Rundfunk:

„Populistische Reaktion war nie unser Antrieb“

von am 30.06.2016 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Interviews, Journalismus, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Populistische Reaktion war nie unser Antrieb“
Hans Demmel, Geschäftsführer n-tv Nachrichtenfernsehen © Foto:n-tv/Mediengruppe RTL Deutschland

„Das Duell bei n-tv“ wird nicht fortgesetzt – n-tv plant neue Informationsformate

30.06.16 Interview mit Hans Demmel, Geschäftsführer n-tv Nachrichtenfernsehen

Der Nachrichtensender n-tv sorgte in letzter Zeit auch für eigene News: Der n-tv Journalist Constantin Schreiber erhielt für sein Projekt „Marhaba“ den Grimme-Preis 2016. Nach 13 Jahren „Das Duell bei n-tv“ und insgesamt 23 Jahren bei der Mediengruppe RTL Deutschland verabschiedete sich Heiner Bremer und moderierte am 6. Juni zum letzten Mal. Zudem bezog n-tv Ende Mai ein neues Studio. „Alles was nutzt, Nachrichten noch verständlicher und klarer zu machen, ist für mich richtig“, so Geschäftsführer Hans Demmel in einem medienpolitik.net-Gespräch. „Vom 1.30er-Denken sind wir schon lange weg. Wir leben in spannenden, manchmal beängstigenden Zeiten. Hier bedarf es Aufklärung und Einordnung für den Zuschauer.“

medienpolitik.net: Herr Demmel, Sie senden seit Ende Mai aus einem neuen Nachrichtenstudio. Welche Relevanz hat für einen Nachrichtensender – der ja sachliche Informationen bietet – das Studio?

Hans Demmel: Sachliche Information und ein attraktives Studio sind für mich kein Widerspruch. Natürlich ist das Ambiente, aus dem heraus Nachrichten gesendet werden wichtig, weil sich die Moderatoren im Studio, vor allem aber die Zuschauer damit wohlfühlen müssen. Darüber hinaus bietet die Technik immer neue Möglichkeiten, Informationen noch klarer zu machen. Wir haben jetzt zudem schlichtweg mehr Platz, so dass unsere Moderatoren mit mehr Gästen über ein Thema diskutieren können. Wir wollen für den Zuschauer Orientierung in der Informationsflut schaffen. Insofern war der Umbau auch eine inhaltliche Entscheidung.

medienpolitik.net: Was können Sie jetzt anders oder mehr als vorher?

Hans Demmel: Unsere Welt ist in den letzten Jahren sehr viel komplexer geworden. Nichts ist mehr schwarz-weiß und gerade daher ist es entscheidend, auch schwierige Zusammenhänge verständlich zu machen. Dank der neuen Raumsituation sind wir noch besser als zuvor in der Lage, Gesprächssituationen abzubilden. Am Tisch finden mehr Gäste Platz. Mehr Gäste und mehr Diskussionen helfen, ein Thema aus mehreren Blickwinkeln zu beleuchten. Außerdem steckt hinter dem Studio eine neue Technik. Wir haben zwei bewegliche Kamerakräne, die man eigentlich in der Filmindustrie nutzt. So haben wir noch mehr Bewegung im Bild.

medienpolitik.net: Ging das neue Studio-Design auch mit strukturellen Änderungen im Programm einher?

Hans Demmel: Unser Programmschema haben wir umfassend im März 2015 reformiert. Wir arbeiten natürlich stetig daran, unser Programm zu optimieren, sind mit den Maßnahmen aber zufrieden.

medienpolitik.net: Wenn Sie im Studio für mehr Personen zu einem Gespräch Platz bieten oder auch mehr Hintergrundinformationen bieten wollen, wandelt sich damit die Rolle eines Nachrichtensenders zu einem Nachrichtenmagazin?

Hans Demmel: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich persönlich halte wenig vom „Kästchendenken“. Alles was nutzt, Nachrichten noch verständlicher und klarer zu machen ist für mich richtig. Vom 1.30er-Denken sind wir schon lange weg. Wir leben in spannenden, manchmal beängstigenden Zeiten. Hier bedarf es Aufklärung und Einordnung für den Zuschauer. In unseren Sondersendungen können wir Themen tiefergehend aufbereiten und so zur Meinungsbildung beitragen.

medienpolitik.net: Bedeutet das auch noch mehr Live, noch mehr vor Ort sein?

