Rundfunk:

„Wir brauchen Qualität, Qualität und nochmals Qualität im Journalismus“

von am 09.11.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Wir brauchen Qualität, Qualität und nochmals Qualität im Journalismus“
ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz, Foto: ORF/Thomas Ramstorfer.

ORF entwickelt sich zu einem öffentlich-rechtlichen Multimedia-Dienstleister für Österreich

09.11.16 Interview mit Dr. Alexander Wrabetz, Intendant des ORF

Der ORF wird der von der österreichischen Nachrichtenagentur APA geplanten „Austria Videoplattform“ als Content-Provider für Bewegtbildinhalte beziehungsweise Videocontent eigenproduzierte TV-Nachrichtenbeiträge zur Verfügung stellen. Voraussichtlicher Starttermin ist der 1. Januar 2017. Die angebotenen Inhalte können von Lizenznehmern wie etwa Betreibern von Online-Auftritten von Printmedien unverändert in ihre Websites eingebunden werden.
Die neue Videoplattform der APA ist als Drehscheibe zwischen Content-Providern wie dem ORF und sogenannten Inventar-Providern Online-Medien konzipiert, um eine direkte Einbindung von Videos der Content-Provider auf den journalistischen Websites anderer Medienunternehmen zu ermöglichen. Die APA als Betreiberin wird die für die Plattform notwendigen Tätigkeiten koordinieren, die entsprechenden Vereinbarungen schließen und für die technische Infrastruktur sorgen. Die Videos werden zentral von der APA mit externen Partnern vermarktet, wobei sowohl Content- als auch Inventar-Provider an den Vermarktungserlösen beteiligt werden. Jährlich sollen so bis zu 40.000 Videobeiträge des ORF auf der Videoplattform landen.

medienpolitik.net: Herr Wrabetz, bei den jüngsten Österreichischen Medientagen spielte die Sicherung der Medienvielfalt und die Rolle globaler Informationsplattformen eine wichtige Rolle. Sie sprachen dabei von einer „fünften Macht“. Wo sehen Sie vor allem die Bedrohung für die Demokratie?

Dr. Alexander Wrabetz: Ich plädiere für aufmerksame Gelassenheit. Die Demokratie sehe ich aktuell nicht bedroht. Aber es gibt große Herausforderungen, denen wir uns als gefestigte demokratische Gesellschaften selbstbewusst stellen müssen. Eine davon ist die Sicherung von unabhängiger und objektiver Information, die den Bürgerinnen und Bürger eine Teilnahme am demokratischen Diskurs ermöglicht. Das ist eine der Kernaufgaben der Öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen. Schließlich wurden sie unter anderem zu diesem Zweck eingerichtet. Aber auch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Printbereich sind hier gefordert.

medienpolitik.net: Wie kann man den Einfluss auf die Meinungsbildung, die von diesen Plattformen und teilweise sozialen Medien ausgeht, begrenzen oder zurückdrängen?

Dr. Alexander Wrabetz: Dazu brauchen wir zum einen Qualität, Qualität und nochmals Qualität im Journalismus. Das Verlangen danach ist größer denn je. Das sehen wir in Österreich zum Beispiel an den Rekordreichweiten, die die ORF-Informationssendungen in Radio und Fernsehen bei Krisenfällen erreichen, und am enormen Userzuwachs für unser Online-Newsportal ORF.at, dem unumstrittenen Marktführer in seinem Bereich. Es geht um Recherche, Faktenorientierung und Sachlichkeit, die unsere Journalisten dem Info-Noise aus den Sozialen Netzwerken entgegensetzen. Nur so können wir nachhaltig dem „Lügenpresse“-Vorwurf begegnen. Zum anderen benötigen die Öffentlich-rechtlichen auch den geeigneten gesetzlichen Spielraum, um ihre Angebote auf den neuen Plattformen zu verbreiten. Das ist vor allem bei uns in Österreich ein Thema, aber natürlich auch auf europäischer Ebene. Denn der beste Journalismus ist nutzlos, wenn er sein Publikum nicht erreicht. Das sei auch all jenen ins Stammbuch geschrieben, die die Öffentlich-rechtlichen immer zu Nischenanbietern reduzieren wollen. Das ist natürlich Unsinn. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk braucht eine massenhafte Basis, sonst erfüllt er seine Funktionen nicht.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die weitere Entwicklung des ORF?

Dr. Alexander Wrabetz: Wir haben zwei Dinge auf der Agenda: Erstens setzen wir konsequent den Weg fort, den wir mit unserer Unternehmensstrategie „ORF 2020“ eingeschlagen haben und entwickeln den ORF zu einem öffentlich -rechtlichen Multimedia-Dienstleister für Österreich. Es freut mich, dass mir der ORF-Stiftungsrat diesen Sommer das Vertrauen ausgesprochen hat, das Unternehmen auf diesem Weg weitere fünf Jahre zu führen.
Und wir müssen zweitens das große Vertrauen nutzen, das der ORF nach wie vor bei seinem Publikum genießt. So können wir etliche zurück gewinnen, die nicht mehr davon überzeugt sind, dass im Zeitalter von Google, Youtube, Facebook, Netflix und Co. überhaupt noch Öffentlich-Rechtliche notwendig sind. Eine öffentlich-rechtliche Medieninfrastruktur ist für eine funktionierende demokratische Gesellschaft genauso wichtig wie ein funktionierendes Bildungs-, Gesundheits- oder Verkehrssystem. Davon bin ich tief überzeugt.

medienpolitik.net: Der Österreichische Medienminister Thomas Drozda hat vorgeschlagen, die Werbeabgabe auch auf internationale Plattformen auszudehnen und mit dem Gewinn die Presseförderung auszubauen. Sie haben sich dabei eher skeptisch gezeigt. Warum?

Dr. Alexander Wrabetz: Zunächst finde ich es richtig, wie Herr Minister Drozda ohne Zögern an die großen offenen Fragen herangeht. Nur so erzielen wir Lösungen. In der Sache selbst halte ich fest, dass die angesprochene Werbeabgabe ein österreichisches Unikum ist, das den gesamten Werbemarkt belastet. Aber wenn es sie schon gibt, dann sollen sie auch alle bezahlen. Diesen Ansatz finde ich gerecht. Wenn es hilft, mehr Chancengleichheit im Wettbewerb mit den Netzgiganten aus dem Silicon Valley herzustellen, soll es mir recht sein.

medienpolitik.net: Der Medienminister stellt anscheinend auch die Bundesländerabgabe von den ORF-Gebühren infrage. Was würden Sie gewinnen, wenn diese abgeschafft werden würde?

Dr. Alexander Wrabetz: Dazu Folgendes: Der ORF erhält nur rund zwei Drittel von jenen Mitteln, die in Österreich unter dem Titel „Rundfunkgebühr“ eingehoben werden. Der Rest geht in Form unterschiedlicher Abgaben an Bund und Länder. Der ORF würde durch die angesprochene Maßnahme zwar wirtschaftlich nichts gewinnen, aber sie brächte mehr Transparenz. Derzeit bezahlen die österreichischen Gebührenhaushalte im Schnitt 23,30 Euro im Monat, der ORF erhält davon aber nur 16,16 Euro.

medienpolitik.net: Wofür würden Sie, wenn es in Ihrer Verantwortung wäre, dieses Geld einsetzen?

Dr. Alexander Wrabetz: Eines ist klar. Der ORF-Beitrag muss bei allfälligen Änderungen unangetastet und ungeteilt bleiben. Das sage ich deutlich in Richtung aller Trittbrettfahrer von kommerzieller Seite, die sich ein monetäres Zubrot bei gleichzeitiger Schwächung des Konkurrenten ORF erhoffen. Darüber hinaus gehende Änderungen bei der Presseförderung sind Angelegenheit des Gesetzgebers, die ich nicht kommentiere. Als Staatsbürger halte ich eine nachhaltigere Förderung für Printmedien aber für ausgesprochen wichtig.

medienpolitik.net: Die Nachrichtenagentur APA startet eine „Austria Videoplattform“ an der sich der ORF beteiligt. Warum? Sie könnten das Geschäft mit News-Informationen doch auch ohne eine solche Plattform machen?

Dr. Alexander Wrabetz: Hier geht es aus ORF-Sicht weniger um ein Geschäftsmodell als um eine erste gemeinsame strategische Initiative heimischer Medienhäuser zur Stärkung des heimischen Medienstandorts. Schließlich stehen wir alle im stetig wachsenden Wettbewerb mit Google, Facebook und Co. Der Bedarf an Bewegtbild steigt ungebrochen.

medienpolitik.net: Welche Inhalte liefern Sie zu?

Dr. Alexander Wrabetz: Der ORF stellt eigenproduzierte TV-Nachrichtenbeiträge zur Verfügung, die inhaltlich selbstverständlich nicht bearbeitet werden dürfen.

medienpolitik.net: In der Pressemeldung ist von „professionellen Videoaustausch innerhalb der gesamten heimischen Medienbranche“ die Rede. Bedeutet das, dass die Online-Seiten von Zeitungen Ihre Videos kostenlos einstellen können?

Dr. Alexander Wrabetz: Die APA vermarktet den Video-Content zentral, die Content-Lieferanten und die Plattform-Provider werden daran beteiligt. Die Erträge stehen jedoch für den ORF, wie gesagt, bei diesem Projekt nicht im Vordergrund. Der Aufwand muss natürlich muss gedeckt sein. Der ORF kann seine Inhalte nicht verschenken.

medienpolitik.net: Werden Sie auch Videos von den anderen Partnern der Plattform übernehmen?

Dr. Alexander Wrabetz: Die Rolle des ORF und auch eine seiner zentralen Stärken als öffentlich-rechtliches Medienunternehmen ist die des Content-Lieferanten. Wir planen nicht, Video-Content von anderen Partnern zu übernehmen.

medienpolitik.net: Kollidiert diese Plattform nicht mit Ihren Vorschriften über die Verweildauer von Beiträgen in der Mediathek?

Dr. Alexander Wrabetz: Nein. Denn die Inhalte des ORF werden auf der APA-Plattform so lange verfügbar sein, wie es auch in der ORF-TVthek erlaubt ist. Das sind derzeit sieben Tage ab Ausstrahlung.

medienpolitik.net: Ist die Beteiligung an die APA-Plattform, die APA ist ja eine Einrichtung der österreichischen Presse, eine Goodwill-Geste an die Zeitungsverlage für eine engere Zusammenarbeit?

Dr. Alexander Wrabetz: Es geht um eine langfristige strategische Zusammenarbeit. Der ORF ist ja selbst Gesellschafter der APA. Die Plattform bringt Content-Produzenten und Betreiber von Newsportalen zusammen, damit sie gemeinsam dem wachsenden Interesse des Publikums an Bewegtbild-Inhalten besser gerecht werden.

medienpolitik.net: Wo würden Sie weitere Felder für eine Zusammenarbeit mit den Zeitungsverlagen sehen?

Dr. Alexander Wrabetz: Wie viel Zeit haben wir? Nein, im Ernst: In Österreich ist es – zum Beispiel bei den von Ihnen eingangs angesprochenen Medientagen – schon fast ein Running Gag, das alle immer besonders betonen, wie wichtig eine stärkere Zusammenarbeit doch wäre. Und dann passiert doch nichts. Dabei wäre eine größere Geschlossenheit vorteilhaft für die gesamte Branche, weil Digitalisierung und die Konkurrenz der Netzgiganten die klassischen Geschäftsmodelle zunehmend unter Druck setzen. Nun scheint aber sowohl auf gesetzgeberischer Seite – Sie haben etwa den Vorstoß von Minister Drozda angesprochen – und seitens der österreichischen Medienunternehmen etwas in Bewegung zu kommen – siehe das APA-Projekt. Ich bin also vorsichtig optimistisch…

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 11/16 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen