Rundfunk:

Boxenstopp für Free TV?

von am 19.09.2016 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Gastbeiträge, Internet, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>Boxenstopp für Free TV?
Dr. Jörg Ukrow, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des EMR, stellvertretender. Direktor der Landesmedienanstalt Saarland

Anmerkungen zum Formel-1-Erwerb durch Liberty Media

19.09.16 Von Dr. Jörg Ukrow, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des EMR, stellvertretender Direktor der Landesmedienanstalt Saarland

Der Kauf der Formel 1 durch Liberty Media steht nach Aussagen des Käufers unter einigen Vorbehalten. Erwähnung finden in der betreffenden Pressemitteilung Genehmigungen durch Kartell- und Wettbewerbsbehörden einiger Staaten. Die medienrechtliche Seite des Erwerbsvorgangs wird in den Pressemitteilungen nicht erwähnt, obwohl Liberty Media eines der großen globalen Medienunternehmen mit Beteiligungen an Fernsehsendern, Zeitungen und Filmstudios ist.

In Deutschland zählen der Kabelnetzbetreiber Unitymedia, der Verkaufs-Fernsehsender OVC und die Reiseplattform expedia.de zum Konzern. RTL, das die Formel 1 seit Jahren im Free TV überträgt, hat in einer ersten Stellungnahme zum Erwerb betont, dass man einen gültigen TV-Vertrag bis Ende 2017 habe und seit 25 Jahren ein verlässlicher Partner der Königsklasse sei. Der jetzt vollzogene Besitzerwechsel sei auch nicht der erste, den man im Laufe der Partnerschaft erlebt habe. Dies ist zutreffend, wirkt aber ein wenig wie das Pfeifen im Walde – oder, um in der Sportart zu bleiben, wie das Röhren der Motoren kurz vor der Einführungsrunde in ein Formel-1-Rennen. Auch in dieser Runde verändert sich die Aufstellung nicht. Ab dem Start ins Rennen sieht die Formel 1 anders aus. Viel spricht dafür, dass auch die Karten bei der medialen Aufbereitung eines Formel-1-Wochenendes neu gemischt wer-den. Die 4,4 Mrd. US-Dollar Erwerbskosten wollen refinanziert werden.

Die Paketierung eines Formel-1-Wochenendes in anderer Form als bislang könnte ein Baustein einer solchen Refinanzierungsstrategie sein. Dabei muss es allerdings mit Blick auf das mediale Engagement des Erwerbers nicht bleiben. Mit höheren Rechtekosten für die Übertragung von Sportrechten ging schon bislang regelmäßig ein zumindest teilweiser Übergang zu Pay-Strukturen für solchen Premium-Inhalt einher. Solche Pay-Strukturen liegen einem (auch) Kabelnetzbetreiber sozusagen im Blut.

Aber nicht nur für den Zuschauer könnten sich die Zeiten ändern. Der Formel-1-Erwerb könnte auch dafür genutzt werden, den Übertragungsweg Kabel im Wettbewerb der Rundfunk-Übertragungssysteme durch Exklusivität für das Produkt Formel 1 zu befördern. Ebenso könnte die bisherige Trennung zwischen Verantwortlichkeit für Rundfunk-Inhalt und Verantwortlichkeit für Rundfunk-Transport in Bezug auf Formel-1 entfallen. Eine weitere Schwächung unabhängiger Sport-Berichterstattung scheint naheliegend.

Auf alle damit verbundenen Risiken kennt weder das deutsche noch das europäische Medienrecht beim derzeitigen Stand seiner Entwicklung eine Antwort. Eine Free-TV-Garantie für Formel-1 ließe sich z.B. in Deutschland nur über eine Ergänzung der Liste gesellschaftlich relevanter Ereignisse erreichen. Kurzfristig erscheint eine solche Ergänzung trotz der Präsenz eines deutschen Teams und zweier deutscher Fahrer an der Spitze von Team- und Fahrerwertung der Formel 1 kaum erreichbar.

Strukturell zeigt auch der Erwerb der Formel 1 ein weiteres Mal auf, dass mit deutschen Medienregulierungen Vielfalt im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung kaum mehr angemessen gesichert werden kann. Um ein letztes Mal im Bild zu bleiben: Möglicherweise bedarf es für eine effektive Vielfaltssicherung im Zeichen neuer Medienakteure wie neuer Gefährdungssituationen eines Reifenwechsels: weg von den von alten Reifen einer Absage an Sicherung von Medienpluralismus durch die EU hin zu Medium-Reifen einer gemeinsamen nationalen wie europäischen Verantwortung für den Schutz der Meinungsvielfalt.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/16 erstveröffentlicht.

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