Netzpolitik:

Gigabitfähige Netze und neues Fernsehen

von am 06.06.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Gastbeiträge, Infrastruktur, Internet, Medienregulierung, Netzpolitik, Netzpolitik, Regulierung, Urheberrecht

<h4>Netzpolitik: </h4>Gigabitfähige Netze und neues Fernsehen
Thomas Braun, Präsident, ANGA Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V.

Die Kabelbranche im Wandel

06.06.16 Von Thomas Braun, Präsident ANGA, Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V.

Der Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber (ANGA) hat im April aktuelle Branchenzahlen für den Breitband- und Kabelfernsehmarkt vorgelegt. Danach ist Kabelinternet dank weiträumiger Verfügbarkeit und hoher Bandbreiten bei Kunden immer beliebter; rund ein Drittel bucht Produkte mit 100 MBit/s und mehr. Im Kabelfernsehgeschäft halten sich die Kabelnetzbetreiber stabil, verbunden mit Wachstum bei der Nachfrage nach Pay-TV. Daraus ergeben sich neue Optionen für Online- und TV-Angebote, die es den Netzbetreibern ermöglichen, auch in einer konvergenten Medienwelt erfolgreich zu bleiben. Aber auch der Gesetzgeber ist gefragt, wenn es darum geht, die richtigen Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovationen zu setzen.

Der Weg zum Gigabitnetz

Die deutschen Kabelnetzbetreiber gewannen im vergangenen Jahr rund 600.000 Internetkunden hinzu und versorgen aktuell 6,6 Mio. Haushalte in Deutschland mit Hochgeschwindigkeitsinternet. Kabelkunden buchen zudem besonders hohe Bandbreiten: Ende 2015 fragte schon jeder dritte Kabelinternetkunde Anschlüsse mit 100 MBit/s und mehr nach. Mit Angeboten von bis zu 400 MBit/s und einer Verfügbarkeit in 72 Prozent der Haushalte bleiben die Kabelnetzbetreiber im Breitbandinternetmarkt auch 2016 auf der Überholspur.
Aktuelle Studien zeigen, dass der Bedarf sowohl im gewerblichen als auch im privaten Bereich künftig weiter steigen wird. Zu einer Nachfrage nach größerer Geschwindigkeit und mehr Bandbreite wird der Bedarf nach verbesserter technischer Qualität wie z.B. geringeren Latenzzeiten kommen. Und auch hier sind die Kabelnetzbetreiber gut aufgestellt: Laut einer Studie der Europäischen Kommission surfen Kabelinternetkunden mit der höchsten durchschnittlichen Geschwindigkeit und der geringsten gemessenen Latenz aller Breitbandtechnologien.

Wichtiger Treiber für den Bedarf nach schnellem Internet bleibt mittelfristig zu einem großen Teil die Übertragung audiovisueller Daten. Nach dem aktuellen Cisco Virtual Networking Index werden bis zum Jahr 2019 88 Prozent des privaten Internetverkehrs auf Video entfallen; der durch Abrufdienste verursachte Verkehr wird sich zwischen 2014 und 2019 verdoppeln. Dafür spricht auch, dass sich die Zahl der VoD-Nutzer ausweislich einer von Goldmedia für die ANGA letztes Jahr durchgeführten Untersuchung zwischen September 2014 und Mai 2015 verdoppelt hat.
Die sukzessive Einführung des neuen Übertragungsstandards DOCSIS 3.1 durch die Netzbetreiber wird die Leistungsfähigkeit der Kabelnetze daher noch einmal deutlich erhöhen. Erste Angebote mit bis zu 800 MBit/s sind voraussichtlich schon im nächsten Jahr zu erwarten. Mit DOCSIS 3.1 werden in den HFC-Netzen der Kabelnetzbetreiber nicht nur Geschwindigkeiten im Gigabitbereich möglich sein, sondern in der Zukunft auf Basis der sog. Full Duplex-Technologie bei entsprechender Nachfrage auch symmetrische Up- und Downloadraten machbar werden.