Hans Demmel: Wenn die Situation das erfordert, selbstverständlich! Wir haben ja das Glück, dass wir auf das Korrespondentennetzwerk der Mediengruppe RTL zugreifen können. Gerade in Breaking-News-Situationen kommt uns das zu Gute. Dann können wir sehr schnell reagieren und die Zuschauer sofort abholen.

medienpolitik.net: Das alles ist doch mit einem höheren Aufwand verbunden. Honoriert die Werbewirtschaft diesen qualitativen Zuwachs?

Hans Demmel: Um ehrlich zu sein, ist das für mich nicht die Frage, die im Vordergrund steht. Mir geht es in erster Linie um ein möglichst attraktives Programm. Wenn dies von der Werbewirtschaft anerkannt wird –
und das passiert ja auch, speziell bei Auto- oder Finanzkunden – dann freut uns das natürlich.

medienpolitik.net: Durch die Dichte an politischen Ereignissen in den vergangenen Monaten müsste sich der Nachrichtenanteil bei n-tv doch insgesamt erhöht haben. Welchen Anteil am Programm machen heute Nachrichten aus?

Hans Demmel: Der Nachrichten- und Wirtschaftsanteil beträgt knapp 55 Prozent. Je nach Nachrichtenlage kann der Anteil auf den Tag gerechnet auch deutlich höher ausfallen. In Breaking-News-Situationen informieren wir die Zuschauer so umfangreich wie möglich, da verzichten wir dann natürlich auf eingeplante Dokumentationen oder andere Sendungen. Wir setzen in diesen Zeiten auch vermehrt auf eigenproduzierte Reportagen, die die Ereignisse und Entwicklungen aktuell und chronologisch aufarbeiten und mehr in die Tiefe gehen.

medienpolitik.net: Hat dieser Funktionswandel nicht aber Konsequenzen für die Mobile-App? Auf dem Handy mag man es ja kurz und knapp…

Hans Demmel: Jedes unserer Angebote ist auf die jeweilige Nutzung zugeschnitten, ob am PC, am Laptop, am Smartphone oder auf dem großen TV-Schirm. Und das ergänzt sich ja auch sehr gut.

medienpolitik.net: Am 6. Juni diskutierte Heiner Bremer zum letzten Mal in „Das Duell bei n-tv“. Was wird aus der Sendung?

Hans Demmel: „Das Duell bei n-tv“ lief jetzt 13 Jahre lang und war und ist für mich eine der besten politischen Talk-Shows, wenn nicht die beste im deutschen Fernsehen. Das hängt auch damit zusammen, dass das Format den Talkgästen kaum die Chance bot, sich mit oberflächlichen Scheinargumenten und Effekthascherei zu profilieren. Beim Duell ging es immer zur Sache. Dafür hat auch Heiner Bremer gebürgt. Lassen Sie mich offen sein: Mir verbietet es der Respekt vor Heiner Bremers Leistung, einfach so mit einem anderen Moderator weiterzumachen.

medienpolitik.net: Planen Sie – wenn Sie mehr Hintergrund liefern wollen – neue Diskussionssendungen?

Hans Demmel: Wir haben viele Ideen, die wir testen. Zudem haben wir Namen in der Hinterhand, die wir zu gegebener Zeit verkünden werden. Außerdem talkt einmal im Monat Serdar Somuncu bei n-tv. Für den einen oder anderen Zuschauer ist diese radikalere Form noch fremd, aber wir wollen auch jüngere Zuschauer für uns gewinnen. Wir haben aber auch ein paar spannende Themen vor uns, zum Beispiel die Berliner Wahlen, die Landtagswahlen in NRW, die Wahl des Bundespräsidenten und auch noch die Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres. Da werden wir mit neuen Formaten auf die Zuschauer zugehen.

medienpolitik.net: Den Medien – vor allem dem Fernsehen – wird vorgeworfen, der AFD auf „den Leim zu gehen“ und ihr in Talkshows und auch in Nachrichten zu viel Platz zu bieten. Ziehen Sie sich diese Jacke an?

Hans Demmel: Es wäre entsetzlich, wenn Sie den Eindruck hätten, wir seien der AfD auf den Leim gegangen. Ich entdecke dafür auch bei uns keinerlei Anzeichen. Diese Partei ist aber, ob es uns gefällt oder nicht, Teil der politischen Landschaft. Sie stellt Fragen, die von vielen Bürgern auch gestellt werden. Sie hat dazu aber, und das ist meine klare persönliche Meinung, keine nur im Ansatz befriedigenden Antworten. Das ist meist billiger Populismus mit einer erschreckenden Annäherung an extrem rechte Positionen. Information ist der beste Weg, das Wirken der AfD einzuordnen. Heiner Bremer, den wir ja schon erwähnt hatten, hat Herrn Gauland im „Duell“ dazu gebracht, zuzugeben, dass seine Aussage über Jérôme Boateng ein Eigentor gewesen sei. Das Verhalten der AfD in dieser und vielen anderen Fragen macht doch deutlich, mit wem es wir zu tun haben. Das ohne Schaum vor dem Mund sachlich klar zu machen, ist doch unsere Aufgabe. Kritischer Umgang mit allen Parteien ist selbstverständlich.

medienpolitik.net: Bei dieser Diskussion wird auch auf Österreich verwiesen, wo man Herrn Hofer angeblich zu viel Platz zur unkritischen Selbstdarstellung gegeben habe…

Hans Demmel: Soweit ich die österreichische Parteienlandschaft kenne, hat der Erfolg, den Herr Hofer verzeichnen kann, sehr, sehr viele, zum Teil lange zurückreichende Ursachen. Der Vorwurf, man hätte ihm zu viel Raum zur Selbstdarstellung eingeräumt, greift meines Erachtens viel zu kurz und lenkt von den eigentlichen Fragen des
aufkeimenden Rechtspopulismus ab.

medienpolitik.net: Wäre es bei Ihnen denkbar, dass zwei Politiker unmoderiert vor laufenden Kameras diskutieren können? Ist das neutral und ausgewogen?

Hans Demmel: Ach, wenn’s der Wahrheitsfindung dient… Bei uns trifft Gregor Gysi beispielsweise immer mal wieder Spitzenpolitiker anderer Parteien zum Zwiegespräch. Da geht es deutlich kultivierter zu als beim österreichischen Spitzengespräch. Da ging es um Wahlkampf und nichts. Ich persönlich war am Ende der österreichischen Debatte auch nicht wesentlich klüger, eher entsetzt, wie unhöflich Menschen sein können, die das Amt eines Bundespräsidenten anstreben.

medienpolitik.net: Seit September 2015 bringt Constantin Schreiber auf der Multiplattform-Reihe „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ Flüchtlingen Deutschland näher. Die letzte Folge stammt vom 1. März 2016. Läuft dieses Projekt jetzt aus, da weniger Flüchtlinge kommen und diese anscheinend weniger gern in Deutschland gesehen werden als im Sommer vergangenen Jahres?

Hans Demmel: Wir haben gerade eine neue Folge vorgestellt, aber Sie haben Recht, die „Schlagzahl“ ist geringer geworden. Das hängt aber ganz wesentlich damit zusammen, dass wir sehr viele Themen schon abgehandelt haben und diese ja auch verfügbar sind. Ich bin mit Verallgemeinerungen, ob Flüchtlinge jetzt weniger gern gesehen werden, eher vorsichtig. Eine populistische Reaktion auf den Zeitgeist, in welche Richtung auch immer, war nie unser Antrieb. Die Integration der Flüchtlinge ist eine zentrale gesellschaftspolitische Herausforderung. Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten, und haben dafür mit Constantin Schreiber einen großartigen Mittler.

medienpolitik.net: Ihre „Flüchtlingsberichterstattung“ hat sich im vergangenen halben Jahr nach meiner Beobachtung verändert, sie ist differenzierter und weniger plakativ. Haben Sie sich dem scheinbaren Stimmungsumschwung im Land angepasst?

Hans Demmel: Ich kann auch hier Ihre Beobachtung nicht nachvollziehen. Der Eindruck, dass die „Flüchtlingsberichterstattung“ plakativer war, kann meines Erachtens nur damit zusammenhängen, dass sie im Sommer und Herbst vergangen Jahres von wirklich starken, auch sehr emotionalen Bildern geprägt war. Wir haben die Bilder der weinenden Kinder gezeigt, genau wie die langen Trecks. Beides gehört nach unserem Selbstverständnis dazu. Außerdem bin ich mir gar nicht sicher, ob und wie ein Stimmungsumschwung aussieht. Richtig ist, dass sich das Thema, wenn auch viel zu langsam, versachlicht.

medienpolitik.net: Welchen Beitrag können Nachrichtenangebote wie n-tv leisten, um die demokratische Diskussion, den Meinungsaustausch mit Fakten und Argumenten zu fördern?

Hans Demmel: Wir wollen zur Meinungsbildung beitragen. Deshalb ist es unser Ziel, den Zuschauer so umfassend wie nur möglich zu informieren, ihn abzuholen und mitunter auch für Themen zu begeistern. Dementsprechend umfangreich gestaltet sich ja auch unsere Berichterstattung. Ob in der Telebörse oder in den Nachrichten: uns ist es immer wichtig, verschiedene Argumente und Einschätzungen abzubilden und Informationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Das verdeutlicht ja nun auch unser neues Studio…

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/16 erstveröffentlicht.

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