstmals Chat-Anwendungen, um noch mehr Menschen weltweit zu erreichen.  Zum 25. Jubiläum von BBC World News hat das internationale Nachrichtenformat „Our World“ den Chat-Dienst Viber genutzt, um über einen Entführungsfall in Mexiko zu berichten. Für ihre Zuschauer in Afrika und darüber hinaus erzählt BBC Africa über WhatsApp die Geschichte junger Menschen in der Demokratischen Republik Kongo, die über das Internet neue Wege nutzen, um öffentlich Gehör zu finden und Veränderungen für ihr Land herbeizuführen. Mittlerweile nutzen weltweit mehr Menschen Chat-Apps als soziale Medien. Der BBC World Service will daher langfristige Strategien für diese Plattformen erarbeiten und austesten, deren Nutzung für hunderte Millionen von Menschen weltweit bereits alltäglich ist.

medienpolitik.net: Herr Egan, in diesem Monat feiert BBC World News seinen 25. Geburtstag. Wie kam es zu der Entscheidung anstelle von BBC TV Europe ein weltweit-agierenden TV-Sender aufzubauen?

Jim Egan: BBC TV Europe wurde in erster Linie als Unterhaltungssender gegründet. 1991 wurde er durch World Service Television (WSTV) ersetzt, aus dem später BBC World News wurde. Der Launch des Senders spiegelte die wachsende Nachfrage nach 24-Stunden-Nachrichten wieder sowie den zunehmend internationalen Charakter von Beiträgen und Reportagen – und das gilt bis heute. Mit der Globalisierung sind Geschichten nicht mehr nur auf ein Land beschränkt. Es gibt zahlreiche Themen, die Menschen überall auf der Welt betreffen. Dank unseres einzigartigen Journalisten-Netzwerkes sind wir in der Lage, einen erstklassigen und wirklich internationalen Nachrichtendienst anzubieten.

medienpolitik.net: In wie vielen Sprachen sendet, in wie vielen Ländern ist BBC World News heute zu empfangen?

Jim Egan: BBC World News ist ein englischsprachiger Sender, der in über 200 Ländern und Territorien weltweit und in über 433 Millionen Haushalten verfügbar ist. Zudem ist er in zahlreichen Hotels, auf Kreuzfahrtschiffen, Flügen und Mobilnetzen zu empfangen. Zum weiteren Nachrichtenangebot der BBC zählen die Radio-, TV- und Online-Dienste sowie die sozialen Medien des World Service, die in insgesamt 30 Sprachen verfügbar sind.

medienpolitik.net: Worin besteht der Programmauftrag von BBC World News?

Jim Egan: Unsere gesamten Inhalte drehen sich um unsere wichtigsten Werte: Vertrauenswürdigkeit, Genauigkeit und Neutralität. Aus diesem Grund sind wir der verlässlichste internationale Nachrichtensender der Welt. Wir folgen keiner Agenda, wie etwa viele andere Nachrichtenanbieter. Wir liefern nur Fakten und nutzen die Erfahrung unserer Journalisten, den dazugehörigen Kontext zu liefern und so unsere Zuschauer umfassend zu informieren, damit diese sich ihr eigenes Bild machen können.

medienpolitik.net: Als BBC World News 1991 gestartet wurde, war der „Eiserne Vorhang“ in Europa gefallen, sah es so aus, als würden Russland und die USA verbündete, war der Terrorismus, der uns heute beschäftigt, ein Randthema. Hat sich der Auftrag damit in den vergangenen Jahren gewandelt?

Jim Egan: Nein. Die Geschichten, über die wir berichten, ändern sich natürlich, nicht aber unser Auftrag, neutrale, genaue Nachrichten zu liefern. Angesichts der wachsenden Fülle an Informationen, nicht alle korrekt oder ohne Agenda, sind wir für die Menschen die erste Wahl.

medienpolitik.net: Wie unabhängig ist BBC World News? Wie sehr sind Sie das Sprachrohr der Britischen Regierung?

Jim Egan: Überhaupt nicht – BBC World News finanziert sich durch Werbung und ist von der britischen Regierung komplett unabhängig. Sie nimmt keinerlei Einfluss auf irgendeinen Aspekt unserer redaktionellen Inhalte, wie es bei manch anderen internationalen Nachrichtensendern der Fall ist, die staatlich finanziert und kontrolliert werden.

medienpolitik.net: Aber in Ihrem Land wird eine intensive Debatte über den Verbleib in oder den Austritt aus der EU geführt. Wie gelingt es Ihnen hier neutral zu informieren?

Jim Egan: Für uns als Nachrichtensender hat Neutralität absolute Priorität. Wir bieten eine unabhängige Berichterstattung und berücksichtigen dabei nicht nur eine, sondern alle Seiten. Das hebt uns von der Konkurrenz ab. Die Menschen können sich bei uns darauf verlassen, wirklich umfassend informiert zu werden. Es ist in der Tat eine spannende Zeit für das Vereinigte Königreich, doch wir gehen an diese Geschichte auf die gleiche Weise heran, wie an jede andere auch. Bei uns gibt es klare Richtlinien, die für unsere Berichterstattung über das EU-Referendum gelten. Sie wird formal überwacht, um ein Gleichgewicht, Bandbreite, Fairness und Neutralität zu garantieren. Unsere Journalisten wissen, dass ihre persönliche Meinung außen vor bleiben muss und tun alles, um auf all unseren Plattformen ausgewogene und spannende Inhalte zu liefern, damit unsere Zuschauer und Nutzer ausreichend informiert werden und fundierte Entscheidungen treffen können.

medienpolitik.net: Welches sind heute Ihre Schwerpunktregionen?

Jim Egan: Die Geschichten bestimmen, wo wir arbeiten. Wir haben Redaktionen auf der ganzen Welt. Und wir sind auch mit Geschäftsvertretungen an vielen Orten präsent, von New York bis Tokio. Vor allem aber konzentrieren wir uns auf englischsprachige Regionen wie Nordamerika, wobei Länder mit einem starken Interesse an internationalen Nachrichten und einer globalen Sicht, wie z. B. Deutschland, für uns ebenfalls sehr wichtig sind.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen haben der arabische Frühling und die folgenden Kriege und Krisen im arabischen Raum für ihre Berichterstattung gehabt?

Jim Egan: Die BBC berichtet seit fast 100 Jahren. Wir verfügen mittlerweile über ein beispielloses Netz an Journalisten in mehr Ländern als jeder andere Nachrichtensender. Damit sind wir in der Lage, Zuschauer und Nutzer über die neuesten Entwicklungen zu informieren, gleich wo sie sich befinden. Es gibt jedoch auch schwer erreichbare Gegenden auf der Welt, die für Reporter mitunter weniger sicher sind als früher, und so etwas nehmen wir natürlich sehr ernst. Die Entwicklungen im Nahen Osten waren entscheidend für den zunehmenden Bürgerjournalismus und die Nutzung sozialer Medien, um Sondermeldungen zu teilen. Heute kann jeder mit seinem Smartphone Ereignisse filmen oder fotografieren und sie auf verschiedenen Plattformen teilen. Für Verbraucher und Medienorganisationen mag das eine gute Sache sein, doch mit immer mehr Inhalten, die im Fernsehen zu sehen sind, Social-Media-Feeds und E-Mails, ist vieles davon nicht korrekt und manches Propaganda. Zu wissen, wem und was man trauen kann, ist daher extrem wichtig. Es gibt immer mehr Menschen und Gruppen, die Bilder bewusst verzerren, um Zuschauer und Journalisten zu täuschen. Aus diesem Grund gibt es bei uns ein extra Team, das von uns verwendetes Material auf die strengen redaktionellen Standards der BBC und auf absolute Richtigkeit hin prüft. Dafür gibt es unterschiedlichste Techniken wie Bilderkennungs- und Geolokalisierungssoftware.

medienpolitik.net: Die BBC musste in den vergangenen Jahren sparen. Welche Konsequenzen hatte das für BBC World News?

Jim Egan: BBC World News gehört zwar zur BBC, ist jedoch ein komplett durch Werbung finanzierter Sender. Wir verdienen ausschließlich an Vertrieb und Werbung und nicht, wie die BBC-Dienste im Vereinigten Königreich, an Lizenzgebühren. Damit können wir in den Sender investieren. In den letzten Jahren haben wir unsere neuen High-Tech-Studios in London und Singapur bezogen und den Look des Senders umgestaltet und verjüngt. Mittlerweile erreichen wir pro Woche 85 Millionen Menschen, was zeigt, dass unsere Zuschauer und Nutzer positiv auf die Veränderungen reagieren. Während uns möglichst effizientes und effektives Arbeiten natürlich wichtig ist, bleibt die BBC ein erstklassiger Nachrichtendienst für Zuschauer in der ganzen Welt.

medienpolitik.net: Weltweit nimmt die Zahl von Smartphones zu, immer mehr Menschen können das Internet nutzen und sich global auch über soziale Medien informieren. Verlieren damit Auslandssender wie BBC oder Deutsche Welle oder France 24 nicht ihre Bedeutung?

