Internet:

„Gigabit-Anschlüsse für alle“

von am 27.07.2016 in Allgemein, Archiv, Internet, Netzpolitik, Studie, Technik

<h4>Internet:</h4>„Gigabit-Anschlüsse für alle“
© IW Medien GmbH. Dr. Karl Lichtblau, Sprecher der Geschäftsführung der IW Consult GmbH

Enger Zusammenhang zwischen Breitbandniveau und Höhe des Bruttoinandsproduktes

27.7.16 Interview mit Dr. Karl Lichtblau, Sprecher der Geschäftsführung der IW Consult GmbH

Um auch künftig im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, muss Deutschland auf eine äußerst leistungsfähige Netz-Infrastruktursetzen. Das ist das Ergebnis der Studie „Der Weg in die Gigabitgesellschaft“ der IW Consult GmbH, unter Mitwirkung des Economica Instituts für Wirtschaftsforschung und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI im Auftrag des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation. Laut Studie korreliert die Leistungsfähigkeit der Breitbandnetze positiv und statistisch hochsignifikant mit dem Wirtschaftswachstum: Im Durchschnitt der betrachteten Länder geht eine Erhöhung der Durchschnittsgeschwindigkeit um 1 Prozent mit einer Steigerung des BIP von 0,07 Prozent einher. Umgerechnet bedeutet dies, dass eine Erhöhung der derzeitigen Geschwindigkeit in Deutschland um 1 Prozent mit einer Erhöhung des BIP um knapp 2 Milliarden Euro einhergehen würde. Zudem zeigt sich bei einer Erhöhung des Glasfaserausbaus eines Landes um ein Prozent pro Jahr eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,02 bis 0,04 Prozent pro Jahr. Für Deutschland würde dies eine Erhöhung des BIP um 600 Millionen bis 1,2 Milliarden Euro bedeuten.

medienpolitik.net: Herr Lichtblau, wir reden heute von der digitalen Gesellschaft. Was unterscheidet diese von der Gigabit-Gesellschaft?

Dr. Karl Lichtblau: Die digitale Gesellschaft ist durch eine zunehmende Digitalisierung von Dienstleistungen und Geschäftsmodellen gekennzeichnet. Diese Entwicklung kann aber durchaus „in-house“ – also ohne explizite Verbindung zur Außenwelt – vonstattengehen. Das wird sich in den kommenden 5 Jahren aber ändern: So werden Unternehmen ohne eine leistungsfähige Breitbandverbindung zukünftig nicht mehr im globalen Wettbewerb bestehen können. Die viel kritisierten „weißen Flecken“ beim Breitbandausbau werden wir uns dann noch weniger als heute leisten können.
Der Grund ist, dass in der Gigabit-Gesellschaft gerade diese Vernetzung digitaler Services und Geschäftsmodelle (Connectivität) erheblich ansteigen wird. Dadurch müssen immer größere Datenvolumen transportiert werden. Hier geht es dann nicht nur um die Übertragungsgeschwindigkeit, sondern auch um symmetrische Datenverbindungen: Bislang ist die Download-Geschwindigkeit ja oftmals um ein mehrfaches höher als die Upload-Geschwindigkeit. Wenn Sie aber an das Beispiel hochauflösender Video-Chats denken, stoßen Sie mit einer asymmetrisch ausgelegten Datenleitung schnell an Grenzen. Sie wollen ja nicht nur Bild und Ton empfangen, sondern Ihr Gegenüber soll Sie ja schließlich auch sehen und hören können.

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit der „Gigabit-Gesellschaft“ ist von Datenübertragung in „Echtzeit“ die Rede. Wofür ist das – außer beim oft beschriebenen selbstfahrenden Auto – noch erforderlich?

