Filmwirtschaft:

„Die FFA wird zu einer bundesweiten Spitzenförderung“

von am 08.02.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft

<h4>Filmwirtschaft:</h4> „Die FFA wird zu einer bundesweiten Spitzenförderung“
Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien I © Christof Rieken

Monika Grütters plädiert für eine bessere Abstimmung der Förderprogramme und klarere Profile der Förderinstitutionen

08.02.17 Interview mit Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien

Monika Grütters möchte die deutsche Filmwirtschaft unterstützen, noch mehr Filme wie „Toni Erdmann“ zu produzieren. „Mit der im vergangenen Jahr begonnenen Stärkung der kulturellen Filmförderung um 15 Mio. Euro“, so betonte die Kultur-Staatsministerin in einem medienpolitik.net-Gespräch, „möchte ich die Entwicklung experimenteller Arbeiten und solch herausragender Kinostoffe wie ‚Toni Erdmann‘ in noch viel größerem Umfang ermöglichen.“ Die Fördermittel der FFA sollen künftig auf einige wenige, aber sehr vielversprechende Projekte konzentriert werden. Das Gesetz sehe deshalb für die Auswahl der Vorhaben im Rahmen der Projektfilmförderung speziellere Vorgaben und eine gesetzliche Mindestförderquote vor. Die ausreichende finanzielle Ausstattung erfolgversprechender Filme soll sich auf die Qualität und Quantität der deutschen Filme auswirken.

medienpolitik.net: Frau Grütters, das novellierte FFG ist seit 1. Januar 2017 in Kraft und hat eine Laufzeit bis Ende 2021. Es gibt zahlreiche Veränderungen im Vergleich zum früheren FFG. Welche ist für Sie besonders wichtig?

Monika Grütters: Lassen Sie mich eines voranstellen: Gerade als Kulturstaatsministerin war mir die geschlechtergerechte Besetzung der Fördergremien und des Verwaltungsrates der Filmförderungsanstalt bei der Novellierung des Filmförderungsgesetzes ein echtes Herzensanliegen. Dies ist ein wesentlicher Schritt nach vorn.
Auf der organisatorischen Seite ist die Neustrukturierung der Fördergremien eine wichtige und entscheidende Weiterentwicklung. Statt einer Vergabekommission und ihren Unterkommissionen wird es zukünftig Expertenpools geben, aus denen die jeweiligen Kommissionssitzungen im Rotationsverfahren besetzt werden. Das Rotationsprinzip hat den Vorteil, dass jedes Kommissionsmitglied an maximal drei Sitzungen pro Jahr teilnimmt, was eine enorme Arbeitsentlastung für einzelne Mitglieder bedeutet. Damit wird Filmemachern und anderen aktiven Branchenmitgliedern die Möglichkeit eröffnet, Beruf und Ehrenamt besser miteinander zu vereinbaren und ihre Expertise in die Kommissionsarbeit einzubringen. Bei der Kommission für Kinoförderung bleibt es allerdings bei der festen Besetzung, da diese im Hinblick auf die Art der dort zu treffenden Förderentscheidungen auch weiterhin geeigneter erscheint. Auf der inhaltlichen Seite stellt die Einführung einer neuen Drehbuchfortentwicklungsförderung ein wichtiges bislang nicht existierendes Instrument dar. Gute Drehbücher gelten zu Recht als „DNA eines hohen deutschen Marktanteils“. Deshalb ist es besonders wichtig, die förderrechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Entstehen qualitativ hochwertiger Drehbücher begünstigen. Die Einführung der Drehbuchfortentwicklung bietet den Autoren und Produzenten die finanzielle Ausstattung und somit auch die Zeit, ein Drehbuch bis zu der Spitzenqualität fortzuentwickeln, die für einen erfolgreichen Kinofilm erforderlich ist.

medienpolitik.net: Welche Effekte versprechen Sie sich für die deutsche Filmwirtschaft nach diesen fünf Jahren durch das neue FFG?

Monika Grütters: Zunächst ist es wichtig, dass die FFA ihre Arbeit in den kommenden Jahren auf einer ausreichend gesicherten finanziellen Basis fortführen kann. Dafür haben wir im neuen FFG die Voraussetzungen geschaffen. Durch die moderate Erhöhung einzelner Abgabesätze und die Abschaffung der Erfolgsdarlehen sichern wir das Abgabeaufkommen der FFA für die nächsten Jahre. In diesem Zusammenhang steht natürlich auch die Entscheidung der Europäischen Kommission vom 1. September 2016, die nach intensiver Prüfung nun endlich grünes Licht für die Heranziehung von Video-on-Demand-Anbietern ohne Sitz oder Niederlassung im Inland zur Filmabgabe gegeben hat – eine Entscheidung, die filmpolitisch dringend geboten war.
Ein zentrales Anliegen des neuen FFG ist es zudem, die Förderung der FFA effizienter zu gestalten. Die Fördermittel sollen künftig auf ein paar wenige, aber sehr vielversprechende Projekte konzentriert werden. Das Gesetz sieht deshalb für die Auswahl der Vorhaben im Rahmen der Projektfilmförderung speziellere Vorgaben und eine gesetzliche Mindestförderquote vor. Eine ausreichende finanzielle Ausstattung erfolgversprechender Filme soll sich auf die Qualität und Quantität der deutschen Filme auswirken. Das liegt im Interesse sämtlicher Branchenteilnehmer, insbesondere der Einzahler der Filmabgabe. Die FFA entwickelt sich damit noch stärker zu einer bundesweiten Spitzenförderung, die vor allem den hochkarätigen und erfolgversprechenden Film im Blick hat. Wenn wir es mit Hilfe dieses Gesetzes schaffen, aussichtsreiche Filme mit höheren Summen zu fördern, hat das Gesetz eines seiner Ziele erreicht.
Außerdem sollen mit Hilfe des neuen Gesetzes Filmvorhaben bevorzugt zum Zuge kommen, bei denen Frauen einen wesentlichen Beitrag geleistet haben. Bislang liegt der Anteil der von der FFA geförderten Filme, den eine Frau produziert oder bei denen eine Frau Regie geführt hat, bei unter 20%. Das ist mir deutlich zu wenig – vor allem, wenn man die hohe Zahl der Absolventinnen der Filmhochschulen dazu in Beziehung setzt. Mit der neuen Gremienstruktur, die eine geschlechtergerechte Besetzung der Förderkommissionen vorsieht, erhoffe ich mir, dass der verstärkt weibliche Blick auf ein Projekt auch die Förderung derjenigen Vorhaben nach sich zieht, an denen Frauen maßgeblich beteiligt sind.

medienpolitik.net: Die Mediennutzung befindet sich in einem starken Wandel. Bei den Sperrfristen hat sich jedoch – bis auf Ausnahmen bei Dokumentarfilmen – nichts geändert. Warum haben Sie an der bisherigen Regelung festgehalten?

Monika Grütters: Ihre Feststellung ist so nicht ganz richtig. Wir haben an der bisherigen Regelung nicht einfach festgehalten, sondern auch bei den Sperrfristen Flexibilisierungen ermöglicht. Ich denke dabei als erstes an die sogenannte „Freischussregelung“. Hier kann man auf die Sperrfristen für einen geförderten Film verzichten, wenn sich nach Fertigstellung desselben herausstellt, dass eine Auswertung im Kino nicht erfolgversprechend ist. Wir heben so den Zwang auf, von der FFA geförderte Filme um jeden Preis ins Kino zu bringen. Freilich handelt es sich hierbei um eine Ausnahmeregelung, die von einem Hersteller nur einmal in vier Jahren in Anspruch genommen werden kann. Dennoch halte ich das für einen wichtigen Schritt dahin, Kinos nicht mit Filmen zu überhäufen, die am Ende erkennbar keine Kinotauglichkeit aufweisen.
Und wenn in anderen Fällen z.B. durch die Verkürzung der Sperrfristen neue Geschäftsmodelle für Kinos ermöglicht werden, können sie sogar völlig entfallen. Auch die von Ihnen genannte weitreichende Flexibilisierung bei den Sperrfristen für Dokumentarfilme stellt eine wesentliche Neuerung dar.
Ansonsten haben wir aus gutem Grund an der Dauer der regelmäßigen Sperrfristen festgehalten, denn gerade für die Kinos ist dies von großer Bedeutung. Sperrfristen sind fundamental für den Erhalt einer flächendeckenden Kinolandschaft. Zugleich dienen sie einer optimalen Laufzeit der Filme, da gerade deutsche und europäische Filme eine mehrmonatige Kinobespielung benötigen, um ihr Potential voll entfalten zu können. Den Vorschlag, die Kinolaufzeit generell auf vier Monate zu verkürzen, wie es partiell gefordert wird, halte ich vor diesem Hintergrund für verfehlt.

medienpolitik.net: Es war während der Diskussion des novellierten Gesetzes von einem „Erlöskorridor“ die Rede, der allerdings in das Gesetz keinen Eingang gefunden hätte. Sie haben wiederholt auf die relativ schwache Eigenkapitalbasis der Produzenten verwiesen. Hätte dieser Korridor nicht hier eine Stärkung bedeutet?

