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„In der Politik wird zu oft mit Scheuklappen diskutiert“

von am 31.05.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Leistungsschutzrecht, Lokalfunk, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Verlage

<h4>Verlage: </h4>„In der Politik wird zu oft mit Scheuklappen diskutiert“
Christian DuMont Schütte, Vorsitzender des Zeitungsverleger Verbandes NRW und Aufsichtsratsvorsitzender der Mediengruppe DuMont Schauberg I © Mediengruppe M. DuMont Schauberg/Archiv

Zeitungsverleger in NRW kritisieren kartellrechtliche Beschränkungen bei Kooperationen

31.05.16 Interview mit Christian DuMont Schütte, Vorstandsvorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes NRW und Aufsichtsratsvorsitzender der DuMont Mediengruppe

„Wer ‚Wutbürgern‘ nicht die Deutungshoheit überlassen will, muss die Gattung Zeitung stärken. Die Zeitung als frei und unabhängig finanziertes Medium ist am ehesten in der Lage, sich gegen den absurden Vorwurf zu wehren, Systemmedium zu sein. Um es klar zu sagen: Ja, wir sind Stütze des Systems, das sich Demokratie nennt. Nicht mehr – aber auch nicht weniger“, so Christian DuMont Schütte, Vorstandsvorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes NRW in einem medienpolitik.net-Gespräch. Dazu seien aber auch entsprechende Rahmenbedingungen erforderlich: „Ich hoffe, dass die Politik sich daran auch erinnert, wenn es um Fragen der gleichen Besteuerung von Print- und Digitalangeboten, dem Abbau des Bürokratiemonsters, entstanden durch den Mindestlohn, das Urhebervertragsrecht und einem fairen Anteil an den Erlösen der digitalen Wertschöpfung geht, die andere mittels unserer Inhalte generieren“, so DuMont Schütte weiter.

medienpolitik.net: Herr DuMont Schütte, die LfM hat jüngst eine Studie zur Medienvielfalt in NRW vorgestellt und resümiert, dass die Medienvielfalt vor allem bei den Tageszeitungen „dramatisch“ abgenommen habe. Teilen Sie diese Einschätzung?

Christian DuMont Schütte: Umgekehrt könnte man ebenso gut sagen, dass die Medienvielfalt insgesamt dramatisch zugenommen hat. Die von Ihnen zitierte Studie betrachtet eine Medienwelt, die nur bezogen auf immer weniger und immer ältere Nutzer Realität ist. Diese Verengung ist nicht zeitgemäß; digitale Entwicklungen auch im Medienbereich werden dabei nicht ausreichend beleuchtet. Die LfM sollte sich schon die Mühe machen, über den analogen Tellerrand hinaus zu schauen. Es gibt immer mehr Digitalangebote von Zeitungen, die jederzeit und überall verfügbar sind – das ist ein Plus an Vielfalt. Außerdem verzeichnen viele Medienmarken mehr Leser als je zuvor – über alle Kanäle zusammengezählt. Wir haben deshalb in der Medienkommission angeregt, den Vielfaltsbericht der LfM um ein Gutachten zur digitalen Vielfalt zu ergänzen.

medienpolitik.net: Die Zahl der Tageszeitungen soll sich von 40 auf 38 reduziert haben. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Medienvielfalt in NRW?

Christian DuMont Schütte: Jedem Zeitungsmacher tut es weh, wenn ein Zeitungstitel als Printprodukt wirtschaftlich nicht mehr zu halten ist. Aber die zunehmende digitale Vielfalt führt leider auch zu Verdrängungseffekten – und bietet wiederum auch einem Medienhaus völlig neue Vertriebskanäle und somit Chancen.
Gesellschaftspolitisch stellt sich natürlich die Frage, ob mit der Zeitung als früher nahezu exklusives Informationsmedium am Morgen nicht auch eine Plattform des gesellschaftspolitischen Diskurses verloren geht. Die Digitalisierung beschleunigt die Individualisierung und ist nicht nur ein Mittel für mehr Demokratie. Die Massenmedien gehen als gesellschaftliche Orientierung verloren. An die Stelle von professioneller journalistischer Einordnung und Deutung treten im Extremfall sektenartige Foren, die nur noch ihre eigene Wahrheit glauben. Andere Sichtweisen werden zur Lüge abgestempelt, Presse zur Lügenpresse. Wer „Wutbürgern“ nicht die Deutungshoheit überlassen will, muss die Gattung Zeitung stärken. Die Zeitung als frei und unabhängig finanziertes Medium ist am ehesten in der Lage, sich gegen den absurden Vorwurf zu wehren, Systemmedium zu sein. Um es klar zu sagen: Ja, wir sind Stütze des Systems, das sich Demokratie nennt. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

medienpolitik.net: Werden die Einwohner in NRW aufgrund der Defizite bei den Tageszeitungen schlechter mit lokalen Informationen versorgt als in anderen Bundesländern?

Christian DuMont Schütte: Nein. Wenn aus zwei kleinen Lokalredaktionen eine deutlich breiter besetzte Gemeinschaftsredaktion wird, ist wieder Potenzial da, nicht nur über die Stadtratssitzung, sondern auch über den Bauausschuss, die städtische Kulturszene, den Lokalsport und über Themen, die die Menschen wirklich berühren, in der Tiefe zu berichten.

medienpolitik.net: Bedeuten die Ergebnisse des Medienvielfaltberichts, dass die Rahmenbedingungen für die Zeitungsverlage in NRW schlechter sind als in anderen Bundesländern?

Christian DuMont Schütte: Natürlich gibt es ein Süd-Nord-Gefälle. Aber die großen Herausforderungen treffen die Medien gattungs- und länderübergreifend. Da ist Nordrhein-Westfalen keine Ausnahme. Hier kommt höchstens erschwerend hinzu, dass die Wirtschaftskraft sich aktuell insgesamt nicht so entwickelt wie im Bundesdurchschnitt. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Nordrhein-Westfalen im Bundesvergleich eine weiterhin überdurchschnittliche Zeitungsvielfalt aufweist.

medienpolitik.net: In dem Bericht wird festgestellt, dass umfassender Lokaljournalismus personalintensiv ist und nur gelingen kann, wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen dauerhaft verbessern. Wie kann das gelingen?

Christian DuMont Schütte: Eine Debatte über die Rahmenbedingungen von Journalismus ist mir hochwillkommen. Ich hoffe, dass die Politik sich daran auch erinnert, wenn es um Fragen der gleichen Besteuerung von Print- und Digitalangeboten, dem Abbau des Bürokratiemonsters, entstanden durch den Mindestlohn, das Urhebervertragsrecht und einem fairen Anteil an den Erlösen der digitalen Wertschöpfung geht, die andere mittels unserer Inhalte generieren.
Seit einigen Jahren redet die Politik viel über Digitalisierung. Das Stichwort ist Industrie 4.0. Wer sehen will, was mit einer Branche in der digitalen Transformation passiert, wer sehen will, wie stagnierende Entwicklungen wirken können, der muss sich nur die Zeitung anschauen, wie sie derzeit mit den Herausforderungen umgeht. Ich will uns nicht als Vorbild herausstellen. Aber als Beispiel taugt die Zeitungsbranche wie die Musikindustrie sicher.
In der Politik wird mir zu oft mit Scheuklappen diskutiert. Der Medienpolitiker kritisiert, dass es weniger Printtitel gibt. Der Sozialpolitiker schert sich nicht drum, was die Mindestlohnbürokratie bei zigtausend Zeitungszustellern jeden Morgen für einen Aufwand verursacht. Der Wahlkreisabgeordnete beschwert sich, dass die Zeitung nicht über seine Arbeit berichtet, während der Politiker im Rechtsausschuss sich schwer tut, Qualitätsmedien überhaupt in einen zeitgemäßen Rahmen zu setzen.
Natürlich müssen auch wir unverändert unsere Hausaufgaben machen. Diese werden täglich umfangreicher und wir müssen uns noch schneller und kreativer auf die Herausforderungen einstellen. Wir müssen schauen, dass wir im Rahmen der Digitalisierung sämtliche technologischen Möglichkeiten nutzen, um die Produktion über alle Kanäle zu verschlanken, damit mehr Ressourcen für Journalismus zur Verfügung stehen.

medienpolitik.net: Aktuell wird wieder einmal eine Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) diskutiert. Früher war das einmal Anlass für Streit zwischen großen und kleinen Verlagen, heute auch?