Damit ist das Kabel dauerhaft ein fester Bestandteil des Technologiemix, der Grundlage für die Verwirklichung der Gigabitgesellschaft ist. Dazu muss allerdings auch eine investitionsfreundliche Regulierung beitragen, die dem unerlässlichen Infrastrukturwettbewerb gerecht wird. Eine Einbeziehung nicht-marktbeherrschender Anbieter in die Marktregulierung wäre dagegen investitionshemmend und kontraproduktiv für den dringend erforderlichen Netzausbau. Gleiches gilt für staatliche Förderung – Ziel muss sein, Fördermaßnahmen vollständig technologieneutral auszugestalten, auf echte weiße Flecke zu beschränken und die Überbauung existierender gigabitfähiger Netze zu verhindern.

Neues Urheberrecht für neues TV

Die Zahl der Kabelfernsehhaushalte ist mit 17,9 Millionen stabil geblieben. Steigende Zahlen vermelden die Kabelnetzbetreiber bei der Nachfrage nach Pay-TV: Gegenüber dem Vorjahr entschieden sich weitere 260.000 Haushalte für kostenpflichtige zusätzliche Programmpakete; insgesamt ein Zuwachs von sieben Prozent. Es ist davon auszugehen, dass mit der Abschaltung der analogen Übertragung in einzelnen Kabelnetzen auch das Interesse an Digitalpaketen weiter steigen wird.

Über das klassische Pay-TV hinaus haben Kunden großes Interesse an individualisierter Nutzung und an Multiscreen-Lösungen, die den TV-Konsum auf unterschiedlichen Bildschirmen entweder im Haus oder außerhalb ermöglichen. Die von Goldmedia 2015 für die ANGA erstellte Studie zeigt, dass ca. 20 Prozent der Befragten an sog. TV Everywhere-Angeboten interessiert wären. Der zeitlich unabhängige Konsum von Fernsehinhalten wird heute vor allem über Festplattenrecorder gedeckt. Perspektivisch dürften auch Online-Videorecorder und Replay-Funktionen auf großes Interesse stoßen; jedenfalls haben die Hälfte bzw. ein Drittel der befragten Nutzer daran Interesse geäußert.
Das setzt allerdings Anpassungen im Urheberrecht voraus, die vorrangig durch den europäischen Gesetzgeber vorzunehmen wären. Aktuell steht auf der europäischen Ebene die Revision der Satelliten-Kabel-Richtlinie an. Im Hinblick auf das lineare Fernsehen ist dabei in erster Linie eine technologieneutrale Ausweitung der für die Kabelweitersendung geltenden Vorschriften für den Rechteerwerb zu fordern.

Gesetzgeberischen Handlungsbedarf gibt es auch bei zeitversetzten TV-Funktionalitäten, denn hier besteht ebenfalls eine starke Rechtezersplitterung. Lizenzen müssen von einer unüberschaubaren Vielzahl von Rechteinhabern erworben werden, was das Risiko von Blockaden dieser neuen Angebotsformen erhöht. Davor würde eine obligatorische kollektive Rechtewahrnehmung schützen, die sich beim klassischen Kabelfernsehen über viele Jahre bewährt hat: Der Gesetzgeber sollte die gebündelte Lizensierung aller notwendigen Rechte über Verwertungsgesellschaften entsprechend erweitern. Das würde die Einführung neuer TV-Funktionalitäten wie zeitversetztes Fernsehen und netzseitige Videorekorder im Sinne der Nutzer erheblich erleichtern.

Technisch und inhaltlich ist die deutsche Kabelbranche sehr gut aufgestellt, um im Wettbewerb in einer sich wandelnden Medienbranche vollumfänglich mithalten zu können. Auch profitieren die Kabelnetzbetreiber im Breitbandgeschäft vom wachsenden Konsum audiovisueller Inhalte über das Internet und der dadurch hervorgerufenen Nachfrage nach Hochgeschwindigkeitsanschlüssen. Perspektivisch muss sichergestellt sein, dass in diesem konvergenten Medienmarkt gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Anbieter vergleichbarer Dienste herrschen. Im Rahmen des sog. DSM-Pakets überprüft die EU-Kommission derzeit die rechtlichen Rahmenbedingungen im TK- und Mediensektor sowie das europäische Urheberrecht. Aus Sicht der Kabelbranche ist dabei wichtig, die sich ändernden Marktgegebenheiten im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass die Infrastrukturbetreiber nicht im Wettbewerb mit großen, onlinebasierten Anbietern benachteiligt werden.

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