Filmwirtschaft:

„Ambitioniertes Arthouse made in NRW“

von am 14.02.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Filmwirtschaft:</h4> „Ambitioniertes Arthouse made in NRW“
Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW

Mehr als 25 NRW-geförderte Filme bei der Berlinale 2017

14.02.17 Interview mit Petra Müller, Geschäftsführerin der Film- und Medienstiftung NRW

„Toni Erdmann“ überstrahlt auch bei der Jahresbilanz 2016 der Film- und Medienstiftung NRW die anderen Erfolge. Die Film- und Medienstiftung gehört zu den Hauptförderern dieses außergewöhnlichen Films. Trotz der Kürzung der Fördermittel durch das Land und den WDR, ist die Filmstiftung mit rund 30 Mio. Euro weiterhin eine der führenden Länderförderungen. 66 Kinofilme, 9 TV-Projekte, 18 serielle Formatentwicklungen, 21 Games-Projekte und Online-Content wie auch 52 Festivals und Standortprojekte wurden von ihr unterstützt. Auch im Fernsehen waren NRW-geförderte Events und Mehrteiler erfolgreich: „Winnetou“ (RTL) und „Gotthard“ (ZDF), der Dominik Graf-Thriller „Zielfahnder“, die Adidas- und Puma-Geschichte „Duell der Brüder“ (RTL) hatten jeweils rund 5 Mio. Zuschauer.

medienpolitik.net: Frau Müller, 2016 war für die Film- und Medienstiftung ein „Ausnahmejahr“, so heißt es in Ihrer Pressemeldung zur Jahresbilanz. Was war daran so außergewöhnlich?

Petra Müller: Das Jahr startete mit der Nominierung für den Auslandsoscar für „Mustang“, „Wild“ lief in Sundance, „Toni Erdmann“ in Cannes, sechs Deutsche Filmpreise gingen an „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der Studenten-Oscar an den geförderten Abschlussfilm „Ayny – My Second Eye“. Cannes, Locarno, Venedig, Toronto, Busan – insgesamt liefen 164 NRW-geförderte Filme bei 117 Festivals weltweit und wurden mit 115 Preisen ausgezeichnet. Das Jahr schloss mit sechs Europäischen Filmpreisen für „Toni Erdmann“ und seiner Oscar-Kandidatur. An der Kinokasse reüssierte NRW mit Komödien und Family Entertainment. „Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft“, „Pettersson und Findus: Das schönste Weihnachten überhaupt“ oder „Smaragdgrün“ gehörten zu den besucherstärksten Produktionen. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ wurde weltweit in 18 Ländern gezeigt und holte über 270.000 Besucher. Die Künstlerbiographie „Paula – Mein Leben soll ein Fest sein“ stieg im Dezember mit 220.000 Besuchern auf Platz 1 der Arthouse-Charts ein. NRW-geförderte Filme wurden in rund 360 Ländern weltweit gezeigt. Im Fernsehen erzielten „Winnetou“,„Gotthard“ Dominik Graf‘s „Zielfahnder“ und das „Duell der Brüder“ jeweils rund 5 Mio. Zuschauer. Und nicht zuletzt gab das Jubiläumsjahr Anlass die beeindruckende Entwicklung des Medienstandort NRW seit Anfang der 90er Jahre Revue passieren zu lassen.

medienpolitik.net: Einen Wermutstropfen gab es aber doch. Denn hinsichtlich des Fördervolumens musste NRW 2016 seinen Spitzenplatz abgeben?

Petra Müller: Nach den vor drei Jahren beschlossenen Mittelkürzungen ist das Fördervolumen 2016 wie zu erwarten geringer ausgefallen. Mit rund 30 Mio. Euro konnte die Filmstiftung jedoch ihren Platz in der Spitzengruppe der Länderförderungen halten. Addiert man die 1,4 Mio. Euro des Creative Europe-Programms und die rund 14 Mio. Euro aus dem CreateMedia.NRW-Wettbewerb, dann konnten Land und Filmstiftung 2016 dennoch gemeinsam rund 45 Mio. Euro für die Förderung der Film- und Medienbranchen bereitstellen.
Im Durchschnitt der vergangenen Jahre lag NRW bei einem Fördervolumen von 33-34 Mio. Euro. Nicht auszuschließen, dass es durch Rückflüsse und erhöhte Verpflichtungen wieder in diese Richtung gehen wird. Dennoch wir sind gehalten, noch konzentrierter und fokussierter zu fördern, noch stärker Marktpotentiale und Zielgruppen im Auge zu haben und dabei gleichzeitig mit künstlerischen Projekten ins Risiko zu gehen. Wenn man ein wenig Glück hat, kommen dabei wie in diesem Jahr aufsehenerregende Kinofilme, quotenstarke TV-Produktionen und innovative Bewegtbild-Inhalte heraus.

medienpolitik.net: Vor diesem Hintergrund nimmt „Toni Erdmann“ für die Filmstiftung wie für die deutsche Filmbranche 2016 sicherlich eine Schlüsselstellung einnimmt…

Petra Müller: Selbst auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen: „Toni Erdmann“ überstrahlte das Filmjahr 2016 in jeder Hinsicht. Er lief als erster deutscher Film seit acht Jahren im Wettbewerb in Cannes und über 40 weiteren Festivals weltweit, wurde in über 90 Länder verkauft, erhielt über 20 Preise und Auszeichnungen und zahllose Nominierungen. Und gleichzeitig liegt der gerade bei 840.000 Besuchern Deutschland, weiteren 110.000 in Schweiz und Österreich und allein 340.000 in Frankreich. Maren Ades Film gehört zu den seltenen gewordenen Fällen, wo ein Autorenfilm, ein originäres und im besten Sinne eigensinniges Meisterwerk, auch kommerziell erfolgreich ist, weil er eine universelle Geschichte erzählt, den Nerv der Zeit trifft. Man sagt so etwas nicht oft, aber die Film- und Medienstiftung NRW ist glücklich darüber, dass sie von Beginn an das Projekt geglaubt hat, als Hauptförderer eingestiegen ist. Damit konnten wir gemeinsam mit dem WDR einen entscheidenden Impuls für die Realisierung des Films geben.

medienpolitik.net: Bereits beim Film- und Kinokongress NRW im vergangenen November haben Sie vom „Jahr der Frauen“ gesprochen. Was haben Sie damit gemeint?

Petra Müller: Angestoßen von ProQuoteRegie beschäftigt sich die Filmbranche derzeit intensiv mit der Teilhabe von Frauen an der Film- und Fernsehproduktion, gibt Untersuchungen in Auftrag und diskutiert über Selbstverpflichtungen. Das ist gut so, weil die Zahlen nach wie vor nicht zufriedenstellen. Gleichzeitig ist aber festzuhalten, dass 2016 einige der künstlerisch wichtigsten und erfolgreichsten Filme von Regisseurinnen kamen. Das gilt natürlich für Maren Ades „Toni Erdmann“, aber auch für Nicolette Krebitz‘ „Wild“ oder Deniz Gamze Ergüvens „Mustang“, um nur einige der NRW-geförderten zu nennen. Mit dem Herbert Strate-Preis für Maren Ade und Maria Schrader („Vor der Morgenröte“) wollten die Filmstiftung gemeinsam mit dem HDF-Kino im vergangenen Herbst die herausragenden Arbeiten von Regisseurinnen ins Rampenlicht stellen und dabei den Blick auch einmal auf das halbvolle Glas richten. Offenbar sind die Dinge in Bewegung, nach wie vor aber werden große Budgets in Film und Fernsehen häufiger Männern anvertraut.

medienpolitik.net: Die FFA will ihre Mittel stärker auf Filme konzentrieren, die ein hohes Budget aufweisen und ein Massenpublikum ansprechen. Was bedeutet das für die Länderförderer wie die Film- und Medienstiftung NRW?

Petra Müller: Spätestens seit der Einführung des German Motion Picture Fund und der Erhöhung der kulturellen Förderung der BKM wird eine stärkere Aufgabenteilung der Förderer diskutiert. Da die FFA aus den Abgaben der Kino-Branche finanziert wird, in nachvollziehbar, wenn sie im Feld der besucherstarken Filme besonders engagieren will. Demgegenüber sind die Länderförderungen von je her stärker verantwortlich für die gesamte Bandbreite von Filmkultur und Filmwirtschaft an ihren Standorten. Die in NRW ansässigen Produzenten haben ihre Stärken vorrangig im Arthouse, im Dokumentarfilm und in internationale Koproduktionen ausgebildet und sind damit durchaus erfolgreich. Im Sinne einer funktionierenden Filmwirtschaft unterstützt die Filmstiftung aber ebenso überzeugt Family Entertainment, Komödien und internationales Star-Kino.

medienpolitik.net: Sie unterstützen darüber hinaus anspruchsvolle TV-Serien wie „Babylon Berlin“ oder „Weinberg“. Dazu passt ihr Engagement für die Drama Series Days bei der Berlinale. Welche Effekte bringt das für den Produktionsstandort NRW?