Christian DuMont Schütte: Heute ist uns allen klar, dass die Herausforderungen von den Digitalgiganten aus dem Silicon Valley kommen und der Nachbarverlag in Deutschland davon genauso betroffen ist. Es mutet immer seltsamer an, wenn Kooperationen unter mittelständischen Verlagen stark reguliert werden, während Datenmonopole nicht unter das Kartellrecht fallen. Die jüngsten Forderungen des Präsidenten des Kartellamtes, hierfür seine Zuständigkeit zu erweitern, sind nachvollziehbar und richtig, machen aber auch deutlich, dass die Kartellrechtsdebatte erst am Anfang steht. Hier bleibt allerdings die Hoffnung, dass das Kartellamt, sei es in Deutschland, sei es in Brüssel, die Klugheit des Igels aus der Fabel besitzt und sich der Schnelligkeit des Hasen bewusst ist!

medienpolitik.net: Mit „Vor Ort NRW“, der LfM-Stiftung für Lokaljournalismus, ist auch eine Förderinstitution in NRW neu geschaffen worden. Welche Förderung wäre für die Tageszeitungen sinnvoll?

Christian DuMont Schütte: Das Engagement ist überaus ehrenwert und sicherlich in einigen Punkten durchaus hilfreich. Die Dimension der eben beschriebenen Entwicklungen ist aber kaum mit dem Tätigkeitsbereich der Stiftung abzudecken. Es ist gut, dass die LfM der Stiftung klare Leitplanken für ihre Fördertätigkeit gesetzt hat, um Staatsferne und Wettbewerbsneutralität in einem verfassungsrechtlich sensiblen Bereich wie der Journalismus-Förderung zu garantieren. In diesem Rahmen kann die Stiftung sicherlich einen guten Beitrag mit der Unterstützung von journalistischen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen leisten. Zudem sehen wir ein wichtiges Betätigungsfeld der Stiftung darin, die Menschen für die wichtige gesellschaftspolitische Funktion von Lokaljournalismus zu sensibilisieren.

medienpolitik.net: Zu den Rahmenbedingungen gehört der Mindestlohn, der im vergangenen Jahr eingeführt worden ist. Wie fällt eine erste Bilanz aus?

Christian DuMont Schütte: Bundesweit sind viele Minijobs in der Zustellung verloren gegangen. Insbesondere der bürokratische Aufwand ist für viele kleinere und mittlere Häuser eine enorme operative und auch finanzielle Belastung. Die Übergangsregelung war politisch gut gemeint und gewiss auch hier und dort hilfreich, aber es wäre gut, eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen und insbesondere den Aufwand zu hinterfragen.

medienpolitik.net: Erst 2017 müssen die Verlage 100 Prozent zahlen. Haben sich die Verlage bis dahin so auf den Mindestlohn eingestellt, dass sie ihn problemlos „wegstecken“ können?
Christian DuMont Schütte: Die finanziellen Belastungen und der bürokratische Aufwand kommen zu den Herausforderungen, die die derzeitige Strukturkrise der Medienbranche abverlangt, noch hinzu. Problemlos wird daran gar nichts sein.

medienpolitik.net: Seit einigen Jahren sind die Zeitungsverlage mit digitalen Angeboten sehr aktiv. Welche Bedeutung haben die digitalen Angebote – auch wirtschaftlich – heute für die Verlage?

Christian DuMont Schütte: Es gibt ein anhaltendes digitales Wachstum im Kerngeschäft. Die Reichweite der digitalen Verlagsangebote steigt. Viele Medienhäuser nutzen die digitalen Chancen für Engagements am Rande des Kerngeschäfts. So haben 87 % der Verlage mit mehr als 100.000 Exemplaren Auflage mittlerweile ein digitales Jugendprodukt oder sie arbeiten zumindest daran. Aber eines ist auch klar: um professionellen Journalismus zu finanzieren, sind die Erlöse im digitalen journalistischen Bereich noch lange nicht ausreichend.

medienpolitik.net: Viele Verlage haben inzwischen Paywalls eingerichtet. Haben sich die Hoffnungen und Erwartungen erfüllt?

