Rundfunk:

„Keine Reformprojekte, die wirtschaftlich unsinnig sind“

von am 06.02.2017 in Allgemein, Archiv, Interviews, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4>„Keine Reformprojekte, die wirtschaftlich unsinnig sind“
Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin

Kooperation und Arbeitsteilung sollen zum Prinzip der Strukturveränderung bei der ARD werden

06.02.17 Interview mit Prof. Dr. Karola Wille, ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin

In einem ausführlichen Interview charakterisiert die ARD-Vorsitzende Prof. Dr. Karola Wille den schwierigen Reformprozess, in dem sich die ARD gegenwärtig befindet: „Kooperation und Arbeitsteilung werden jetzt zum Prinzip der Strukturveränderung. Der rundfunkrechtliche Auftrag der einzelnen Landesrundfunkanstalten bleibt von dieser Reform unberührt. Aber es wird bei Prozessen, Strukturen und technischen Standards Veränderungen in allen Anstalten geben müssen.“ Die Notwendigkeit, aus dem bisherigen losen einen engeren, integrierten Verbund, mit konzernähnlichen Strukturen zu machen, ergebe sich aus zwei Gründen: Zum einen aus den Veränderungen der Medienwelt und mit dem Ziel, auch in Zukunft die Beitragsakzeptanz zu sichern. Für diese Reform fordert die ARD-Vorsitzende ein realistisches zeitliches Szenario. Im Übrigen bleibe es beim verfassungsrechtlichen Grundsatz einer bedarfsgerechten Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

medienpolitik.net: Frau Wille, es müsste Sie als ARD-Vorsitzende doch ärgern, dass das ZDF seit einigen Jahren die Nummer eins bei den Zuschauern ist. Was machen die ARD und Sie als „Chefin“ dagegen – oder ist Ihnen das egal?

Prof. Dr. Karola Wille: Weder, noch. Unser gesellschaftlicher Auftrag ist klar: Wir müssen vielfältige Angebote für alle in der Gesellschaft machen. Insofern ist für mich wichtig, dass wir mit unserem Gesamtauftritt als öffentlich-rechtliches System viele Menschen erreichen. Und da kommen wir allein beim Fernsehen mit allen Angeboten von ARD und ZDF auf mehr als 45 Prozent Marktanteil. Im Radio erreicht die ARD pro Tag 53,1 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahre. Neben Akzeptanz ist allerdings Relevanz für uns von entscheidender Bedeutung. Laut ARD-Trend 2016 bezeichnen beispielsweise 66 Prozent der Befragten das Angebot des Ersten als glaubwürdig, und 56 Prozent sagen, hier werde das Interesse am politischen Geschehen gefördert.

medienpolitik.net: Woran kann man denn Qualität messen, wenn nicht an den Zuschauerzahlen? Wenn im Hauptprogramm des ZDF mehr Menschen zuschauen, dann müsste doch das ZDF mehr Qualität bieten?

Prof. Dr. Karola Wille: Bei dieser Betrachtungsweise würde die ARD mit dem Ersten in der Primetime ab 20.00 Uhr mehr Qualität bieten, weil wir da vor dem ZDF liegen. Das ist aber zu kurz gegriffen. Wir haben keinen Quotenauftrag. Beide Systeme stehen im publizistischen Qualitätswettbewerb um innovative Formate, um Nachrichten, um fiktionale Angebote, um Kultursendungen, die die Vielfalt der Themen, der Akteure und der Meinungen abbilden. Und wenn die ARD oder das ZDF an der einen oder anderen Stelle mal mehr oder weniger Zuschauer erreichen, dann sollte es bei beiden Ansporn sein, möglichst alle Menschen zu erreichen.

medienpolitik.net: Sie haben ein ehrgeiziges Ziel, die ARD soll sich zu einem crossmedialen, integrierten, föderalen Medienverbund entwickeln. Was steckt hinter diesem „Bandwurmbegriff“?

Prof. Dr. Karola Wille: Begriffe besetzen immer Inhalte. Es geht um die Vorstellung von einer modernen ARD im konvergenten Medienzeitalter. Auch in Zukunft bleibt die DNA der ARD der föderale Verbund von Landesrundfunkanstalten. Der crossmedial integrierte Medienverbund ist die Reaktion darauf, dass sich das Mediennutzungsverhalten weiter verändert, dass sich die Kommunikationsräume verändern, dass sich immer mehr Teilöffentlichkeiten bilden. Unser Auftrag bleibt dabei unverändert: Wir müssen Angebote für alle Menschen machen, immer wieder Gesamtöffentlichkeit herstellen, während sich gleichzeitig ein Strukturwandel dieser Öffentlichkeit vollzieht.. Deshalb wollen wir stärker crossmedial und integriert zusammen arbeiten. Dazu gehört der Grundgedanke eines Content-Netzwerkes, das sich zwar noch eine ganze Weile aus linearen Angeboten speisen wird, aber mit dem wir auch in der non-linearen Welt mit unseren öffentlich-rechtlichen Inhalten für die Meinungs- und Willensbildung relevant sein müssen. Auf diese Weise wollen wir unseren Auftrag zur Integration und zum Funktionieren demokratischer Prozesse unter sich tiefgreifend verändernden Bedingungen wirksam erfüllen. Dabei ist es ja für die Nutzerinnen und Nutzer gerade von Interesse, dass sie auch in Zukunft Zugänge zu Medienangeboten für Information, Bildung, Kultur, Beratung, Sport und Unterhaltung haben, die nicht von der Mitgliedschaft in einem Social Media Netzwerk oder einer kommerziellen Medienplattform abhängen.

medienpolitik.net: Kann man sich die ARD als eine Art Medienkonzern mit einer Konzernzentrale vorstellen?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir werden zwar in unseren Strukturen und Arbeitsweisen konzernähnlicher, aber die ARD wird auch am Ende dieses Weges kein Konzern sein. Es wird weiterhin eine ARD-Vorsitzende oder einen ARD-Vorsitzenden geben, die die Geschäfte eines föderalen Verbundes führen.

medienpolitik.net: Aber die Integration muss irgendjemand steuern…

Prof. Dr. Karola Wille: Für den Reformprozess haben wir eine Projektstruktur aufgebaut, mit einem Projektteam und einem hauptamtlichen Koordinator. In diesem Team sind alle ARD-Anstalten vertreten. Und dort werden die Vorbereitungen für die Weichenstellungen vorgenommen, die letztendlich dann alle neun Intendantinnen und Intendanten zu beschließen haben. Es gibt keine Entscheidung, die als Einzelanstaltsentscheidung diesen Reformprozess tragen wird. Wir werden das alle gemeinsam gestalten.

medienpolitik.net: Integration zulasten regionaler Kompetenzen? Wie funktioniert es, wenn alle Intendanten darüber entscheiden? Keiner gibt gerne Kompetenz ab.

Prof. Dr. Karola Wille: Am Anfang des Weges steht die Übereinkunft, dass wir diesen sinnvollen und notwendigen Reformprozess gemeinsam tragen wollen. Dabei sind zwei Dinge wichtig: Der rundfunkrechtliche Auftrag der einzelnen Landesrundfunkanstalten bleibt von dieser Reform unberührt. Aber es wird bei Prozessen, Strukturen und technischen Standards Veränderungen in allen Anstalten geben müssen. Auch dieser Prozess wird, wie der Finanzausgleich, ein Geben und Nehmen sein.

medienpolitik.net: Das heißt, die Landesrundfunkanstalten müssen etwas von ihrer Selbständigkeit aufgeben?

Prof. Dr. Karola Wille: Gemeinschaftseinrichtungen gibt es ja heute bereits, z.B. beim Beitragservice oder mit ARD aktuell. Kooperation und Arbeitsteilung werden jetzt zum Prinzip der Strukturveränderung. Das ist der nächste größere Reformschritt, den wir gerade aufgesetzt haben.

medienpolitik.net: Sie wollen auf dem Gebiet der Technik und bei technischen Innovationen enger zusammen arbeiten. Aber dann muss es doch eine Art Technikzentrale geben, die für alle ARD-Anstalten entscheidet, welche Standards gesetzt werden, welche Technik angeschafft wird?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir planen keine Zentrale, die künftig für alle alles entscheidet. Wir werden gemeinsam diskutieren, welche Standards gesetzt werden, an die sich dann alle Häuser halten. Bei einer föderalen Gemeinschaft wird dieser Weg nicht immer leicht sein. Wir haben bereits ein großes Projekt zum Thema IT in Arbeit, das uns die KEF vorgegeben hat.

medienpolitik.net: Und die Server stehen dann weiter dezentral oder wird es eine Serverzentrale für die ARD geben?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir haben schon jetzt mit dem IVZ ein zentrales Rechenzentrum für viele Landesrundfunkanstalten. Ziel ist, die IT-Strategie gemeinsam zu entwickeln, die IT-Landschaft so effizient wie möglich zu gestalten und die jetzigen Strukturen zu optimieren. Sinnvoll ist hier natürlich auch die Zusammenarbeit mit ZDF und Deutschlandradio.

medienpolitik.net: Sie sagten, es ist kein einfacher Prozess. Doch warum stellen Sie den losen Verbund, der seit 67 Jahren funktioniert, grundsätzlich in Frage?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Notwendigkeit, aus dem bisherigen losen einen engeren, integrierten Verbund zu machen, ergibt sich aus zwei Gründen: Zum einen aus den Veränderungen der Medienwelt und unserem Ziel, auch in Zukunft die Beitragsakzeptanz zu sichern. Wenn wir in der non-linearen Welt gemeinsam weiter erfolgreich sein wollen, brauchen wir eine moderne, gemeinsame Infrastruktur. Jetzt die richtigen Weichen dafür zu stellen ist für unsere digitale Produktwelt deshalb ein vorrangiges Ziel. Ein anderes Beispiel: Wenn wir uns verpflichten, in allen Auslandsstudios stärker crossmedial zusammen zu arbeiten und jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, geht es auch um größere Präsenz auf allen relevanten Plattformen und höhere Reichweiten für unseren journalistischen Output. Eine engere Kooperation ist also nicht nur eine Frage wirtschaftlicher Vernunft, sondern auch eine unserer journalistischen und gesellschaftlichen Relevanz und damit unserer Akzeptanz.

medienpolitik.net: Wirtschaftliche Vernunft und gesellschaftliche Akzeptanz: Nun könnte der Vorschlag der CSU ja am Ende stehen, die Hauptprogramme von ARD und ZDF zusammen zu schalten und den eigenständigen Landesrundfunkanstalten die regionale Versorgung zu übertragen. Für den Zuschauer verändert sich nichts Wesentliches. Er bekommt ein starkes Hautprogramm und starke regionale Programme?

Prof. Dr. Karola Wille: Solche Überlegungen führen am Ende zu einer Beschneidung unserer publizistischen Vielfalt. Warum sollten wir das, was uns publizistisch stark macht, abschaffen. Viele Länder beneiden uns um unser leistungsstarkes, freiheitliches und unabhängiges öffentlich-rechtliches System. Es gibt aus unserer Sicht daher keine Veranlassung dieses infrage zu stellen. Das heißt nicht, dass wir nicht weitere sich bietenden Synergien auch mit ZDF, Deutschlandradio und Deutscher Welle erschließen wollen und weiter kreative Ideen dafür entwickeln.

medienpolitik.net: Zeigt nicht gerade das Beispiel der Olympischen Spiele, dass selbst ARD und ZDF gemeinsam an finanzielle Grenzen stoßen?

Prof. Dr. Karola Wille: Der bedauerliche Verzicht auf die Übertragungsrechte an den Olympischen Spielen, war eine Frage des Preis-Leistungsverhältnisses. Das uns angebotene Rechtepaket und der dafür geforderte Preis waren schlicht jenseits jeder Realität. Wenn man auf Grundsätze wie Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verpflichtet ist, kann man auf solch ein Angebot nicht eingehen. Und egal, welche Struktur der öffentlich-rechtliche Rundfunk aufweist, die Grundsatzfrage nach bezahlbaren Rechten wird sich immer stellen: Das Preis-Leistungsverhältnis muss im Interesse der Beitragszahler stimmen.

medienpolitik.net: Warum ist ein crossmedialer Medienverbund preiswerter als die gegenwärtigen Strukturen. Es gibt einen großen Abstimmungsbedarf, der auch Zeit in Anspruch nimmt. Haben Sie durchgerechnet, dass es für die ARD wirklich preiswerter wird als bisher?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir werden keine Reformprojekte starten, die wirtschaftlich unsinnig sind. Wir sehen uns die Einspareffekte der einzelnen Projekte genau an und analysieren, über welche Zeiträume und mit welchen Aufwendungen diese realisierbar sind. Wir überlegen in jedem Einzelfall, welche Reformthemen wir verfolgen und welche Dinge sich nicht lohnen.

medienpolitik.net: In welchem Zeithorizont soll sich dieser Prozess abspielen, der substantiell zu Einsparungen führt?

Prof. Dr. Karola Wille: Darauf gibt es keine pauschale Antwort, weil man sich Thema für Thema vornehmen muss. Jeder, der schon mal IT-Strukturen in einem Unternehmen umgebaut hat, weiß, dass dahinter Workflows und Prozesse liegen, die nicht trivial sind. Mit einigen Themen wird man schneller vorankommen, mit anderen Themen weniger schnell.

medienpolitik.net: Gibt es für das IT-Projekt einen einheitlichen Zeithorizont?

Prof. Dr. Karola Wille: Die Optimierung der derzeitigen Desk-Strukturen kann sicherlich schneller realisiert werden als die grundsätzliche Veränderung der gesamten IT-Strukturen, die im Moment diskutiert wird. Das ist ein Ziel für die nächste Beitragsperiode.

medienpolitik.net: Was macht dann die Politik, wenn sie 2019 über mehr oder weniger Beitrag als 17,50 Euro beraten soll, Sie aber die Einsparungen erst 2025 bringen?

Prof. Dr. Karola Wille: Dieser Reformprozess wird von uns mit großer Ernsthaftigkeit geführt. Aber dazu gehört auch ein realistisches Szenario. Im Übrigen bleibt es beim verfassungsrechtlichen Grundsatz einer bedarfsgerechten Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

medienpolitik.net: Was muss die Politik leisten, damit Sie diesen Reformprozess vernünftig durchführen können?

Prof. Dr. Karola Wille: Dort, wo wir arbeitsteiliger werden und die Kooperation stärken wollen, benötigen wir die entsprechenden kartellrechtlichen Rahmenbedingungen. Ob es bei der gemeinsamen Beschaffung oder im IT – Bereich der Zukunft ist: Wir müssen hier sicher sein, dass wir keine kartellrechtlichen Risiken eingehen Außerdem brauchen wir einen zeitgemäßen Telemedienauftrag.

medienpolitik.net: Wie weit würde es Ihnen helfen, wenn sich die Politik vom 12. RändStV verabschiedet, das heißt die Grenzen, die Ihnen bei den Online-Angeboten gesetzt sind, zum Beispiel nach dem Modell FUNK lockert?

Prof. Dr. Karola Wille: Der neue ordnungspolitische Rahmen von FUNK ist konsequent am Nutzer ausgerichtet. Insofern ist das Modell zukunftsweisend. Ein zeitgemäßer Telemedienauftrag muss die grundsätzlichen Veränderungen der gesellschaftlichen Kommunikation sowie des Nutzerverhaltens reflektieren und die Frage beantworten, wie freie Meinungs- und Willensbildung sowie Vielfalt unter den geänderten Bedingungen sichergestellt werden kann. Die betrifft Fragen der Verweildauerbeschränkungen ebenso wie die Frage nach dem Verbot bestimmter Inhalte. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen wie Social Bots oder Fake News stellen sich solche Fragen drängender denn je. Im Übrigen sind dies auch gute Argumente für die Legitimation und Akzeptanz des Rundfunkbeitrags.

medienpolitik.net: Ab wann gibt es eine neue ARD-Mediathek?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir sind auf einem guten Weg, die ARD-Mediathekenwelt noch nutzerfreundlicher zu machen, zum Beispiel mit Personalisierungsfunktionen und Empfehlungen. Laut Convergence Monitor 2016 war die ARD Mediathek im vergangenen Jahr übrigens die erfolgreichste Mediathek aller deutschen TV-Sender. Das ZDF hat in den letzten Monaten einen wesentlichen Schritt hin zu einer nutzerfreundlichen Mediathek getan. Es geht jetzt darum, die ARD Mediathek zu erneuern und noch erfolgreicher zu machen. In einer föderalen Struktur wie der ARD mit neun Landesrundfunkanstalten sind die notwendigen redaktionellen und technischen Prozesse allerdings nicht immer einfach.

medienpolitik.net: Der MDR gehört mit zu den ersten ARD-Anstalten, die relativ konsequent ein crossmediales Konzept verfolgen. Honorieren das die Zuschauer?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir wollten mit diesem Konzept den Online-Bereich stärken, publizistisch mehr Relevanz erzielen und auch ein jüngeres Publikum stärker ansprechen. Wir sind jetzt im Jahr eins dieser Prozesse und haben z.B. bei der Akzeptanz im Informationsbereich einen erfreulichen Zuwachs. Wir verfügen mit MDR aktuell jetzt auch über eine einheitliche, crossmediale Nachrichtenmarke. Die haben wir auch für den gesamten Kulturbereich. Nun sind wir auf die nächste Radio-MA gespannt, die diese Ergebnisse zum ersten Mal in Teilen abbilden wird. Nach den ersten Erfahrungen kann man aber heute schon sagen, dass diese Weichenstellungen richtig gewesen sind.

medienpolitik.net: Das heißt, es lohnt sich auch in den mobilen Bereich zu investieren?

