Rundfunk:

„Von YouTubern kam man sich einiges abschauen“

von am 03.01.2017 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk, Social Media

<h4>Rundfunk: </h4>„Von YouTubern kam man sich einiges abschauen“
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen I © ARD/WDR/Herby Sachs

Das Erste plant keine weiteren interaktiven fiktionalen Formate nach dem Vorbild von „Terror“

04.01.17 Interview mit Volker Herres, Programmdirektor Das Erste

Zu den spektakulärsten ARD-Filmen 2016 gehörte zweifelsohne „Terror – Dein Urteil“. Der Fernsehfilm forderte die Zuschauer zur Interaktion heraus: Rund 600.000 Zuschauer hatten sich am Voting beteiligt und über die Schuld oder Unschuld des Bundeswehr-Piloten geurteilt – trotz einiger technischer Probleme. Ein weiteres Beispiel für ein erfolgreiches interaktives Format in der ARD ist das „Quizduell“. Die letzte Folge der aktuellen Staffel erreichte Ende November 2,59 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 13,0 Prozent entspricht. In puncto Interaktivität ist das „Quizduell“ einsame Spitze im deutschen Fernsehen: Über zwei Millionen User haben die „Quizduell im Ersten“-App heruntergeladen, durchschnittlich fast 100.000 User spielen pro Sendung aktiv mit.

medienpolitik.net: Herr Herres, soziale Netzwerke verändern unsere Kommunikation und die Meinungsbildung. Wie verändern sie das klassische Fernsehen und damit auch Das Erste?

Volker Herres: Zunächst ermöglichen die „sozialen Netzwerke“ ein viel schnelleres Feedback der Zuschauer, da nicht selten Fernsehen und Internet gleichzeitig genutzt werden („Social TV“). Über die direkte Interaktion haben wir ein genaueres Bild, was gerade die jüngeren Zuschauer wünschen, mögen oder ablehnen. Wir dokumentieren und analysieren das genau. Social Media ist inzwischen der größte Feedback-Kanal für uns. E-Mails, Anrufe und besonders Briefe haben dem gegenüber an Bedeutung deutlich verloren. Die Unmittelbarkeit hat natürlich Einfluss auch auf das klassische Fernsehen, zumal ja die Kommunikation mit dem Zuschauer auch in bestimmte Formate einfließt. Denken Sie zum Beispiel an „Hart aber fair“. Aber soziale Netzwerke sind nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Denn sie sind auch Plattformen für – teils auch anonyme – Falschmeldungen, Vermutungen, Verschwörungstheorien und Hetze. Sie sind manipulierbar etwa durch Bots u.a. Das alles hat, wie wir ja gerade beobachten, erhebliche Auswirkungen auf den professionellen Journalismus. Hier spüren wir als öffentlich-rechtliche Anbieter eine große Verantwortung als Garant von Verlässlichkeit, Fakten- und Wahrheitsliebe, Unabhängigkeit und Objektivität im Meer digitaler Allgegenwart.

medienpolitik.net: In Deutschland existieren mehr als 10.000 YouTube-Kanäle, die mehr als 500 Abonnenten haben, mit ca. 110 Mrd. Abrufen im Jahr. Was können Sie von diesen YouTubern lernen oder sogar übernehmen?

Volker Herres: Das Erste stellt selbstverständlich auch Videos bei YouTube ein: Comedy, Satire, Einspielfilme von „Verstehen Sie Spaß“, den „Tatort“ oder Beiträge der „Tagesschau“ und „Sportschau“. Bei YouTube werden witzige, emotionale und vor allem kurze Videos geschätzt. Da kann man sich von YouTubern einiges abschauen. Und auch die mehr als 40 Formate von funk, dem eigens für soziale Netzwerke konzipierten neuen Angebot von ARD und ZDF für junge Menschen, gibt es ja vor allem auf den Drittplattformen und in der funk App. Da wird viel Neues ausprobiert und experimentiert. Spannend ist beispielsweise auch das Experiment der BR-Kollegen von PULS, die mit einer eigenen Snapchat-Soap erste Erfahrungen gesammelt haben.

medienpolitik.net: Nach der Ausstrahlung von „Terror“ las und hörte man: „Das war öffentlich-rechtliches Fernsehen, von dem wir mehr brauchen“. War das für Sie mehr Lob oder mehr Kritik?

Volker Herres: Zunächst einmal habe ich die breite und positive Resonanz auf „Terror“ als Lob empfunden. Allen Kritikern empfehle ich, sich unsere Themenabende doch einmal genauer unter dem Aspekt Relevanz anzuschauen. Das sind Abende, die auf die politische und gesellschaftliche Realität in unserem Lande direkt eingehen und wirklich etwas bewirken. Denken Sie etwa an den Themenabend „Tödliche Waffenexporte“ mit dem Film „Meister des Todes“ oder über den Kindesmissbrauch und Kinderhandel mit dem Film „Operation Zucker“ oder an die Trilogie zum NSU, um nur einige Beispiele zu nennen.

medienpolitik.net: Kann man mit „mehr“ rechnen? Oder wird „Terror“ in seiner interaktiven Gestaltung und seiner Relevanz in nächster Zeit im Ersten einmalig bleiben?

Volker Herres: Grundsätzlich haben wir im Ersten nicht vor, diese besondere Art des interaktiven Fernsehens zu intensivieren. Eine Ausnahme bilden unsere Quizshows. Die Zuschauerabstimmung bei „Terror“ haben wir deshalb durchgeführt, weil wir das Theaterstück von Ferdinand von Schirach für das Fernsehen adaptiert haben, und da gehörte das Voting des Publikums als integraler Bestandteil des Stücks sinnvollerweise dazu. Dennoch: Bei einem entsprechenden, überzeugenden Drehbuch kann so ein Ausnahmeabend im Ersten durchaus wieder kreiert werden.

medienpolitik.net: Es gibt zahlreiche gesellschaftliche Themen, bei denen eine Entweder-oder-Entscheidung möglich ist. Da gibt es doch bestimmt Spielraum für weitere interaktive fiktionale Produktionen?

Volker Herres: Interaktivität ist doch nicht automatisch ein Patentrezept für erfolgreiches fiktionales Fernsehen, nur weil jetzt ein interaktives Format unter großem Zuschauerinteresse gelaufen ist! Mit derartigen Versuchen der Publikumsbefragung und -einbindung muss man sehr verantwortungsvoll und sparsam umgehen, sonst laufen sich solche Konzepte schnell tot oder verkommen zum bloßen medialen Gag. Das wollen wir auf keinen Fall.

medienpolitik.net: Existiert dafür in der ARD das entsprechende „Instrumentarium“ und hätten Sie dafür auch den Spielraum beim Sendeplatz und den Finanzen?

Volker Herres: Wie bereits erwähnt, bieten sich dafür tatsächlich nur wenige Stoffe an. Auch das große Engagement bei allen Promotion-Maßnahmen kann in diesem immensen Umfang nur sehr dosiert zur Verfügung stehen. Aber wenn ein wirklich überzeugendes Konzept für einen interaktiven Fernsehabend vorliegt, wäre ich dann auch, trotz der immer knapper werdenden Mittel, hinsichtlich der Finanzen zuversichtlich. „Terror“ haben wir ja am Montagabend gezeigt – üblicherweise kein Sendeplatz für Fiktion. Aber montags, mittwochs und sonntags bieten sich mit unseren drei Talk-Sendungen die entsprechenden, ergänzenden Formate an.

medienpolitik.net: Unabhängig von der Interaktion, wie können mehr solcher hochaktueller, in kurzer Zeit produzierter, fiktionaler Stoffe, im Ersten laufen? Anscheinend besteht doch danach ein Bedarf.

Volker Herres: Derartige hochaktuelle fiktionale Stoffe laufen regelmäßig im Ersten. Im kommenden Jahr werden wir wieder einige Themenabende zu relevanten Fragen und Problemen unserer Zeit im Programm haben. Etwa mit dem Film „Nachtschatten“ über Geschäfte mit gefälschten Medikamenten und einer begleitenden Dokumentation auch zu den gesundheitlichen Folgen, um nur ein Beispiel zu erwähnen.

medienpolitik.net: Mit „Quizduell“ und „Spiel für Dein Land“ laufen zwei interaktive Unterhaltungsshows im Ersten. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht? Wie aktiv beteiligen sich die Zuschauer?

Volker Herres: Im Bereich der Unterhaltung hat Interaktivität einen ganz anderen Stellenwert. Es ist faszinierend zu sehen, wie mit den beiden, von Jörg Pilawa moderierten Live-Shows „Quizduell“ und „Spiel für Dein Land“ die Zuschauereinbindung ein neues Level erreicht – erstmals über reine Abstimmungen hinaus. Die Zuschauer können aktiv mitspielen, sich mit Prominenten oder den Mitspielern in Österreich und der Schweiz messen. Beim „Quizduell“ spielen täglich in der Regel etwa 80.000 Menschen um 18:00 Uhr, Tendenz zuletzt steigend. Das ist enorm. Bei „Spiel für Dein Land“, dem ersten interaktiven Länderwettkampf, sind pro Sendung jeweils etwa 100.000 Menschen dabei. Bei „Spiel für Dein Land“ können die App-Spieler nicht nur Quizfragen beantworten, sondern über die App auch ihre Meinung zu aktuellen Themen sagen. Diese aktuellen Umfragen werden dann in der Show ausgewertet. Das ist eine Form von moderner Unterhaltung, die die Zuschauer aktiv ins Geschehen einbezieht.

medienpolitik.net: Sind es vor allem jüngere oder auch ältere Zuschauer?

Volker Herres: Mit diesen Sendungen sprechen wir alle Generationen an und sie funktionieren am Bildschirm auch über alle Generationen hinweg. Per App spielen ebenfalls Jung und Alt mit, in der Mehrheit sind die User aber eher jünger.

medienpolitik.net: Wird es mehr solcher Unterhaltungsformate geben?

Volker Herres: Wir suchen immer nach neuen interaktiven Ideen im Showbereich. Da wird es sicher weitere Sendungen geben. Es ist aber auch wichtig, die bestehenden Shows immer weiterzuentwickeln. So ist es mit der gerade zu Ende gegangenen, überarbeiteten „Quizduell“-Staffel gelungen, das Format noch erfolgreicher zu gestalten.

medienpolitik.net: Im nächsten Jahr sind Bundestags- und auch Landtagswahlen. Wird sich der Zuschauer hier – auch über Online – und soziale Netzwerke aktiv einmischen können?

Volker Herres: Natürlich werden die Zuschauer auch bei Wahlsondersendungen im Ersten die Möglichkeit haben, sich online oder über soziale Netzwerke einzumischen, ihre Meinung zu artikulieren und positiv wie negativ Kritik zu üben. Davon ist kein Programmbereich ausgenommen.

medienpolitik.net: Wird es mehr sein als vor vier Jahren? Wird es neue Formate geben?

Volker Herres: Für genaue Planungen ist es jetzt noch zu früh, das muss intern erst im Detail besprochen werden. Aber es wird in jedem Fall einen Faktencheck zu den Wahlprogrammen der Parteien geben. Politiker werden Fragen zu Ihren Absichten und Zielen beantworten. Eine Deutschlandreise geht der Frage nach, was die Wählerinnen und Wähler in den Regionen bewegt. Ein TV-Duell der Kanzlerkandidaten streben wir ebenso an wie einen Blick auf kleine und kleinste Parteien. Dies soll nach Möglichkeit online begleitet werden und zu Diskussionen in den sozialen Netzwerken anregen.

medienpolitik.net: Wie sehr ist Interaktion geeignet, um Zuschauer an Das Erste zu binden und jüngere Zuschauer zu gewinnen?

Volker Herres: Die Interaktion zwischen Machern und Zuschauern/Usern ist äußerst wichtig und wird generell sicher zunehmen. Es ist ein wesentliches Instrument der Zuschauerbindung, gerade der Jüngeren, für die das Interagieren zur Selbstverständlichkeit gehört. Aber bei allem guten Willen zur Interaktivität gilt: Der Inhalt und die Form müssen zueinander passen.

medienpolitik.net: Ist Interaktion die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

Volker Herres: Es ist nicht die Zukunft des Fernsehens, es ist ein nützliches Tool für jedes Massenmedium.

medienpolitik.net: Ist Interaktion auch für Dokumentationen ein Weg?

Volker Herres: Perspektivisch ja. Aber hier gilt ganz besonders: Es muss inhaltlich passen. Interaktivität darf kein Selbstzweck sein.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 01/17 erstveröffentlicht.

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