Christian DuMont Schütte: Es hat eine Zeit lang gebraucht, diesen Schritt zu machen. Aber im Großen und Ganzen sind die ersten Erfahrungen gut. Auf der einen Seite lernen unsere Kunden, dass Qualität ihren Preis hat und Kostenlos-Angebote häufig mit der Hingabe ihrer persönlichen Daten teuer bezahlt werden müssen. Auf der anderen Seite ist es uns nach wie vor ein Dorn im Auge, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Expansionsstrategie ins Digitale auch bei textlastigen Produkten – gebührenfinanziert! – ungehindert fortsetzt und damit unsere Versuche, kostenpflichtige Angebote zu formulieren, konterkariert.

medienpolitik.net: Sie haben sich bei der Novelle des WDR-Gesetzes auch kritisch zum Rechercheverbund aus WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung geäußert. Wo sehen Sie da ein Problem?

Christian DuMont Schütte: Diese Partnerschaft geht weit über eine gelegentliche Zusammenarbeit hinaus, die es immer gegeben hat. Es ist fraglich, ob es vom Funktionsauftrag des Öffentlich-Rechtlichen gedeckt ist, mit Beitragsgeldern einem privatwirtschaftlichen Angebot einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Deshalb muss mehr Transparenz geschaffen werden. Es reicht nicht, nur abstrakte Regeln zu veröffentlichen. Auch die Verträge müssen den Gremien der öffentlich-rechtlichen Sender und der Öffentlichkeit bekannt sein.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Verlage bei der weiteren digitalen Transformation?

Christian DuMont Schütte: Die größte Herausforderung ist die Geschwindigkeit, mit der sich das Mediennutzungsverhalten verändert. Während man gerade begonnen hat, mit Paywalls erste kleine Umsätze zu machen, muss man sich gleichzeitig mit der Frage auseinandersetzen, wie man junge Nutzer erreicht, die inzwischen auf ganz anderen Plattformen wie z. B. Snapchat und Periscope zuhause sind. Sie müssen auch die Redaktionen so ausrichten, dass sie in der Lage sind, die inhaltlichen Herausforderungen in einem immer vielfältigeren Angebot anzunehmen. Für das Digitalgeschäft müssen Sie ganz andere „Rollen“ besetzen als bisher. Spezialisten für Webanalyse, SEO und Social Media bringen genau die Kompetenz mit, die Sie benötigen, um relevante Reichweiten zu erzielen oder neue Produkte für die Zielgruppe der „Digital Natives“ zu konzipieren und zu vertreiben. Hier lernen wir, dass das Netz eine andere, eine für viele Journalisten unbekannte Welt darstellt und der Nutzer nach ganz anderen Kriterien sein Informationsbedürfnis deckt als in der alten Welt.
Gerade deshalb ist Journalismus auf höchster und professioneller Ebene heute notwendiger als je zuvor. Und die große Herausforderung bleibt, professionellen Journalismus in einem sich ständig verändernden Umfeld unabhängig zu refinanzieren.

medienpolitik.net: Wie reagiert der Verband auf die aktuellen Herausforderungen? Was können und wollen Sie für Ihre Mitglieder leisten?

Christian DuMont Schütte: Vorderstes Ziel des Verbandes ist, die vielzähligen politischen und durchaus „dicken Bretter“ zu bohren. Stichworte sind: Leistungsschutzrecht, Urhebervertragsrecht, Mehrwertsteuersätze, Mindestlohnbürokratie, Datenschutz. Daneben schaffen wir Plattformen für den Austausch von Expertisen und stellen zum Beispiel mit der jährlichen Verleihung des Theodor-Wolff-Preises unser Alleinstellungsmerkmal in den Vordergrund: guter, frei finanzierter und dadurch unabhängiger Journalismus!
Und nicht zu vergessen: Wir sind auch Arbeitgeberverband. Wir geben den Versuch nicht auf, mit unseren Tarifpartnern um zeitgemäße Vergütungsstrukturen zu ringen. Auch wenn immer mehr unserer Mitglieder dies kaum für erfolgversprechend halten.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe Nr. 6/2016.

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