Filmwirtschaft:

„Die Branche unterliegt radikalen Umwälzungen“

von am 16.02.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Filmwirtschaft:</h4>„Die Branche unterliegt radikalen Umwälzungen“
Matthijs Wouter Knol, Direktor des European Film Market

European Film Market 2017 mit Rekordbeteiligung und neuen Bereichen

16.02.17 Interview mit Matthijs Wouter Knol, Direktor des European Film Market

Der European Film Market (EFM) der Internationalen Filmfestspiele Berlin gilt als eine der bedeutendsten Plattformen für den internationalen Handel mit Filmrechten und audiovisuellen Inhalten. Als erster Branchentreffpunkt des Jahres öffnet er seine Tore und setzt Trends für das kommende Filmjahr. An den neun Markttagen vom 9. bis 17. Februar 2017 werden mehr als 9.000 Aussteller, Lizenzhändler, Produzenten, Buyer und Investoren erwartet. Neue Initiativen wie der „Berlinale Africa Hub“ und „EFM Horizon“ geben zukunftsweisende Impulse. Die „Drama Series Days“ von EFM und Berlinale Co-Production Market werden aufgrund des großen Zuspruchs ausgebaut. Die Filmindustrie der Zukunft mit den neuesten technologischen Entwicklungen, zukunftsweisenden Trends und sich verändernden Geschäftsmodellen steht im Mittelpunkt der fünf Veranstaltungen unter dem neu geschaffenen Dach „EFM Horizon“. Gleichzeitig bietet die Plattform den Fachbesuchern Netzwerkmöglichkeiten in angrenzende Branchen der audiovisuellen Industrie wie Technologie, Virtual Reality und Games.

medienpolitik.net: Herr Knol, warum müsste man den European Film Market erfinden, wenn es ihn nicht schon gäbe?

Matthijs Wouter Knol: Bei der Berlinale funktioniert das Miteinander von Filmpräsentationen und Geschäft schon seit vielen Jahren. Die künstlerischen Sektionen der Berlinale und der EFM haben sich von Beginn an gegenseitig befruchtet. Bereits seit dem ersten EFM 1988 bietet die Berlinale einen Treffpunkt und Handelsplatz für die internationale Filmindustrie. Dieter Kosslick war es von vornherein ein Anliegen, den Markt auszubauen, als er 2001 die Leitung der Berlinale übernahm. Sein Engagement verlieh dem EFM noch einmal einen echten Impuls. Das stetige Wachstum des EFM führte dann 2006 dazu, dass der Markt in den Martin Gropius Bau umzog und später noch Räume im Marriott dazu buchte. Kunst, Glamour und Geschäft sind bei der Berlinale also seit vielen Jahren untrennbar miteinander verbunden. Ein Filmmarkt, würde es ihn nicht schon seit vielen Jahren höchst erfolgreich geben, würde ansonsten schmerzlich vermisst.

medienpolitik.net: Seit Ende der 80iger Jahren ist der European Film Market Teil der Berlinale. Was macht seine besondere Bedeutung international aus?

Matthijs Wouter Knol: Der European Film Market ist traditionell erster Treffpunkt des Jahres für die, sich um den Filmhandel drehenden Branche. Unsere Ausstellungsflächen im Martin-Gropius-Bau, im Gropius Park und im Marriott Hotel sind schon seit Ende letzten Jahres ausgebucht. An den neun Markttagen vom 9.-17. Februar erwarten wir mehr als 9.000 Aussteller, Lizenzhändler, Produzenten, Buyer und Investoren. Wir liefern ein erstes Stimmungsbild für die Branche, der in etwa abzeichnet, was im neuen Jahr vor uns liegt. Und zwar inhaltlich, aber auch technologisch und regional. Das macht uns international mit den Märkten in Los Angeles und Cannes zu einer der bedeutendsten Plattformen für den internationalen Handel mit Filmrechten und audiovisuellen Inhalten.

medienpolitik.net: Der EFM wächst von Jahr zu Jahr, trotz starker internationaler Konkurrenz. Woran liegt das?

