Rundfunk:

„Der ORF ist gut gerüstet“

von am 16.06.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Internet, Interviews, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Der ORF ist gut gerüstet“
Dr. Alexander Wrabetz, ORF-Generaldirektor I © ORF/Thomas Ramstorfer

ORF-Generaldirektor strebt dritte Amtszeit an

16.06.16 Interview mit Dr. Alexander Wrabetz, ORF-Generaldirektor

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz will sich im August für eine dritte Amtszeit als Chef des öffentlich-rechtlichen Senders Österreichs bewerben. Wrabetz amtiert seit 2008. Die 35 Mitglieder des Stiftungsrates, dem Aufsichtsgremium des ORF, werden den Generaldirektor bestimmen. Wrabetz, der Mitglied der SPÖ ist, ist nach Gerd Bacher erst der zweite ORF-Chef, der sich auf diesem als Schleudersitz und Spielball der Politik kritisierten Posten länger als eine Amtszeit halten konnte. Das habe er vor allem seinem Durchhaltevermögen, seinem Ehrgeiz, einer gewissen Leidensfähigkeit, sozialer Kompetenz, Intelligenz und seinem diplomatischen Geschick zu verdanken, wie Kenner der Wiener Szene ihn charakterisieren.
Für die Wahl zeigt sich Wrabetz gegenüber dem „Standard“ zuversichtlich: „Meine Bilanz und meine Zukunftspläne sprechen für eine klare Mehrheit im Stiftungsrat”, meinte er selbstbewusst. Wie der ORF-Generaldirektor in einem medienpolitik.net-Gespräch betonte, will er das ORF-Zentrum „zu einem multimedialen Produktionsstandort für ein öffentlich-rechtliches Medium des 21. Jahrhunderts“ ausbauen.

medienpolitik.net: Herr Wrabetz, am 9. August findet die Wahl des neuen ORF-Generaldirektors statt. Sie haben angekündigt wieder anzutreten. Bleibt es dabei?

Dr. Alexander Wrabetz: Natürlich! Denn ich habe gemeinsam mit meinem Team den ORF in den vergangenen zwei Geschäftsführungsperioden als Markt- und Qualitätsführer unter den elektronischen Medien in Österreich positioniert. Wir sind wirtschaftlich erfolgreich und haben dem ORF mit der Unternehmensstrategie „ORF 2020“ eine Agenda für das Digitale Zeitalter gegeben. Diesen erfolgreichen Weg möchte ich fortsetzen.

medienpolitik.net: Wie hat sich der ORF in Bezug auf Marktanteile/Zuschauerreichweiten innerhalb des TV-Systems in Österreich seit 2007 entwickelt?

Dr. Alexander Wrabetz: Die ORF Sendergruppe ist mit großem Abstand österreichischer Marktführer. Unsere Vollprogramme ORFeins und ORF2 sowie die Spartenkanäle ORF III – Kultur und Information – und ORF Sport+, haben 2015 einen Marktanteil von 35,3 Prozent und eine Tagesreichweite von rund 3,6 Mio. Zuseherinnen und Zusehern erreicht. Mit diesen Werten liegen wir auch im Vergleich im Spitzenfeld unter den europäischen Öffentlich-rechtlichen.

medienpolitik.net: Glauben Sie, dass der ORF den immer noch hohen Zuschaueranteil auch die nächsten fünf Jahre halten kann?

Dr. Alexander Wrabetz: Mittelfristig schaffen wir das. Wir erleben derzeit eine zweigleisige Entwicklung: Das lineare Fernsehen boomt. In Österreich sieht das Publikum mit rund 170 Minuten pro Tag mehr fern denn je zuvor. Parallel gewinnen die neuen Plattformen und die mobile, non-lineare Nutzung laufend an Bedeutung, vor allem beim jungen Publikum. Öffentlich-rechtliche, die von der Allgemeinheit finanziert werden, müssen beides können. Und wir bedienen das klassische TV-Publikum genauso erfolgreich wie das Online-Publikum.

medienpolitik.net: Und wie sieht es bei Jugendlichen aus? Wird der ORF auch weiter für Jugendliche von Relevanz bleiben?

Dr. Alexander Wrabetz: Der ORF ist traditionell beim jungen Publikum gut aufgestellt. Die Jungen nutzen unsere Angebote in den klassischen Medien wie ORFeins im Fernsehen, oder Hitradio Ö3 und das alternative Jugendkulturradio FM4 im Radio. Daneben greift das jüngere Publikum auch auf das ORF.at-Network und unsere Mediathek, der ORF-TVthek zurück. Aber wir müssen uns natürlich anstrengen und unsere Angebote konsequent entwickeln. Die Nachfrage ist groß, das zeigt etwa der Erfolg unserer programmbegleitenden APPs und multimedialer Formate wie etwa „M.eins“ oder der „Zeit im Bild 100“, beides multimediale Newsformate für die mobile, nonlineare Nutzung.

medienpolitik.net: Sie senden viele Eigenproduktionen, vor allem im regionalen Bereich. Wie wichtig ist der ORF für die einheimische Filmwirtschaft?

Dr. Alexander Wrabetz: Eigenproduktion ist eine der zentralen Aufgaben öffentlich-rechtlicher Medien, wie ich sie verstehe. Gerade in den vergangenen Jahren haben wir die Zusammenarbeit mit der österreichischen Filmwirtschaft deutlich ausgebaut und in allen Bereichen Publikumserfolge erzielt. Zuletzt zum Beispiel mit unseren „Landkrimis“ – Kriminalstories aus den österreichischen Regionen -, der Fortsetzung unserer Erfolgsserie „Vorstadtweiber“ oder unseren hochwertigen Zeitgeschichte-Dokumentationen, um nur ein paar Bespiele zu nennen.

medienpolitik.net: Werden Sie hier Ihr Engagement in den nächsten Jahren beibehalten können?

Dr. Alexander Wrabetz: Das ist unser Ziel. Der ORF wird in den kommenden drei Jahren rund 300 Millionen Euro in heimische Filme, Serien und Dokumentationen investieren.

medienpolitik.net: Sie haben mehrere Finanzierungsprobleme, vor allem im Zusammenhang mit der internationalen Finanzkrise, lösen müssen. Wie zukunftsfest ist der ORF heute finanziell aufgestellt?

Dr. Alexander Wrabetz: Der ORF ist gut gerüstet. Dank unseres nachhaltigen Spar- und Restrukturierungskurses, den ich eingeleitet habe, kann der ORF heute die anstehenden Aufgaben aktiv anpacken. Wir haben allein seit 2007 den Personalstand um rund  700 Dienststellen reduziert und nachhaltig gespart. So habe ich den Spielraum für den ORF geschaffen, den er für Innovation braucht. Mit Ausnahme der beiden Jahre der Finanzkrise bilanziert der ORF seit Jahren ausgeglichen.

medienpolitik.net: Wie groß ist die Notwendigkeit auch in den nächsten Jahren weiter zu sparen und möglicherweise auch Arbeitsplätze abzubauen?

Dr. Alexander Wrabetz: Das Sparen wird uns und alle anderen Medienunternehmen weiter begleiten. Gleichzeitig nutzen wir aber den gewonnen Spielraum, um in Innovationen zu investieren und junge Talente an den ORF zu binden. Der ORF steht vor der Herausforderung, dass in den kommenden 10 Jahren mehrere hundert verdiente Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen in Pension gehen werden. Das werden wir zu einer Verjüngung unserer Belegschaft nutzen und junge Menschen ins Haus holen, die den Weg des ORF vom Public Service Broadcaster zum Public Service Network begleiten und mitgestalten.

medienpolitik.net: Sie fordern Veränderungen beim Gebührensystem. Warum? Und wie sollen diese aussehen?

Dr. Alexander Wrabetz: Grundsätzlich haben wir in Österreich ein zweckmäßiges und vom Publikum akzeptiertes Gebührensystem, mit dem wir im Moment gut leben. Klar ist aber auch, dass wir das System angesichts der aktuellen disruptiven Entwicklungen in der Medienwelt mittelfristig weiterentwickeln müssen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ein österreichisches Höchstgericht  hat jüngst befunden – ich verkürze -: Wer den ORF nur online empfängt und über keine klassischen Rundfunksempfangseinrichtungen verfügt, ist nicht gebührenpflichtig. Hier hält die Gesetzgebung mit der Medienentwicklung nicht Schritt. Eine Haushaltsabgabe, wie es sie etwa in Deutschland gibt, ist sicher eine Option. Wichtig ist aber, die Staatsferne und Ungeteiltheit des Programmentgelts und die duale Finanzierungsstruktur des ORF zu erhalt en. Außerdem sollten die kommerziellen Trittbrettfahrer nicht am Programmentgelt beteiligt werden.

medienpolitik.net: Der ORF hat sich in den vergangenen Jahren  auch zu einem erfolgreichen digitalen Anbieter entwickelt. Was war in diesem Prozess das Schwierigste?

Dr. Alexander Wrabetz: Wer Weiterentwicklung und Innovation schwierig findet, ist in diesem Geschäft falsch. Denn im Medienbereich wird sich in den nächsten 10 Jahren mehr ändern als in den vergangenen 30 Jahren zusammen. Der ORF hat sich schon sehr früh mit dem Online-Bereich beschäftigt. Bereits Anfang der Neunziger Jahre haben wir mit ORF.at einen eigenen News-Channel etabliert, der mit durchschnittlich 3,109 Millionen Usern pro Monat heute der unangefochtene Marktführer im Web ist und mehr als 50 Prozent der Internet-User erreicht. 2009 folgte mit der TVthek eine VOD-Plattform für die ORF-TV-Programme, die heute schon 220 ORF-Sendungen und zahlreiche Streamingangebote umfasst und Österreichs meistgenutztes VOD-Angebot ist. Dazu haben wir zahlreiche erfolgreichen APPs kreiert. Die nächsten Projekte folgen: eine Online-Radiothek für die ORF-Radioprogramme sowie ein Klassik-VOD-Portal, an dem wir gerade mit einem internationalen Partner arbeiten.

medienpolitik.net: Das EU-Verfahren hatte Ihren digitalen Spielraum eingegrenzt. Wie stark hat Sie das behindert?

Dr. Alexander Wrabetz: Das muss man differenziert sehen. Das ORF-Gesetz, das Ergebnis des Beihilfeverfahrens gegen die Republik Österreich war, stammt in seinem Kern aus dem Jahr 2001. Damals gab es weder Tablets noch Smartphones. Seither hat sich viel verändert. Es hat sich gezeigt, dass der ORF vor allem im Online-Bereich einen größeren Spielraum braucht, um mit seinen Angeboten auch auf den neuen Plattformen für das Publikum präsent zu sein. Damit meine ich etwa die viel zu langwierigen und aufwändigen Prüfungsverfahren für neue Angebote oder die sehr restriktiven Beschränkungen im Bereich der A PPs. Hier gibt es aus unserer Sicht großen Handlungsbedarf.

medienpolitik.net: Wie muss sich der ORF im digitalen Bereich weiter entwickeln?

Dr. Alexander Wrabetz: Den digitalen Bereich darf man nicht isoliert von den anderen Programm- und Produktionsbereichen sehen. Der ORF braucht und hat eine integrierte Gesamtstrategie. Ich habe 2013 einen unternehmensweiten Strategieprozess unter dem Motto „ORF 2020“ gestartet. Wir haben auf breiter Basis die programmlichen, technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die zukunftssichere Weiterentwicklung des ORF erarbeitet. Diese Strategie setzen wir seither konsequent um – und zwar in allen Bereichen. Von den Programmen ü ber die Produktion bis hin zu unserem Standort-Projekt, in dessen Rahmen das ORF-Zentrum in Wien zu einem multimedialen Produktionsstandort für Fernsehen, Radio, Online und alle zukünftigen Plattformen wird.

medienpolitik.net: Sie haben den Bau eines neuen Newsrooms beschlossen. Wird sich das auch auf die personellen Strukturen auswirken, z.B. durch die Wahl eines Informationsdirektors?

Dr. Alexander Wrabetz: Wir bauen nicht nur einen Newsroom, sondern entwickeln das ORF-Zentrum zu einem multimedialen Produktionsstandort für ein öffentlich-rechtliches Medium des 21. Jahrhunderts. Kern unserer Strategie ist es, unsere Sendermarken und die Vielfalt in allen Programmbereichen zu stärken. Allfällige neue Managementstrukturen stehen dabei nicht im Vordergrund.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 06/2016 erstveröffentlicht.

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