Rundfunk:

„ARD und ZDF sind eigenständige Sendeanstalten“

von am 22.06.2016 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „ARD und ZDF sind eigenständige Sendeanstalten“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

„Das Erste“ zeigt im Sommer nicht nur Sport – auch exklusive Reportagen und Spielfilme

22.06.16 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor „Das Erste“

Die ARD gehört zu den Gewinnern im Bieterverfahren um die TV-Rechte der Bundesliga: Die Zusammenfassungen der Samstags- und Sonntagsspiele der Bundesliga werden auch künftig bei der ARD –Sportschau zu sehen sein. Auch die Audio-Rechte für die UKW-Fußballkonferenz sicherte sich die ARD. Welche Bedeutung die Berichterstattung von Sport-Events für das Erste hat, macht Volker Herres in einem medienpolitik.net-Gespräch deutlich. Zugleich verweist er aber auch darauf, dass das Erste nicht nur auf den Sport setzt. So biete im fiktionalen Bereich das „SommerKino im Ersten“ fünf hochklassige Fernseh- und Free-TV-Premieren.

medienpolitik.net: Herr Herres, bestimmt im Sommer der Sport das Programm des Ersten?

Volker Herres: Keine Frage, mit der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich und den Olympischen Spielen in Rio haben wir – wie auch das ZDF – in diesem Sommer zwei überragende Sportgroßereignisse im Programm. Darauf freue ich mich mit vielen Millionen sportbegeisterten Zuschauern. Das Erste zeigt 22 der insgesamt 51 Partien der EURO, darunter das Finale am 10. Juli. Fußballherz, was willst Du mehr? Und natürlich werden wir auch in großem Rahmen von den Spielen in Rio berichten, auf die die ganze Welt schaut. Doch es sind nicht nur die Tore und verpassten Chancen, Rekorde und Medaillen über die das Publikum im Ersten informiert wird. Beide Großereignisse sind eingebettet in eine kritische Berichterstattung über das austragende Land, die Kultur und Gesellschaft, über Sicherheitsfragen, Doping und sportpolitische Hintergründe. Das Erste ist ja zu allererst ein informationsorientiertes Programm.

medienpolitik.net: Insgesamt sechs Wochen dauern Fußball-EM und Olympische Spiele. Im Sommer werden traditionell kaum TV-Highlights gesendet. Bietet Das Erste noch andere Angebote, die das Fernsehen lohnen?

Volker Herres: Es lohnt sich immer, Das Erste einzuschalten – ob man sportbegeistert ist oder nicht. Schon allein wegen unseres vielfältigen, umfangreichen und verlässlichen Informationsangebots. Darauf legen wir natürlich auch in diesem Sommer den größten Wert. Über die aktuellen Nachrichten und Magazine hinaus bieten wir Reportagen, Dokumentationen, Doku-Filme über den „großen Atomdeal“ und die „Milchflut“ ebenso wie über den BND und die Glaubwürdigkeit der Medien. Wir blicken zurück auf 25 Jahre Hauptstadt-Entscheidung Bonn/Berlin und mit einem 90-minütigen Dokumentarfilm (am 18. Juli um 21:45 Uhr) auf die Olympischen Spiele von 1936 in Nazi-Deutschland. Daneben laufen wieder vier neue Folgen der Reportage-Reihe „Exklusiv im Ersten“.
Im fiktionalen Bereich dürfen sich unsere Zuschauer auf das „SommerKino im Ersten“ mit fünf hochklassigen Fernseh- und Free-TV-Premieren freuen. Ab 27. Juni zeigt Das Erste montags um 20:15 Uhr: das schwedische Roadmovie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, die deutsche Kinokomödie „Sein letztes Rennen“ mit Dieter Hallervorden, den britischen Kinofilm „Philomena“ und die Komödie „Wir sind die Neuen“ über einen ungewöhnlichen Alterskonflikt. Für Anhänger des schwarzen Humors haben wir Ed Herzogs „Winterkartoffelknödel. Ein Eberhoferkrimi“ dabei. Bereits am 14. Juni startete eine neue Staffel vom „FilmDebüt im Ersten“ mit neun Filmen junger Autoren und Regisseure. Darunter auch der vielfach preisgekrönte Film von Michaela Kezele „Die Brücke am Ibar“, am 5. Juli 2016. Ab Ende Juli stehen fünf neue Folgen der Krimi-Reihe „Inspector Mathias“ auf dem Programm und unsere Serien am Nachmittag laufen alle mit neuen Episoden weiter. Bei den Hauptabendserien, am Dienstag, 20:15 Uhr, gibt es lediglich im Vorlauf auf die neuen Folgen von „Tierärztin Dr. Mertens“ (ab 23. August) zwei Wiederholungen der letzten beiden Folgen dieser Serie, um unseren Zuschauern den Einstieg in die neuen Folgen zu erleichtern. Daneben ist neue Comedy am Start. Also viel frisches, informatives und unterhaltsames Programm.

medienpolitik.net: Erstmals werden ARD und ZDF ein gemeinsames Sportstudio in Paris nutzen. Wird sich dennoch die Berichterstattung im Ersten von der des ZDF unterscheiden?

Volker Herres: Das Erste wird beim „Topspiel des Tages“ mit Moderator Matthias Opdenhövel und dem ARD-Fußballexperten Mehmet Scholl aus den jeweiligen Stadien berichten. Gerhard Delling wird aus dem DFB-Mannschafts-Quartier in Évian-les-Bains über sämtliche Neuigkeiten bei der deutschen Nationalmannschaft informieren. Zum Abschluss eines Sporttages im Ersten meldet sich „Sportschau“-Moderator Reinhold Beckmann gemeinsam mit seinen Gästen von einem historischen Fußballort – der Sportschule im schleswig-holsteinischen Malente. „Beckmanns Sportschule“ wird zur EM als neues Format an den Start gehen.

medienpolitik.net: Erfolgt die Berichterstattung von den Olympischen Spielen ebenfalls in „engem Schulterschluss“ aus einem gemeinsamen Studio?

Volker Herres: Natürlich! Auch bei den Olympischen Spielen werden wir wieder alle Synergien mit dem ZDF nutzen.

medienpolitik.net: Bei den Olympia-Rechten gingen die beiden öffentlich-rechtlichen Sender im Vorjahr bei den Paketen für 2018 bis 2024 erstmals leer aus und müssen nun mit dem US-Konzern Discovery über Sub-Lizenzen verhandeln. Müssen sich die Zuschauer daran gewöhnen, künftig nicht mehr alle wichtigen sportlichen Ereignisse bei ARD und ZDF erleben zu können?

Volker Herres: Wir freuen uns, dass wir gerade wieder Partner der Deutschen Fußball Liga geworden sind und die Bundesliga-„Sportschau“ weiter ein Millionenpublikum im Ersten begeistern wird. Daneben hat sich die ARD mit verschiedenen Verbänden wie beispielsweise dem Deutschen Ski Verband, dem Deutschen Leichtathletik Verband sowie der International Biathlon Union bereits auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt.

medienpolitik.net: Wie weit sind Sie gegangen, um die „Sportschau“ mit Bundesliga-Fußball zu retten?

Volker Herres: Aus zwingend rechtlichen Gründen wird sich die ARD zu vertraglichen Inhalten nicht öffentlich äußern. Aber klar war, dass es für uns finanziell möglich und vertretbar sein muss.

medienpolitik.net: Zu einem anderen Thema: In Berlin begannen jetzt die Dreharbeiten für „Babylon Berlin“. Weshalb ist das die richtige Serie für Das Erste?

Volker Herres: Zum einen ist das die beeindruckende Romanvorlage von Volker Kutscher, an deren großen Erfolg wir anknüpfen möchten. Die packenden Erzählungen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund wollen wir mit der opulenten Umsetzung durch Tom Tykwer und X-Filme dem deutschen Fernsehpublikum erschließen.

medienpolitik.net: „Babylon Berlin“ umfasst 16 Folgen. Wie werden Sie diese im Programm platzieren? Wann soll die Serie im Ersten laufen?

Volker Herres: „Babylon Berlin“ wird 2018 im Ersten laufen. Zwei Jahre vorher können wir jedoch noch nicht über konkrete Platzierungen sprechen.

medienpolitik.net: Die Serie kostet annähernd 40 Mio. Euro, die sich die ARD, Sky und Beta Film teilen. Wird es dafür weniger andere eigenproduzierte TV-Filme geben?

Volker Herres: Natürlich werden 18 Folgen von jeweils 45 Minuten einen gewissen Umfang in unserem fiktionalen Angebot einnehmen. Aber die Sendeplätze der Koordination Fernsehfilm, etwa mit dem „FilmMittwoch im Ersten“ oder dem Sonntagskrimi sind davon nicht tangiert.

medienpolitik.net: Im Sommer ist wieder Filmzeit im Ersten. Das Sommerkino bietet dienstags 20:15 Uhr aber nur fünf Premieren, wahrscheinlich wegen Fußball und Olympia. Es gab doch mehr gute deutsche und internationale Kinofilme. Wann kommen die?

Volker Herres: Im September gibt es, ganz neu, das „PremierenKino im Ersten“: Dort zeigen wir acht weitere nationale und internationale Erfolgsproduktionen: immer dienstags um 22:45 Uhr auf dem neuen Spielfilm-Sendeplatz im Ersten.

medienpolitik.net: Die Diskussion um die Novellierung des FFG geht in die Richtung, lieber weniger Filme und diese dafür stärker zu fördern, inkl. einer besseren Drehbuchförderung. Was heißt das für Das Erste? Haben Sie eine ähnliche Strategie?

Volker Herres: Das heißt erst mal gar nichts für Das Erste: Wir zeigen die Filme, von den wir inhaltlich wie künstlerisch überzeugt sind. Ich unterstreiche aber auch gern, wie wichtig die Arbeit der Autoren ist. Sie können aus einem guten Buch immer noch einen schlechten Film machen, aber niemals einen guten Film aus einem schwachen Drehbuch.

medienpolitik.net: Der Bundesrat hat jetzt, das Auswertungsfenster für Spielfilme auf bis zu 3 Monate zu verkürzen. Das müsste Ihnen doch entgegenkommen, da deutsche Kinofilme, die Sie mitfinanzieren, schneller im Fernsehen gezeigt werden könnten?

Volker Herres: Ja klar: Je kürzer die Kinosperre, desto eher bekommt unser Publikum die Filme im Ersten zu sehen.

medienpolitik.net: Im Juni startet auch wieder die Reihe „FilmDebüt im Ersten“. Nach welchen Prinzipien wählen Sie diese Filme aus? Was zeichnet diese Filme aus?

Volker Herres: Im „FilmDebüt im Ersten“ geben wir dem Nachwuchs eine Chance, mittlerweile schon im 16ten Jahr: Voraussetzung sind authentische Geschichten und ungewöhnliche Handschriften. Und natürlich variieren die Themen von Jahr zu Jahr. In der diesjährigen Staffel dominieren politische, historische und internationale Themen und Konflikte. Der Zuschauer darf auf die herausfordernden Themen, denen sich die Debütanten gestellt haben, gespannt sein und vor allem darauf, wie sie künstlerisch, ästhetisch und dramaturgisch umgesetzt wurden.

medienpolitik.net: Nun beklagt der Nachwuchs aus unseren Filmhochschulen, dass es oft zulange dauert, bis sie ihren ersten Film drehen können. Welche Chancen haben Nachwuchsproduzenten, Regisseure oder Drehbuchautoren generell im Ersten – unabhängig von der „FilmDebüt im Ersten“-Reihe?

Volker Herres: Gute, berührende Geschichten, die eindringlich und adäquat umgesetzt werden, haben immer eine Chance. Auch im „FilmMittwoch im Ersten“ oder im Krimi am Sonntag zeigen wir Filme von jungen Regisseuren oder Drehbuchautoren.

medienpolitik.net: Was werden die nächsten fiktionalen Highlights im Ersten sein?

Volker Herres: In „Das weiße Kaninchen“ (SWR), u.a. mit Devid Striesow, geht es im 3. Quartal in einem Themenabend um das Thema Cyber-Grooming – der gezielten Kontaktaufnahme mit Jugendlichen im Netz, um sie für sexuelle Absichten zu missbrauchen. Nach dem Film wird Sandra Maischberger das Thema mit ihren Gästen diskutieren. Im Rahmen der Themenwoche „Arbeit und Geld“ (HR) zeigen wir im 4. Quartal „Dead Man Working“, ein Film von Marc Bauder, der in die Welt der Investmentbanker eintaucht.
In „Wellness für Paare“ (WDR) von Jan Schütte agieren die Schauspieler – wie schon im erfolgreichen Vorgänger-Film „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ – lediglich auf Grundlage von Figurenprofilen. Ein Wochenende mit professioneller Paartherapie – mit von der Partie sind u.a. Anke Engelke, Bjarne Mädel und Anneke Kim Sarnau. Ebenso im 4. Quartal zeigen wir den Film „Aufbruch“ (WDR/ARD Degeto) nach dem Roman von Ulla Hahn: In der Fortsetzung von „Teufelsbraten“ verfolgt die Tochter eines Arbeiters und einer Putzfrau in den 60er Jahren unbeirrt ihren Traum von einem selbstbestimmten Leben. Voraussichtlich im Oktober zeigen wir die filmische Adaption des Theaterstücks „Terror“ von Ferdinand von Schirach mit anschließender Debatte dazu bei „Plasberg“, ein ganz besonderer TV-Abend, weil das Publikum über den Ausgang des Filmes entscheiden wird.
Und last but not least steht im Herbst im Ersten die 1000. Folge des „Tatorts“ (NDR) auf dem Programm. Das Jubiläum begleiten wir mit einer Dokumentation zur erfolgreichsten und langjährigsten Krimi-Reihe im deutschen Fernsehen.

Der Beitrag ist eine Veröffentlichung aus der promedia-Ausgabe 07/2016.

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