Journalismus:

„Service Public wird noch wichtiger werden“

von am 19.12.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Journalismus, Medienförderung, Medienpolitik, Rundfunk

<h4>Journalismus:</h4> „Service Public wird noch wichtiger werden“
Prof. Dr. Otfried Jarren, Präsident der EMEK, Ordinarius für Publizistikwissenschaft am IPMZ - Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich

Die Schweiz plant eine Stiftung für Qualitätsjournalismus

19.12.2016 Interview mit Prof. Dr. Otfried Jarren, Präsident der EMEK, Ordinarius für Publizistikwissenschaft am IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich

Die Eidgenössische Medienkommission (EMEK) der Schweiz berät den Bundesrat und die Verwaltung. Sie hat die Aufgabe, die schweizerische Medienlandschaft zu beobachten, zu analysieren und Empfehlungen zu ausgewählten Fragen abzugeben. Nebst der beratenden Funktion greift die Kommission auch eigene Themen auf. Die EMEK fördert den öffentlichen Diskurs über medienrelevante Fragestellung in der gesamten Schweiz. Die EMEK wurde vom Bundesrat 2012 eingesetzt. Sie hat dem Bundesrat unter anderem Vorschläge zur Förderung von Service-Public-Medien sowohl im klassischen also auch im Online-Bereich unterbreitet. Das betrifft Radio und Fernsehen ebenso wie die Print-Medien.

medienpolitik.net: Herr Jarren, Sie sind Präsident der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) der Schweiz, die seit 2013 existiert. Weshalb ist diese Kommission von der Bundesregierung eingesetzt worden?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Außerparlamentarische Kommissionen sind Expertenkommissionen. Der Bundesrat, die Schweizer Regierung, setzt solche Kommissionen bspw. dann ein, wenn sich neue Themen oder Situationen ergeben und auf der Ebene der Verwaltung das notwendige Fachwissen (noch) fehlt. Die außerparlamentarischen Kommissionen ergänzen dieses Fachwissen und sind zudem ein Instrument der partizipativen Demokratie. Im Falle der EMEK ist die Etablierung dieser Kommission eine Reaktion des Bundesrates auf die aktuelle Entwicklung der Medien, insbesondere durch die Digitalisierung und die Herausforderungen für den Medienplatz Schweiz. Dabei spielt der Service Public eine besondere Rolle für die Politik.

medienpolitik.net: Welche Aufgaben hat sie?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Die EMEK berät. In der EMEK arbeiten Persönlichkeiten mit Fachkompetenz. Die Kommission unterstützt somit Bundesrat und Departement, d. h. das für die Medien zuständige Ministerium. Die Medienkommission hat keine Entscheidungsbefugnisse. Sie bearbeitet auf Wunsch des zuständigen Departements und des Bundesrates Themen, die aktuell auf der politischen Agenda stehen und nimmt dazu Stellung in Form von kürzeren oder längeren Papieren. So bringt sie sich als aktive Akteurin in den Diskurs ein. Die EMEK steht zudem im ständigen Austausch mit dem Bundesamt für Kommunikation. Das ist die i  der Schweiz für den Mediensektor zuständige Regulierungsbehörde. Die EMEK hat zudem die Aufgabe, den Diskurs mit der Öffentlichkeit bezogen auf medienpolitische Fragen zu fördern.

medienpolitik.net: Sie schlagen vor, „dass der Bund unternehmerische Innovationen im Medienmarkt, herausragende journalistische Projekte und die angewandte Medienforschung fördert.“ Ist mit einer solchen weitgehenden – auch inhaltlichen – Förderung die Unabhängigkeit der Medien gefährdet? Wie wollen Sie das verhindern?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Die EMEK schlägt für die Förderung von journalistischen Projekten, publizistischen Startups, innovativen Projekten von Qualitätsjournalismus u.ä. die Etablierung einer Stiftung vor. Diese würde die Staatsunabhängigkeit garantieren. Entsprechende Einrichtungen in der Schweiz, wie z.B. der Schweizerische Nationalfonds, zeigen, dass Unabhängigkeit vom Staat in der Förderpolitik möglich ist, wenn dies durch eine entsprechende Gremienstruktur und Governance gewährleistet werden kann. Die Forschungsförderung ist in den meisten Ländern so verfasst: sie erhält Mittel vom Staat und wendet diese auf Antrag zu. Fachleute allein entscheiden über die Vergabe dieser Mittel.

medienpolitik.net: Bei der Förderung haben Sie ein besonderes Augenmerk auf Agenturen. Warum?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Der EMEK ist es ein Anliegen, dass die noch einzig verbliebene Depechenagentur (SDA) finanziell sicher aufgestellt ist. Dies auch hinsichtlich der Viersprachigkeit der Schweiz und den damit verbundenen kleinen Markträumen. Die SDA bietet ein Basisinformationsangebot auch für Regionalmedien zu relativ günstigen Preisen an. Somit können die Regionalmedien ihre Ressourcen dort investieren, wo sie am besten sind, nämlich beispielsweise im Lokalen. Übernehmen alle Medien Agentur-Berichte, leidet möglicherweise die Vielfalt. Es geht hier vor allem um das Basisangebot. Dabei sind die Besonderheiten zu beachten: Die Schweiz ist ein Kleinstaat, die Medienmärkte sind klein, aber die Agentur muss in mehrerer Sprachen die Informationen bereitstellen. Das ist kostenaufwendig.

medienpolitik.net: Sollten vor allem digitale Innovationen und Projekte gefördert werden?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Mittel- und längerfristig ja. Die Digitalisierung durchdringt bereits jetzt unseren Alltag – nicht nur im Bereich von Informationen und Kommunikation. In naher Zukunft wird noch viel mehr digital sein. Das gilt auch für Zeitungen, die, wollen sie in einer oder anderen Form weiterbestehen, sich im digitalen Umfeld etablieren und auch neu erfinden müssen. Das gelingt noch zu wenig. Es fehlt an Geschäftsmodellen. Online-Journalismus gibt es zwar,  jedoch nur wenige unabhängige Online-Informationsplattformen, die erfolgreich sind respektive sich halten können und eine stabile Finanzierung hinbringen. Die Unterstützung des Journalismus ist eine wichtige Aufgabe. Unabhängiger Journalismus ist für die Demokratie sehr wichtig.

medienpolitik.net: Sie sehen eine Förderung nicht nur für Produkte von Printverlagen vor, sondern auch für Radio und Fernsehen. Warum? Diese Medien vollziehen doch die Transformation erfolgreich und zudem existiert ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der die Grundversorgung übernimmt?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Für Radio und Fernsehen stellen sich die gleichen Herausforderungen wie für die Printmedien: Sie müssen, wollen sie Menschen erreichen, sie müssen mit allen ihren Angeboten natürlich auch online verfügbar sein. Und zwar immer und überall. Der Trend ist ganz klar: anytime, anywhere, any device. Empirische Daten zeigen zwar, dass das Fernsehen nach wie vor als klassisches Massenmedium Viele zeitgleich erreicht. Und die Daten zeigen auch die Bedeutung des Radios als Massenmedium. Aber die Nutzrinnen und Nutzer wenden sich mehr und mehr von den linear verbreiteten Programmen ab. Auch Fernsehen und Radio müssen sich im Netz behaupten.
Was nun die Service-Public-Medien betrifft: Auch die SRG SSR muss im Netz präsent sein können, will sie ihre Aufgabe wahrnehmen. Sie will, sie muss, vor allem auch jüngeren Menschen verstärkt ansprechen. Und die sind vor allem im Netz unterwegs.  Wir verstehen zudem den Aufgabenbereich des öffentlichen Rundfunks nicht nur als Grundversorgung, sondern als „Service Public“ in den Bereichen Information, Integration, Kohäsion, Bildung und Unterhaltung. Dieser Service Public wird in der digitalen Welt noch wichtiger werden. Das zumal dann, wenn die Pressekonzentration weiter voranschreitet und wir noch mehr Monopole bzw. Oligopole haben.

medienpolitik.net: Sie haben Ende 2015 Vorschläge für Service-Public-Medien, also für Medien, die eine gesellschaftlich notwenige Grundversorgung an Information und Kommunikation sichern, unterbreitet. Wie wollen Sie einen funktionierenden Service-Public-Medien-Bereich auch in der digitalen Medienwelt und auch über neue Online-Medien sicher stellen?

Prof. Dr. Otfried Jarren: Zum einen: Den Begriff Grundversorgung im Bereich des Rundfunks kenne wir nicht, zumindest nicht im bundesdeutschen Sinne. Aber: Es ist Sache der Medienunternehmen, ihre publizistischen Ziele zu erreichen. Für Service Public-Leistungen gibt es Konzessionen. In ihnen wird vorgegeben, welche Programmleistungen zu erbringen sind. Und es ist Aufgabe der Regulierungsbehörde, diese Leistungen zu evaluieren. Die EMEK ist daran nicht beteiligt. Die EMEK hat aber auch ein Interesse daran, dass Medienleistungen und publizistische Qualitäten öffentlich diskutiert werden. Zum anderen: Zukünftig werden alle Medienangebote digital verbreitet. Daher ist es selbstverständlich, dass auch Beitrage des Service Public im Netz sein müssen – und das ohne jede Einschränkung. Die bisherigen Reglungen sind nicht plausibel und auf Dauer auch nicht tragfähig. So schwächt man sogar den Service Public. Die Verlage müssen ihrerseits publizistische Angebote von Gehalt entwickeln. Dies setzt m. E. sehr gute journalistische Produkte voraus. An denen aber fehlt es vielfach noch, leider. Ich bin aber überzeugt, dass auch die Verlagsbranche neue Strategien und Konzepte entwickeln kann.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 12/16 erstveröffentlicht.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen