Rundfunk:

„Innovation ist kein Selbstzweck“

von am 23.05.2016 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Journalismus, Kulturpolitik, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Innovation ist kein Selbstzweck“
Tom Buhrow, Intendant des WDR © WDR/Herby

WDR will medienübergreifend redaktionelle Bereiche aufbauen

23.05.16 Interview mit Tom Buhrow, Intendant des WDR

In einem medienpolitik.net-Gespräch erläutert WDR-Intendant Tom Buhrow die Konsequenzen aus dem jüngsten KEF-Bericht und charakterisiert seine Sparstrategie: „Wir können nicht genauso weiter arbeiten, wenn wir 500 Mitarbeiter weniger und deutlich weniger Geld für das Programm haben“, so Tom Buhrow. Gleichzeitig habe der WDR den Anspruch, seinem Publikum weiterhin ein Programm in höchster Qualität zu bieten. Deswegen sei man dabei, Strukturen und Arbeitsabläufe zu verschlanken. „Für den WDR ist klar, dass es ohne strukturelle Veränderungen nicht gehen kann“, betont der Intendant der größten ARD-Anstalt.

medienpolitik.net: Herr Buhrow, der Verkauf von Kunstwerken des WDR hat für Aufmerksamkeit und Diskussionen gesorgt. Man hat den WDR deshalb sogar als „Kulturinstitution im Niedergang“ bezeichnet…

Tom Buhrow: Die gleichen Menschen, die uns als „Kulturinstitution im Niedergang“ bezeichnen, werfen uns an anderer Stelle vor, verschwenderisch mit Beitragsgeldern umzugehen. So viel zu populistischen Vorwürfen! Als ich mir kurz nach Beginn meiner Amtszeit in 2013 einen Überblick über die finanzielle Situation des WDR gemacht hatte, habe ich sehr deutlich gesagt: Alle Bereiche im Sender kommen auf den Prüfstand. Und das schließt Kunstwerke mit ein, die der WDR besitzt, ebenso wie ungenutzte Sendemasten. Unser Kernauftrag ist es, hochwertiges und vielfältiges Programm anzubieten – und genau darauf wollen wir uns konzentrieren. Es war dagegen nie unser Auftrag, Kunstwerke zu kaufen. Unter Kulturförderung als beitragsfinanziertes Programmunternehmen verstehe ich etwas anderes.

medienpolitik.net: Was zum Beispiel?

Tom Buhrow: Kultur und Kulturförderung sind und bleiben feste Bestandteile des WDR. Sie gehören klar zu unserem Programmauftrag. Als Kulturakteur bietet der WDR jährlich mehr als 150 Konzerte und viele weitere Veranstaltungen in NRW und über die Landesgrenzen hinaus. Dazu gehören Konzerte der WDR Klangkörper, internationale Orchestertourneen oder Veranstaltungen wie der Literaturmarathon bei der lit.COLOGNE. Vom Ausstieg beim kulturellen Engagement kann also keine Rede sein.

medienpolitik.net: Die KEF hat nur ein Teil des angemeldeten Mehrbedarfs bestätigt und keinen Ausgleich für Ausfälle durch die Werbereduzierung beim WDR-Hörfunk berücksichtigt. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den WDR?

Tom Buhrow: Wir haben im WDR in den letzten zwei Jahren umfassende Schritte eingeleitet, um unseren Haushalt dauerhaft in den Griff zu bekommen. Bis zum Jahr 2021 sparen wir strukturell knapp 1,1 Milliarden Euro ein. Hierzu bauen wir unter anderem 500 Planstellen sozialverträglich ab. Das ist ein harter, aber notwendiger Schritt. Die KEF hat unsere Anstrengungen in ihrem aktuellen 20. Bericht ausdrücklich anerkannt.
Sollten die Ministerpräsidenten der KEF-Empfehlung folgen und den Rundfunkbeitrag auf 17,20 Euro senken, wären die finanziellen Auswirkungen der für den WDR beschlossenen Werbezeitenreduzierung im Hörfunk noch nicht berücksichtigt. Wir hoffen, dass sich die Ministerpräsidenten für die Beitragsstabilität aussprechen – bzw. dass spätestens mit dem 21. KEF-Bericht eine Anpassung des Beitrags für den finanziellen Ausfall erfolgen wird. Sollte bis dahin kein entsprechender Ausgleich erfolgen, müssten wir die Einnahmeverluste bis 2020 aus eigener Kraft kompensieren. Dies könnte dann auch zu Lasten des Programms gehen.

medienpolitik.net: Nach Berechnung der KEF müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk zwischen 2017 und 2020 2,5 Mrd. Euro einsparen, um eine Beitragserhöhung ab 2021 zu vermeiden. Wie kann das ohne strukturelle Veränderungen gelingen?