Petra Müller: Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass High-End-Serien zu den anspruchsvollsten Formaten des zeitgenössischen Filmschaffens zählen. Die Filmstiftung fördert seit langem die Produktion von Miniserien und TV-Mehrteilern, seit 2012 investiert sie verstärkt die Entwicklung von plattformunabhängigen seriellen Formaten und Web-Serien sowie die Produktion horizontal erzählter Arthouse-Serien. Diese gehören zum Portfolio einer zeitgemäßen Förderung, und gerade ihre Produktion steht für veritable Effekte am Standort. Auch deshalb haben wir „Babylon Berlin“ unterstützt, uns freuen uns, wenn die neue Serie von Andreas Prochaska kommt und die „Bauhaus-Serie“, deren Entwicklung wir gefördert haben, rechtzeitig zum Bauhausjahr 2019 in Produktion geht.
Hochkarätige Serien sind bekanntermaßen teuer und zumeist nur international zu finanzieren. Bei den Drama Series Days, die wir vor zwei Jahren gemeinsam mit dem European Film Market initiiert haben, kommen jetzt bereits zum dritten Mal deutsche und internationale Serienproduzenten und Rechtehändler zusammen, werden aktuelle europäische Serien für alle Plattformen vorgestellt und europäische Fördermöglichkeiten präsentiert. Schön zu sehen, dass die Drama Series Days sich nach so kurzer Zeit etabliert haben und ausgebaut werden. Hier ist ein „Marktplatz“ entstanden, der auch und gerade für Produzenten und Senderverantwortliche aus NRW, dem führenden TV-Standort Deutschlands, wichtig ist.

medienpolitik.net: NRW gehört auch zu den führenden Standorten, wenn es um digitale Inhalte wie Web-Videos und Games geht. Wie wollen Sie diese Position behaupten angesichts der wachsenden Konkurrenz aus Bayern, Berlin und Hamburg?

Petra Müller: Auch das hat eine Weile gedauert, aber inzwischen sehen fast alle Standorte die Notwendigkeit, sich der Förderung innovativer und interaktiver Inhalte zu öffnen. So hat Bayern gerade seine Games-Förderung verdreifacht und anschließend bekannt gegeben, dass man in die Förderung von Webserien und VR einsteigen wird. Das kann man nur begrüßen. Denn hier geht es ja nicht um den Wettbewerb der Bundesländer, sondern im die Zukunftsfähigkeit der audiovisuellen Industrie Deutschlands.
In NRW wurden die notwendigen Förderinstrumente bereits 2011 entwickelt und in der Film- und Medienstiftung NRW angesiedelt, 2015 hat das Land den Create.Media-Wettbewerb neu aufgelegt und noch stärker für Games geöffnet. Zudem haben wir verstärkt in Qualifizierung und Professionalisierung investiert, mit den Aus- und Weiterbildungsangeboten am Cologne Game Lab und dem NRW-Creator’s Lab sowie einer Webvideo-Masterclass, die an der ifs angesiedelt wird. Anfang des Jahres ist das Mediennetzwerk.NRW an den Start gegangen, um sich im Auftrag des Landes und mit einem jährlichen Budget von 1,4 Mio. um die Vernetzung und Präsentation der digitalen Medienbranchen zu kümmern.
Dass sich dieses nachhaltige Engagement auszahlt, belegt der NRW-Kreativwirtschaftsbericht, der insbesondere der Gamesbranche starkes Wachstum attestiert. Demnach ist der Umsatz in den letzten fünf Jahren um ein Drittel gestiegen. Parallel hat eine bundesweite Befragung der Webvideo-Branche ergeben, dass NRW der führende Standort der Webvideo-Kreateure ist. Und nicht zuletzt unterstreichen Gamescom und dmexco, der Entwickler- und der Webvideo-Preis Deutschland die Stellung von NRW als Digitalstandort.

medienpolitik.net: Geben Sie uns zum Schluss noch einen kleinen Ausblick auf 2017?

Petra Müller: Das neue Jahr hat genauso rasant begonnen, wie das alte zu Ende gegangen ist. Die Filmstiftung fährt mit 28 Filmen zur Berlinale, zwei davon im Wettbewerb, „Ana, mon Amour“ von Calin Peter Netzer und „Beuys“ von Andres Veiel, ein Dokumentarfilm, der in ganz außergewöhnlicher Weise vom Leben eines der wichtigsten deutschen Künstler und der alten Bundesrepublik erzählt. Ende Februar folgt dann die Oscar-Verleihung, und viel weiter will ich gerade noch nicht denken…

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 02/17 erstveröffentlicht.

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