Journalismus:

Redaktionen sind wie Wahrheitssuchmaschinen

von am 12.01.2017 in Allgemein, Archiv, Gastbeiträge, Journalismus, Kommentar

<h4>Journalismus:</h4> Redaktionen sind wie Wahrheitssuchmaschinen
Olaf Scholz (SPD), Erster Bürgermeister Hamburgs

Scholz würdigt 70 Jahre SPIEGEL als „Versprechen auf Qualität“

12.01.17 Von Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburgs

Wir feiern vor allem auch einen kritischen Begleiter der Bundesrepublik Deutschland, der inzwischen nicht nur unverzichtbar, sondern selbst so etwas wie eine demokratische Institution geworden ist.
Hier in Hamburg sind wir stolz und froh, die Heimat des SPIEGEL zu sein.
Uns beiden – den Hamburgern und dem SPIEGEL – wird ja manchmal vorgeworfen, etwas kühl und distanziert zu sein. Wir scheinen also gut zusammen zu passen. Und mindestens im Falle des SPIEGEL ist das kein Vorwurf, sondern darf als Ausdruck eines ordentlichen journalistischen Selbstverständnisses verstanden werden.

Vor allem, weil sich diese kühle Distanziertheit in der Form ja aus einer sehr heißen Leidenschaft in der Sache speist: der Leidenschaft für unsere freiheitlich demokratische Gesellschaft und ihre lebendige Öffentlichkeit.
Diese Leidenschaft ist wichtig. Gerade in bewegten Zeiten brauchen Demokratien die abgeklärte und aufgeklärte Professionalität guter Journalistinnen und Journalisten.
Meine heutigen Glückwünsche zu 70 Jahren SPIEGEL möchte ich daher mit drei Begriffen verbinden: mit Dankbarkeit, mit Vertrauen und mit Zuversicht.
Lassen Sie mich mit der Dankbarkeit beginnen. Denn unsere Demokratie hat ihrem Magazin in der Tat viel zu verdanken. Wer die Geschichte der Bundesrepublik und ihrer gesellschaftlichen Öffentlichkeit erzählen will, der kommt um den SPIEGEL nicht herum. Als erstes deutsches Nachrichtenmagazin steht er für eine Kontinuität der journalistischen Haltung und Qualität, die ihresgleichen sucht.
Das Kerngeschäft des Journalismus besteht darin, Fakten darzustellen, Zusammenhänge zu erklären, Positionen zu vermitteln und so Orientierung in einer komplexen Gesellschaft zu ermöglichen.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei  der investigative Journalismus, den der SPIEGEL in Deutschland mit etabliert hat. Er meint die an Fakten orientierte Aufklärung über Zusammenhänge, die sich dem Einzelnen ohne die Recherche von Journalistinnen und Journalisten nicht erschließen würden.
Dazu gehört dann – seien wir ehrlich – nicht nur das Aufdecken von Missständen, sondern auch das Organisieren öffentlicher Empörung. Das ist gut so. Denn, wenn wir in solchen Kategorien überhaupt denken und sprechen wollen, dann sollten in einer Demokratie Politiker die Journalisten fürchten und nicht umgekehrt.

Der derzeit viel diskutierte Begriff des Postfaktischen skizziert jedenfalls die Herausforderung, der sich Politiker, Journalisten und Bürger stellen müssen. Denn das intelligent klingende Fremdwort bemäntelt ja zunächst vor allem den Umstand, dass manche ganz offensichtlich versuchen, mit blanken Lügen durchzukommen.
Machen wir uns hier nichts vor: Schon immer gab es diejenigen, die das probiert haben; und gar nicht so selten ist es Ihnen auch geglückt. Voraussetzung dafür aber war, dass ihre Lüge nicht entlarvt wurde. Geschah das doch, waren veritable Staatskrisen die Folge.
Was sich aber anscheinend verändert hat, ist die Reaktion auf die Enttarnung der Lüge. Wenn Politiker auch in demokratischen Gemeinwesen plötzlich ganz offen sagen, dass sie lieber den Gefühlen der Leute folgen als den tatsächlichen Fakten, dann läuft gehörig etwas schief.
Dem ehemaligen US-Senator Daniel Patrick Moyniham wird ein schöner Satz zugeschrieben, der sich in dieser Hinsicht als Grundlage für eine politische wie journalistische Ethik gut eignet: „Everyone ist entitled to their own opinions, but they are not entitled to their own facts.“
Recht hat er: Die Wahrheit ist nichts Beliebiges und nichts strategisch Disponibles. Sie ist etwas, das wir als Gesellschaft identifizieren müssen und das wir zur Grundlage unseres Handelns machen sollten, wenn wir das Erbe der Aufklärung nicht gefährden wollen.
Voraussetzung für die Demokratie ist schließlich, dass wir Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden und so auch Lügen als Lügen enttarnen können.
Genau das ist die bedeutendste Aufgabe der Medien: Sie organisieren den öffentlichen Kommunikationsprozess, in dem wir uns als Gesellschaft darüber verständigen, was wahr und richtig ist.

Und es geht dabei nicht um die Zurückweisung von Gefühlen. Schon immer hängt die Zustimmungsfähigkeit zu Einstellungen nicht nur an der Vernunft, sondern wird auch von Gefühlen geleitet. Wer will schon emotionslose Politik oder gefühllose Medien? Emotionen sind eine notwendige Ergänzung der Vernunft. Aber sie dürfen sie niemals ersetzen.
Deshalb brauchen wir die aufklärende Leistung der Medien umso dringender, je größer bei manchem die Versuchung wird, moderne Technologien zur strategischen Verwirrung zu nutzen.
Rudolph Augsteins mahnender Leitspruch „Sagen, was ist“ ist also aktueller denn je. Gleiches gilt für seinen Vorläufer Ferdinand Lassalle, der fast ein Jahrhundert vorher die gleiche Forderung artikuliert hatte – und zwar mit den Worten: „Alle große politische Action [sic!] besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit.“

Eine gelingende Demokratie ohne Journalismus mag ich mir nicht vorstellen.  Das ging Rudolf Augstein ähnlich, wie seine Beschreibung des SPIEGEL als „Sturmgeschütz der Demokratie“ nahelegt. Diese Metapher ist mittlerweile mindestens ein wenig ausgeleiert. Sie zeigt aber nach wie vor, dass es schon damals, bei der Gründung des Magazins, an erster Stelle nicht ums Geldverdienen ging, sondern um die demokratische Entwicklung der jungen Bundesrepublik.
Wobei: Für die Redakteure der ersten Stunde haben in der Zeit nach Kriegsende vielleicht auch die ordentliche Verpflegung und die Wärme des Redaktionshauses in Hannover einen gewissen Reiz ausgemacht. Und von Augstein selbst ist überliefert, er habe mit Journalismus nur die Zeit bis zum Studium der Geisteswissenschaften in Göttingen überbrücken wollen.
Die Väter des SPIEGEL wollten jedenfalls früh den bissigen, bohrend-investigativen Stil angelsächsischer News Magazines adaptieren. Diese Herangehensweise war damals neu für Deutschland und seine bis dahin wortreiche Gesinnungspublizistik.
Sie festigte das Fundament eben jener kritischen Öffentlichkeit, die eine moderne und pluralistische Demokratie als Lebensbedingung unbedingt braucht. Das zeigte sich auch noch viele Jahre später, nach dem Umzug nach Hamburg, bei der berühmten SPIEGEL-Affäre.

Ich komme damit zu dem zweiten Begriff, den ich mit dem SPIEGEL verbinde – dem Vertrauen. Das Magazin erlangte schnell eine ausgeprägte Nähe zu seinen Leserinnen und Lesern. Oftmals hält sie Jahrzehnte an und begleitet die Generationen in einer Familie: Die Oma las schon den Spiegel, der Vater auch und jetzt die Kinder. Jeden Montag und mittlerweile jeden Samstag wird die neue Ausgabe sehnsüchtig erwartet.
Die Bürgerinnen und Bürger vertrauten schon früh den jungen, unerfahrenen und zugleich unerschrockenen Redakteuren. In den folgenden Jahrzehnten erwarb sich jede Generation von SPIEGEL-Journalisten auf Neue das Vertrauen, dass sie ihrer publizistischen Verantwortung auf der Höhe der Zeit gerecht wird. Durch Veränderungen im Printangebot, durch die Verlängerung der Marke ins Fernsehen und ins Netz. DER SPIEGEL bleibt ein Versprechen auf Qualität, dem man vertrauen können soll.
Publizistische Verantwortung bedeutet zunächst einmal, so korrekt es irgend geht zu berichten. Die legendäre SPIEGEL-Dokumentation bildet dafür bis heute ein wesentliches Fundament.
Publizistische Verantwortung heißt darüber hinaus, an der Sache orientiert einen Diskurs zu ermöglichen. Und dabei Personen und Positionen nicht wegschreiben zu wollen, sondern mit Argumenten zu überzeugen und eine begründete Haltung einzunehmen.
Die alte Metapher vom Journalismus als Zeitgespräch der Gesellschaft verweist genau auf diese Aufgabe und sieht in Journalistinnen und Journalisten die Anwälte dieses Gesprächs und seines Zustandekommens.
In den vergangenen Monaten ist viel darüber diskutiert worden, dass das Vertrauen in Medien und Politik abnehme. Und auf die Frage, was zu tun sei, gibt es bislang nur wenige Antworten. Klar scheint aber zu sein: Es reicht nicht aus, wie bislang „nur“ der formalen publizistischen Verantwortung gerecht zu werden.
Manche halten ja den Verzicht auf sogenannte „Mainstream“-Medien für einen Akt informationeller Souveränität. Sie merken nicht, dass sie sich dabei zugleich von jener durch Tatsachen begründeten Weltsicht emanzipieren, die unsere freiheitliche und demokratische Gesellschaft im Kern ausmacht. Ihnen gilt es zu beweisen, dass redaktionelle Arbeit einen Mehrwert hat. Dafür müssen wir alle im besten Sinne Stimmung machen.
Redaktionen sind doch vor allem so etwas wie Wahrheitssuchmaschinen. Und die Trefferquoten der SPIEGEL-Redaktion zählen dank Ihrer Kompetenz und Ihrer Urteilskraft zu den besten.
Ich bin mir jedenfalls sicher: Kaum ein anderes deutschen Medium hat so gute Chancen, sich auch künftig das Vertrauen seiner Leserinnen und Leser zu verdienen, wie der SPIEGEL.

Damit wäre ich bei meinem letzten Stichwort, der Zuversicht.
Manchen in Ihrer Branche mag es an dieser Zuversicht fehlen. Die Zeiten sind rauer geworden, gesellschaftlich, politisch, ökonomisch. Die wirtschaftlichen Aussichten vieler Medienunternehmen sind weiterhin schwer zu prognostizieren. Aber dennoch kann ich die Verzagtheit nicht so recht nachvollziehen. Denn zunächst einmal dürfen wir feststellen, dass die publizistischen Möglichkeiten nie größer waren als heute.
Und speziell im Falle des SPIEGEL gilt: Noch nie ist es gelungen, dieses Magazin zu kopieren. Der Status des SPIEGEL bleibt unangefochten, ob gedruckt oder digital.
Der Erfolg dieser demokratischen Institution gründet sich auf der Leidenschaft, der Zuversicht und dem Gemeinschaftsgeist der Gründergeneration, die bis heute spürbar sind und weiterentwickelt werden. Ich meine, auch darin können die Altvorderen ganz gute Vorbilder sein.
Gestatten Sie mir daher als zwar funktionell Unbeteiligtem, aber innerlich nicht ganz Unberührten, diese Empfehlung: Tragen Sie die Vergangenheit Ihres Hauses im Herzen, wenn Sie dessen Zukunft in die Hand nehmen. Denn wer aus diesem Geiste heraus täglich guten Journalismus produziert, der sichert das Erbe der Aufklärung und verteidigt unsere freiheitliche Demokratie.
Nicht mit martialischen Sturmgeschützen, sondern ganz friedlich mit dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments.

(Aus der Rede von Olaf Scholz auf dem Senatsempfang zu 70 Jahren Spiegel am 6. Januar 2017)

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 01/17 erstveröffentlicht.

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