Matthijs Wouter Knol: Die Branche unterliegt radikalen Umwälzungen, denen wir etwa im VoD- oder Streaming-Bereich neue Player verdanken und damit natürlich auch neue Marktteilnehmer. Das ist aber nur ein Grund für unser stetiges Wachstum. Der andere Grund ist hausgemacht. Denn der EFM bietet seit je her weit mehr als nur Verkaufsfläche. Die Branche findet bei unseren vielfältigen Initiativen Orientierung und neue Perspektiven. So bieten wir mit unseren regionalen Initiativen „Berlinale Africa Hub“, die wir mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes realisieren, dem „Country in Fokus“ – in diesem Jahr ist es Mexiko – und dem erfolgreich etablierten Format „EFM Asia“ den Filmindustrien dieser Regionen ein besonderes Forum und liefern wichtige Impulse in der Zusammenarbeit mit diesen Märkten. Unter dem neu geschaffenen Dach „EFM Horizon“ präsentiert der European Film Market dank der Unterstützung von Audi unterschiedliche Initiativen mit Fokus auf die Filmindustrie der Zukunft. Und die „Drama Series Days“, mit denen wir den internationalen Wachstumsmarkt der High End Drama Serien näher betrachten, bauen wir gemeinsam mit dem Berlinale Co-Production Market aufgrund des großen Zuspruchs weiter aus. Nicht zu vergessen Initiativen wie „Meet the Docs“, mit der wir den Dokumentarfilm unterstützen, „American Independents in Berlin“, dem „EFM Producers’ Hub“, mit der wir Produzenten, die ja eigentlich nicht unsere Kernzielgruppe sind, ansprechen, oder die „EFM Industry Debates“, bei denen wir aktuelle Themen der Branche diskutieren.

medienpolitik.net: Der EFM ist eine Messe, also geht es vor allem um das Geschäft. Welcher Umsatz durch Verkauf und Kauf von Filmrechten wird auf dem EFM in etwa realisiert?

Matthijs Wouter Knol: Das lässt sich bei der Art, wie im Filmhandel Geschäfte gemacht werden, nicht seriös errechnen. Es ist selten so, dass ein Einkäufer auf einen Verkäufer trifft, sich dessen Filmportfolio anschaut und sofort einen Vertrag bereithält oder den Geldbeutel zückt, wir also sagen könnten, dass der komplette Deal innerhalb des EFM stattgefunden hätte. Beim EFM finden Anbahnungen statt, erste, zweite oder dritte Kontakte. Abschlüsse gibt es auch viele, aber wie schon gesagt, Deals im Filmgeschäft haben eine längere Vorlaufzeit und sind überdies hochkomplex.

medienpolitik.net: Es werden nicht nur Rechte für Kinofilme gehandelt sondern seit vergangenem Jahr auch TV-Serien. Da existiert doch eigentlich kein Nachholbedarf. Warum entwickelt sich der EFM so auch zu einer TV-Messe?

Matthijs Wouter Knol: Nach unserer Beobachtung besteht da sogar ein recht hoher Bedarf. Die Erstauflage der Initiative „Drama Series Days“ 2015 mit Panel-Veranstaltungen, Market Screenings und verschiedenen Networking Events sowie einer von Festivaldirektor Dieter Kosslick verantworteten Auswahl hochwertiger Serien im Rahmen von Berlinale Special Series stieß international bei Film- und Fernsehindustrie auf großen Zuspruch. Und der Zuspruch hält an, so dass wir uns entschlossen haben, die Drama Series Days noch einmal auszubauen. Das macht uns auch noch nicht zur TV-Messe, denn wir beschränken uns auf qualitativ hochwertige High End Drama Serien und wählen selbst die Serien aus, die bei den Market Screenings präsentiert werden. Darüberhinaus geht es bei den „Drama Series Days“ auch darum, den sich im Bereich High End Serien zunehmend überlappenden Branchen der Fernseh- und Filmschaffenden eine Plattform zu bieten.

medienpolitik.net: Der deutsche Film – und auch deutsche Serien – haben international an Reputation gewonnen. Wie zeigt sich das auf dem EFM?

Matthijs Wouter Knol: Sie haben recht. Der deutsche Film gewinnt an Reputation. Wie sich die Verkäufe aber insgesamt entwickeln, ist eher eine Frage, die sie den Weltvertrieben stellen müssen. Der EFM unterstützt aber die Vermarktung deutscher Produktionen aktiv. Bei „Lola at Berlinale“ präsentieren wir den internationalen Marktteilnehmern die besten deutschen Filme des Vorjahres, nämlich alle Filme, die es in die Vorauswahl für eine Nominierung zum Deutschen Filmpreis , eben der Lola, geschafft haben.

medienpolitik.net: Wie präsent sind Einkäufer von VoD-Plattformen wie Netflix oder Amazon beim EFM? Welche Relevanz haben diese Plattformen inzwischen für Sie?

Matthijs Wouter Knol: Die sind da, sowohl als Ein- als auch als Verkäufer und zwar in immer größerer Zahl. Ihre Rolle wächst mit der zunehmenden Bedeutung ihrer Plattformen.

medienpolitik.net: Es gibt in diesem Jahr wieder zwei Neuerungen: „Berlinale Africa Hub“ und „EFM Horizon“. Warum speziell Afrika? Betreibt der EFM jetzt auch Filmförderung?

Matthijs Wouter Knol: Beim „Berlinale Africa Hub“ handelt es sich nicht um Filmförderung. Standortmarketing träfe es vielleicht besser. Der „Berlinale Africa Hub“ ist Kommunikations- und Networking-Plattform, gedacht für die afrikanische Filmindustrie und alle EFM-Besucher, die mehr erfahren möchten über neue Distributions- und Marketingmodelle, über Virtual Reality und 360-Grad-Projekte von afrikanischen Filmkreativen und Produzenten, über erfolgreiche Start-ups, die audiovisuellen Content auf den afrikanischen Markt bringen und über in den vergangenen Jahren neu entstandene afrikanische VOD- und SVOD-Plattformen. Ich kann Ihnen versprechen, dass der Africa Hub eine hochspannende Veranstaltung wird. Denn zahlreiche talentierte afrikanische Filmschaffende nutzen immer mehr und auf höchst kreative und inspirierende Weise die neuesten technologischen Entwicklungen, um eigene Inhalte zu schaffen und so dem afrikanischen Publikum Zugang zu originär afrikanischem Content zu ermöglichen. Der afrikanische Kinomarkt, der ja mit über einer Milliarde Menschen allein was die Einwohnerzahl angeht, größer ist, als Nordamerika oder Europa, befindet sich in einem enormen Wachstum, sowohl was den Bau von Kinoleinwänden betrifft, besonders aber beim Ausbau digitaler Verbreitungswege. Es lohnt sich also, für die weltweite Filmindustrie, auf Afrika zu schauen.

medienpolitik.net: „EFM Horizon presented by Audi“ soll die Möglichkeit bieten, neueste technologische Entwicklungen und zukunftsweisende Trends zu entdecken sowie Netzwerke in angrenzenden Branchen der audiovisuellen Industrie zu nutzen. Warum das? Existieren nicht international ausreichend Technologiemessen?

Matthijs Wouter Knol: Vielleicht muss das nicht jeder Filmmarkt auf der Welt. Aber als Markt eines Festivals der Größenordnung der Berlinale in einer der aktuell spannendsten europäischen Städte in Sachen Startup wollen und müssen wir uns auch mit Technologie befassen. Die audiovisuelle Branche wird, wie gesagt, zurzeit nachhaltig und wahrscheinlich so stark wie noch nie geprägt von radikalen Umwälzungen. Neue Technologien verändern alles, Schwerpunkte verschieben sich, traditionelle Unternehmen müssen sich anders aufstellen. Unter dem neu geschaffenen Dach „EFM Horizon“ präsentieren wir deshalb unterschiedliche Initiativen mit Fokus auf die Filmindustrie der Zukunft, dazu gehören Thinktanks, die über Filmvertrieb und Filmrezeption der Zukunft nachdenken, eine Plattform für Startups, bei der sie ihre Produkte und Ideen den Marktteilnehmern nahe bringen können, Veranstaltungen zu Virtual Reality und Film oder die Verbindung von Games und Kinoerlebnis.
Kurz: „EFM Horizon“ bringt die Teilnehmer des EFM also in Dialog mit Vertretern anderer Industrien, um notwendige neue Strategien für die Filmbranche zu entwickeln. Gleichzeitig reagieren wir als Filmmarkt mit einer Plattform wie „EFM Horizon“ auf die rasanten Veränderungen in der Branche und bauen entsprechend unser Angebot für die Fachbesucher weiter auf- und aus. Von jetzt an wird unser Motto ‘It all starts here’ eine zusätzliche Bedeutung haben”.

medienpolitik.net: Was müssen die neun Markttage bringen, damit Sie am 17. Februar zufrieden sind?

Matthijs Wouter Knol: Glückliche Besucher. Ich bin zufrieden, wenn die Teilnehmer in der Gewissheit abreisen, gute Geschäfte getätigt oder angebahnt, vielfältige Kontakte geknüpft und gleichzeitig neue Ideen und Perspektiven durch unsere diversen Initiativen und Veranstaltungen rund um den Markt herum gewonnen zu haben. Denn dann ist es uns möglicherweise gelungen, in der Filmindustrie neue Impulse zu setzen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 02/17 erstveröffentlicht.

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