Filmwirtschaft:

„Es ist problematisch, zwischen zwei Stühlen zu sitzen“

von am 05.12.2016 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Filmwirtschaft:</h4> „Es ist problematisch, zwischen zwei Stühlen zu sitzen“
Arno Ortmair, geschäftsführender Gesellschafter Film-Line GmbH und Vorstand des Verbandes Deutscher Filmproduzenten e.V. (VDFP)

Produzenten sind gegen eine Ausdehnung der Mediatheken-Einstellfristen

05.12.2016 Interview mit Arno Ortmair, geschäftsführender Gesellschafter Film-Line GmbH und Vorstand des Verbandes Deutscher Filmproduzenten e.V. (VDFP)

Der Deutsche Bundestag hat den Entwurf für das neue Filmförderungsgesetz (FFG) beschlossen. Mit dem novellierten FFG wird die Förderung gebündelt und die Gremien werden verschlankt. So sollen künstlerische Ideen und wirtschaftliche Wagnisse deutscher Filmemacher, wie etwa „Toni Erdmann“ von Maren Ade, auch in Zukunft möglich sein. Gefördert werden zwar weniger Filme, erfolgsversprechende Vorhaben bekommen aber mehr Geld. Erhöht werden auch die Mittel für den Drehbuchbereich, als Spitzenförderung wird eine Drehbuchfortentwicklungsförderung eingeführt.

Zum novellierten FFG-Gesetz, zur Entwicklung der Förderung in Deutschland sowie über das Verhältnis zum Fernsehen, Fragen Arno Ortmair, Vorstand des Verbandes Deutscher Filmproduzenten e.V. (VDFP). Der VDFP wurde 1966 als „Verband Deutscher Spielfilmproduzenten“ gegründet und hat heute 110 Produzenten als Mitglieder, darunter 70 Spielfilmproduzenten.

medienpolitik.net: Herr Ortmair, das novellierte FFG tritt am 1. Januar 2017 in Kraft. Mit dem FFG erfolgt wieder eine stärkere Fokussierung auf die Filmproduktion, die Drehbuchförderung wird gestärkt und der Kreis der Einzahler wird erweitert. Damit müssten Sie doch eigentlich zufrieden sein?

Arno Ortmair: Es erfolgt zwar eine Fokussierung auf die Filmproduktion, aber nicht so sehr auf die Produzenten, wie wir es erhofft hatten. Über die Drehbuchförderung sind wir sehr froh. Wir begrüßen natürlich auch, dass der Kreis der Einzahler erweitert wird, da mehr Geld für die Förderung benötigt wird. Gleichzeitig müssen wir bedenken, dass im DVD-Bereich die Einnahmen stark zurück gehen werden.

medienpolitik.net: Mit VoD will man doch aber auf Grund neuer Plattformen mehr verdienen?

Arno Ortmair: VoD wird aber so schnell nicht das ausgleichen, was bei der DVD verloren geht. Der DVD – Verkauf ist nur noch in Deutschland relativ stark. So ist es in keinem anderen Land. Aber auch in Deutschland geht der DVD – Verkauf kontinuierlich zurück. Und er wird meiner Meinung nach, so wie in anderen Ländern auch, drastischer zurück gehen.

medienpolitik.net: Die Produzenten hatten einen Erlöskorridor gefordert, bei dem sie von den Einnahmen von Beginn an einen kleinen Anteil erhalten. Das wird wohl nicht kommen. Was hätte er Ihnen gebracht?

Arno Ortmair: Das Problem besteht darin, dass alle von den Produzenten erfolgreiche Filme fordern, gleichzeitig ist er wirtschaftlich gesehen das schwächste Glied in der Kette und trägt das größte Risiko. Der Erlöskorridor wurde gefordert, weil die Produzenten beim Erlösrückfluss in der schlechtesten Position sind. Auch bei Filmen, die über 500.000 Zuschauer, manchmal sogar über eine Million Zuschauer haben, sieht der Produzent erst einmal sehr wenig Geld, da zuerst die Marketing und Verleih- Kosten rekuperiert werden, so dass bei den Produzenten sehr wenig bis nichts ankommt. Dadurch wird der Produzent in seiner Investitionskraft geschwächt, er hat weniger Möglichkeiten neue interessante Projekte aus eigener Kraft heraus zu entwickeln. Mit dem Korridor wären die Produzenten unmittelbarer am Gewinn beteiligt und könnten dieses Eigenkapital in neue Projekte investieren. Auch weitere Ideen zur Stärkung der Kapitalkraft der Produzenten wurden in der FFG-Novelle nicht aufgegriffen.

medienpolitik.net: Welche zum Beispiel?

Arno Ortmair: Unter anderem wurde gefordert, dass eine Angleichung der Handlungskosten und des Producers Fee an internationales Niveau erfolgen soll. Wir liegen in Deutschland weit hinter dem Rest Europas. Gleichzeitig hatten wir gefordert, dass ein Teil der Herausbringungskosten in das Budget eingestellt werden dürfen. Das hätte die Position der Produzenten deutlich gestärkt.

medienpolitik.net: Sie hatten auch gefordert, dass die relativ festen Auswertungsfenster verändert werden sollen. Darauf hatten vor allem größere Produzenten gedrängt. Das wird voraussichtlich auch nicht kommen, da die Kinos dagegen waren. Hätten davon auch die kleineren Produzenten profitiert?

Arno Ortmair: Das ist nicht so leicht zu beantworten. In jedem Falle wünschen wir uns eine größere Flexibilität, um Auswertungsmodelle für den sich durch die Digitalisierung sehr stark ändernden Markt zu finden. Gleichzeitig wissen wir, dass es zum jetzigen Zeitpunkt für die Kinos ein Problem wäre, bei einem kürzeren Fenster die Filme wirtschaftlich zu vermarkten.

medienpolitik.net: Die FFA will mehr Spitzenfilme fördern, die auch mehr Zuschauer erreichen sollen. Dafür wurde die kulturelle Filmförderung deutlich aufgestockt. Können Sie mit dieser Arbeitsteilung leben?

Arno Ortmair: Aus unserer Sicht hätte man idealer Weise die Kapitalkraft der FFA um diese Beträge gestärkt. Es ist immer problematisch zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Wenn die FFA verstärkt größere kommerzielle Filme fördern soll und das BKM die künstlerisch wertvollen Filme, dann weiß man momentan nicht genau, wer die kommerziellen, aber relativ klein budgetierten Filme fördert. Es besteht die Gefahr, dass einige Filme zwischen die Stühle fallen.

medienpolitik.net: Nun haben Sie aber auch noch die Länderförderer, denen im Jahr rund 150 bis 160 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Auch sie fördern in stärkerem Maße „kleine“ Filme. Ist das nicht ausreichend, sodass sich die FFA auf Spitzenförderung konzentrieren kann?

Arno Ortmair: Wir haben ein sehr komplexes Fördergeflecht. Den Länderförderern kommt darin eine wesentliche Funktion zu und sie fördern auch kleinere Filme. Die Tendenz ist aber auch bei vielen Länderförderern erkennbar, dass sie immer mehr erfolgreiche und größere Filme fördern möchten. Aufgrund der EU-Richtlinien muss ein geförderter Film aber auch Kulturgut sein. Es besteht also die Gefahr, dass die Förderungen die vor allem das Wirtschaftsgut darin sehen, möglicherweise nicht mehr genehmigt werden, weil sie gegen die EU Richtlinien verstoßen. Ein weiteres Problem besteht in der Förderung von anspruchsvollen Arthouse-Filmen mit über 5 Mio. Budget. Natürlich begrüßen wir grundsätzlich sehr, dass Frau Grütters die kulturelle Filmförderung deutlich ausgebaut hat, aber die Verwendung der Mittel muss noch besser definiert und vermittelt werden. Ein Beispiel: Wir befinden uns gerade in einer internationalen, aufwendigen Produktion mit dem Titel „Berlin I Love You“. Dieser Film kostet über acht Millionen Euro. Es sind 20 internationale Künstler beteiligt, deren Erlebnisse in 10 Episoden zusammengefasst werden. Vom Budget her gesehen wäre die FFA zuständig. Da aber internationale Künstler wie Ai Weiwei dabei sind und der kulturelle Anspruch sehr hoch, könnte es auch ein Film für das BKM sein. Für das BKM ist wiederum das Budget zu hoch, weil die Obergrenze 5 Millionen Euro beträgt. Es ist gut, dass es die beiden Förderungen gibt. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, dass die FFA die größeren Filme fördern möchte. Aber es dürfen natürlich keine grundsätzlich förderungsfähigen Filme zwischen die Stühle fallen.

medienpolitik.net: Man hört von einigen Produzenten, dass sie die Abhängigkeit vom Fernsehen nicht gut finden. Ist nach Ihrer Meinung die Abhängigkeit vom Fernsehen zu groß, oder sind Sie eher froh über eine gewisse „Abhängigkeit“?

Arno Ortmair: Das Fernsehen spielt eine ganz wichtige Rolle für den deutschen Kinofilm. Es ist ein wesentlicher Finanzierungspartner. Gleichzeitig beeinflusst das Fernsehen aber auch den Kinofilm weil es natürlich insbesondere daran interessiert ist, Filme zu unterstützen, die Primetime-tauglich sind. Der Kinofilm definiert sich aber nicht nur dadurch, dass er im Kino gezeigt wird, sondern auch durch seinen Stil und sein Format. Er wird bewusst oder auch unbewusst sehr stark davon beeinflusst, ob er um 20.15 Uhr im TV gezeigt werden kann.

medienpolitik.net: Sie fordern von ARD und ZDF einen wöchentlich festen Sendeplatz für deutsche Filme. Das sind hochgerechnet für beide Sender über 100 Filme im Jahr. Gibt es so viele gute deutsche Filme, die in der Hauptsendezeit bei ARD und ZDF laufen könnten?

Arno Ortmair: Die deutschen Produzenten haben zu wenig Kapital, um ihre Filme ausreichend zu promoten. Deshalb muss sich das Fernsehen mehr der Aufgabe stellen, den deutschen Kinofilm zu verbreiten und damit natürlich auch für ihn zu werben. Es macht keinen Sinn, dass das Fernsehen einerseits finanzielle Mittel für die Förderung aufbringt, um Kinofilme zu produzieren und andererseits diese Filme dann zwischen amerikanischen Serien oder um Mitternacht sendet. Es ist mir unverständlich, denn die Fernsehsender haben Unmengen von Filmen in ihren Archiven, die es wert wären, dass sie das Fernsehen besser behandelt und dem Zuschauer näher bringt. Wir möchten, dass der deutsche Kinofilm in seiner ganzen Breite dem TV-Zuschauer präsentiert wird. Dazu kommen wir nur, wenn die öffentlich rechtlichen Anstalten einen festen Sendeplatz an einem bestimmten Tag in der Woche frei räumen, etwa in der Second Primetime. Wir denken, dass sich damit eine breitere Klientel für den Kinofilm im Fernsehen und im Kino erschließen lässt. Das würde das Ansehen des deutschen Kinofilms stärken und auch den Wert der Kinofilme in Kinobibliotheken der TV-Sender erhöhen sowie dem Image der öffentlich rechtlichen Sendern als erster Partner des deutschen Kinofilms gut tun.

medienpolitik.net: Das heißt, es geht Ihnen nicht darum, dass nur aktuelle kommerzielle Filme in der Primetime gezeigt werden, sondern das mehr deutsche Kinofilme aus dem Gesamtrepertoire an einem festen Sendeplatz gezeigt werden?

Arno Ortmair: Ja, es wären zum Teil sicher Wiederholungen, aber man könnte mit den bereits vorhandenen Filmen auch Retrospektiven und Themenreihen gestalten, um diese zu einer ordentlichen Sendezeit dem Publikum nahe zu bringen. Das könnte beim ZDF und der ARD auch im Wechsel erfolgen, so dass pro Jahr mindestens 50 gute deutsche Kinofilme immer zur gleichen Zeit und am gleichen Tag laufen.. Ausreichend qualitativ herausragende Filme sind mit Sicherheit vorhanden.

medienpolitik.net: Anfang des Jahres hat die ARD mit der Produzentenallianz eine neue Grundsatzvereinbarung geschlossen. Welche Vorteile hat dieses Eckpunktepapier den kleineren Produzenten gebracht.

Arno Ortmair: Das Papier beweist, dass die ARD die Nöte der Produzenten erkannt hat und unter der Leitung von Frau Professor Wille einiges verändern will. So wurde zum Beispiel das Anrechnen der realen Kosten in das Budget anerkannt. Früher war das anders, weil die wirklichen Gagen von unseren Fernsehpartnern zum Teil nicht akzeptiert wurden.

medienpolitik.net: Was hat sich nicht verbessert? Wo drückt Sie nach wie vor der Schuh?

Arno Ortmair: Um Rechte zurückbehalten zu können, müssten kleinere oder mittelständige Produzenten in ihre Fernsehproduktionen investieren. Das ist ihnen aber nur bedingt möglich Zum einen, weil er das Geld nicht hat und zum anderen weil er lange auf Rückflüsse warten muss. Aber auch, weil viele der deutschen Fernsehfilme im Ausland schwer zu verkaufen sind. Das sind insbesondere die Probleme der Kleineren.

medienpolitik.net: Gibt es die Strukturen bei den kleineren und mittleren Produzenten VoD-Rechte geltend zu machen?

Arno Ortmair: Die VoD-Rechte sind hilfereich und nützlich, sofern nicht der Fernsehsender seine Catch-up Rechte über die sieben Tage ausdehnt. Die Produzenten sollten diese Rechte am besten zeitgleich mit der Fernsehausstrahlung erhalten. Wenn aber der Fernsehsender die VoD Rechte auf 30 Tage oder länger erweitert, gibt es ein Problem, denn die Rechte verlieren durch die lange Free-Phase drastisch an Wert.

medienpolitik.net: Aber genau das planen ARD und ZDF doch jetzt. Wird der Produzent nicht von vorn herein höher vergütet, wenn die Rechte über Wochen und Monate in der Mediathek stehen?

Arno Ortmair: Das ist ein wichtiger Punkt in den derzeitigen Verhandlungen. Die ARD hat sich bereit erklärt auf die Forderungen und Bedürfnisse der Produzenten einzugehen. Wir befinden uns in der Verhandlungsphase zwischen den Bedürfnissen von Produzenten und Fernsehanstalten abzuwägen und Lösungen zu finden.

medienpolitik.net: Wie ist die Situation bei den privaten Sendern. Mit ihnen gibt es ja keine Eckpunktepapiere. Werden Sie von den Privaten besser behandelt als von den Öffentlich-Rechtlichen?

Arno Ortmair: Man kann grundsätzlich sagen, dass die Privaten schon immer sehr genau wussten, was die Produzenten leisten können und was sie nicht leisten können. Bei den privaten Fernsehanstalten wurden demzufolge die Möglichkeiten – aber auch die Schmerzgrenzen – von unabhängigen Produzenten immer genau eingeschätzt. Es gab mit den Privaten immer Gespräche auf Augenhöhe.

medienpolitik.net: Das heißt, es gibt keine sogenannten Rahmenvereinbarungen, wie mit der ARD oder dem ZDF. Sie sind gar nicht nötig, denn jeder Produzent kämpft für sich allein mit dem privaten Sender.

Arno Ortmair: Richtig. Aber natürlich wäre es wünschenswert, dass wir auch mit den Privaten zu Rahmenvereinbarungen kommen. Das wäre im beiderseitigen Interesse und wir hätten mehr Planungssicherheit.

medienpolitik.net: Gibt es denn Verhandlungen mit den Privaten?

Arno Ortmair: Derzeit laufen keine Verhandlungen. Es stehen für uns die Vertragsbedingungen zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und den Produzenten im Vordergrund, schon deshalb weil ARD und ZDF die größten Auftraggeber sind.

medienpolitik.net: Wo liegen für Sie die Prioritäten? Was sollte im Verhältnis zu ARD und ZDF möglichst schnell verändert werden?

Arno Ortmair: Ein wesentlicher Wunsch ist, dass die in den letzten Jahren im Einvernehmen zwischen den Produzentenverbänden und Fernsehanstalten gefunden Lösungen auch in den Abteilungen der Sender, außerhalb der Intendanzen umgesetzt werden. Es geht uns vor allem um die Wertschätzung der Produzenten, denn wenn diese Wertschätzung entsprechend hoch ist, werden auch die Abteilungen der Sender bei der Umsetzung der Vereinbarungen den Produzenten mehr entgegen kommen und darauf achten, dass sie die wesentlichen Entscheidungen über die Inhalte, die Verträge und die Finanzierungsbedingungen den Produzenten zugestehen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 12/16 erstveröffentlicht.

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1 KommentarKommentieren

  • Netz-TV - 06.12.2016 Antworten

    Das ist alles zu wenig. Es braucht eine zukunftstaugliche Reaktion auf die globale Veränderung der Filmwirtschaft statt weiterem Streit um ein paar Groschen mehr.

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