Monika Grütters: Ich halte den sogenannten Erlöskorridor durchaus für ein wirksames Mittel, mit dessen Hilfe eine schwache Eigenkapitalbasis einiger Produzenten gestärkt werden kann. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass eine gesetzliche Pflicht eines Erlöskorridors für geförderte Filme einen erheblichen Eingriff in die Vertragsautonomie der Parteien bedeutet hätte. Mir ist natürlich bewusst, dass dem FFG gewisse Beschränkungen der Privatautonomie nicht fremd sind. Dies ist sachlich durchaus gerechtfertigt, denn immerhin fließen zum Teil erhebliche Summen öffentlicher Fördermittel in die Projekte. Gleichwohl muss für jeden Einzelfall die Verhältnismäßigkeit im Blick behalten werden. Ein verpflichtender Korridor mit einer starren Höhe von 10 %, wie er teilweise gefordert wurde, erscheint mir zu hoch als pauschale Vorgabe. Die Risikoverteilung zwischen Produzenten und Verleihern kann im Einzelfall durchaus variieren. Ich halte es daher für besser, wenn die Vertragspartner einen Erlöskorridor auf der Grundlage ihrer partnerschaftlichen Zusammenarbeit und passend zum Einzelfall vertraglich vereinbaren. Natürlich würde ich es begrüßen, wenn der Erlöskorridor zwischen Produzenten und Verwertern häufiger vereinbart würde, als dies bisher der Fall ist. Hoffentlich hat die im Rahmen der FFG-Novelle geführte Diskussion dafür den nötigen Anstoß gegeben.

medienpolitik.net: Bei der FFA existieren Überlegungen, weniger Filme mit mehr Geld zu fördern, um mehr Spitzenfilme zu ermöglichen. Setzt das auch eine bessere Abstimmung der FFA-Förderung mit der kulturellen Filmförderung und der Förderung der Länder voraus, damit kein interessantes Filmprojekt auf der Strecke bleibt?

Monika Grütters: Ich hatte ja bereits erwähnt, dass die stärkere Konzentration der Fördermittel auch ein grundsätzliches Anliegen des novellierten FFG ist. Die darüber hinausgehenden Überlegungen der FFA sind bislang interner Art. Grundsätzlich ist es in einer vielfältigen Förderlandschaft mit zahlreichen Fördereinrichtungen auf Bundes- und Länderebene sinnvoll zu überlegen, wie man Förderprogramme besser aufeinander abstimmt und ihre Profile schärft. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass Filmvorhaben – allein aufgrund der föderalen Struktur Deutschlands – in der Regel auf die Unterstützung mehrerer Förderer angewiesen sind, so dass auch weiterhin gewisse Überschneidungen möglich sein müssen. Die kulturelle Filmförderung meines Hauses verfügt mit ihrem Ziel, die Herstellung und Verbreitung deutscher Filme mit künstlerischem Anspruch zu fördern, bereits jetzt über ein klares Profil.

medienpolitik.net: Sie haben mehrfach „Toni Erdmann“ gewürdigt und gesagt: „Die Auszeichnungen zeigen auch, wie wichtig es ist, kulturell anspruchsvollen Filmprojekten die erforderliche Zeit für ihre Entwicklung zu gewähren und wie notwendig eine großzügige Unterstützung ist.“ Inwieweit kann die kulturelle Filmförderung des Bundes diesem Ziel entsprechen?

Monika Grütters: „Toni Erdmann“ lebt vom Ideenreichtum, vom Gespür für Dialoge und Zwischentöne. Maren Ade hat sieben Jahre an diesem Film gearbeitet. Die überzeugende Entwicklung eines solchen Stoffes erfordert nicht nur große schöpferische Kraft, sondern auch die nötige Zeit und Denkfreiheit, um diese zu entfalten. „Toni Erdmann“ wurde bereits 2012 durch eine BKM-Drehbuchförderung sowie eine begleitendende dramaturgische Beratung unterstützt, Filmpreismittel aus dem Deutschen Filmpreis und die kulturelle Filmförderung der BKM haben bei der Produktion geholfen. Damit stand die kulturelle Filmförderung meines Hauses ganz vorne an der Seite des kreativen Teams um Maren Ade und Komplizen Film und war die größte Förderin des Projektes. Mit der im vergangenen Jahr begonnenen Stärkung der kulturellen Filmförderung um 15 Mio. Euro möchte ich die Entwicklung experimenteller Arbeiten und solch herausragender Kinostoffe wie „Toni Erdmann“ in noch viel größerem Umfang ermöglichen.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 02/17 erstveröffentlicht.

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