Filmpolitik:

„Fokus statt Gießkanne“

von am 22.03.2017 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik

<h4>Filmpolitik:</h4>„Fokus statt Gießkanne“
Peter Dinges, FFA- Vorstand

Ziel der FFA ist ein Marktanteil für den deutschen Film von 30 Prozent und mehr

22.03.17 Interview mit Peter Dinges, FFA- Vorstand

Die Filmförderungsanstalt (FFA) hat 2016 rund 68 Millionen Euro für Fördermaßnahmen ausgezahlt, in diesem Jahr stehen dafür 69,8 Mio. Euro zur Verfügung. Wegen der Abgabenanpassung im neuen Filmförderungsgesetz (FFG) bleibt die Fördersumme in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Jetzt plant die FFA neue Förderungsrichtlinien, um eine weitere Fokussierung der Fördermittel vorzunehmen. Wie FFA-Vorstand Peter Dinges in einem medienpolitik.net-Gespräch erläuterte, spielen dabei drei Überlegungen eine Rolle: „Zum einen erscheint es dringend erforderlich, dass sich die FFA in ihrem Förderprofil unterscheiden sollte von der BKM-Förderung, die ja im letzten Jahr um 15 Millionen Euro aufgestockt wurde. Zum zweiten muss man sich überlegen, wie man der ständig steigenden Anzahl deutscher Erstaufführungen Herr werden kann, damit die Filme überhaupt die Zeit haben, sich im Kino durchsetzen zu können. Und drittens würde eine FFA-Spitzenförderung die Qualität des deutschen Kinofilms, da bin ich mir sehr sicher, weiter steigern.“ Mit dieser Spitzenförderung – „Klasse statt Masse, Exzellenz- statt Breitenförderung, Fokus statt Gießkanne“ soll ein ein Marktanteil von 30 Prozent und mehr für den deutschen Film erreicht werden.

medienpolitik.net: Herr Dinges, seit Januar gilt ein neues FFG. Ist mit diesem neuen Gesetz die Finanzierungsbasis der FFA für die nächsten fünf Jahre gesichert?

Peter Dinges: Das hoffe ich sehr. Die Filmabgabe ist im aktuellen FFG angepasst worden, so dass wir einschließlich der freiwilligen Zahlungen von ARD und ZDF und den Rückflüssen von Erfolgsdarlehen in den großen Topf insgesamt für unsere Förderungen in etwa das gleiche Niveau wie im Vorjahr und für die Zukunft eine gewisse Stabilität haben. Ein Ruhekissen ist dies aber noch lange nicht, da die Abgabenprognosen eher rückläufig sind, wie wir aus unserer Evaluierung des Filmabgabekommens bis zum Jahr 2021 wissen.

medienpolitik.net: Auch internationale Plattformen können jetzt zu einer FFA-Abgabe herangezogen werden. Ab wann wird hier das erste Geld fließen?

Peter Dinges: Dies könnte durchaus schon sehr bald der Fall sein. Netflix hat zwar am 22. November letzten Jahres Klage gegen den Beschluss der EU-Kommission eingereicht, der sich allem Anschein nach weitere VoD-Anbieter mit Sitz im Ausland – Apple und Google – anschließend dürften. Allerdings hat diese Klage keine aufschiebende Wirkung. Wie im Fall der Klage der Kinos gegen die FFA, die bis vor das Bundesverfassungsgericht ging, kann sich ein solcher Prozess noch über Jahre hinziehen.

medienpolitik.net: Eine der wesentlichen Änderungen ist die Neustrukturierung der Fördergremien. Statt einer Vergabekommission gibt es künftig Expertenpools. Wie sieht das praktisch aus?

Peter Dinges: Eine der zentralen Empfehlungen der Expertenrunde, die die FFA im Vorfeld der FFG-Novellierung eingesetzt hatte, war es, nicht nur die Anzahl der Kommissionen von ehemals sechs auf drei zu reduzieren, sondern auch deren Besetzungskriterien deutlich zu verändern. Wer in eine der drei Kommissionen – Projekt- und Drehbuchförderung, Verleih- und Vertriebsförderung sowie Kinoförderung – gewählt werden will, muss entsprechende Kinoexpertise als Hersteller, Verwerter, Kreativer oder Betreiber nachweisen. In die Kommission für Projekt- und Drehbuchförderung wurden dann 42, in die Verleih- und Vertriebskommission 20 und in die Kinokommission drei Mitglieder und drei Stellvertretungen gewählt, jeweils paritätisch, also die gleiche Anzahl von Männern und Frauen.

medienpolitik.net: Wer entscheidet über die Mitglieder dieses Pools?

Peter Dinges: Der Vorstand. Wir wählen genderparitätisch aus und stimmen die Besetzung der einzelnen Sitzungen am Anfang eines jeden Jahres mit dem Präsidium ab. Im Gegensatz zu früher wechseln die Mitglieder auch von Sitzung zu Sitzung, natürlich nicht willkürlich, sondern nach einer festgelegten Systematik in alphabetischer Reihenfolge.

medienpolitik.net: Welche Vorteile hat diese Neuregelung?

Peter Dinges: Wichtigstes Kriterium: Bei den Förderentscheidungen der FFA sind in Zukunft Profis am Werk! Wer in einer Kommission mitarbeiten will, muss wissen, worauf es bei der Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Kinofilmen ankommt und dies auch nachweisen. Gute und erfahrene Leute haben in der Regel aber wenig Zeit, deshalb muss die Arbeitsbelastung für die Mitglieder der Kommissionen, die diesen Job ja neben ihrem Hauptberuf übernommen haben, überschaubar bleiben. Auch dies regelt das neue Gesetz. Hinzu kommt, dass durch die schnelle Rotation Unabhängigkeit und zusätzliche Transparenz bei den Förderentscheidungen gewährleistet ist und durch eine engere Taktung der Sitzungen die Antragsteller fortlaufend Anträge einreichen können und nicht mehr an vier oder maximal fünf Sitzungen gebunden sind. Und nicht zu vergessen: Alle Kommissionen sind künftig paritätisch besetzt.

medienpolitik.net: Die Fördermittel der FFA sollen künftiger auf weniger Filme konzentriert werden. Warum?

Peter Dinges: Wieso künftig? Wir haben in der alten Vergabekommission im Jahre 2014 die Mindestförderquote eingeführt. Diese ist im neuen FFG noch einmal verstärkt worden. Worauf Sie vermutlich anspielen ist, dass wir intern ein Arbeitspapier vorgelegt haben, in dem eine weitere Fokussierung der Fördermittel zur Diskussion gestellt wird. Ausschlaggebend für diese Überlegungen sind drei entscheidende Gründe, die auch in der öffentlichen Diskussion immer wieder genannt werden. Zum einen erscheint es dringend erforderlich, dass sich die FFA in ihrem Förderprofil unterscheiden sollte von der BKM-Förderung, die ja im letzten Jahr um 15 Millionen Euro aufgestockt wurde. Zum zweiten muss man sich überlegen, wie man der ständig steigenden Anzahl deutscher Erstaufführungen Herr werden kann, damit die Filme überhaupt die Zeit haben, sich im Kino durchsetzen zu können. Und drittens würde eine FFA-Spitzenförderung die Qualität des deutschen Kinofilms, da bin ich mir sehr sicher, weiter steigern.

medienpolitik.net: Was heißt „Spitzenförderung“?

Peter Dinges: Klasse statt Masse, Exzellenz- statt Breitenförderung, Fokus statt Gießkanne! Unser Ziel ist ein Marktanteil von 30 Prozent und mehr und den deutschen Film auf Augenhöhe mit unseren Partnern in Frankreich und England zu bringen. Um das zu schaffen, brauchen wir eine Auslese und Förderung der Besten. Eines jedoch sollte klar sein: Dies wird die FFA allerdings nicht alleine leisten können.

medienpolitik.net: Vielzahl ist doch auch eine Chance für Vielfalt. Bleibt die Vielfalt auf der Strecke? Werden Sie nur noch Komödien nach dem Vorbild von „Fack ju Göhte“ fördern?

Peter Dinges: Wichtig ist nicht, was wir fördern, sondern was das Gesamtsystem bestehend aus 14 Fördereinrichtungen fördert. Dieses System garantiert Vielfalt – manchmal bei mehr als 250 Filmen vielleicht sogar „Zuvielfalt“. Und was, bitte sehr, ist denn gegen „Fack ju Göthe“ und fast acht Millionen zahlende Besucher an der Kinokasse einzuwenden? Wollen wir denn wirklich wieder in verstaubte Kulturbegriffe verfallen, dass alles, was keine Besucher hat und wenig kostet, Filmkultur ist? Das stimmt am Ende genauso wenig wie das Gegenteil. Sicher ist allerdings, dass die FFA auch in Zukunft im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrages ihre kulturelle Aufgabe wahrnehmen und sich darüber freuen wird, wenn dank ihrer Förderung großes deutsches und europäisches Kino möglichst viele Menschen erreicht. Kultur darf ruhig auch erfolgreich sein!

medienpolitik.net: Welche Filme sollen künftig durch die FFA gefördert werden?

Peter Dinges: Unser Hauptaugenmerk wird auch in den nächsten fünf Jahren, so steht es im Gesetz, auf Kinoförderung liegen. Der Gesetzgeber hat die Sperrfristen erhalten und deutliche Signale in Richtung Spitzenförderung gegeben, wie etwa durch die neue Drehbuchförderung. Was wir aber in dem Konzeptpapier zusätzlich vorschlagen, ist die konsequente Weiterführung dieses Auftrages – im Sinne der Kinos und der Kinobesucher. Ich meine damit auch Crossover-Projekte und Filme, die qualitativ anspruchsvoll sind und – trotzdem oder gerade deshalb – ein großes Publikum erreichen. Dies kann dann gerne auch in europäischer Koproduktion realisiert werden. Man könnte auch sagen: Arthouse im allerbesten Sinne. Hiermit ließe sich nicht nur der Genrefilm wiederbeleben, sondern dann könnte man auch in anderen Bereichen genau das fördern, was gerade erst im Wettbewerb der Berlinale vermisst wurde – Mut und neue Wege! Dies alles schließt den Erfolg an der Kinokasse überhaupt nicht aus, ganz im Gegenteil, die Themen sollen unsere Gesellschaft im Herzen berühren – und dies gerne auch mit Humor. Wenn das mal nicht vielfältig ist…

medienpolitik.net: Welche konkreten Schwellen wird es geben?

Peter Dinges: Inhaltlich beschreibt das Papier eine qualitativ anspruchsvolle Kinoförderung mit eindeutiger kreativ-künstlerischer Abgrenzung zu anderen Medien. Dies beträfe die Förderung von fiktionalen Langfilmen mit einem Budget von mehr als 2,5 Millionen Euro, die geeignet sein sollen, mindestens 250.000 Besucher zu erreichen. Bei Dokumentarfilmen sollte das Budget zumindest 500.000 Euro betragen und die Besuchererwartung auf mehr als 50.000 Besucher liegen – natürlich unter Beibehaltung des Vielfaltsgedankens in diesem Rahmen und der Förderung des großen Festivalfilms. Last but not least beinhalten die Vorschläge auch die Einführung eines so genannten Microbudget-Modells für die Nachwuchsförderung, so wie es in einigen europäischen Nachbarstaaten durchaus erfolgreich praktiziert wird.

medienpolitik.net: 2015 haben Sie 47 Kinofilme über die Projektfilmförderung gefördert. Wie viele werden es 2017 sein?

Peter Dinges: Diese Frage werde ich Ihnen Ende dieses Jahres beantworten können. Fakt ist, dass der Vergabekommission im Vorjahr 161 Anträge vorlagen, von denen am Ende jedoch nur 47 haben gefördert werden können, weil die zur Verfügung stehenden Mittel ja nun einmal begrenzt sind. Um diese relativ niedrige Zahl zu gewährleisten, musste die Kommission in jeder Fördersitzung in das sogenannte Stechen, was auf ein nachträgliches Aussortieren von bereits ausgewählten Projekten hinausläuft. Dies hat mit vernünftiger und professioneller Förderung nun wirklich nichts mehr zu tun, sondern ist vielmehr die Verteilung von Grausamkeiten gegen die innere Überzeugung der Kommissionsmitglieder. Ich gehe davon aus, dass sich durch die oben angeführten Maßnahmen die Anträge um gut ein Drittel reduzieren lassen könnten. Damit wäre ein im besten Sinne deutlich stressfreieres Arbeiten der Kommission bei gleichzeitig größerer Sorgfalt möglich. Das Resultat? Mehr Qualität und größere Erfolgsaussichten für jeden einzelnen geförderten Film.

medienpolitik.net: Welche Chance hätte ein Film wie „Toni Erdmann“ dann noch bei Ihnen?

Peter Dinges: Die allerbesten! Selbst wenn der Siegeszug über die Festivals und der Erfolg an der Kinokasse in diesem Ausmaß kaum vorhersehbar gewesen sind, so konnte man schon annehmen, dass Maren Ades Film – nach „Alle Anderen“ – auf den großen Festivals seine Chance haben würde. Selbstverständlich wird die FFA auch in Zukunft solche Filme fördern. Bislang bestand jedoch stets die latente Gefahr, dass solche Filme im Stechen durchs Rost fallen. Dieses Risiko wäre in Zukunft nicht mehr so groß und damit die Chance auf Förderung eindeutig höher.

medienpolitik.net: Was geschieht bei „Grenzfällen“?

Peter Dinges: Zunächst einmal, entschieden ist noch gar nichts, die Diskussion hat ja gerade erst begonnen! Deshalb lässt sich überhaupt noch nicht absehen, welche Auswirkungen mit veränderten FFA-Förderleitlinien verbunden wären, sondern dies wäre erst dann möglich, wenn wir wissen, ob und was konkret geändert wird. Derzeit beschäftigen sich unsere Gremien intensiv mit den Vorschlägen, aber es ist noch lange nicht sicher, ob die FFA überhaupt diese auch aufgreift.

medienpolitik.net: Müsste die Förderung zwischen kultureller Förderung des Bundes, den Ländern und Ihnen noch besser abgestimmt werden?

Peter Dinges: Mindestens eines hat das Papier schon bewirkt, nämlich die Diskussion hierüber in Gang zu setzen. Solche Überlegungen beträfen am Ende natürlich alle Förderungen, insbesondere jedoch die kulturelle Förderung des Bundes, mit der wir im engen Austausch stehen. Es ist wahrscheinlich, dass die Filme, die die FFA nicht mehr fördert, wohl beim Bund eingereicht werden. Für die Filme mit einem Budget zwischen 2,5 Mio. Euro, dem vorgeschlagenen FFA-Mindestbudget, und 5 Mio. Euro, der BKM-Höchstgrenze, wäre die Förderung weiterhin komplementär, jedenfalls bei deutscher Regie und majoritären Koproduktionen.
Für die Länderförderungen sehe ich an dieser Stelle eher weniger Handlungsbedarf, da die FFA mit dem derzeitigen Budget mit Sicherheit keine Alleingänge machen kann und will. Hier sind die Partner in den Regionen nach wie vor gefordert. Ich gehe sogar davon aus, dass die Zusammenarbeit sogar einfacher werden wird, da künftig für ein Projekt bei einer höheren FFA-Förderung nicht mehr wie bisher zwei oder gar drei zusätzliche Partner zur Finanzierung erforderlich sind. Sie sehen, das Puzzle geht auf!

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 03/17 erstveröffentlicht.

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