Prof. Dr. Karola Wille: Das Smartphone steht jetzt schon für viele Nutzer im Mittelpunkt. In eine innovative App-Strategie zu investieren ist für jedes Medienhaus eine kluge Weichenstellung. Hier sind wir weiter gefordert.

medienpolitik.net: Seit Oktober gibt es FUNK. Gelingt es damit, Jugendliche zu den öffentlich-rechtlichen Sendern zurückzuholen?

Prof. Dr. Karola Wille: FUNK ist die große Chance, diese Generationen wieder stärker anzusprechen und zu erreichen. Und die Zahlen nach den ersten drei Monaten sprechen dafür, dass wir hier Stück für Stück Raum gewinnen. Seit dem Start am 1. Oktober 2016 verzeichneten sämtliche FUNK-Inhalte zusammen bei YouTube rund 50,3 Millionen und bei Facebook rund 22,7 Millionen Abrufe. Die Funk-App wurde bislang rund über hunderttausend Mal herunter geladen. Auch die Qualität stimmt, was die vier Nominierungen von Funk-Formaten für den Grimme-Preis belegen. Unser oberstes Ziel muss sein, die jungen Menschen dauerhaft für diese Angebote zu gewinnen.

medienpolitik.net: Für ein spezielles Jugendangebot hatte sich ja vor allem der SWR stark gemacht. Ist FUNK inzwischen zum Anliegen aller neun Anstalten geworden?

Prof. Dr. Karola Wille: FUNK ist für alle Häuser ein spannendes Experiment. Die Entwicklung dieser neuen Formate ist völlig losgelöst von den linearen Angeboten. Es ist toll, dass alle ARD-Anstalten und das ZDF die Chance nutzen, in vollem Umfang zuliefern und auch den finanziellen Spielraum voll ausreizen. Keiner hält sich zurück. Ich bin immer wieder erfreut, welche innovativen Ideen in unseren Häusern entstehen.

medienpolitik.net: Wie kann die ARD bei erstrangigen gesellschaftlichen Themen wieder relevanter werden? Setzen Sie noch die Themen, über die die Gesellschaft diskutiert?

Prof. Dr. Karola Wille: Wir sind nach wie vor relevant. Im Nachrichtenbereich hat die ARD-Tagesschau im letzten Jahr über alle Ausspielwege dazugewonnen. Die Reichweite beträgt jetzt im Durchschnitt fast 10 Millionen Zuschauer. Wir haben im vergangenen Jahr im fiktionalen Bereich auf relevante und diskussionsfördernde Themen gesetzt und eine große Resonanz erreicht. Es läuft natürlich nicht jeden Abend ein Film wie „Terror – Ihr Urteil“ oder der Dreiteiler „NSU – Mitten in Deutschland“. Wir hatten 2016 auch das Thema Kindesmissbrauch – oder denken Sie an „Das Weiße Kaninchen“, hier ging es um Cyberkriminalität. Es gab im vergangenen Jahr acht Themenabende, mit denen wir versucht haben, die gesellschaftliche Diskussion intensiv anzustoßen und die Menschen zu bewegen. Wir werden das auch 2017 fortsetzen. Gerade der emotionale, fiktionale Bereich kann in Verbindung mit nachfolgenden Dokumentationen und Gesprächssendungen zum Thema die Menschen zum Diskurs anregen. Mit der Verlängerung solcher Diskussionen ins Internet wollen wir auch die Chancen zum Dialog stärker nutzen.

medienpolitik.net: Nun hat der Programmdirektor des Ersten gesagt, das „Terror – Ihr Urteil“ mit seiner Interaktivität eine Ausnahme war und er sich die Interaktivität vor allem bei Quizshows vorstellen kann…

