Rundfunk:

„Journalismus braucht Zeit für Recherche“

von am 30.01.2017 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Journalismus braucht Zeit für Recherche“
Dr. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF I © obs/ZDF/ZDF/Carmen Sauerbrei

ZDF will mit seinen Informationsinhalten in sozialen Netzwerken präsenter sein

30.01.17 Interview mit Dr. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das Spiel mit der Aufmerksamkeitsspirale zum Kalkül der Terroristen gehört. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten, Menschen einschüchtern und unseren ‘way of life‘ dadurch zerstören. Medien, die unter dem Druck von Wettbewerb und Geschwindigkeit alle Distanz aufgeben, machen das Geschäft der Terroristen“, analysiert Peter Frey in einer Reflektion der Terroranschläge 2016 und der Berichterstattung der Medien. „Wir dürfen uns von der schrillen Stimmungsmache einer Minderheit nicht so sehr treiben lassen“, so der ZDF-Chefredakteur weiter. Die große Mehrheit schätze und vertraue dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber es gelinge einer kleinen Gruppe von Leuten, via Social Media und politisch verstärkt durch Rechtspopulisten das Klima insgesamt zu vergiften.
medienpolitik.net: Herr Frey, das Jahr 2016 war reich an Ereignissen mit Nachrichtenwert. 2017 wird wahrscheinlich nicht ruhiger. Was nehmen Sie aus 2016 an Erfahrungen mit, die Sie 2017 anwenden können?

Dr. Peter Frey: Wir müssen immer darauf gefasst sein, dass irgendwo ein Anschlag geschieht. Wir haben, schon nach dem Amoklauf in München, solche Lagen definiert. Wenn es viele Opfer gibt, wenn davon eine deutsche Großstadt betroffen ist, müssen wir – auf allen Plattformen – angemessen reagieren – mit Sondersendungen, Sonderausgaben von Nachrichten, schnellen Informationen auf der heute.de, natürlich auch mit Programmunterbrechungen, wenn Anlass und Programmumfeld dafür stehen. Die Folge: Mehr Flexibilität der Redaktionen, mehr Vorhaltung von Ressourcen, das ist für das ZDF in Zeiten des Personalabbaus keine einfache Operation.

medienpolitik.net: Sie haben am 19. Dezember bei dem Terroranschlag in Berlin später als andere Nachrichtensender, auch später als die ARD, reagiert. War das mit dem heutigen Abstand die richtige Entscheidung?

Dr. Peter Frey: Jeder Tag ist anders. Mir lag beim Amoklauf in München z.B. sehr viel daran, dass wir nicht in den „Gladbeck-Fehler“ aus den 90er Jahren verfielen und ein Verbrechen live übertragen. Wir sind erst auf den Sender gegangen, als die Polizei von einer Terror-Lage sprach. Auch in Berlin war ja zunächst unklar, womit wir es zu tun haben. Außerdem brauchen wir Reporter und Produktionsmittel vor Ort, um überhaupt senden zu können. Auf dem Sender zu spekulieren, gar nicht selbst am Tatort zu sein und sich nur mit Experten-Einschätzungen zu behelfen, vergrößert nur die Unsicherheit. Der Tag hat zudem gezeigt, dass die Zuschauer zum regulären Beginn des „heute journals“ massenhaft zu uns gekommen und erfreulicherweise geblieben sind. Die Menschen verstehen, dass solider Journalismus Zeit für Recherche braucht.

medienpolitik.net: Hätten Sie aber nicht über ZDFinfo oder zdf.de schneller reagieren können?

Dr. Peter Frey: ZDFinfo ist kein Nachrichtenkanal und soll auch keiner werden. Der Sender kann aber bei solchen Lagen im Nachgang den Zuschauern hintergründige Dokumentationen etwa zum Thema Terrorismus liefern. Unser Nachrichtenportal heute.de dagegen war sehr schnell und hat an diesem und dem folgenden Tag sehr hohe Zugriffszahlen registriert.

medienpolitik.net: Hätte ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal an der relativ späten Reaktion von ARD und ZDF etwas geändert?

Dr. Peter Frey: Es gibt es einen solchen Kanal: tagesschau24. Auch Phoenix ist ein Ereigniskanal. Ich glaube, dass in solchen Lagen ZDF und ARD ihre Kräfte zu Recht auf ihre Hauptprogramme, auf die jeweils folgende Nachrichtensendung und eventuelle Sondersendungen konzentrieren, und dass dafür dann auch alle verfügbaren Ressourcen gebraucht werden. Übrigens haben uns viele Zuschauer signalisiert, dass sie mit unserer Entscheidung am 19. Dezember einverstanden waren. Wir haben die Nachricht aus Berlin insgesamt sieben Mal mit einem News-Crawl während des Spielfilms „Gotthard“ eingeblendet und aufs „heute journal“ und heute.de verwiesen. Wer bei uns war, ist bei uns geblieben.

medienpolitik.net: Solche dramatischen Ereignisse häufen sich. Gibt es dafür beim ZDF ein Regelwerk?

Dr. Peter Frey: Wie gesagt: wir haben über besondere Nachrichten-Lagen gesprochen, und ein Regelwerk für Kommunikation und Entscheidungswege im Haus entwickelt. Aber zur Wahrheit gehört dazu, dass kein Sender der Welt an allen möglichen Anschlagsorten sofort präsent sein kann. Und in dem Zusammenhang muss ich doch einen nachdenklichen Gedanken äußern: wir müssen uns schon darüber im Klaren sein, dass das Spiel mit der Aufmerksamkeitsspirale zum Kalkül der Terroristen gehört. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten, Menschen einschüchtern und unseren „way of life“ dadurch zerstören. Medien, die unter dem Druck von Wettbewerb und Geschwindigkeit alle Distanz aufgeben, machen das Geschäft der Terroristen. Einmal ganz abgesehen davon, dass bei solchen Ereignissen zu Beginn oft nicht einzuschätzen ist, ob es sich um einen Anschlag oder einen Unfall handelt – und wie die Hintergründe sind. So befürchte ich, dass sich der Amoklauf in München im Bewusstsein der meisten Deutschen als islamistischer Terror, womöglich als Tat eines Flüchtlings, eingebrannt hat, dabei war es das Verbrechen eines irregeleiteten, offenbar von rechtsextremen, ausländerfeindlichen Ideen beeinflussten, in München geborenen, aufgewachsenen und zur Schule gegangenen Jugendlichen.

medienpolitik.net: Den Nachrichten von ARD und ZDF wurde für 2016 die höchste Glaubwürdigkeit aller Nachrichtenmedien bescheinigt. Die Werte hatten sich zu Mai 2016 und zu 2015 kaum verändert. Dennoch hält die Kritik auch an der Nachrichtengebung öffentlich-rechtlicher Sender an. Was machen Sie falsch? Loben Sie Ihre Leistungen zu wenig?

Dr. Peter Frey: Selbstlob ist nicht das Geschäft von Journalisten. Aber selbstverständlich freuen wir uns über diese Anerkennung, die sich ja auch in anhaltend hohen Einschaltquoten niederschlägt – so war für „heute“ und „heute journal“ 2016 wieder ein ausgesprochen erfolgreiches Jahr. Wir dürfen wir uns von der schrillen Stimmungsmache einer Minderheit nicht so sehr treiben lassen. Die Meinungsforscher sagen es ja sehr deutlich: die große Mehrheit schätzt und vertraut uns. Aber es gelingt einer kleinen Gruppe von Leuten, via Social Media und politisch verstärkt durch Rechtspopulisten das Klima insgesamt zu vergiften. Dagegen hilft nur Standhalten, weiterhin eine gute Arbeit zu machen und um Vertrauen bei der Mehrheit zu werben.

medienpolitik.net: Soziale Netzwerke erreichen auf der Skala von -5 bis +5 einen Wert von -1,5 und damit neben der „Bild“ die geringste Glaubwürdigkeit. Warum haben Sie dennoch so einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung?

Dr. Peter Frey: Gute Frage. Den meisten Nutzern ist wohl bewusst, dass sich in den sozialen Netzwerken neben Informationen seriöser Quellen, wie etwa dem ZDF, oder originellen persönlichen Beiträgen zur öffentlichen Kommunikation auch Hass, Hetze und dreiste Lügen finden. Soziale Medien sind für viele User zunächst einmal Kommunikations- und Informationsinfrastruktur im privaten Kontext, nicht vergleichbar mit Fernsehsendern oder Zeitungen. Bislang sehen sich ja auch die Konzerne selbst nicht in der Verantwortung für die auf ihren Plattformen publizierten Inhalte. Ich halte das für falsch. Die Plattformen müssen mehr Verantwortung für das übernehmen, was bei ihnen veröffentlicht wird. Bei Facebook scheint sich im Zuge der Fake-News-Debatte ja endlich etwas zu bewegen.

medienpolitik.net: Wie aktiv ist das ZDF mit seinen Nachrichtenangeboten in sozialen Netzwerken präsent?

Dr. Peter Frey: Wir haben erfolgversprechende Ansätze, etwa mit der „heute“-Spätausgabe „heute+“, für die „social first“ gilt, oder mit der Verbreitung von Live-Videos und kreativ konfektionierten Nachrichten-Inhalten auf der Facebook-Seite von ZDFheute. Wir würden hier gerne präsenter sein, ich würde sogar sagen: wir müssen es sein, weil wir diese neuen Räume der Öffentlichkeit nicht den Faktenverdrehern und Fälschern überlassen dürfen. Aber wir müssen uns, was unsere Ressourcen angeht, nach der Decke strecken – ohne zu wissen, wie sich der Personaleinsatz für Social Media im Vergleich zu unseren anderen Ausspielwegen rechnet.

medienpolitik.net: Können die Qualitätsmedien durch eine stärkere Präsenz in sozialen Netzwerken ein Gegengewicht zu den Lügen und Halbwahrheiten darstellen?

Dr. Peter Frey: Ob man Menschen von „Politically Incorrect“ oder „Breitbart“ zum ZDF holen kann? Da bin ich skeptisch. Ich fürchte: es haben sich Meinungsblasen gebildet, die kaum noch zu durchdringen sind. Aber wir müssen dennoch im Netz präsent sein, vor allem weil wir wissen, dass sich insbesondere Unter-30-Jährige gerade dort mit News versorgen. Es geht also nicht nur um professionellen Journalismus in einer zunehmend auch von Polarisierung, Propaganda und Lügen geprägten öffentlichen Sphäre, es geht nicht nur um – pathetisch gesagt – die Verteidigung des Kerns unserer freien Gesellschaft im Netz, es geht ganz einfach auch um eine Art Grundversorgung für Beitragszahler, die Nachrichten des ZDF nicht mehr im Fernsehen wahrnehmen.

medienpolitik.net: Die Politik plant Regulierungen und Restriktionen für soziale Netzwerke, um so Hassparolen und Lügen einzudämmen und sie so zu zwingen, Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen. Ist das ein Eingriff in unsere Meinungsfreiheit? Ist das Zensur?

Dr. Peter Frey: Wenn das bestehende Recht konsequent angewendet würde, wäre das schon ein großer Schritt. Aber es braucht sicher auch noch weitergehende Regelungen. Es ist schwer zu verstehen, dass Printmedien sich selbstverständlich an den Kodex des Presserats halten müssen und gelegentlich auch eine Rüge kassieren, wenn sie Fehler machen, dass sich Öffentlich-Rechtliche vor ihren Fernsehräten für ihr Programm rechtfertigen und gegebenenfalls Fehler einräumen müssen, dass Privatmedien von Landesmedienanstalten überwacht werden – und im für die Konstituierung von Öffentlichkeit so wichtigen Netz „Wildwest“ herrscht. Facebook und Co. müssen endlich Verantwortung für das tragen, was bei ihnen publiziert wird. Gewaltverherrlichung, Volksverhetzung, Lügen sind keine Kavaliersdelikte. Europa hat an dieser Stelle eine andere Tradition als die USA. Es gibt hier einen Konflikt zwischen „freedom of speech“ und unseren Regeln für den öffentlichen Umgang miteinander. Europa muss Wege finden, die amerikanischen Monopolisten, mindestens wenn sie im europäischen Kulturraum agieren, zu zivilisieren.

medienpolitik.net: Das „heute journal“ erreichte 2016 mit 13,9 Prozent den höchsten Marktanteil seit 2003. Damit ist das „heute journal“ das erfolgreichste Nachrichtenmagazin im deutschen Fernsehen. Worauf führen Sie diesen Spitzenplatz zurück?

Dr. Peter Frey: Auf eine Spitzen-Redaktion, die jeden Tag neu kreativ in die Hand nimmt, auf die besten ModeratorInnen im deutschen Fernsehen und KorrespondentInnen im In- und Ausland, die Top-Qualität abliefern. Dazu kommt ein Sendeplatz, der mit 21:45 Uhr gerade richtig liegt – spät genug, um mit dem Abend noch etwas anzufangen, früh genug, um noch aufnahmebereit zu sein.

medienpolitik.net: Sind Sie auch im Netz spitze?

Dr. Peter Frey: Wir machen auch online sehr erfolgreich Programm. Gerade der Relaunch unserer ZDF-Mediathek im letzten Herbst war ein großer und wichtiger Schritt nach vorne. heute.de punktet insbesondere in Breaking-News- und Krisenlagen  – und liefert in Live-Blogs und in den sozialen Netzwerken fundierte Echtzeit-Informationen. Richtig ist aber auch, dass unsere Online-Zahlen an vielen Stellen noch weit von den TV-Reichweiten entfernt sind. Ich bin überzeugt: Das Fernsehen ist noch lange nicht tot und Bewegtbild bleibt sowieso, völlig unabhängig vom Ausspielweg, extrem gefragt.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus der promedia-Ausgabe 02/17.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen