Internet:

„Der Einfluss ist indirekt“

von am 06.03.2017 in Allgemein, Archiv, Internet, Interviews, Social Media, Technik

<h4>Internet:</h4>„Der Einfluss ist indirekt“
Prof. Dr. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik München

Der direkte Einfluss von Bots auf die Meinungsbildung lässt sich noch nicht nachweisen

06.03.17 Interview mit Prof. Dr. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik München

Die gezielte Wählerbeeinflussung über soziale Netzwerke könnte demokratische Prozesse nach Ansicht des Münchener Politikwissenschaftlers Simon Hegelich auch in Deutschland schon bald verändern. 2017 werde der letzte traditionelle Wahlkampf sein, prognostiziert Hegelich. Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA habe gezeigt, wie wichtige Teilgruppen der Wählerschaft oder sogar einzelne Wähler mit speziell auf ihr Persönlichkeitsprofil zugeschnittenen Botschaften angesprochen werden könnten, indem auf soziale Netzwerke und sogenannte Big-Data-Analysen zurückgegriffen werde.

medienpolitik.net: Herr Hegelich, kann man nachweisen, dass Bots den US-Wahlkampf nachhaltig beeinflusst haben?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Man kann nachweisen, dass sehr viele Bots aktiv waren. Es lässt sich auch nachweisen, dass viele Nutzer Nachrichten zur Kenntnis genommen haben, die von Bots verbreitet wurden. Was sich bislang nicht nachweisen lässt, ist, ob diese Nachrichten auch einen Einfluss auf die Meinungsbildung der Nutzer hatten, oder ob sie zwar gelesen aber letzten Endes ignoriert wurden.

medienpolitik.net: Soziale Netzwerke erreichen in Deutschland auf der Skala von -5 bis +5 einen Wert von -1,5 und damit neben der „Bild“ die geringste Glaubwürdigkeit. Warum haben sie – und damit auch Social Bots – dennoch so einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Wir wissen nicht, welchen Einfluss Bots auf die politische Meinungsbildung haben. Generell ist es wichtig, vor Übertreibungen zu warnen. Die Nutzer sind nicht dumm und die große Diskussion über Bots und Fake News hat bereits zu einer größeren Vorsicht geführt. Das halte ich für sehr positiv. Insgesamt müssen wir davon ausgehen, dass der Einfluss von Bots – wenn es ihn denn gibt – sehr indirekt ist: Dabei geht es zunächst um die Verzerrung von Trends. Dadurch können andere, echte Nutzer (z. B. auch Journalisten und Politiker) dazu verleitet werden, die Wichtigkeit eines Themas falsch einzuschätzen. Außerdem spricht sehr viel dafür, dass Bots zu einer generellen Verunsicherung beitragen können, weil niemand mehr weiß, was man eigentlich noch glauben kann. Ob das dann aber die politische Meinungsbildung beeinflusst, hängt zu allererst von den politischen Verhältnissen ab: Ist die Gesellschaft polarisiert? Gibt es – vielleicht auch berechtigte – Kritik an öffentlichen Institutionen?

medienpolitik.net: Anscheinend gibt es „gute“ und „schlechte“ Bots. Wie kann man die als Empfänger unterscheiden?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Die Bot-Technik selbst ist sehr positiv und spannend. Es geht darum, dass wir mit Maschinen kommunizieren können wie mit Menschen. Das ermöglicht eine ganz neue Mensch-Maschinen-Interaktion. Das Problem bei den Social Bots ist, dass sie nicht zugeben, dass es Maschinen sind, sondern im Gegenteil so programmiert sind, dass es den Nutzern möglichst nicht auffällt.

medienpolitik.net: Kann und sollte man Bots mit Bots bekämpfen?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Ich denke, dass technische Lösungen wir z. B. Filter, die auf maschinellem Lernen aufbauen, einen wichtigen Beitrag leisten können. Jetzt selbst Bots zu programmieren, die auf angebliche Propaganda mit Gegenpropaganda antworten, halte ich für gefährlich und völlig kontraproduktiv.

medienpolitik.net: Inwieweit können „positive“ Bots die Kommunikation und Interaktion des Internets verändern?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Das Anwendungspotential von Bots ist riesig. Wir haben immer mehr Informationen, die wir kaum bearbeiten können. Ein nützlicher Bot kann mir die wichtigen Informationen auf Nachfrage geben. Momentan sind die meisten Anwendungen allerdings noch ziemlich primitiv, aber die Entwicklung schreitet sehr schnell voran.

medienpolitik.net: Wie personalisiert kann man Bots einsetzen?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Sowohl zum Guten als auch zum Schlechten lassen sich Bots sehr stark personalisieren. In Zukunft könnte ein personalisierter Bot mich über genau das informieren, was mich interessiert. Das kann dann natürlich Echokammereffekte verstärken, kann aber auch sehr praktisch sein. Bei den Social Bots gibt es Entwicklungen, dass sich Bots automatisch an einen bestimmten Nutzer anpassen, um dann einen starken Einfluss auf ihn nehmen zu können. So genanntes Robo-Spear-Phishing.

medienpolitik.net: Bots werden verstärkt auch als „Assistenten“ im Alltag eingesetzt, auch sprachgesteuert. Sollte der Einsatz dieser Bots gekennzeichnet werden?

Prof. Dr. Simon Hegelich: Ich denke, jeder sollte zu jeder Zeit wissen können, ob er mit einer Maschine oder einem Menschen kommuniziert. Aber machen wir uns da nichts vor: Die Übergänge sind fließend. Wenn ich selbst einen Text verfasst habe, der dann durch ein Skript automatisch auf meinem Twitter-Account erscheint, ist das dann eine menschliche oder maschinelle Kommunikation?

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 03/17 erstveröffentlicht.

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