Tom Buhrow: Für den WDR ist klar, dass es ohne strukturelle Veränderungen nicht gehen kann, ein Beispiel dafür ist der Stellenabbau. Zudem haben wir Etats gekürzt und unsere Kosten um 60 Millionen Euro pro Jahr gesenkt. Wir können nicht genauso weiter arbeiten, wenn wir 500 Mitarbeiter weniger und deutlich weniger Geld für das Programm haben. Gleichzeitig aber haben wir den Anspruch, unserem Publikum weiterhin ein Programm in höchster Qualität zu bieten. Deswegen sind wir dabei, unsere Strukturen und Arbeitsabläufe zu verschlanken.
Im vergangenen Jahr haben wir umfassende Programmreformen in Hörfunk und Fernsehen auf den Weg gebracht, die nun bereits erste Früchte tragen. So sichern wir inhaltliche Qualität und schaffen Spielraum für Innovationen. Darüber hinaus bauen wir crossmediale Strukturen aus, verschmelzen also Kernbereiche unserer Programme miteinander und heben die alte Trennung zwischen Fernsehen, Radio und Internet auf. So wird es zum Beispiel für alle Mediengattungen eine aktuelle Sportredaktion, einen Wissenschaftsbereich und eine Wirtschafts- und Serviceredaktion geben.

medienpolitik.net: Sie wollen mit der Programmreform ein jüngeres Publikum erreichen. Warum? Es gibt doch ab Herbst das Jugendangebot von ARD und ZDF mit Bewegtbild- und Audioangeboten.

Tom Buhrow: Ein öffentlich-rechtliches Angebot speziell für die Jüngeren finde ich grundsätzlich toll! Abgesehen davon wollen wir natürlich weiterhin auch im regulären WDR- und ARD-Programm Beiträge und Themen anbieten, die jüngere Menschen interessieren: im Radio, im Fernsehen und im Internet. Und dies, ohne das ältere Publikum zu verlieren. Das ist unsere Herausforderung, die wir annehmen: Wir machen Programm für alle.

medienpolitik.net: Warum dann dieser „Jugendwahn“?

Tom Buhrow: Meine Intendantenkolleginnen und -kollegen haben oft betont, dass sich unser Programm an alle Zuschauerinnen und Zuschauer richtet – unabhängig vom Alter. Das ist unser gesetzlicher Auftrag und das entspricht auch unserem Selbstverständnis. Richtig ist aber, dass es für uns zunehmend schwieriger wird, die Jüngeren mit unserem Angebot überhaupt zu erreichen. Das liegt vor allem daran, dass diese Zielgruppe Medieninhalte anders konsumiert, nämlich verstärkt online und unterwegs auf dem Tablet oder dem Smartphone. Unsere Ausspielwege müssen also dynamischer und zeitgemäßer werden, damit wir diese Zielgruppe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückgewinnen können.

medienpolitik.net: Wie sind ihre Erfahrungen mit dem neuen Programmschema für das WDR-Fernsehen nach den ersten vier Monaten?

Tom Buhrow: Unsere Zuschauer schätzen die Ausweitung der regionalen Information sehr. Durch die Viertelstunde um 18 Uhr und die 25 Minuten um 21.45 Uhr halten wir die Zuschauer in dieser Zeit deutlich besser im WDR Fernsehen als im letzten Jahr. Das Wirtschaftsmagazin „Markt“ hat sich mittwochs um 20.15 Uhr schnell erfolgreich etabliert und konnte seine Reichweite von 380.000 (2015, Mo 21.00 Uhr) auf 460.000 Zuschauer in NRW (Januar bis April 2016) und den Marktanteil von 5,5 auf 6,5 Prozent erhöhen – bei steigender Tendenz. Das gilt auch für die anschließenden Verbrauchersendungen, die von Montag 20.15 Uhr auf Mittwoch 21.00 Uhr verlegt wurden. Andere Sendeplätze, die verlegt oder neu eingeführt wurden, unterliegen noch stärkeren Schwankungen und brauchen noch Zeit, um sich zu etablieren. Sehr zufrieden sind wir damit, dass wir auf den neuen Sendeplätzen immer häufiger höhere Akzeptanzwerte bei jüngeren Zuschauern erreichen. Verjüngung und Modernisierung sind wichtige Ziele der Veränderungen im WDR Fernsehen. Da haben wir in den vergangenen Monaten schon viel geschafft.

medienpolitik.net: Sie haben im vergangenen Jahr mehrere neue Formate ausprobiert und einige jetzt auch ins Programm übernommen. Welche Ansprüche stellen Sie an Programminnovationen?

Tom Buhrow: Neue Formate sollen da stattfinden, wo sie am meisten auffallen – in der Primetime. Wir wollen mit vereinten Kräften dafür sorgen, dass wir unsere öffentlich-rechtlichen Kernkompetenzen dem Publikum zeitgemäß anbieten: Wir probieren neue Formen aus, denken von Anfang an alle Verbreitungswege mit. Bei allem was wir jetzt tun, möchten wir den Menschen im Land zeigen: Wir sind bei ihnen und beschäftigen uns mit all dem, was auch sie in ihrem Leben umtreibt.

medienpolitik.net: Was müssen neue Programme von laufenden Formaten unterscheiden?

