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„Es gibt keinen Grund verzagt zu sein“

von am 09.05.2016 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Medienwirtschaft, Verlage

<h4>Verlage:</h4> „Es gibt keinen Grund verzagt zu sein“
Gabor Steingart, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe „Handelsblatt“ und Herausgeber des „Handelsblatt“

Das „Handelsblatt“ blickt in seinem 70. Jahr optimistisch in die Zukunft

09.05.2016 Interview mit Gabor Steingart, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe „Handelsblatt“ und Herausgeber des „Handelsblatt“

Das „Handelsblatt“ definiert sich nach den Worten des Geschäftsführers Gabor Steingart in einem medienpolitik.net-Gespräch, „nicht länger als klassisches Zeitungs- und Zeitschriftenhaus, sondern als Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes.“ Dieser Logik folgend, hat die Wirtschaftszeitung Anfang des Jahres den „Wirtschaftsclub“ gegründet. 120.000 Leser des „Handelsblatts“ und der angeschlossenen Fachmedien können eine Reihe von Vorteilen nutzen. Mehr als 200 Veranstaltungen stehen allein 2016 auf dem Programm, bei denen Wirtschaftsklub-Mitglieder Bekannte Experten aus Politik, Wirtschaft und Kultur treffen können. Neue Wege beschreitet Gabor Steingart auch mit der „Handelsblatt Global Edition“, die 2014 gestartet worden ist. Aktuell erreicht das Online-Angebot jeden Monat rund 250.000 Leserinnen und Leser, vor allem in Großbritannien und Amerika.

medienpolitik.net: Herr Steingart, Sie haben 2014 „Handelsblatt Global Edition“ gestartet, ein Online-Angebot. Am 1. April 2016 ist die 400. Ausgabe erschienen. Mit welchem Ziel haben Sie dieses internationale Angebot ins Netz gestellt?

Gabor Steingart: Das „Handelsblatt“ wendet sich mit der englischsprachigen „Handelsblatt Global Edition“ erstmals an ein internationales Publikum, das sich für die deutsche Volkswirtschaft, deutsche Unternehmen, die Politik der Bundesregierung und die währungspolitischen Beschlüsse der Europäischen Zentralbank interessiert. Unser Ziel ist es, die Sprachbarriere zu überwinden und der europäischen Perspektive, insbesondere in Amerika und Asien, eine neue Stimme zu verleihen.

medienpolitik.net: Was hat das „Handelsblatt“ davon?

Gabor Steingart: Die Global Edition hat mit einer Zielgruppe von weltweit rund zwei Millionen Leserinnen und Lesern ein ebenso großes Potenzial wie das „Handelsblatt“ im Inland. Wir wollen zeigen, dass unser im Inland bewährtes Qualitätsversprechen „Substanz entscheidet“ auch in anderen Medienmärkten der Welt funktioniert. Bislang mit Erfolg: Unsere Exklusivmeldungen über die Aufspaltung des Energiekonzerns RWE oder die gelplante Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange haben es weltweit in die Breaking News geschafft.

medienpolitik.net: Sehen Sie generell eine Chance, dass sich deutsche Medien international positionieren können?

Gabor Steingart: Auf jeden Fall! Allein die Tatsache, dass rund die Hälfte aller Dax-30-Beschäftigten im Ausland lebt und arbeitet und jeder zweite Aktionär einer deutschen Firma ein Asiate oder Amerikaner ist, zeigt das enorme Potenzial deutscher Medien im Ausland. Das Interesse des internationalen Publikums an der deutschen Volkswirtschaft und den aktuellen Entwicklungen in Europa ist wachsend.

medienpolitik.net: Wie kann sich oder soll sich „Handelsblatt Global Edition“ finanzieren?

Gabor Steingart: Zum einen können Werbekunden unterschiedliche Anzeigenformate sowohl in der digitalen Version als auch in der Printausgabe belegen. Neben den Werbeerlösen erfolgt die Finanzierung der Global Edition durch klassische Abo-Angebote, die im digitalen Zeitalter Lizenzverträge genannt werden. Diese können einzeln (B-to-C) oder als Großkundenabonnement (Firmen, Verbände, Hochschulen) abgeschlossen werden. Hinzu kommen Veranstaltungen, die eine dritte Erlössäule bilden werden.

medienpolitik.net: Sie haben Ende März in den USA eine Roadshow veranstaltet, um die „Handelsblatt Global Edition“ zu bewerben. Anscheinend ist die Nutzung hinter Ihren Erwartungen zurückgeblieben, warum sonst diese Werbetour?

Gabor Steingart: In dieser Logik wäre eine Konzertreise der Rolling Stones auch der Ausdruck eines Rückgangs beim Plattenverkauf. Ist sie aber nicht: Sie dient der Promotion von aktuellen Aktionen. Dies ist auch bei uns der Fall. Aktuell erreichen wir mit der Global Edition jeden Monat rund 250.000 Leserinnen und Leser, vor allem in Großbritannien und Amerika. Das ist ein großer Erfolg für ein so junges Produkt, auf den wir sehr stolz sein können.

medienpolitik.net: Warum eine Tour in den USA, Englisch wird doch global gesprochen?

Gabor Steingart: Das größte Potenzial für die „Handelsblatt Global Edition“ sehen wir in den USA, im europäischen Ausland, China, Indien und dem Mittleren Osten. Diese Märkte werden wir mit verschiedenen Maßnahmen nach und nach angehen, um das Produkt in den unterschiedlichen Regionen bekannt zu machen. Die Roadshow in den USA war ein Teil unseres internationalen Roll-Outs. Zudem planen wir in den kommenden Monaten eine Reise nach China, wo wir interessierte Leser mitnehmen und die Global Edition im Reich der Mitte vorstellen.

medienpolitik.net: Was ist das Ergebnis dieser Reise? Mehr Anzeigenkunden? Potenzielle Abonnenten für ein mögliches Pay-Angebot? Neue Autoren?

Gabor Steingart: Wir haben sehr viele neue, interessante Kontakte geknüpft und die Teilnehmer der Roadshow waren begeistert von der Global Edition. Es gab viel positive Resonanz und wir konnten rund 1.500 neue Abonnenten hinzugewinnen. Zudem fand das Deutschland Dinner in New York in Kooperation mit dem American Council on Germany statt, das über sehr gute Kontakte in unsere Kernzielgruppe verfügt. Uns ist es sehr wichtig, dass wir die Teilnehmer der Roadshow von der Qualität und Substanz unserer Marke überzeugen konnten und sie als Multiplikatoren dienen, um die Bekanntheit noch weiter zu steigern.

medienpolitik.net: Sie hatten auch eine Reihe politischer Gespräche. Waren Sie da als Journalist oder als Goodwill-Botschafter, der für Verständnis für die europäischen Probleme werben wollte?

Gabor Steingart: Ich war als Herausgeber der Global Edition unterwegs und damit auch als Journalist. Mein Hauptreisegrund: Neugier.

medienpolitik.net: Mit dem „Handelsblatt“ Wirtschaftsclub bieten Sie Ihren Abonnenten seit Januar einen ordentlichen Mehrwert ohne zusätzliches Entgelt. Wie sind die Erfahrungen des ersten Vierteljahres?

Gabor Steingart: Der „Handelsblatt“ Wirtschaftsclub ist erfolgreich gestartet und wir haben bereits sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Zu unseren Clubgesprächen, die es 1x pro Quartal in fünf verschiedenen Städten gibt, haben sich vom Start weg bereits mehrere hundert Leser angemeldet und für die Launchparty, die am 30. April 2016 in Berlin stattfindet, haben bereits mehr als 2.000 Clubmitglieder zugesagt. Aktuell verfügt der „Handelsblatt“ Wirtschaftsclub über mehr als 120.000 Mitglieder, diese Zahl wollen wir in den kommenden Monaten noch weiter ausbauen.

medienpolitik.net: Andere Verlage verlangen für ein Digitalabo zum Printabo z.B. mehr Geld. Warum verschenken Sie hier Kompetenz und Leistung?

Gabor Steingart: Wir definieren uns nicht länger als klassisches Zeitungs- und Zeitschriftenhaus, sondern als Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes. Die Grundidee des Wirtschaftsclubs ist es, diese Gemeinschaft der wirtschaftlich Interessierten sicht- und erlebbar zu machen. Wir wollen Menschen mit Menschen zusammenbringen und miteinander vernetzen. Unser Ziel sind begeisterte, engagierte Clubmitglieder – und eine Kündigerquote von Null.

medienpolitik.net: Viele Verlage denken über Publikationen für kleinere Zielgruppen nach, sozusagen maßgeschneiderte Angebote. Sie bieten allen etwas mehr. Differenzierte Angebote für einzelne Lesergruppen würden sich doch beim „Handelsblatt“ auch anbieten?

Gabor Steingart: Wir bieten unseren Leserinnen und Lesern mit dem Handelsblatt Morning Briefing, der Handelsblatt Live App, dem Jugendportal Orange, verschiedenen Themennewslettern wie beispielsweise Finance Today, Zukunft Mittelstand, der Chefökonom oder dem Energie Briefing sowie unserer englischsprachigen Handelsblatt Global Edition bereits eine Reihe von maßgeschneiderten Angeboten, die auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Ende April starten wir zudem die innovative Smartphone-App „Handelsblatt10“, die täglich um 16:30 Uhr als mobile Abendzeitung mit den 10 aktuell wichtigsten Themen des Tages erscheint. Kein Thema soll mehr als 10 Sätze umfassen. Handelsblatt10 ist ein Einstiegsprodukt für Menschen auf dem Rückweg von der Arbeit.

medienpolitik.net: Das „Handelsblatt“ wird in diesem Jahr 70. Welchen Grund zum Feiern hat heute noch ein klassisches Medium?

Gabor Steingart: Es gibt keinen Grund verzagt zu sein. Im Gegenteil: Unsere harte Auflage – Abonnement und Einzelverkauf – steigt seit Jahren. Hinzu kommen unsere digitalen Angebote und unsere dialogorientierten Veranstaltungsformate, die unser mediales Angebot flankieren. Mit diesen drei Darreichungsformen – Print, Digital und Live – erreicht die Marke Handelsblatt heute mehr Leser als jemals zuvor. Das stimmt mich sehr optimistisch und zeigt, dass der Qualitätsjournalismus seine besten Jahre noch vor sich hat. Unsere Herkunft ist klassisch, unsere heutige Verfassung würde ich als modern bezeichnen.

medienpolitik.net: Was erwarten Ihre Leser heute vom „Handelsblatt“?

Gabor Steingart: Eine Zeitung muss ihre Leserinnen und Leser täglich neugierig machen, informieren, analysieren und inspirieren. Dabei sind Originalität, Kreativität und Seriosität gefragt. Die reine Information reicht nicht mehr aus, das macht das Internet auch. Nur durch exklusive Stücke, kluge Kommentare und hochkarätige Hintergrundberichte können wir unseren Lesern Orientierung bieten und ihnen helfen, komplexe Sachverhalte besser einzuordnen.

medienpolitik.net: Wie muss sich das Angebot des „Handelsblatts“ weiter entwickeln, damit die Marke wenigstens 100 Jahre alt wird?

Gabor Steingart: Mit dem Wirtschaftsclub haben wir bereits den Grundstein für die Zukunft gelegt: Der Club reduziert unsere Abhängigkeit von einer publizistischen Darreichungsform. Und falls irgendwann tatsächlich nur noch wenige Menschen auf Zeitungspapier lesen sollten, sind wir gewappnet. Denn informieren, inspirieren und analysieren funktioniert auch digital – und erst recht live. Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir stärker mit den Lesern in Dialog treten. Sie müssen mehr zu Wort kommen und in Debatten um Sachthemen einbezogen werden. Nur so kann die Zeitung ihre Leuchtturm-Funktion über alle multimedialen Kanäle auch in Zukunft stärken und ausbauen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe Nr. 5/2016 erstveröffentlicht.

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