Rundfunk:

„Der Nutzer gibt das Tempo vor“

von am 05.07.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Hörfunk, Internet, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

<h4>Rundfunk:</h4> „Der Nutzer gibt das Tempo vor“
Wolf-Dieter Jacobi, Fernsehdirektor des MDR I © MDR/Martin Jehnichen

Umbau beim MDR: Alle Nachrichtenredaktionen unter einer Dachmarke

05.07.16 Interview mit Wolf-Dieter Jacobi, Fernsehdirektor des MDR

Seit Mai 2016 ist „MDR Aktuell“ die neue Nachrichtenmarke für Fernsehen, Radio und Internet. Mit einer Strukturreform versucht der Mitteldeutsche Rundfunk, auf das veränderte Nutzungsverhalten der Menschen zu reagieren. Die neue Redaktion von „MDR Aktuell“ entsteht in Leipzig. Das Nachrichtenradio des MDR wird dann künftig direkt aus dem Newsroom senden. Auch alle Nachrichtenredaktionen des MDR werden unter „MDR Aktuell“ zusammengeführt. So soll mit „MDR Aktuell“ nicht nur eine starke Dachmarke entstehen, sondern gleichzeitig Synergien zwischen den Redaktionen genutzt werden. Im Internet existiert bereits nur noch einen News-Angebot unter „MDR Aktuell“.

medienpolitik.net: Herr Jacobi, im November 2011 hat Ihre Intendantin das Programm MDR Vision 2017 verkündet. Wie weit ist die Vision schon zur Realität geworden?

Wolf-Dieter Jacobi: Als ersten großen Schritt im Visionsprozess haben wir eine Angebotsstrategie entwickelt, die ganz klar an den Erwartungen und Interessen der Nutzer ausgerichtet ist. Im Fokus stehen die Inhalte, die anschließend über unterschiedliche Verbreitungswege angeboten werden. Im zweiten Schritt haben wir die Strukturen entsprechend angepasst. Seit 1. Januar 2016 gibt es multimediale Hauptredaktionen, die für ihre Hörfunk-, Fernseh-, Online- und Social Media-Angebote gleichermaßen verantwortlich sind. Und wir haben mit „MDR Aktuell“ und „MDR Kultur“ zwei multimediale Marken geschaffen.

medienpolitik.net: Sie erreichen doch Ihre „Kunden“ in Mitteldeutschland. Warum dieses Tempo?

Wolf-Dieter Jacobi: Das Empfinden von Geschwindigkeit liegt natürlich immer im Auge des Betrachters. Nicht wir haben dieses Tempo vorgegeben, sondern die Menschen, die heute ganz andere Ansprüche haben, wie und wann sie unsere Inhalte nutzen wollen. Wir haben im Kontext der Strategie MDR Vision 2017 die Erwartungen unserer Nutzer mit unseren Programmangeboten abgeglichen und festgestellt, dass wir schnell handeln mussten.

medienpolitik.net: Ist der MDR 2017 in der digitalen Welt angekommen?

Wolf-Dieter Jacobi: Wir sind mittendrin. Und wir sehen die Erfolge deutlich. Aktuelles Beispiel ist die Doku-Reihe „Wer beherrscht den Osten?“. Das Thema hatte eine enorme Resonanz und ein großes Medienecho, gerade weil wir es in allen aktuellen Fernsehsendungen, Hörfunkprogrammen und vor allem mit einem umfangreichen Online-Schwerpunkt abgebildet haben. Sehr gut gelingt uns das auch bei aktuellen Themen wie der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und beim Sport. Auch die großen Unterhaltungsshows wie die „Goldene Henne“, „Das Laternenfest“ in Halle oder der Dresdner „Semperopernball“ haben sich zu Events im Netz entwickelt. Bei der „MDR Zeitreise“ reden wir inzwischen von einem multimedialen Geschichtsangebot, bei der die Fernsehsendung nur der Teil eines umfassenden Gesamtangebotes ist.

medienpolitik.net: Um welche strukturellen Veränderungen geht es dabei vor allem?

Wolf-Dieter Jacobi: Seit Anfang des Jahres existieren die neuen trimedialen Hauptredaktionen für Information, Kultur, Sport, Wissen/Bildung, die jungen Angebote sowie die trimedialen Landesfunkhäuser. Hinzu kommen die Bereiche Unterhaltung, Fiktion sowie Geschichte und Dokumentationen, die neben den Fernsehsendungen auch Inhalte für Online, Social Media und Drittplattformen produzieren. Parallel dazu laufen die Planungen für die räumliche Zusammenführung der trimedialen Bereiche.

medienpolitik.net: Welche Veränderungen bedeutet das für die Mitarbeiter?

Wolf-Dieter Jacobi: Bereits bei der Planung unserer Themen haben wir alle Ausspielwege im Blick. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir die Inhalte für die verschiedenen Verbreitungswege umsetzen. Das funktioniert nur, wenn auch die Mitarbeiter ihren Blick auf alle Angebotsformen weiten. Wir wollen noch viel stärker dazu übergehen, über Mediengattungen hinweg zu denken und nicht nur innerhalb der Grenzen eines Formates zu bleiben. Das heißt aber nicht automatisch, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter ab sofort für alle Verbreitungswege arbeiten soll. Wir müssen neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln und uns noch enger vernetzten. Mit dem Aktualitätenzentrum in Leipzig wollen wir dafür die räumlichen und strukturellen Voraussetzungen schaffen.

medienpolitik.net: Wie weit ist der Fernsehbereich davon betroffen?

Wolf-Dieter Jacobi: Das fängt damit an, dass sich in diesem Jahr die Bezeichnungen für die Direktionen in Halle und Leipzig ändern. Aus der Hörfunk- bzw. Fernsehdirektion werden die Programmdirektionen Halle und Leipzig. Natürlich bleibt in Leipzig der Schwerpunkt Fernsehen, aber die Arbeitsprozesse werden untrennbar verbunden sein mit den Onlineangeboten und dem in Leipzig angesiedelten Nachrichtenradio.

medienpolitik.net: Bei diesen multimedialen Veränderungen in anderen Sendern ist das mit Neubauten und Investitionen verbunden. Wie läuft das beim MDR ab?

Wolf-Dieter Jacobi: Die Investitionen, die hier getätigt werden, orientieren sich strikt an den neuen Strukturen. Aus diesem Grund werden in Halle Kapazitäten für eine Fernsehproduktion geschaffen. Am Standort in Leipzig integrieren wir die Produktion des Nachrichtenradios von „MDR Aktuell“. Es wird jedoch nur das investiert, was nötig ist und nicht mehr.

medienpolitik.net: Alle Nachrichtenredaktionen des MDR werden gegenwärtig unter „MDR Aktuell“ zusammengeführt. Welche Effekte bringt das dem Nutzer, welche dem MDR?

Wolf-Dieter Jacobi: Als ersten Effekt haben wir mit der Bildung des Online-Nachrichtenportals jene Inhalte zusammengeführt, die vorher an verschiedenen Stellen auf mdr.de zu finden waren. Das Nachrichtenportal bildet nun alles auf einer Seite ab, von aktuellen Themen bis hin zu umfangreichen Hintergrundinformationen aus Politik, Wirtschaft, Ratgeber und Service. Es wurden neue Arbeitsabläufe entwickelt, um die Inhalte aus Hörfunk und Fernsehen noch schneller ins Netz zu bekommen bzw. sie zuerst dort zu veröffentlichen. Mit der Umbenennung des Nachrichtenradios Anfang Mai und der Neuausrichtung des Nachrichtenportals haben wir „MDR Aktuell“ als die starke Nachrichtenmarke für Online, Hörfunk und Fernsehen im Sendegebiet positioniert. Und alle Maßnahmen sind auch mit der Erwartung verbunden, Synergien zu erschließen.

medienpolitik.net: Wieso wird dadurch das Online-Angebot des MDR besser?

Wolf-Dieter Jacobi: Durch die vernetzte Arbeitsweise haben wir die Chance, dass bereits bei der Themenplanung die Umsetzung für Online viel stärker berücksichtigt wird. Die Onlineinhalte können passgenau produziert werden. Auch die Crosspromotion bekommt durch die besseren Abstimmungsprozesse eine ganz neue Qualität.

medienpolitik.net: Aber werden dadurch nicht die Meinungsvielfalt reduziert und auch die medienspezifische Gestaltung der Inhalte ignoriert und uniform?

Wolf-Dieter Jacobi: Die Meinungsvielfalt wird gestärkt, weil die Inhalte, die bislang oft nur auf einem Verbreitungsweg angeboten wurden, jetzt auf allen Verbreitungswegen den Nutzern zur Verfügung stehen. Besonders stärken wir damit den Online-Bereich. Wir können mehr Inhalte anbieten, ohne mehr Mittel einsetzen zu müssen. Und ein wichtiger Teil des Konzepts ist und bleibt die medienspezifische Gestaltung. Wir haben unsere Strukturen so aufgebaut, dass unsere Spezialisten für Online, Hörfunk und Fernsehen ihre Stärken besser als je zuvor zur Geltung bringen können und zwar auf Augenhöhe.

medienpolitik.net: Die neue Redaktion „MDR Aktuell“ entsteht in Leipzig. Warum nicht z.B. in Erfurt, wo es Klagen über zu wenig MDR-Präsenz gibt?