Tom Buhrow: Innovation ist ein fortdauernder Prozess. Wichtig ist, dass neues Programm das bestehende ergänzt. Das kann ein besonderer Inhalt sein oder auch eine andere Form. Innovation ist kein Selbstzweck, sie dient gewissermaßen der Selbsterhaltung. Die Gesellschaft verändert sich, und der WDR ist ein Teil davon. Neue Programme helfen uns dabei, die Köpfe und die Herzen der Menschen zu erreichen. Wenn das ein bestehendes Programm nicht mehr schafft, dann ist es Zeit für Innovation.

medienpolitik.net: Was will und kann der WDR an Innovationen für das Erste beitragen? Auch „Mord mit Aussicht“ oder der „Tatort“ aus Münster sind schon in die Jahre gekommen…

Tom Buhrow: Das sieht das Publikum anders – das Tatort-Team aus Münster ist bei den Zuschauern aktuell das erfolgreichste „Tatort“- Ermittlerduo: Erst am 8.5.2016 hat der „Tatort Münster“ 12,69 Mio. Menschen und 37,1 Prozent Marktanteil erreicht – bei den jüngeren Zuschauern (35- bis 55-Jährige) war der Marktanteil mit 38,9 Prozent sogar noch höher als sonst. Aber natürlich entwickeln wir, gerade auch im Bereich Film und Serie, immer wieder neue Stoffe und innovative Umsetzungsformen für das Erste. Wir haben mit Jan Georg Schüttes „Wellness für Paare“ nach „Speed Dating für Senioren“ zum zweiten Mal eine Improvisationsidee mit einem hochkarätigen Ensemble für die Primetime produziert. Und: Die unkonventionelle und mehrfach ausgezeichnete Sendung „PussyTerror TV“ wechselt im Herbst vom WDR Fernsehen ins Erste. Carolin Kebekus ist eine großartige Künstlerin, die mit ihrer erfrischenden Art den Zeitgeist trifft. Es war mir gleich zu Beginn meiner Amtszeit in 2013 sehr wichtig, Carolin Kebekus persönlich zu treffen und sie für den WDR zu gewinnen.

medienpolitik.net: Die „Lügenpresse“ beschäftigt weiterhin alle Medien. Die Silvesternacht in Köln war einer der Anlässe für die Forcierung der Vorwürfe. Welche Schlussfolgerungen haben Sie als Journalist und Intendant aus dieser Debatte für die aktuelle Berichterstattung des WDR gezogen?

Tom Buhrow: Als eine Ursache vermute ich den extremen Wandel der Medienlandschaft in den vergangenen Jahren: Mit Facebook, YouTube oder Instagram hat sich das Spektrum der Informationsquellen erweitert. Aber nicht alles, was auf diesen Plattformen hochgeladen wurde, ist journalistisch eingeordnet oder recherchiert. Das scheint vielen Nutzern nicht bewusst zu sein. So könnte bei ihnen der Eindruck entstehen, sie seien auf solchen Plattformen schneller und besser informiert als über herkömmliche journalistische Quellen bzw. mit journalistischen Absendern. Es ist bei uns im WDR selbstverständlich, dass wir immer wieder kritisch reflektieren, was wir vielleicht hätten besser machen können – um gegebenenfalls Stellschrauben nachzujustieren. Eine ganz konkrete Schlussfolgerung, die wir nach den Silvesterereignissen gezogen haben, ist die Einrichtung eines crossmedialen Newsrooms, in dem die landesweiten, nationalen und internationalen Themen aus Fernsehen, Hörfunk und Online zusammenlaufen werden. Das gibt es schon in einzelnen Bereichen, soll aber in Köln zentral zusammengelegt werden. Es hat sich im Rückblick auf die Silvesternacht gezeigt, dass alle Medien, auch die Zeitungen, im Netz verhältnismäßig schnell über die Vorfälle berichtet haben; auf ihren traditionellen Plattformen waren sie dagegen nicht gleichermaßen auf Draht. Wenn wir im WDR den Austausch zwischen den einzelnen Säulen Fernsehen, Hörfunk und Online weiter verbessern, bringt uns das in der Berichterstattung ein großes Stück nach vorne. Außerdem ist uns der Dialog mit unserem Publikum sehr wichtig. Wir haben daher unsere Aktivitäten im Internet verstärkt, so können uns Bürgerinnen und Bürger schnell und direkt ansprechen. Sie können uns auch nach wie vor über die gängigen WDR-Kontaktstellen wie Hotlines oder die Publikumsstelle erreichen und Feedback geben.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe Nr. 6/2016.

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