Dr. Karl Lichtblau: Neben der Bandbreite wird in der Gigabit-Gesellschaft der Reaktionszeit der jeweiligen Gegenstelle, also der Latenz, eine deutlich höhere Bedeutung zukommen. Denken Sie zum Beispiel an die Logistikbranche, wo bereits heute der Einsatz von Drohnen diskutiert und – zumindest im indoor-Bereich – praktiziert wird. Bei diesen autonom agierenden Fluggeräten erfolgt die Steuerung und Kollisionsvermeidung über Video-Daten in der Bodenstation. Damit fallen hier große Datenmengen an, die zwingend in Echtzeit übertragen werden müssen.
Ein weiteres Beispiel für hohe Anforderungen an die Echtzeitfähigkeit stellt aber auch der gesamte Bereich der Virtual Reality dar. Sobald hier kleinste Verzögerungen auftreten, kommt es zu der berüchtigten „motion sickness“ – den Leuten wird aufgrund der Verzögerungen zwischen Kopfbewegung und Sichtfeldanpassung speiübel.
Noch ein weiterer Bereich wird Echtzeitfähigkeit zwingend erfordern: Die Energieversorgung der Zukunft. Es ist davon auszugehen, dass wir nicht zuletzt aufgrund der von der Bundesregierung beschlossenen Energiewende zukünftig zu einer immer dezentraleren Energieversorgung übergehen. Bereits heute gibt es vereinzelt Portale, auf denen Kleinst-Produzenten den Strom ihrer Solaranlage anbieten können. Sollten sich in einigen Jahren solche Energy-Sharing-Communities erst einmal etabliert haben, dann müssen die Umspannstation, Transformatoren und Einspeiseeinrichtungen natürlich weiterhin exakt gesteuert werden – sonst bricht das ganze Energieversorgungsnetz zusammen. Bislang macht man das noch über dezidierte Leitungen. Aber man kann ja nicht zu jeder Solaranlage und zu jedem Blockheizkraftwerk eine eigene Leitung verlegen. Hier brauchen wir unbedingt hyperstabile und latenzfreie Gigabit-Netze, wenn wir in Deutschland die mit einer dezentralen Energieversorgung verbundenen Potenziale nutzen wollen.

medienpolitik.net: Wie verändert die Gigabit-Gesellschaft die Lebens- und Arbeitswelt, aber auch die Mediennutzung?

Dr. Karl Lichtblau: In unserer Studie konnten wir anhand einer Analyse der Patentanmeldungen sehr eindrucksvoll zeigen, dass sich derzeit vor allem die privaten Lebenswelten im Umbruch befinden. Das betrifft vor allem die Mediennutzung: Ich spreche hier nicht nur vom Video-Streaming in immer höheren Auflösungen, was ja eine eher passive Mediennutzung ist. Zukünftig werden vermehrt auch Privatpersonen zu „ein-Personen-TV-Sendern“, die nicht nur konsumieren, sondern selbst Video-Content ins Netz stellen. Denken Sie Beispielsweise an Smartphone-Apps wie Periscope oder auch die neuen 360-Grad-Videos auf Facebook. Das Datenvolumen wird damit massiv ansteigen. Das Smartphone wird dabei wohl auch zukünftig der zentrale Zugangspunkt zum Netz sein. Ein Blick nach Asien kann uns dabei eine Vorstellung davon geben, wie auch in Europa die Kommunikation in naher Zukunft aussehen könnte.
Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Wirtschaft scheint hingegen ein wenig Ernüchterung eingetreten zu sein. Hier sind die vollmundigen Ankündigungen der letzten Jahre, die einen disruptiven Wandel zur Industrie 4.0 vorhergesagt haben, ein wenig zu optimistisch gewesen. Meiner Meinung nach liegt die zögerliche Entwicklung in diesem Bereich aber vor allem darin begründet, dass wir — nicht nur in Deutschland — immer noch keine flächendeckende Versorgung mit Breitbandanschlüssen haben. Gerade im Business-Bereich werden die Unternehmen erst dann digitale Geschäftsmodelle entwickeln (können), wenn ein stabiler und breitbandiger Zugang zum Netz besteht. Wir haben es hier also mit dem klassischen Fall einer Push-Technologie zu tun.
Trotz der derzeit etwas abflauenden Diskussion bleibt aber festzuhalten: Die Digitalisierung ist ein globaler Wachstumstreiber für die Wirtschaft und damit auch für den Wohlstand einer Gesellschaft. Unsere Berechnungen zeigen: Wenn die Anzahl der Glasfaseranschlüsse um 1 Prozent steigt, erhöht sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,02 bis 0,04 Prozent. Das wäre für Deutschland ein beeindruckendes Wachstumsplus von 600 Mio. bis 1,2 Mrd. Euro.

medienpolitik.net: Welche Bedingungen müssen Staat, Gesellschaft und Unternehmen leisten, um das zu erreichen?

Dr. Karl Lichtblau: Als ersten Schritt müssen wir dringend das Internet in die Fläche bringen. Dass im Jahr 2016 immer noch spezialisierte Weltmarktführer auf der Schwäbischen Alb ihre Konstruktionszeichnungen auf CD brennen und per Post an den Kunden senden müssen, ist ein absoluter Anachronismus. Hier sollten wir alle verfügbaren Technologien nutzen, um die Breitbandziele der Bundesregierung schnellstmöglich zu erreichen. Wir werden uns auf den dafür notwendigen Investitionen aber nicht lange ausruhen können, da die Anforderungen an die Netze mit zunehmender Dynamik steigen. Auf die politische Diskussion um „50 Mbit/s für alle“ wird bald die Forderung nach einem „Gigabit-Netz für alle“ folgen. In den skandinavischen Ländern wird zum Beispiel schon gar nicht mehr über 1 oder 10 Gbit/s diskutiert – hier dreht sich alles um die Frage, ob es denn nun 100 oder sogar 1.000 Gbit/s sein sollen bzw. müssen.

medienpolitik.net: Wo steht Deutschland heute – auch im internationen Vergleich – auf dem Weg zur Gigabit-Gesellschaft?

Dr. Karl Lichtblau: In Deutschland sind hochleistungsfähige Glasfaseranschlüsse derzeit kaum vorhanden: Nur 1,3 Prozent alle Anschlüsse basieren auf dieser Technologie (FTTB/H) — in Südkorea sind es stolze 70 Prozent aller Breitbandanschlüsse. Aber auch in Europa gilt Deutschland in diesem Bereich als Nachzügler: Länder wie Schweden (46 Prozent), Norwegen (31 Prozent) oder Portugal (24 Prozent) weisen alle einen deutlich höhere Glasfaseranteile an den Breitbandanschlüssen auf als Deutschland.

medienpolitik.net: Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll der nächste Mobilfunkstandard 5 G starten. Was kann diese neue Technologie bewirken?

Dr. Karl Lichtblau: Die 5G Technologie wird nach meiner Einschätzung die größten Umwälzungen mit sich bringen. Bislang reden wir beim „Internet der Dinge“ ja immer noch oft von dem ominösen Kühlschrank, der die Lebensmittel selbstständig ordert. In diesen Konzepten erfolgt die Datenverbindung meist noch über eine Wlan- oder Bluetooth-Verbindung, manchmal ist auch das Smartphone als zentrale Steuereinheit involviert.
Mit 5G wird es aber möglich werden, viel kleinere Funkmodule zu bauen, deren Energieversorgung über eine Solarzelle gedeckt und deren Daten direkt in die Cloud gesendet werden. Die geringen Wartungsansprüche solcher batterielosen Sensoren macht dann ganze neue Anwendungen denkbar. Die automatisierte Parkraumbewirtschaftung und die effiziente Steuerung von Ampelanlagen in der smarten Stadt stellen hier sicher nur die ersten Schritt auf dem Weg zum „Taktile Internet“ dar.
Eine zunehmende Verbreitung dieser 5G-Sensoren wird außerdem zu sinkenden Preisen führen, sodass auch die privaten Haushalte einsteigen werden. Vertrocknete Blumen während der Urlaubszeit, weil der Nachbar das Gießen vergessen hat, gehören dann der Vergangenheit an. Und gehen wir in diesem – scheinbar banalen — Beispiel doch noch einen Schritt weiter. Wenn in jedem Garten und auf jedem Balkon ein bis zwei dieser 5G-Wetter-Sensoren eingesetzt werden, die ihre Daten via 5G direkt in die Cloud liefern: Warum diese Daten dann nicht im Rahmen von Big-Data-Analysen für hochexakte und kleinräumige Wettvorsagen und Unwetter-Warnungen nutzen? Dadurch ließen sich dramatische Ereignisse, wie wir sie jüngst in Süddeutschland erleben mussten, zukünftig lindern oder sogar ganz vermeiden.

medienpolitik.net: Die Bundesregierung hat Anfang des Jahres das DigiNetz-Gesetz beschlossen. Ist das ausreichend, um den Netzausbau wie notwendig zu beschleunigen?

Dr. Karl Lichtblau: Das sind gute erste Schritte, aber es muss weiter gehen. Beispielsweise ist das Ziel, bis 2018 flächendeckend ein 50 Mbit/s-Netz zu haben, nicht ambitioniert genug. Schon heute müssen die Weichen für die Gigabit-Netze gestellt werden.

medienpolitik.net: Welche Investitionen sind innerhalb der nächsten fünf Jahre durch die Industrie erforderlich, um das Tempo beim stationären und mobilen Breitbandausbau zu erhöhen?

Dr. Karl Lichtblau: Das haben wir nicht untersucht, aber einschlägige Studien gehen von Kosten i.H.v. 70 bis 80 Milliarden Euro für einen flächendeckenden Glasfaserausbau aus.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/2016 erstveröffentlicht.

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