Jim Egan: Während immer mehr Menschen neue, modernere Plattformen bevorzugen, spielt das Fernsehen immer noch eine wichtige Rolle. Bei großen Eilmeldungen schalten die Menschen für Tickermeldungen, aktuelle Neuerungen und zusätzliche Hintergrundinformationen den Fernseher ein. Ansonsten liefert das Fernsehen „strukturierte” Zusammenfassungen, die das wiedergeben, was die BBC als besonders wichtig und interessant erachtet. Und unsere Diskussionssendungen, Debatten und Dokumentationen bieten einen ausgezeichneten Mehrwert. Diese Einschätzung wird von sehr vielen Zuschauern geteilt, wie an den Einschaltquoten zu erkennen ist – sie waren noch nie so hoch wie heute.
Die Menschen konsumieren Nachrichten heute anders als früher und Sender, die sich daran nicht anpassen, werden unweigerlich auf der Strecke bleiben. Doch neben den offensichtlichen Schwierigkeiten bieten diese Veränderungen auch neue Möglichkeiten, Zuschauer auf spannende neue Weise zu erreichen. Ergänzend zu unserem TV- und Radioangebot investieren wir daher in Dienste auf anderen Plattformen. Die BBC war schon immer Vorreiter in Sachen digitale Innovation, mit ihrem Schritt von Radio zu Fernsehen, schwarz-weiß zu Farbe oder, wie kürzlich, mit ihren Experimentierversuchen mit sozialen Medien, Chat-Apps und Live-Streaming. Heute sind wir beispielsweise der meist geteilte Nachrichtenanbieter auf Twitter. Jede Plattform dient unterschiedlichen Bedürfnissen, Zielgruppen und Tageszeiten. Ein effektives Zusammenarbeiten ist für unsere Zukunft daher enorm wichtig.

medienpolitik.net: Sie haben jüngst eine Vereinbarung mit Viber abgeschlossen. Welche Effekte bringen solche Chat-Apps für Sie?

Jim Egan: Wir experimentieren schon seit einigen Jahren mit Chat-Apps, um Menschen zu erreichen, die über traditionelle Wege keinen Zugang zu unserem Nachrichtenangebot hätten. Sie wurden während der Wahlen in Indien 2014 zum Sammeln und Teilen von Inhalten getestet; und dann erneut zu Zeiten der Ebola-Krise, als sich Tausende von Menschen in ganz Westafrika anmeldeten, um die neuesten Meldungen und lebensrettende Informationen zu erhalten. Die Nutzung von Chat-Apps ist für hunderte Millionen von Menschen weltweit in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist diese nächste Generation von digitalen Zielgruppen, die wir erreichen wollen. Durch die Zusammenarbeit mit Viber, Mxit, WhatsApp o. ä. Diensten zum Testen solcher Projekte lernen wir schnell dazu und wir liefern unseren Zuschauern und Nutzern eine neue Form digitaler Inhalte.

medienpolitik.net: Haben soziale Medien wie Facebook damit Ihre Bedeutung verloren?

Jim Egan: Jede dieser Plattformen bietet einmalige Möglichkeiten und erreicht unterschiedliche Zielgruppen. Für Organisationen wie die BBC ist Relevanz entscheidend, und Inhalte zu liefern, die auf Plattformen funktionieren, die unsere Zielgruppen nutzen. Es entstehen immer wieder neue Werkzeuge, und wir suchen ständig nach neuen Wegen, davon Gebrauch zu machen. Vor kurzem haben wir mit Facebook Live, Periscope, Meerkat und anderen Live-Streaming-Tools experimentiert, um unsere Berichterstattung um eine neue Dimension zu erweitern. Zum Beispiel haben wir ein regelmäßiges Facebook Live Q&A getestet, bei dem einer unserer Moderatoren, Ros Atkins, das umfassende Wissen und die Expertise der BBC nutzt, um Fragen unserer internationalen Zielgruppen direkt zu beantworten und ihnen die bestmöglichen Analysen und neuesten Informationen zu den jeweiligen Themen zu liefern.

medienpolitik.net: Wie wird und muss sich BBC World News in den nächsten Jahren verändern, um weiter international über alle Kanäle relevant zu bleiben?

Jim Egan: Heute geht es vor allem darum, die digitale Welt zu nutzen, um unseren Zielgruppen Inhalte bereitzustellen, wann, wo und wie sie es wollen. Im vergangenen Jahr haben wir Spotify-Nutzern Kurznachrichten geboten, sind dem Facebook Instants Projekt beigetreten und haben BBC Minute CatchUP ins Leben gerufen – ein Service, der sich auf jede Internetseite setzt, und über den Nutzer die neueste 60-sekündige Ausgabe von BBC Minute hören und teilen können. Für uns besteht die Herausforderung darin, Zielgruppen nahtlos Inhalte zu bieten, egal wo sie darauf zugreifen. Außerdem arbeiten wir gerade an einem neuen Projekt namens Newstream für Formate wie Vertical Video, den Gebrauch von Ton, Text, Graphiken, usw. und damit Zielgruppen unsere Videos auch auf ihrem Smartphone sehen können. Mit Newstream wollen wir tragbare, persönliche und On-Demand Videokurznachrichten anbieten. Die Nachrichtenbranche erlebt derzeit eine schnelle und aufregende Zeit. Die BBC gilt seit fast 100 Jahren als einer der wichtigsten Nachrichtensender, weil sie sich ständig auf Neuerungen einlässt – und das muss auch weiterhin so bleiben.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 5/2016 erstveröffentlicht.

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