Wolf-Dieter Jacobi: In Leipzig befindet sich der gesamte Fernsehproduktionskomplex. Dazu gehören nicht nur die Studios, Schnittplätze und Regietechnik, sondern auch die komplette Sendeabwicklung und sämtliche Leitungsanbindungen in die ARD. Ein solcher Produktionskomplex wird nicht nur für „MDR Aktuell“ benötigt, sondern auch für die großen Programmachsen am Nachmittag mit „MDR um 2“ und „MDR um 4“ sowie die politischen Magazine und die Ratgebersendungen im Hauptabendprogramm. Neben den Sendungen für das MDR Fernsehen produzieren wir von hier für „Das Erste“. In Leipzig entstehen beispielsweise „Brisant“, die Berichte aus dem Sendegebiet für Tagesschau und Tagesthemen sowie die umfangreichen Livestrecken für den Wintersport im „Ersten“. Man müsste also die komplette Fernsehzentrale in Erfurt neu bauen. Der MDR engagiert sich in Thüringen und hat in den letzten Jahren die Anzahl der Produktionen aus dem Freistaat erhöht. Dazu zählen die wöchentliche Serie „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“, die in Erfurt gedreht wird sowie der Tatort aus Weimar für „Das Erste“. Und es geht weiter. In diesem Jahr startet der MDR in Erfurt ein neues Schlagerradio für Mitteldeutschland auf DAB. Das neue Medienkompetenzangebot für den gesamten MDR entsteht ebenfalls in Thüringen.

medienpolitik.net: „MDR Aktuell“ gehört zu Ihrem Bereich als Fernsehdirektor. Bedeutet das, dass künftig – auch im Internet – das Bewegtbild die aktuelle Berichterstattung des MDR noch stärker dominieren wird?

Wolf-Dieter Jacobi: Ja, weil es die Nutzer erwarten und weil es unser Auftrag ist.

medienpolitik.net: Inwieweit ist auch der fiktionale TV-Bereich von der MDR-Vision-2017 betroffen?

Wolf-Dieter Jacobi: Unsere Fernsehfilme machen wir auch im Netz zum Event. Die Multimediareportage über den neuen Tatort Dresden hatte rund 280.000 Zugriffe und auf Facebook haben wir 1,5 Millionen Menschen erreicht. Beim Tatort Weimar waren es sogar 3,3 Millionen Facebook-Nutzer, allein die Social Media-Clips mit den Schauspielern wurden hier über 1 Million mal angesehen. Die Web-Doku „Nackt unter Wölfen“ ist von der ARD in diesem Jahr für den Prix Italia vorgeschlagen worden. Eine besonders große Fangemeinde hat „In aller Freundschaft“. Die Internetseiten und Social Media-Angebote sind der direkte Draht zur Community. Eine richtig große Familie eben, die mit den Serienfiguren und den Schauspielern Freud und Leid teilt.

medienpolitik.net: Sie haben mit TV-Filmen wie „Bornholmer Straße“, „Weissensee“ und „Nackt unter Wölfen“ viele Zuschauer erreicht. Dazu kommen ungewöhnliche Tatorte aus Weimar. Wie schafft es der MDR, als mittelgroße Anstalt, in so dichter Folge so gutes fiktionales Programm zu produzieren?

Wolf-Dieter Jacobi: Das hat damit zu tun, dass wir unter der Leitung von Jana Brandt eine exzellente Filmredaktion haben, die gemeinsam mit den besten Produzenten herausragende Stoffe entdeckt und gestaltet. Nicht zuletzt sind es auch Erfolge, die im Verbund mit der ARD-Gemeinschaft entstehen: „Bornholmer Straße“ hat der MDR gemeinsam mit der ARD-Degeto, dem RBB sowie Förderungen von MDM und dem Medienboard Berlin-Brandenburg produziert. „Weissensee“ entsteht in der ARD unter MDR-Federführung. Bei „Nackt unter Wölfen“ gab es eine Zusammenarbeit zwischen MDR, WDR, BR, SWR, ARDDegeto und den Filmförderern MDM und MBB. Solche Produktionen sind also nur mit starken Partnern möglich.

medienpolitik.net: Was ist an neuen Highlights bei Ihnen in Vorbereitung?

Wolf-Dieter Jacobi: Mit dem MDR/ORF-Drama „Die Stille danach“ hat im Oktober im „Im Ersten“ ein Fernsehfilm Premiere, der viele Menschen bewegen wird. Die Geschichte handelt vom Amoklauf eines Jungen und den tragischen Folgen. Ein Höhepunkt Anfang kommenden Jahres wird pünktlich zum 25. Jubiläum des MDR die Neugestaltung unseres Talkshow-Flaggschiffes „Riverboat“ sein. Auch das Reformationsjubiläum 2017 begleiten wir mit einem umfassenden Programmschwerpunkt. Derzeit laufen in Thüringen die Dreharbeiten für einen großen Fernsehfilm über die Geschichte von Katharina von Bora, der Frau Martin Luthers, der im Frühjahr im „Ersten“ zu sehen sein wird. Und der MDR gestaltet federführend die ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 07/16 erstveröffentlicht.

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