Prof. Dr. Karola Wille: Ich glaube, dass dialogorientierte Formate in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Das Bedürfnis sich einzubringen, ist gestiegen, die Menschen möchten mitdiskutieren, das hat beispielsweise der „Terror“-Abend überzeugend gezeigt. Ich glaube, dass auch bei vielen anderen Themen das Bedürfnis vorhanden ist, mitzudiskutieren und seine Meinung einzubringen. Es macht den Wert demokratischer Medien aus, den gesellschaftlichen Diskurs zu fördern und zu führen. Wir denken nun darüber nach, wie wir das noch intensiver gestalten und in sozialen Netzwerken noch markantere Spuren hinterlassen können. Dafür muss man aber auch über die entsprechenden Ressourcen verfügen.

medienpolitik.net: Die haben Sie wohl noch nicht?

Prof. Dr. Karola Wille: In dem vor uns liegenden längeren Transformationsprozess mit einem weiterhin starken linearen Bereich werden wir Ressourcen für den non-linearen Bereich erschließen müssen. Gerade deshalb müssen wir auch stärker crossmedial unterwegs sein.

medienpolitik.net: Das Besondere an „Terror – Ihr Urteil“ war die Aktualität und das es relativ preiswert war. Das ist doch ideal für die ARD?

Prof. Dr. Karola Wille: Ich glaube, dass der Programmdirektor weiter über solche Formate nachdenkt. Er und wir alle waren über den großen Erfolg sehr erfreut.

medienpolitik.net: Sie haben gesagt, Glaubwürdigkeit ist eine journalistische Leitwährung und Voraussetzung für Vertrauen. Die aktuelle Umfrage hat ergeben, dass die Nachrichten von ARD und ZDF von allen Nachrichtenmedien am glaubwürdigsten sind. Da könnten Sie sich doch beruhigt zurücklehnen?

Prof. Dr. Karola Wille: Ja, unsere Glaubwürdigkeitswerte sind unverändert hoch. Das belegen alle aktuellen Umfragen. Nur ist das aber für uns aber keinesfalls Anlass, sich auszuruhen. Glaubwürdigkeit kann auch verspielt werden. Dass dies nicht geschieht, daran muss man täglich arbeiten. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen bei den Zuschauern immer für Qualität, Verlässlichkeit, Ausgewogenheit und Vielfalt stehen. In Zeiten von Fake-News ist Glaubwürdigkeit ein besonders hohes Gut. Fragen wie ‚Wem können die Menschen überhaupt noch trauen?‘ nehmen an Bedeutung zu. Unsere große Chance ist dabei, als politisch und wirtschaftlich unabhängige Anbieter, ein stabiler Vertrauensanker für die Menschen zu sein. Daher können wir uns nicht auf positiven Umfragewerten ausruhen.

medienpolitik.net: Moderne Industriebetriebe haben ein ausgefeiltes Qualitätsmanagement. Gibt es das bei der ARD auch?

Prof. Dr. Karola Wille: Qualitätskriterien sind für unsere Arbeit bestimmend, und alle Rundfunkanstalten verfügen über solche Maßstäbe für ihre Arbeit. Diese werden durch interne und externe Bewertungen immer wieder überprüft und angepasst und sind im Netz – wie beispielsweise die ARD-Leitlinien – für alle nachzulesen. Es gibt nach den Sendungen kritische Auswertungen, es wird mit Produzenten die Wirkung ihrer Filme analysiert, dazu kommt die Auswertung von Zuschauerreaktionen. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Thema auch durch die sozialen Netzwerke eine immer größere Rolle spielen wird und für unsere Akzeptanz wichtig ist.

medienpolitik.net: Ihr ARD-Vorsitz endet am 31. Dezember 2017. Was möchten Sie bis dahin auf den Weg gebracht haben?

Prof. Dr. Karola Wille: Das möchte ich nicht an einem Einzelvorhaben fest machen. Es würde mich sehr freuen, wenn es in der gesamten ARD eine gemeinsame Überzeugung für einen notwendigen, zukunftssichernden Reformprozess gibt und wir durch Fakten zeigen, dass wir reformfähig sind. Wir müssen uns weiter verändern, damit wir bleiben, was diese Gesellschaft dringender denn je braucht: einen verlässlichen Qualitätsanbieter, der in allen relevanten Kommunikationsräumen bei den Nutzerinnen und Nutzern ist.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 02/17 erstveröffentlicht.

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