Rundfunk:

„Wir zahlen keine Unsummen“

von am 12.10.2016 in Allgemein, Archiv, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Wir zahlen keine Unsummen“
Axel Balkausky - ARD-Sportkoordinator. © ARD/Högner

ARD hofft weiter auf Rechte für Handball-WM und die Olympischen Spiele ab 2018

12.10.16 Interview mit Axel Balkausky, ARD-Sportkoordinator

Bei den Debatten über die Zukunft von ARD und ZDF wird gegenwärtig mehr über das Geld debattiert als über den Auftrag in einer sich wandelnden Gesellschaft und damit über Inhalte. Zu diesen Streitthemen über Kosten und Strukturen gehört an vorderster Stelle der Sport. Erst jüngst sorgten die Ausgaben für die Fußball-Bundesligarechte sowie die Honorare für Sportexperten für Aufregung.
Bei der ARD sollen Verträge für Sportexperten nun künftig mit der zuständigen Landesrundfunkanstalt abgeschlossen werden, nicht mehr mit den ARD-Tochterfirmen. Wenn die jeweilige Landesrundfunkanstalt, die für die Sportart oder das Sportereignis zuständig ist, eingeschaltet sei, würden auch deren Rundfunk- beziehungsweise Verwaltungsräte informiert und müssten gegebenenfalls mitentscheiden. Die ARD hat inzwischen den Verfassungsrechtler Paul Kirchhof beauftragt, um einzuschätzen, wie viel Transparenz die ARD in solchen Fragen braucht. Der ARD stehen für den Erwerb von Sportrechten von 2013 bis 2016 eine Milliarde Euro zur Verfügung. Fragen an den ARD-Sportexperten Axel Balkausky, ob weniger nicht auch genug wäre.

medienpolitik.net: Herr Balkausky, im Zusammenhang mit der Debatte um mögliche höhere Beiträge ab 2021 und der Arbeitsgruppe der Länder über strukturelle Veränderungen wird auch die Frage gestellt, ob 1 Mrd. Euro, die der ARD von 2013 bis 2016 für Sportrechte zur Verfügung stehen, gerechtfertigt und notwendig sind. Warum sind Sie das?

Axel Balkausky: Sportrechte kosten Geld und je bedeutender und interessanter ein Sportereignis für das deutsche Fernsehpublikum ist, desto teurer sind die Rechte. Doch die Sportberichterstattung ist Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrags, wie es auch das Bundesverfassungsgericht bestätigt hat, und so wird es auch bleiben. Aus diesem Grund ist der Erwerb von entsprechenden Rechten wichtig. Diese Rechte umfassen übrigens nicht nur großflächige Live-Übertragungen und regelmäßige Magazinsendungen des Sports, sondern werden auch für sämtliche Nachrichtensendungen und alle sonstigen Sendeformate in den ARD-Programmen genutzt. Die Rechte beinhalten die Verbreitung auf allen Plattformen und allen Verbreitungswegen im Internet. Der Erwerb von Sportrechten innerhalb der ARD unterliegt strikten Vorgaben und Kontrollen.
Dabei liegt ein Schwerpunkt des Sportrechteerwerbs auf der Vielfalt des Sports, gleichzeitig sind aber auch Übertragungen wichtig, mit denen Das Erste ein Massenpublikum erreichen und an sein Gesamtangebot heranführen kann. Mit der Berichterstattung über rund 50 Sportarten im Ersten unterstützt die ARD Vereine und Verbände bei der Erfüllung ihrer gesellschaftlichen Funktionen. Die Jugendabteilungen benötigen die Lizenzeinnahmen und medialen Plattformen, um ihrer Aufgabe nachzukommen, soziale Werte wie Fairness oder Kameradschaft zu vermitteln. Populäre Sportarten wie Fußball oder Biathlon hingegen schaffen ein Programmumfeld, von dem auch die kleineren Sportarten sowie deren Veranstalter profitieren. Darüber hinaus berichtet die ARD über Großereignisse und Wettbewerbe des Behindertensports.

medienpolitik.net: Die ARD hat dank Olympia im August einen höheren Marktanteil erreicht als Juli. Waren diese 0,9 Prozent den erheblichen finanziellen und personellen Aufwand wert?

Axel Balkausky: Die Olympischen Spiele sind immer attraktiv für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie bieten eine Vielfalt, die ihresgleichen sucht, und ist damit ein typisches Öffentlich-Rechtliches Programm. Bei der Berichterstattung geht es uns allerdings nicht darum, unseren Monats-Marktanteil um einen Prozentpunkt zu steigern, auch wenn es natürlich schön ist, dass unser Programm so viel Aufmerksamkeit und Interesse erregt. In erster Linie sehen wir es als Erfüllung unseres Informationsauftrags an, dieses Weltereignis, das ja auch gemäß Rundfunkstaatsvertrag zu den „Ereignissen von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung“ in Deutschland zählt, unseren Zuschauerinnen und Zuschauern unverschlüsselt und in hoher redaktioneller und technischer Qualität zur Verfügung zu stellen.

medienpolitik.net: Bei den jüngeren Zuschauern fiel die Begeisterung für Olympia deutlich geringer aus. Also muss Olympia künftig vielleicht nicht mehr in der Breite und Ausführlichkeit im Ersten gezeigt werden?

