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„Selbstverständlich wird es einen 2000. ‘Tatort‘ geben“

von am 02.11.2016 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Selbstverständlich wird es einen 2000. ‘Tatort‘ geben“
Prof. Gebhard Henke Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm. ©WDR/Herby Sachs.

Älteste Krimireihe im deutschen Fernsehen: 1.000 „Tatort“-Folgen in 46 Jahren

02.11.16 Interview mit Prof. Gebhard Henke, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie des WDR und ARD – „Tatort“-Koordinator

Am Sonntag, den 13. November 2016, läuft der 1000. „Tatort“ im Ersten der ARD. Mit der 1.000. Episode erinnert der Jubiläums-„Tatort“ „Taxi nach Leipzig“ (NDR) im Titel an seinen Anfang und erzählt zugleich eine aktuelle und spannende Geschichte. Auch nach 46 Jahren hat der „Tatort“ nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Durchschnittlich knapp zehn Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sehen die jährlich bis zu 40 neuen Kriminalfälle. Damit ist der „Tatort“ nicht nur die älteste, sondern auch die erfolgreichste und beliebteste Krimireihe im deutschen Fernsehen.

medienpolitik.net: Herr Henke, der „Tatort“ wurde um das Jahr 1970 herum im WDR erfunden. Lässt sich noch rekonstruieren, wie diese Idee entstand?

Prof. Gebhard Henke: Mein Vorgänger, der Leiter des Fernsehspiels Gunther Witte, hat die Idee zum „Tatort“ bei einem Spaziergang am Kölner Decksteiner Weiher mit seinem damaligen Chef, dem legendären Günter Rohrbach, entwickelt.

medienpolitik.net: Ab wann war klar, dass es sich um eine langlaufende Reihe handeln wird?

Prof. Gebhard Henke: Herr Witte war nach der skeptischen Reaktion der anderen Fernsehspielchefs zunächst nicht sicher, ob sich die Idee auf Dauer als Reihe verwirklichen lassen werde. Aber nach ein paar Jahren war deutlich, wie attraktiv diese Reihe ist. Sie müssen bedenken, dass damals nicht mehr als ein „Tatort“ pro Monat produziert und gesendet worden ist. Auch bis weit in die 80er Jahre kam er nicht öfter als 2 x im Monat.

medienpolitik.net: Wie wurde der „Tatort“ dann zu einer ARD-Gemeinschaftsproduktion?

Prof. Gebhard Henke: Es war von Anfang an klar, dass dieses Konzept darauf beruht, dass die Fernsehspiel-Redaktionen der verschiedenen Landesrundfunkanstalten aus ihrem Sendegebiet eigene Krimis entwickeln und für diesen Sonntags-Termin zuliefern werden.

medienpolitik.net: Was war das Neue am „Tatort“?

Prof. Gebhard Henke: Der ARD-„Tatort“ ist als Gegen-Stück zum ZDF-Krimi „Der Kommissar“ entwickelt worden. Neu war, dass die föderale ARD-Struktur positiv für diesen regionalen Reihen-Gedanken genutzt worden ist. Die Einheitlichkeit und zugleich die Unterschiedlichkeit waren somit im Schöpfungsakt verankert.

medienpolitik.net: Jetzt wurde der 1000. „Tatort“ vorgestellt. Was unterscheidet das „Taxi nach Leipzig“ 1970 vom „Taxi nach Leipzig“ 2016 – nicht inhaltlich, sondern stilistisch, vom Aufbau?

Prof. Gebhard Henke: Wenn Sie die ersten „Tatorte“ mit den heutigen vergleichen, so werden Sie feststellen, dass es viel mehr Einstellungen, Schnitte, aufwendigere Bildästhetik und Soundebenen gibt. Der „Tatort“ hat – wie die internationale Entwicklung des Fernsehens und Kinofilms – mitgehalten. Zudem hat der 1000. „Tatort“ eine ganz besondere Dramaturgie, aber das zeichnet den „Tatort“ in den letzten Jahren ja auch aus, dass immer wieder kontrollierte Regelverstöße und Experimente gemacht werden.

Promediamedienpolitik.net: Wie haben sich die Produktionsbedingungen für den „Tatort“ in 45 Jahren verändert? Wie lange dauert heute im Schnitt eine „Tatort“-Produktion, wie lange war es 1970?

Prof. Gebhard Henke: Die Zeit reicht leider nicht aus, um dieses gründlich zu recherchieren. Es existierten natürlich mehr Dreh- und Schnitttage als heute. Ende der 70er Jahre noch bis zu 28 Drehtage. Wie an anderer Stelle in Arbeitsprozessen auch gibt es heute verdichtetere Arbeitsprozesse. Die Entwicklung der digitalen Technik, etc. macht es auch möglich, in kürzerer Zeit mehr an Aufwand und Bildästhetik zu liefern.

medienpolitik.net: Welcher mengenmäßige Schlüssel existiert für die „Tatorte“?

Prof. Gebhard Henke: Die ARD-Sender haben für jeden Sendeplatz gemessen an ihrer Größe ein vorgegebenes Mengengerüst. Große Sender wie der WDR, der SWR und der NDR haben sogar mehrere „Tatort“ und „Polizeiruf“-Teams. Manche haben weniger Teams, die mehr Folgen pro Jahr und manche mehrere Teams, die wenige Folgen pro Jahr produzieren.

medienpolitik.net: Existieren eigentlich Vorgaben, Grundsätze und Leitlinien für einen „Tatort“, an die sich alle Produzenten halten müssen?

Prof. Gebhard Henke: Vom „Tatort“ -Erfinder gab es ein legendäres und leider verschollenes Grundsatz-Papier, in dem z.B. Rückblenden verboten wurden und festgehalten wurde, dass es sich grundsätzlich um einen Ermittler-Krimi zu handeln habe, in dem am Anfang das Verbrechen schnell etabliert und auch die Ermittler rasch in Szene gesetzt werden. Bis heute gilt, dass es sich um spannende und exzellente Krimis handeln soll. Offenbar ist ja das Krimi-Genre in seinen Ausprägungen und Formen unendlich erweiterbar.

medienpolitik.net: Sie koordinieren die „Tatorte“. Wie autonom sind die Sender bei der Auswahl der Kommissare und bei der inhaltlichen Ausrichtung?

Prof. Gebhard Henke: Die Sender konzipieren und produzieren ihre „Tatort“ -Teams und „Tatort“ -Folgen in großer Autonomie. Die Planung achtet darauf, dass der Rhythmus und die Abwechslung und die Auswahl und Koordination der Themen für den Zuschauer möglichst erfreulich und abwechslungsreich ist. Die Alltagszwänge sind allerdings so, dass man in der Regel in erster Linie nach Fertigstellung der Filme programmieren muss.

medienpolitik.net: Haben Sie eigentlich ein Vetorecht?

Prof. Gebhard Henke: Nein. Formal verantwortlich ist die jeweilige Landesrundfunkanstalt, der Programmdirektor der ARD und der Direktor des WDR, der als Fernsehfilm-Koordinator fungiert, könnten theoretisch eine Ausstrahlung eines Films im ersten Programm verhindern. Der „Tatort-Koordinator“ ist Mitglied des „Tatort“ -Markenboards, das über den Schutz der Marke „Tatort“ in allen Verwendungsformen wacht. Zudem agiert er als Sprecher in den „Tatort“ -Fragen.

medienpolitik.net: Warum schätzen die Zuschauer die „Tatorte“ heute?

Prof. Gebhard Henke: Die große Unterschiedlichkeit, die Themen-Vielfalt, die exzellenten Schauspieler und vielen neuen Ideen haben dazu geführt, dass sich insbesondere am Sonntagabend ein großer Kult um den „Tatort“ entwickelt hat.

medienpolitik.net: Interessieren sich auch jüngere Zuschauer für den „Tatort“?

Prof. Gebhard Henke: Ja. Begonnen hat das meiner Beobachtung nach mit dem „Tatort“ aus Münster, der durch seine Comedy- Elemente insbesondere jüngere Zuschauer angezogen hat. Soziologen haben festgestellt, dass das public viewing bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 und EM 2008 dazu geführt hat, dass jüngere Zuschauer öfter solche gemeinsamen public viewing-Erlebnisse haben wollen. Dieses Verlangen hat sich generell auf die „Tatort“ am Sonntagabend ausgeweitet.

medienpolitik.net: „Tatorte“ werden auch vom ORF und SRF produziert. Wie spezifisch – bezogen auf die jeweiligen regionalen Besonderheiten „dürfen“ diese „Tatorte“ sein?

Prof. Gebhard Henke: Wir erwarten, dass die „Tatorte“ aus Österreich und der Schweiz unseren Standards entsprechen und natürlich eine besondere Tonalität durch den Spielort und den Dialekt in die „Tatort“ Familie einbringen.

medienpolitik.net: Wird es einen 2.000. „Tatort“ geben?

Prof. Gebhard Henke: Selbstverständlich wird es einen 2000. „Tatort“ geben. Er wird dann die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft und die Film- und Fernsehkunst widerspiegeln.

medienpolitik.net: Wie multimedial ist der „Tatort“ heute?

Prof. Gebhard Henke: Die Begleitung des „Tatortes“ im Netz hat sich auf Twitter ständig weiterentwickelt. Es gibt und gab Verlängerungen des „Tatortes“ im Netz mit einem Quiz oder der demnächst startenden „Tatort“ -Show des jungen Angebotes. Dazu zähle ich auch die Idee, einen „Tatort“ eventuell live zu produzieren oder eine Folge mit den Schauspielern zu improvisieren.

medienpolitik.net: Wie sehr ist der „Tatort“ international gefragt?

Prof. Gebhard Henke: Die „Tatorte“ werden insbesondere in den europäischen Nachbarstaaten, zum Teil auch synchronisiert wie in Italien und auch Frankreich, gezeigt. Allerdings ohne unseren legendären Vorspann, da Zuschauer in anderen Nationen nur etwas für sie Befremdliches aus den 70er Jahren erkennen und unsere emotionale Anbindung, die seit Beginn der 70er Jahre entstanden ist, an diesen Kult-Vorspann überhaupt nicht nachvollziehen können.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 11/16 erstveröffentlicht.

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