Axel Balkausky: Das Zuschauerinteresse in den jüngeren Segmenten ist bei den Übertragungen von Olympischen Spielen seit jeher etwas geringer als bei Fußball-Sendungen. Allerdings ist ein Marktanteil von 18,9 Prozent über die gesamten Übertragungen der Olympischen Spiele im Ersten in der Zuschauergruppe der 14- bis 49-Jährigen ein sehr gutes Ergebnis für unsere Sportübertragungen im Ersten. Sie müssen dabei immerhin bedenken, dass der Marktanteil des Gesamtprogramms in dieser Zuschauergruppe bei 6,6 Prozent (2015) liegt. Im Vergleich dazu sind die Übertragungen von den Olympischen Spielen regelrecht attraktiv für die junge Zielgruppe.
Darüber hinaus bieten wir die Sportübertragungen im Ersten nicht an, um nur eine bestimmte Zielgruppe an Zuschauerinnen und Zuschauern zu erreichen, sondern für die gesamte deutsche Bevölkerung und damit alle Beitragszahlerinnen und -zahler. Und in Deutschland ist nun einmal rund die Hälfte aller Einwohner über 50 Jahre alt.

medienpolitik.net: Es gab mehr als 1000 Stunden Livestreams im Internet, die auch von mehr Zuschauern als bei den letzten Spielen genutzt worden sind. Würde eine Online-Berichterstattung, verbunden mit einer ausführlichen nachrichtlichen Berichterstattung, wenn es die Rechte für die TV-Berichterstattung nicht mehr gibt, nicht ausreichen?

Axel Balkausky: Nein. Die gesamte Online-Berichterstattung ist für uns reine Begleitberichterstattung. Ohne die umfangreichen Fernsehübertragungen im Ersten und im ZDF würde es diese gar nicht geben, dies dürften wir aus rein rechtlichen Gründen gar nicht umsetzen.

medienpolitik.net: Bemerkenswert waren die zum Teil sehr hohen Einschaltquoten bei Sportarten, die außerhalb von Olympischen Spielen weniger Beachtung finden. In der ARD erzielten die besten Quoten die deutschen Beachvolleyballdamen. Sollte das nicht Konsequenzen generell für die Sportberichterstattung der ARD haben? Mehr Breite – weniger Spitzensport?

Axel Balkausky: Das Phänomen, dass im Rahmen der Übertragungen von Olympischen Spielen Sportarten für die Zuschauerinnen und Zuschauer interessant werden, die sonst keine große Aufmerksamkeit finden, gibt es immer wieder. 2016 waren es Bogenschießen und Beachvolleyball, 2012 war es beispielsweise Gewichtheben und ebenfalls Beachvolleyball. Diese sehr guten Einschaltquoten sind aber kein Hinweis darauf, dass Ereignisse in diesen Sportarten abseits von den Olympischen Spielen die Zuschauerinnen und Zuschauer interessieren. Beispiel Beachvolleyball. Schon im Rahmen der Übertragungen von den Olympischen Spielen in London 2012 waren die Beachvolleyball-Spiele hervorragend eingeschaltet – insbesondere natürlich der Tatsache geschuldet, dass auch 2012 ein Olympiasieg nach Deutschland ging (Männer, Brink/Rekermann).
Im Nachgang hat sich die ARD deshalb um einen Erwerb von Beachvolleyball-Liverechten bemüht und einige Übertragungen umgesetzt. Das Ergebnis war ein Zuschauerinteresse, das man nur als „zurückhaltend“ bezeichnen kann. 2014 wurden unsere Beachvolleyball-Übertragungen im Schnitt von 530.000 Zuschauern gesehen, das entsprach einem Marktanteil von 4,4 Prozent (Z3+). 2015 waren es immerhin 720.000 Zuschauer und 5,7 Prozent Markanteil (Z3+). Diese Zahlen sind natürlich nicht mit Einschaltquoten wie 8,55 Millionen beim Beachvolleyball-Halbfinale der Damen in Rio 2016 zu vergleichen.
Im Übrigen möchte ich noch etwas zu Ihrer Bemerkung – mehr Breitensport, weniger Spitzensport – sagen. Die ARD berichtet jährlich allein im Ersten über rund fünfzig verschiedene Sportarten, damit gehören wir hinsichtlich der Vielfalt zu den Spitzenreitern in Europa und der Welt für ein Gesamtprogramm. Gemeinsam mit den Dritten Programmen sind es übrigens weit mehr als hundert Sportarten, die die ARD im Jahr zeigt. Darunter sind viele Sportarten, die ohne die Öffentlich-Rechtlichen überhaupt nicht im deutschen Fernsehen gezeigt würden, wie Behindertensport und vieles mehr. Mehr kann ein Gesamtprogramm, in dem der Sport nur einen Sendeanteil von 7 bis 8 Prozent einnimmt, nicht leisten.

medienpolitik.net: Das Erste und das ZDF übertrugen im täglichen Wechsel jeweils acht Wettkampftage aus der brasilianischen Metropole. Beide Sender teilten sich das gemeinsame Studio im Olympic Park von Rio. Wie viel Geld hat die ARD dadurch gespart? Kann das ein Modell für alle sportlichen Großereignisse sein?

Axel Balkausky: Wir nutzen bei sportlichen Großereignissen, die wir gemeinsam mit dem ZDF übertragen, bereits so viele Synergien wie möglich, in erster Linie im Produktions- und technischen Bereich. Das ist nicht neu, sondern das haben wir bereits in den letzten Jahren bei vielen sportlichen Ereignissen so umgesetzt und es hat sich bewährt.

medienpolitik.net: Bis zum Beginn der Spiele und auch während der Wettkämpfe spielte das Doping-Thema eine wichtige Rolle, über das die ARD auch ausführlich berichtet hat. Warum waren Sie aber nicht so konsequent wie bei der Tour de France und haben die Berichterstattung reduziert?

Axel Balkausky: In unserer Sportberichterstattung spielt das Thema Doping, Anti-Doping-Kampf etc. seit vielen Jahren eine große Rolle. Unser Reporter Hajo Seppelt hat die Aufklärung und die öffentliche Diskussion um das massive Staatsdoping in Russland und alle damit zusammen hängenden Konsequenzen maßgeblich initiiert. Und gerade dieses Thema war ja das beherrschende im Vorfeld der Olympischen Spiele in Rio, insbesondere mit der Diskussion über die Entscheidung des IOC zur Teilnahme der russischen Athleten an den Spielen und vieles mehr. Der große Unterschied zur Tour de France ist allerdings, dass die ARD damals die Berichterstattung zunächst reduziert und dann beendet hat, weil das Zuschauerinteresse aufgrund des systematischen und massiven Dopings so stark gesunken war. Seitdem hat sich im Radsport viel verändert, und das hat sicherlich auch mit unserem Verhalten von damals zu tun.
Es wäre fatal und unseres Erachtens das falsche Signal, wenn man als TV-Berichterstatter aufgrund des Fehlverhaltens einer Nation die größte weltweite Sportveranstaltung, an der eine Vielzahl von Nationen in vielen verschiedenen Sportarten teilnehmen, abstrafen würde, indem man die Berichterstattung beendet. Deshalb haben wir bei den Olympischen Spielen weiterhin kritisch über die Thematik Doping/Russland berichtet, aber trotzdem die Wettkämpfe umfassend gezeigt. Im Rahmen einer aktuell durchgeführten Zuschauerstudie war übrigens ein Ergebnis, dass über zwei Drittel aller Zuschauerinnen und Zuschauer der Ansicht waren, dass das Thema Doping in der Berichterstattung von ARD und ZDF angemessen berücksichtigt wurde.

medienpolitik.net: Die ARD wird wohl die Rechte für die Handball-WM nicht erwerben. Die Olympiaberichterstattung ab 2018 ist fraglich. Warum fällt es ARD und ZDF anscheinend immer schwerer, die Rechte für sportliche Großereignisse zu erwerben?

Axel Balkausky: Sowohl hinsichtlich der Handball-WM als auch für die Olympischen Spiele 2018 bemühen wir uns nach wie vor um einen Rechteerwerb. Aus diesem Grund möchte ich mich dazu konkret nicht äußern. Für viele wichtige Ereignisse wie beispielsweise die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 liegen die Rechte aber ja noch bei ARD und ZDF. Doch es wird natürlich immer schwieriger, im Sportrechtemarkt zum Zug zu kommen, da es mittlerweile einige globale Player gibt, die es früher in dieser Ausprägung nicht gab wie bspw. Google oder auch Discovery. Der Gesamt-Etat der ARD für die Sportrechte ist gedeckelt und kann nicht einfach, wenn eine bestimmte Marktsituation sich plötzlich verändert, erhöht werden. Im Gegensatz zu manchen privaten TV-Sendern oder Unternehmen, die aus strategischen Gründen überhöhte und manchmal auch nicht marktgerechte Summen für Sportrechte bieten können, verfahren wir stets im Sinne unsere Beitragszahlerinnen und –zahler und nach den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit und der Sparsamkeit. Deshalb sind wir auch nicht bereit, nicht marktgerechte Unsummen für bestimmte Rechte zu zahlen.
Übrigens auch hier noch ein Ergebnis der aktuellen Zuschauerstudie zu den Übertragungen von den Olympischen Spielen bei ARD und ZDF: 80 Prozent aller Befragten wünschen sich weiterhin eine Berichterstattung von den Olympischen Spielen in den Öffentlich-Rechtlichen, nur 11 Prozent würden eine Berichterstattung von Eurosport bevorzugen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 10/16 erstveröffentlicht.

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